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Jakob die biblische Symbolfigur für Streitschlichtung und friedliche Beilegung von Konflikten.1
Es gibt eine Reihe von Sammlungen von Tools zur Analyse und Lösung von Konflikten und schwierigen Gesprächen. Eine Reihe von Tools sind sehr komplex und diffizil, können aber auch sehr wirksam sein. Es gibt jedoch einige Basis-Instrumente, die jeder kennt, die keinen vom Hocker hauen und sehr einfach sind oder scheinen. (Fast) Keiner würde ein Seminar mit dem Titel „Aktiv zuhören können“ oder „Wie sendet man Ich-Botschaften“ oder „Wie stelle ich die richtigen Fragen?“ besuchen oder ein entsprechendes Buch kaufen. Und trotzdem sind sie aus meiner Sicht die zentralen Instrumente. Ihre tatsächliche Komplexität wird unterschätzt, weil sie häufig mechanisch oder falsch angewendet werden.

Wir wissen aus dem Konfliktmanagement von der Notwendigkeit für gute Konfliktlösungen zumindest zwei zentrale Sichtweisen oder Versionen zu verstehen oder zu erkunden: Die eigene Sichtweise und die Sichtweise der anderen Konfliktpartei (KP). Sie sind die zentralen Perspektiven, die es zu beachten gelingt.

  • Zur Darstellung der eigenen Position sind die klassischen Ich-Botschaften unumgänglich, egal, in welcher Verpackung sie auftreten.
  • Zur Erforschung der Position der andern KP sind aktives Zuhören und Nachfragen die Basis-Tools.

Für beide Positionen ist ein gewisses Maß an emotionalen Management (Umgang mit den Gefühlen – den eigenen und denen der KP). Dazu gibt es ein breites Feld von Tools.

Aktives Zuhören / Paraphrasieren

Aktives Zuhören heißt nicht einfach, auch die KP zu Wort kommen zu lassen, wie es viele auffassen. Zwar ist ist das Instrument ganz einfaches die Anwendung kann aber durchaus komplex sein.

Die Wurzeln des aktiven Zuhören sind beim Altvater der Kommunikation und Psychotherapie, Carl Rogers zu finden. Seine Botschaft war, dass sich mein Gegenüber durch mitfühlendes, empathisches Zuhören und Widerspiegeln des Gesagten verstanden fühlt. Dieses „Sich-Verstanden-Fühlen“ verbessert die Beziehung, führt zu Vertrauen und lässt Kommunikation und Therapie gelingen.

Dieses tiefe, einfühlsame Verständnis ist im betrieblichen Alltag kaum realisierbar. Wichtig ist es, zuzuhören mit der zentrale Absicht, den Anderen zu verstehen, seine Perspektive zu erkennen und vielleicht dadurch auch seine als konfliktär erlebten Handlungsweisen zu erkennen oder sogar zu akzeptieren.

Schon Carl Rogers und sein akademischer Schüler Thomas Gordon betonten, dass es beim Aktiven Zuhören nicht primär auf die Technik ankommt, wie es leider Generationen von Berater*innen, Trainer- und Therapeut*innen angewendet haben. Auch in aktuellen psychologischen und psychotherapeutischen Forschungen wird dies betont, z. B. in der Psychotherapie traumatischer Menschen von Luise Reddemann:

„Luise Reddemann … beschreibt Mitgefühl als einen lebendigen Prozess, den man nicht ausschließlich technisch erfassen könne, sondern der erlebt werden will und immer wieder aufs Neue entdeckt.“2

Vorgeschlagene Formulierungen können helfen, die richtigen Worte zu finden, können aber auch dazu beitragen, echtes Zuhören vorzutäuschen, . z. B.3

  • „Meinst du/Meinen Sie, dass … ?“
    „Ich bin mir nicht sicher, ob ich das richtig verstehe.“
    „Könntest du/Könnten Sie mir mehr dazu sagen?“
  • „Das hört sich ganz so an, als ob … “
    „Ich höre heraus, dass …“
    „Du/Sie scheinst/scheinen ein wenig …“
  • „Tatsächlich?“
    „Wann?“
    „Wie?“
    „Du machst wohl Scherze.“/„Nicht im Ernst?“
  • „Mir ist aufgefallen, dass …“
  • „Moment, ich möchte mich vergewissern, dass ich das richtig verstehe.“„Bis jetzt habe ich folgende Kernaussagen verstanden.“
    „Vergewissern wir uns, dass ich auch alles richtig verstanden habe.“
    „Können wir hier kurz anhalten und uns vergewissern, dass wir einander richtig verstehen?“
  • „Das tut mir wirklich leid.“
    „Es tut mir wirklich leid, dass du das durchmachen musst.“
    „Diese Situation ist wirklich nicht wünschenswert. Das tut mir leid für dich/Sie.“
    „Das ist wirklich übel. Kann ich irgendwie behilflich sein?“

Die Technik an sich ist denkbar einfach. Es gilt die Antennen auf Empfang zu stellen und die Botschaften des anderen aufzunehmen – ohne zu unterbrechen, ohne Argumentieren, ohne Gegenrede, ohne Berichtigungen usw.

Das Aktive an dieser Methode nennt sie „Paraphrasieren“ und bedeutet die (sachliche) Wiederholung der empfangenen Botschaft mit eigenen Worten. Macht man das rein technisch, mechanisch, so wirkt das meist komisch und künstlich und führt selten zu einem besseren Verständnis.  Um wirksam zu sein, muss mein Gegenüber das Gefühl bekommen, dass ich es echt meine, dass ich ihn wirklich verstehen will.

 

 

Das heißt, die Einstellung dahinter ist wichtig und kommt beim Anderen an. Die Schwierigkeit bei diesem Tool  ist also nicht technisch-intellektuell sondern emotional. Wenn ich z. B. das Gefühl habe der Andere sagt etwas offensichtlich Falsches oder er will sich nur herausreden oder will nur seine Interessen wahrnehmen, dann ist es für viele schwierig beim verständnisvollen Zuhören zu bleiben ohne in den Angriff oder die Verteidigung zu gehen oder zu argumentieren beginnen. Aktiv Zuhören heißt nämlich, nicht zu argumentieren, keine Gegenargumente zu präsentieren, nicht zu kritisieren, zu kommentieren, nicht zu bewerten. Ich will wissen, was sich Kopf der anderen Person abspielt, was sich in seinen „Maps“ (in seinen kognitiven Strukturen) befindet.

Die technische Version des aktiven Zuhörens war bereits im antiken Griechenland in der Rhetorik-Schulung bekannt. Dort durfte das eigene (Gegen-)Argument nur gebracht werden, nachdem man das gegnerische Argument sachlich richtig wiedergegeben hatte. Die Absicht war  aber nicht, den Anderen besser zu verstehen, sondern ihn zur Annahme des eigenen Arguments zu überreden.

Dies ist auch häufige Alltags-Praxis in Konflikten. Während der Andere seine Sichtweise darlegt, überlegt man schon, was man entgegnen könnte. Man sammelt sozusagen beim Anderen die Fehler und  Gegenargumente. Das ist nicht Sinn des aktiven Zuhörens (im Roger’schen Stil, eher das Gegenteil. Ein solcher Stil wirkt eskalierend, konfliktverhärtend. Die Argumente werden immer härter und schärfer, was nicht Sinn der Sache ist.

Ihre wirkliche Kraft entfaltet aktives Zuhören durch vertiefendes Nachfragen und Zusammenfassen der Sichtweise der KP. Gelingt dieses Zusammenspiel, so kann es dazu kommen, dass die KP selbst ein tieferes Verständnis des Konfliktgeschehens bekommt und so ein erster Schritt zur Konfliktlösung getan wird.

(Nach-)Fragen

Auch Nachfragen ist ein Instrument, das jeder meint zu beherrschen. Das Gegenteil ist der Fall. Oft wird in Konfliktgesprächen in dem Stil gefragt, dass der Befragte das Gefühl hat, man will ihn in die Knie zwingen, eine Befragung im Stil eines Verhörs, mit engen, oft sogar geschlossenen Fragen. Das ist in Konfliktgesprächen völlig ungeeignet, ja kontraproduktiv. Es eskaliert den Konflikt, statt ihn zu deeskalieren, um ihn lösen zu können.

Gutes Nachfragen besteht zeigt sich nicht in erster Linie in einer perfekten Fragetechnik, obwohl die Technik bei diesem Tool wichtiger ist als beim aktiven Zuhören. Natürlich sollte man wissen, wie man offene Fragen stellt und wann auch geschlossene  sinnvoll sein können, dass strategische bzw. rhetorische Fragen negativ wirken, dass zirkuläre Fragen („Was würde A antworten, wenn er gefragt wird, ob …“) Aber wiederum ist hier die Absicht zentral und die Neugier, wirklich kennenzulernen, wie die Konfliktpartei die Situation sieht, warum sie die vermeintlich konfliktprodzierenden Handlungen setzt und wie sie die ganze Situation „konstruiert„.

Um Nachfragen wirklich wirksam werden zu lassen, ist es sinnvoll „mitzubildern4 Es ist die Alternative zum rationalen Mitdenken. Das Mitdenken braucht nicht ausgeschalten zu werden, nimmt aber nur eine untergeordnete Rolle ein. Zentral ist es, das große Bild („big picture“) des Anderen zu bekommen. Es umfasst sowohl die sachliche Dimension als auch die emotionalen Aspekte der Situation und vertieft damit das Verstehen zu einem „Begreifen„, „Erahnen“, „Erspüren“ – mit allen Wahrnehmungsorganen zu einem ganzheitlichen Bild.

Auch Nachfragen kann emotional schwierig werden, vor allem, wenn zynische und sogar aggressive Antworten kommen. Dann braucht man ein gutes emotionales Management, um nicht auch in destruktive Gesprächsanteile hineinzugeraten.

Ich-Botschaften

Im Zentrum der Forderung der Ich-Botschaften stehen die Erkenntnisse der destruktiven Wirkung der Du-Botschaften. Du-Botschaften sind meist mit Vorwürfen oder sogar Abwertungen und psychischen Verletzungen verbunden. Sie führen zu archaischen Konfliktmuster der Gegenangriffe (Kampf) oder Verteidigung (Abblocken) oder Verlassen des Feldes / Ignorieren (Flucht – keine konstruktiven Konflikt-Verhaltensweisen.

  • Du-Botschaften häufig verbunden mit Generalisierungen (du bist …, du tust nie … immer machst du …)

Du-Botschaften werden so gut wie immer abgewehrt, gehören zu den „Kommunikations-Sünden“ („apokalyptische Reiter“ – John Gottman)

Demgegenüber drücken

  • Ich-Botschaften persönliche Beobachtungen (Wahrnehmungen, Fakten) und innere Prozesse oder Strukturen (ärgern, verunsichern,  beschämen, … – Gefühle und Bedürfnisse. )aus. Die Ich-Botschaften mit inneren Prozessen erfordern Selbstkenntnis und Mut. Sie sind Teil einer offenen Kommunikation und können sinnvollerweise von anderen nicht bestritten werden. Wenn eine Person ausdrückt „Ich habe mich geärgert …“, „Ich habe mich gewundert …“ , so ist es kaum sinnvoll, das zu bestreiten, außer es sprechen beobachtete Verhaltensweisen dem entgegen.

Insofern tragen Ich-Botschaften zur Klärung und zum Verständnis bei und wirken deeskalierend. Ich-Botschaften gibt es in mehreren Kommunikations-Modellen, z. B. im Gordon-Modell des Verhaltensfensters, in Marshall Rosenberg’s Modell der Gewaltfreien Kommunikation. Letzteres ergänzt bzw. konkretisiert die Ich-Aussage.

Die Ich-Botschaft im Konzept der Gewaltfreien Kommunikation umfasst 4 Punkte:

  • Die vorwurfsfreie Aussage der Wahrnehmung /Beobachtung wird ergänzt durch
  • die Selbstoffenbarung des Gefühls, das dadurch entstanden ist, (emotionale Selbstoffenbarung)
  • das Bedürfnis, das durch das Ereignis verletzt wurde
  • und eine Bitte, die das Bedürfnis befriedigen kann.5, usw.

Die Rosenberg-Formel lautet:

„Wenn ich a sehe, dann fühle ich b, weil ich c brauche. Deshalb möchte ich gerne d.

Deshalb möchte ich jetzt gerne d.“ Dabei bedeuten: a … Beobachtung; b … Gefühl; c … Bedürfnis; d … Bitte. Wendet man diese Sprachform exakt an, dann wirkt das meist etwas künstlich und nicht authentisch. Man sollte daher versuchen, die Elemente ins eine eigene, authentische Sprache zu transformieren.6

 

Wichtige Einstellungen hinter den Techniken

Einstellungen im Harvard Gesprächs-Projekt

Die zentralen Einstellungen  beim Konfliktmanagement und auch bei den einzelnen Tools werden im ‚Harvard Gesprächs-Projekt‚ beschrieben.7 Sie umfassen sowohl Einstellungen zu den sachlichen als auch zu den emotionalen Gesprächsanteilen. Es sind die Einstellungen weg von einem Konfrontationsgespräch („der Krieg der Botschaften„), hin zu einem Lerngespräch. 8

Angestrebt wird, die „alten“ Einstellungen des Kriegs der Botschaften zu überwinden und hin zu „neuen“ Einstellungen eines Lerngesprächs zu gelangen. (weg von …, hin zu …)  9

Einstellungen zu den sachlichen Anteilen des Konflikts

  • weg von einem Streit, wer recht hat (du hast unrecht)
    verbunden mit: „Ich will den anderen überzeugen, dass ich recht habe.“
  • hin zu: Erforschen Sie Ihre kontroversen Geschichten. (unterschiedliche Perspektiven erforschen)
    verbunden mit: „Wir wollen gemeinsam untersuchen, wie der jeweils andere die Situation sieht und worauf seine Sichtweise beruht.“

  • weg von: Ich weiß, welche Absichten der Andere verfolgt hat.
    verbunden mit dem Ziel: „Der andere soll begreifen, dass sein Verhalten falsch war.“
  • hin zu: Unterscheiden zwischen Absicht und Wirkung
    verbunden mit:

    • Ich weiß, was ich wollte.
    • Ich weiß, wie das Verhalten des anderen auf mich gewirkt hat.
    • Ich weiß nicht was der andere wollte.
    • Ich weiß nicht, wie mein Verhalten auf den anderen gewirkt hat.
      verbunden mit der Erkenntnis:

  • weg von: Der andere ist schuld. (Oder: es ist alles meine Schuld)
    verbunden mit: „Der andere soll seine Schuld eingestehen, und sich bereit erklären, seinen Fehler wieder gut zu machen.“
  • hin zu: „Wir haben beide vermutlich ungewollt zu dieser verkorksten Situation beigetragen.“ und
    „Wir wollen das Beitrags-System verstehen.“

Einstellungen zu den emotionalen Anteilen des Gesprächs

  • weg von: Gefühle sind unwichtig, es bringt nichts, sie auszutauschen.
    oder: Der andere ist schuld, dass ich mich schlecht fühle.
    verbunden mit: Gespräche über Gefühle vermeiden. oder: Schuldzuweisungen.
  • hin zu: Gefühle sind der Kern des Problems. Ich sollte auch meine Gefühle (Gefühlsmuster) erforschen.
    verbunden mit Bereitschaft und Bestreben Gefühle anzusprechen und sie zu akzeptieren – ohne Werturteile und Schuldzuweisungen („Gefühle sind Tatsachen.“)

Therapeutische Einstellungen

Die sokratische Ethik

Die hier dargestellten Gesprächstechniken finden auch in der Therapie Anwendung, vor allem in Gesprächstherapien und verwandten Ansätzen. Dort reichen die Techniken und Haltungen, wie sie hier dargestellt wurden nicht aus. Es ist nötig tiefer zu gehen.

Ein Beispiel ist die „Imagery Rescripting & Reprocessing Therapie“ (IRRT), bei der Therapeut*innen ihre Klient*innen auf einer inneren Bühne begleiten. Auf dieser Bühne werden innere Anteile (Persönlichkeitsinstanzen oder Persönlichkeitsanteile) imaginiert, wiedererlebt und umgeschrieben („rescripting) und so psychische Verletzungen verarbeitet.10

Die Einstellungen, die hier wichtig sind, um die Gesprächstechniken zur Wirkung zu bringen, werden als „sokratische“ und „kollaboraive Haltung“ beschrieben.11

Die sokratische Haltung

Die sokratische Haltung beruht auf seiner legendären „wissenden Unwissenheit“ („Ich weiß, dass ich nichts weiß.“). Diese Einsicht erhebt den Philosophen über die unwissenden Wissenden. Sie glauben nur zu wissen, aber wissen nicht. Diese Haltung macht demütig. Der Verzicht auf das Wissen lässt Sokrates in den Dialog ‚flüchten‘ – nur so ist forschendes Entdecken möglich.12. Der Dialog ist Zentrum seines Ansatzes, seines Vorgehens, der „Maieutik“ (der „sokratischen Methode„) 13, wörtlich: Hebammen-Kunst. Es ist die Kunst, geistige Geburten in anderen zu initiieren, einer anderen Personen zu Erkenntnis zu verhelfen. Die Kunst besteht darin, geeignete Fragen zu finden, um denn anderen zu inspirieren,  aus seinem Problem (Ratlosigkeit – „Aporie“) die Lösung (den Sachverhalt, die Erkenntnis) selbst zu gewinnen.

Ein Spruch von Galileo Galilei: bringt das zum Ausdruck:

„Man kann einen Menschen nichts lehren, man kann ihm nur helfen, es in sich selbst zu entdecken.“ (Galileo Galilei)

Der Weise (Zuhörende, Lehrer, Trainer, Berater, Philosoph, …) entwickelt nicht selbst die Weisheit, sondern macht Geburtshilfe. Der andere findet die „Wahrheit“ selbst oder nähert sich zumindest ihr an. Auf Belehrungen, Ratschläge, weise Lehren wird bewusst verzichtet. Eher sieht er sich in der Rolle des Lernenden, des Schülers, des Unwissenden.

„Sokrates, der Lehrer, tritt regelmäßig als Schüler auf.
Nicht er will andere belehren, sondern von ihnen belehrt werden.
Er ist der Unwissende, seine Philosophie tritt auf in der Gestalt des Nichtwissens.
Umgekehrt bringt er seine Gesprächspartner in die Position des Wissenden.
Das schmeichelt den meisten und provoziert sie, ihr vermeintliches Wissen auszubreiten.
Erst im konsequenten Nachfragen stellt sich heraus, dass sie selbst die Unwissenden sind.“14

Dieser Verzicht auf die Rolle des Wissenden entspricht auch der Ethik Sokrates, vor allem der Tugend der Besonnenheit (Zurückhaltung, Selbstbeherrschung, Mäßigung – im Gegensatz zur Impulsivität.).15

Übertragen auf die Gesprächsführung in Beratung und Therapie heißt dies: „Der Klient weiß, der Berater / Therapeut hilft ihm, dieses Wissen, sowohl über Probleme als auch über deren Lösung / Heilung zu finden, durch passende Begleitung zu finden. Schmucker und Köster formieren dies für die IRRT:

„Auf die psychotherapeutische Gesprächsführung übertragen heißt dies: Der Patient selbst ist der Wissende, der Therapeut hilft ihm lediglich dabei, dieses Wissen zu entdecken. Noch stringenter in der IRRT: Der Patient weiß nicht nur um sein Problem am besten Bescheid, sondern er findet auch selbst den besten Weg zur Heilung, wenn er die entsprechende Begleitung erhält. Im Gegensatz zu den meisten anderen psychotherapeutischen Schulen und Techniken liegt die Aufgabe der IRRT_Therapeuten nicht in erster Linie in der Erklärung, Deutung, Interpretation, Strukturierung und letztendlich auch Lösung der Problematik. Im Grunde schaffen die IRRT-Therapeuten lediglich die Rahmenbedingungen … Dadurch werden die Patienten unterstützt und validiert und bekommen eine Bestätigung, dass sie selbst die Kraft und Ressourcen haben, ihre eigenen Lösungen finden zu können. … Kurz zusammengefasst: Der Therapeut liefert die Struktur, der Patient liefert den Inhalt. „16

Diese sokratische Methode kann sowohl „sokratisch-begleitend“ sein (fragen und paraphrasierend unterstützen) als auch „sokratisch-konfrontierend“ (Haltung „eines sanften bissigen Hundes“ zur Überwindung eines maladaptiven Schemas  ). Ein Beispiel soll das illustrieren:

.

.

.

Emotionales Management

Beispiele dazu:

  • möglichst entspannt und  in einer „neugierige Haltung“ (Explorations-Einstellung) ins Gespräch gehen und diese Haltung beibehalten,
  • sich nicht ärgern lassen, sich nicht einschüchtern lassen,
  • sich nicht von eigenen Gefühlen überwältigen lassen (ausrasten, umherbrüllen, … )
  • wenn ich von Gefühlen überwältigt (und damit handlungsunfähig) werde: geeignete Strategien zur (zur kurz- oder längerfristigen) Unterbrechung vorschlagen können. z. B. Metakommunikation und Ich-Botschaft (z. B. „Mein Ziel in dieser Besprechung war … gekommen ist es anders als ich dachte. Ich wurde jetzt beschuldigt, dass … Das hat mich extrem überrascht / geärgert / verunsichert. Ich schlage vor die Sitzung zu unterbrechen und … oder: diesen TO-Punkt auf das nächste Meeting zu verschieben, oder …)
  • die eigenen Gefühle erforschen, verstehen, eigene Muster erkennen.
    den Zusammenhang meiner Gefühlsmuster (meines „emotionalen Fußabdrucks9 ) mit meinen vergangenen Erfahrungen, insbes. Kindheitserfahrungen18 in Verbindung bringen. Erkennen: Was sind alte Gefühle? Was sind Gefühle aus der aktuellen Situation?
  • Das emotionale Beziehungskonto verbessern bzw. ausgeglichen halten können. (Gottman-Konstante 1:7)19

Querverweise

Links und Literatur

Konfliktmanagement

 

Aktives Zuhören

Mervyn Schmucker, Rolf Köster: Praxishandbuch IRRT. Imagery Rescripting & Reprocessing Therapy bei Traumafolgestörungen, Angst, Depression und Trauer. Klett-Cotta. 2014.

Amanda Zantal-Wiener6 Formulierungen, die zeigen, dass Sie aktiv zuhören. Aus: blog.hubspot.de.  https://blog.hubspot.de/marketing/aktiv-zuhoeren-formulierungen.

Fiolka Ehrlich, Rückerl Hartung: Aktives Zuhören. Coaching Letter Nr. 168, April 2017. Aus: viel-coaching.de. https://www.viel-coaching.de/fileadmin/Mediendatenbank/Coaching-Letter/Coaching-Letter-17-04.pdf.

Christopher Schulz: Aktives Zuhören – mit 12 Zuhörtechniken zum perfekten Gesprächspartner werden. Aus: consulting-life.de. https://www.consulting-life.de/aktives-zuhoeren/.

 

Emotionales Management in Konflikten

Ulrike Gamm: Ressourcen aktivieren in Konfliktsituationen. Das Zürcher Ressourcen Modell (ZRM)1 und Mediation. In: Spektrum der Mediation 45/2012. Fachzeitschrift des Bundesverbandes Mediation. S. 27 – 31.

 

Empathie

Luise Reddemann (2019): Über Mitgefühl. Ein common factor in der Psychotherapie traumatisierter Menschen? In: systeme, 33 (1), S. 6-23. (Überblick dazu: Tom Levold: Mitgefühl und anderes. In: systeme, 33 (1), S. 1. )

 

Sokratische Haltung

Wolfgang H. Pleger: Sokrates. Der Beginn des philosophischen Dialogs. Rowohlt. Reinbek 1998. Rezension von John Benja. (full text)

Wolfgang H. PlegerSokrates. Zur dialogischen Vernunft. wbg academic, 2020.

Günter Figal: Sokrates.  3. Auflage. Beck, München 2006.

Dieter Birnbacher, Dieter Krohn: Das sokratische Gespräch. Reclam, Stuttgart 2002

Werner Jaeger: Paideia. Die Formung des griechischen Menschen. Berlin/New York 1989

George Rudebusch: Socrates. Wiley-Blackwell, Malden 2009.

George Rudebusch: Socrates, Pleasure, and Value. Oxford University Press, 2002 .

 

  1. Gemälde „Die Versöhnung von Jakob und Laban“ (Jakobs Onkel) von Ciro Ferri (italienischer Maler, 1633-1689)
  2.   Aus: Tom Levold: Mitgefühl und anderes.
  3.   Entnommen aus: Fiolka Ehrlich, Rückerl Hartung: Aktives Zuhören.  
  4.   Dies war auch ein Botschaft Gerda Boyesen’s meiner zentralen Therapie-Lehrerin: Mit den Klienten mitbildern als Basis für das Verständnis des Anderen.
  5.   Eine Kurz-Beschreibung des Modells der Gewaltfreien Kommunikation findet sich im Beitrag: Kommunikations-Sünden und -Tugenden.   
  6.   Aus dem Beitrag: Kommunikations-Sünden und -Tugenden.  
  7.   Vgl.  Douglas Stone, Bruce Patton, Sheila Heen: Offen gesagt.  
  8.   Vgl.  Douglas Stone, Bruce Patton, Sheila Heen: Offen gesagt. insbes. S. 45 ff. (Übersicht) und S. 53 ff.
  9.   Aus.  Douglas Stone, Bruce Patton, Sheila Heen: Offen gesagt. insbes. S. 45 – 46.
  10.   Vgl. z. B. Mervyn Schmucker, Rolf Köster: Praxishandbuch IRRT. S. 42 ff. 
  11.   Vgl. z. B. Mervyn Schmucker, Rolf Köster: Praxishandbuch IRRT. S. 62 ff. 
  12.   Vgl. Günter Figal: Sokrates.S. . 
  13.   Vgl. Dieter Birnbacher, Dieter Krohn: Das sokratische Gespräch.  
  14.   Wolfgang H. Pleger: Sokrates. S. 57.
  15.   Neben Besonnenheit enthielt die Ethik des Sokrates auch die Tugenden („Aretai“) der Tapferkeit und Gerechtigkeit. Dies sind jedoch nur Aspekte einer einzigen unteilbaren Tugend, von der Sokrates annimmt, dass man nicht einen Teil ohne den anderen haben kann. (Vgl. Werner Jaeger: Paideia. S. 634 ff. ) Sokrates betonte mit seinen Tugenden vor allem eine Abkehr  von Begierden. Er meint, dass es das Beste ist, die wenigsten Bedürfnisse zu haben.
  16.   Aus: Mervyn Schmucker, Rolf Köster: Praxishandbuch IRRT. S. 66)   
  17.   Aus.  Douglas Stone, Bruce Patton, Sheila Heen: Offen gesagt. insbes. S. 45 – 46.
  18.   Vgl. dazu die Logik der inneren Psychische Komplexe – Hotspots der Psyche.
  19.   Vgl. Balance in Beziehungen – John Gottman.   

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