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Untertitel: Projektion, Übertragung und Spiegelung
als Entwicklungs-Instrumente für unsere Persönlichkeit

„An Ärger festhalten ist
wie wenn du ein glühendes Stück Kohle festhältst
mit der Absicht, es nach jemandem zu werfen –
derjenige, der sich dabei verbrennt,
bist du selbst.“

Buddha1

Spiegelung ist auch ein psychischer Prozess: Gemälde von Degas: Vor dem Spiegel. 1889 (Hamburger Kunsthalle)

Der Titel dieses Beitrags ist vielleicht übertrieben, zugegeben, aber er enthält einen wahren Kern. Die zentrale Aussage dieses Beitrags lautet: „Unsere Emotionen sagen viel über unsere psychische Strukturen aus.“

Wenn wir uns sehr über etwas ärgern (z. B. über das Verhalten einer anderen Person) – vor allem, wenn das über das ’normale Maß‘ hinausgeht, dann können wir ziemlich sicher davon ausgehen, dass in uns etwas angesprochen / ‚angetriggert‚ wurde.2 Meist handelt es sich um einen Schatten-Anteil, der uns nicht bewusst ist, der zum eigenen ‚blinden Fleck‘3 unseres Selbst-Bilds gehört. Komplexe entstehen durch einen psychischen Verdichtungsprozess, bei dem die  Intensität (die ‚energetische Ladung‘) von mehreren psychischen Elemente (Gedanken, Gefühle, Erinnerungen, Bilder, Vorstellungen, …) zu einer Art Cluster, einer einzigen Vorstellung verdichtet wird. 4

Der eigene Ärger und die eigenen Aussagen dazu sagen also häufig mehr über mich aus als über den Anderen, über den ich mich ärgere5. Das ist mir meist nicht bewusst, ich denke mir eher „Das ärgert mich, sein Verhalten ist unakzeptabel, skandalös, …“)

Beispiele:

  • Ein Mitarbeiter oder ein Partner hat die versprochene Arbeit nicht erledigt und bringt unglaubwürdige Ausreden – ich zucke aus!
  • Ich bin an der Kassa eines Supermarkts angestellt. Es bildet sich eine lange Schlange. Jemand drängt sich vor, geht an der Schlange entlang, stellt sich vorne hin. Ich werde laut, beschimpfe den Anderen lauthals.
  • Ich stehe am Buffet angestellt, bin der zweite in der Reihe. Da bringt der Kellner eine neue Platte mit einigen saftigen Steaks. Ich liebe Steaks. Die Person vor mir nimmt die Platte und teilt die Steaks an ihrem Tisch auf. Mir bleibt nichts mehr. Ich gerate in Wut, verwende Wörter, die mir normal nicht über die Lippen kommen.
Wut und Ärger sagt oft mehr über den Ärgerer als über das Objekt des Ärgers. Zornige Physiognomie (Buchillustration 19. Jhd.1800)

In all diesen Beispielen werden Verhaltensweisen angesprochen, die – zumindest auf dem ersten Blick nicht akzeptabel sind. Wenn etwas Ärger dabei ist, ist das auch im ‚Normalbereich‘6, aber wenn ich ausraste, dann hat es bei mir etwas getroffen, das unverarbeitet in mir existiert, eine alte Wunde, eine alte Verletzung, die im Grunde nichts mit der vorliegenden Situation direkt zu tun ha., sondern vielleicht eine ähnliche Situation aus meiner Kindheit betrifft, die ich in die Gegenwart übertrage.

  • Vielleicht wurde mir als Kind von meinen Eltern manches versprochen, das sie nicht gehalten haben und ich war tief enttäuscht und musste es verdrängen. Und die Wunde wird aktiviert, wenn jemand ein aktuellen Versprechen nicht hält (das er vielleicht aus äußeren Gründen nicht halten konnte.)
  • Vielleicht hat mein kleiner Bruder sich als Kind bei Belohnungen der Eltern vorgedrängt und es wurde von den Eltern akzeptiert. Und jedes Mal, wenn sich jemand vordrängt, werde ich an diese Situation erinnert und die ganze große Enttäuschung  und Wut der Vergangenheit entlädt sich bei aktuellen (kleinen) Anlass, ohne mir dessen bewusst zu sein. Ich wundere mich vielleicht selbst über die Heftigkeit meiner Reaktionen.
  • Vielleicht konnte ich mich im Kindergarten oder in der Schule den Anderen gegenüber nicht durchsetzen und ich bin bei allen Verteilungskämpfen ‚übrig geblieben‘. Außerdem wurde ich beim Völkerball-Spielen immer als einer der letzten gewählt. Das alles hat mein Selbstwert-Gefühl beschädigt. Als Erwachsener habe ich zwar jetzt mehr Selbst-Bewusstsein, aber ich wurde als Erwachsener zu einem Gerechtigkeits-Fanatiker. Und immer wenn ich wahrnehme, dass bei mir oder bei anderen dieses Gerechtigkeitsprinzip (aus meiner Sicht) verletzt wird, werde ich an alte Gefühle der Frustration und Hilflosigkeit erinnert, Ärger wird aktiviert und ich reagiere übermäßig emotional.

Hintergrund

„Du kannst mehr über eine Person lernen,
indem du darauf achtest,
wie sie über andere spricht,
als wenn du darauf achtest,
wie andere über sie sprechen.“
Audrey Hepburn.

Wie ist das zu erklären? Was ist das Prinzip dahinter. Eine mögliche Erklärung ist die Entwicklung von Abwehr-Mechanismen, vor allem Projektion und Übertragung (incl. Gegen-Übertragung)7 Das Verständnis dieser Abwehr-Mechanismen kann helfen, eigene Muster zu verstehen, schädliche Muster zu verringern und auch das Verhalten anderer Personen zu verstehen und zu akzeptieren. Dies ist vor allem in Konflikt-Situationen sehr wichtig und hilft, unnötige Konflikte zu vermeiden und eskalierte Konflikte zu de-eskalieren. Das ‚Spiegel-Prinzip‘ ist ein gutes Tool, um dieses Verständnis in der Praxis für mich und für Andere anzuwenden.

Projektion und Übertragung

Projektion

„Alles, was uns an anderen missfällt,
kann uns zu besserer Selbsterkenntnis führen.“
C. G. Jung.

Projektion ist auch ein psychischer Prozess. Leitz Dia-Projektor , Baujahr 1954-1068

Projektion ist ein Abwehr-Mechanismus, bei dem ich eigene nicht akzeptierte Anteile (Merkmale, Impulse, Wünsche, …) in Anderen ‚erkenne‘ und kritisiere. die dieser gar nicht hat, zumindest nicht in dem kritisierten Ausmaß. Es sind eigene Merkmale, die ich Anderen zuschreibe, vor allem meine Schatten-Elemente. Andere werden für eigene nicht akzeptierte Defizite, Gefühle, Wünsche verantwortlich gemacht. Dies geschieht unbewusst.8

Z. B. kann es sein, dass bei mir aggressive Impulse hoch kommen, die ich in mir nicht akzeptiere, weil mir z. B. in meiner Kindheit verboten wurde, sie zu zeigen bzw. weil sie als „schlecht“ dargestellt wurden. Dann besteht die Gefahr, dass ich sie verstärkt bei anderen Personen bzw. in bestimmten Situationen (z. B. heftigen Diskussionen) verstärkt sehe, auch dann wenn sie nicht oder nicht dominant dort vorkommen. Ich projiziere meine unterdrückten Aggressionen auf andere.

Oder wenn ich meine ‚gierigen‘ Tendenzen unterdrücke,sie verdränge, nicht akzeptiere, sie leugne dann ist die Gefahr hoch, dass ich sie bei anderen Personen übermäßig oft oder intensiv wahrnehme bzw. ihnen zurschreibe („attribuiere“): „Du bist gierig“. Ähnlich ist es z. B. mit unbewussten, nicht akzeptierten Machtmotiven, das in vielen Menschen vorhanden ist.

Projektion kann auch als Verwechslung der Person verstanden werden: Ich verwechsle den Anderen (Anteile des Anderen) mit mir (eigenen Anteilen). Ich erkenne sie im Anderen (kann stimmen, muss aber nicht), ich erkenne sie nicht in mir. Je entschiedener ich sie bei mir ablehne bzw. negiere, desto deutlicher werden sie bei anderen vor Augen geführt.9

Projektion: Innere Anteile, Schatten, abgelehnte Bilder, Ängste, Gedanken und vieles andere werden im anderen erkannt;
jedoch nicht im eigenen Inneren.
Die andere Person oder die gemeinsamen Themen und Interaktionen dienen als Spiegel für unsere Schatten.“10

„Nichts hat psychologisch gesehen
einen stärkeren Einfluss auf ihre Umgebung
und besonders auf ihre Kinder
als das ungelebte Leben der Eltern.“
C. G. Jung

Ein Beispiel für Projektion ist auch, wenn eine Mutter ihr Kind drängt, Klavier zu lernen, weil sie als Kind es auch lernen wollte, aber dazu keine Gelegenheit hatte.  Vielleicht hofft sie dadurch, indirekt auch am Klavierspielen wieder Anteil haben zu können. Würde sie offen sagen: „Ich will Klavierspielen lernen.“, wäre sie möglicherweise gesellschaftlicher Kritik ausgesetzt: „Dafür ist es ja viel zu spät, du bist viel zu alt dafür.“

Dazu passt gut der viel-zitierte Spruch von Sigmund Freud:

Projektion ist das Verfolgen eigener Wünsche in anderen.
Ein Abwehrmechanismus zur Bewältigung der Negativanteile der eigenen Persönlichkeit. Sigmund Freud11

Da bei der Projektion meist negative Anteile projiziert werden, nennt man sie in der Analytischen Psychologie auch „Schatten-Projektion“.12

Übertragung

Übertragung ist auch ein psychischer Prozess. Gemälde von Josef Vincenz Fischer: Übertragung der kaiserlichen Galerie. 1781. Kunsthistorisches Museum. Minerva, Göttin der weiblichen Künste, weist Joseph II. den Weg

Ein ähnlicher und mit ihr oft verwechselter Vorgang zur Projektion ist die Übertragung. Während jedoch die Projektion ein Irrtum in der Person ist, ist die Übertragung ein Irrtum in der Zeit. Ich übertrage etwas aus meiner Vergangenheit, oft meiner Kindheit in die Gegenwart.   Beispiel: Ich sehe in meinem Chef meinen Vater oder in einer Mitarbeiterin meine Tochter – und behandle sie entsprechend. Vielfach werden jedoch auch „Projektion“ und „Üebertragung“ als Synonyme behandelt.

Übertragung: Wir »verwechseln« die andere Person oder Geschehnisse aus dem intersubjektiven Feld mit früheren Erfahrungen, Ängsten, Vorlieben, Abneigungen, Personen. Wir aktivieren in uns einen »alten Film«, statt das Einzigartige und Neue wirklich wahrzunehmen.“10

Gegenübertragung

Im therapeutischen Prozess finden nicht nur Übertragungen des Klienten an den Therapeuten sondern auch Übertragungen des Therapeuten an den Klienten statt. Letztere nennt man Gegenübertragungen.  Sie spielen in der therapeutischen Praxis und in der therapeutischen Ausbildung eine große Rolle. Um den therapeutischen Prozess gut steuern zu können, muss sich der Therapeut seiner (Gegen-)Übertragungen bewusst sein.
„C.G. Jung benützt den Ausdruck der Gegenübertragung zum ersten Mal 1929 (Jung, GW, Bd. 16, § 163) im Zusammenhang mit der Feststellung, dass der Patient unbewusst den Arzt beeinflusse, ihn störe. Die → Komplexe des Analysanden stecken den Arzt an. Als eine der Erscheinungen dieser gegenseitigen Beeinflussung sieht Jung die durch die → Übertragung bewirkte Gegenübertragung. In „Die Psychologie der Übertragung“ (Jung, GW, Bd. 16, § 353–539) exemplifiziert er 1946 an einem alchemistischen Text ein Schema von Beziehung und Übertragung-Gegenübertragung, das leicht auf die therapeutische Situation übertragen werden kann. Fordham (1957; zit. in Jacoby, 1987) unterschied zwischen der illusionären Gegenübertragung, in der der Analytiker eigene unbewusste Inhalte auf den Analysanden überträgt, und der syntonen Gegenübertragung, in der der Analytiker durch Fantasien und emotionelle Reaktionen auf den Analysanden unbewusste Vorgänge in diesem wahrzunehmen vermag.“14

Spiegelung

Spiegelung, ein optischer und psychischer Prozess. Foto von Hartmut Josi Bennöhr: Natürliche Spiegelung, Spiegelbild im Wasser, und computerunterstützte Spiegelungen. 4 10. 2003

Spiegel-Prinzipien werden für Entwicklungs-Anliegen häufig angewendet, in (tiefen)psychologischen Disziplinen und auch in spirituellen Traditionen. Ich beschränke mich hier auf psychologische Sichtweise.

Das Prinzip ist, die eigene Perspektive so zu wählen, dass ich die Begegnungen mit Anderen (immer, gelegentlich, …) als Spiegel betrachte, besonders dann, wenn mir mein eigenes Verhalten, meine eigene Reaktion Rätsel aufgibt.

Ich wähle hier eine pragmatische Formulierung, die aus 4 ‚Gesetzen‘ besteht, 2 für das Verständnis meines Verhaltens, 2 für das Verständnis Anderer.

1. Spiegel-Gesetz: Alles was mich am anderen stört, ärgert, aufregt oder in Wut geraten lässt und ich anders haben will, habe ich selbst in mir. Alles, was ich am anderen kritisiere oder sogar bekämpfe und verändern will, kritisiere, bekämpfe oder unterdrücke ich in Wahrheit in mir und hätte es gerne anders.

Naturspiegelung. Plansee (Tirol).

Das ist der Kern des Spiegelung-Prinzips, der Umgang mit Projektionen und Übertragungen.  Was ich an der anderen Person kritisiere, vor allem, wenn es von starken Emotionen begleitet ist, hat hohe Evidenz, dass es sich um eigene Merkmale handelt.

Das heißt natürlich nicht, dass ich alles kritiklos hinnehmen soll. In vielen beruflichen Rollen, vor allem auch als Führungskraft, muss ich formulieren, was nicht passt, was kontraproduktiv ist, was der Zielerreichung im Weg steht usw. Ich sollte das auch im privaten Leben machen, z. B. in der Partnerschaft. Aber die Kritik sollte sich vor allem auf unakzeptiertes Verhalten oder unakzeptierte Ergebnisse richten, niemals an die Person. Die Person sollte wertschätzend behandelt werden.15

2. Spiegel-Gesetz: Wenn andere an mir etwas kritisieren, bekämpfen und verändern wollen und ich mich deswegen verletzt fühle, so betrifft es mich – ist dies in mir noch nicht erlöst. Meine gegenwärtige Persönlichkeit fühlt sich beleidigt – der Egoismus ist noch stark.

Dieses Prinzip besagt, dass ich Kritik nicht persönlich nehmen soll. Selbst wenn der Andere es persönlich meint oder ausdrückt, sollte ich ‚darüber stehen‘. Ich kenne mich, habe mich erforscht und habe ein realistisches Selbst-Bild meiner Stärken und Schwächen. Kritik anderer kann mich deshalb nicht aus dem Gleichgewicht bringen. Trotzdem sollte ich es zum Anlass nehmen, über die Kritik nachzudenken, vielleicht ist ein Körnchen Wahrheit darin enthalten.

Die Bezeichnung „erlöst“ wird beispielsweise im Persönlichkeitsmodell des Enneagramms und der Archentypen-Lehre verwendet16 Hier bedeutet „erlöst“ (im Sinn von gesund, gereift), dass die Person über das jeweilige Merkmal auf einem hohen Qualitätsniveau verfügt, dass sie es als Ressource einsetzen kann und nicht zu einem unpassenden Einsatz gedrängt wird.
So würde z. B. das Merkmal „aggressiv“ erst mal als unerlöst angesehen werden, als negatives Merkmal (ähnlich der Streitsucht), das eher überwunden werden soll.
Im erlösten Zustand wurde man dann eher von „durchsetzungs-stark“ sprechen, vielleicht auch „ehrgeizig“ oder „ziel-orientiert“. In diesem Fall wird eine gewissen Aggressivität eingesetzt, wenn es für die Zielerreichung notwendig ist, nicht bei jeder Gelegenheit bzw. in unpassenden Situationen.17

3. Spiegel-Gesetz: Alles was der andere an mir kritisiert und mir vorwirft oder anders haben will und bekämpft ist, wenn es mich nicht berührt / nicht kränkt,   sein eigenes Bild, sein eigener Charakter, seine eigenen Unzulänglichkeiten, die er auf mich projiziert.

Dieses Gesetz beschreibt Kritik- und Rückmeldungs-Fähigkeit. Ich nehme von Rückmeldungen das, was passt und lasse liegen, was nicht passt. Und ich erkenne, dass das, was mein Kritiker oder Rückmeldungs-Geber sagt, auch Aussagen über ihn selbst sind. Ich sollte ihm das nicht  rückmelden, schon gar nicht vorwerfen („Du projizierst all deine Fehler auf mich, merkst du das nicht? …). Aber ich sollte es wahrnehmen und so weit wie möglich positiv nutzen, vor allem als Führungskraft (siehe unten)

4. Spiegel-Gesetz: Alles, was mir am anderen gefällt, was ich an ihm schätze und liebe, bin ich selbst auch. Ich habe – wenn sie ernst gemeint sind – auch in mir und akzeptiere und schätze diese meine Merkmale im anderen. Ich erkenne mich selbst im anderen – in diesen Angelegenheiten sind wir eins. Wenn ich viele positive  Anteile in Anderen erkennen kann, dann verfüge ich selbst auch über großen inneren Reichtum.

Nur wer sich selbst kennt und akzeptiert, kann das Positive auch in Anderen erkennen und wertschätzen. Das Gute, das Positive verstärkt sich selbst.

Konsequenzen für Führungskräfte

Als Führungskraft stehe ich wahrscheinlich im Zentrum des Teams und bin daher einer Vielzahl von Projektionen ‚ausgesetzt‘. Häufig bin ich als Führungskraft mit Vater- oder Mutter-Projektionen konfrontiert. Gebe ich an eine Mitarbeiter_in Aufträge oder Anweisungen, dann wirken sie emotional auf diese Person, als würden sie von diesem Elternteil kommen.

Führe ich Gespräche mit dieser Person, so ist es für sie so, als würde Vater oder Mutter mit ihnen sprechen. Wenn ich Glück habe, dann haben sie eine gute Beziehung zu Vater bzw. Mutter und ich bekomme positive Impulse zurück. Habe ich Pech und die Person hat eine negative Einstellung zu den Eltern, dann ernte ich vielleicht (ohne mein Verschulden) Ärger, Aggression und Widerstand.

Als Führungskraft sollte ich erkennen, welche Projektionen und Übertragungen ich von anderen erhalte. Dann kann ich besser mit ihnen umgehen und nehme sie nicht persönlich. Vielleicht kann ich dann sogar meinen Mitarbeiter_innen zu einem persönlichen Entwicklungsschritt verhelfen, vor allem wenn es mir gelingt, deutlich konstruktiver, verständnisvoller mit diesen Verhaltensweisen meiner Mitarbeiter_innen umzugehen als die Eltern. Und ich kann sicher sein, als Führungskraft bekomme ich genug Projektionen, die Frage ist nur, ob  ich sie erkennen, zumindest erahnen kann / in Betracht ziehen kann.

Dies ist der Grund, warum es für Führungskräfte wichtig ist, Selbst- bzw. Persönlichkeits-Entwicklung in die eigene Führungskräfte-Aus- und Weiter-Bildung zu integrieren. Dazu zählt auch die Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit. Nur wenn man eigene Projektionen und Übertragungen erkennen kann, habe ich die Chance, sie auch bei anderen zu erkennen und damit konstruktiv umzugehen.

Die Quellen dieser Projektionen und Übertragungen im privaten und im betrieblichen Bereich sind vielfältig. Sie stammen nicht nur von den Eltern, sondern auch von anderen wichtigen Personen aus meinem bisherigen Leben, bevorzugt von Autoritäts-Personen, z. B. Lehrer_innen, frühere Führungskräfte, …, aber auch von Personen, die ähnlich aussehen oder ähnliche Verhaltensweisen zeigen.

Auch die Arbeit mit Entwicklungs-Filmen bietet mir Möglichkeit, meine eigenen Projektionen und Übertragungen aufzudecken: Wer war mir im Film sympathisch? Mit wem konnte ich mich identifizieren? Welche Erinnerungen und Stimmungen sind hochgekommen? …

Am Beginn dieses Entwicklungs-Prozesses im Umgang mit Projektionen besteht die Gefahr, dass ich diese Erkenntnisse meinem Gegenüber mitteile. „Er soll doch erkennen, dass es seine Projektionen sind“, höre ich dann manchmal. Das ist ein Fehler. Der Andere wird das aus voller Überzeugung ablehnen und das verschlechtert die Beziehung zum Mitarbeiter mehr, als sie sie verbessert.

‚Projektions-Arbeit‘ ist natürlich nicht nur für Führungskräfte wichtig, sondern z. B. in besonderen Maße für Therapeuten. Dort ist es ganz besonders wichtig, die Übertragungen der Klienten an den Therapeuten zu erkennen und sich der Gegen-Übertragungen bewusst zu sein und konstruktiv in den therapeutischen Prozess zu integrieren. Die Arbeit mit Übertragungen und Gegen-Übertragungen ist zentraler Bestandteil vieler therapeutischer Ausbildungs-Prozesse.

Auch im Trainings-, Coaching- und Beratungsprozessen sind sie von besonderer Bedeutung. In dem Ausmaß, in dem ich mich als Berater, Trainer, Coach ändere, ändern sich auch die Projektionen der Klienten. Ich hab das sehr deutlich am eigenen Leib erfahren.

Ein persönliches Beispiel:

Ich hab schon sehr jung mit Trainings- und Beratungs-Prozessen begonnen. In vielen Seminaren am Beginn dieser Laufbahn war ich einer der jüngsten oder sogar der jüngste. Alle Teilnehmer_innen waren älter als ich. Das war nicht angenehm für mich. Ich hatte Respekt oder sogar Angst vor ihrer Lebens- und Arbeits-Erfahrung und dass sie mich damit aus dem Gleichgewicht bringen könnten. Das passierte aber nicht. Dazu verhalf mir nicht nur meine Arbeit an der Universität sondern vermutlich auch wohlwollende Sohn-Projektionen, ev. auch verbunden mit einer gewissen Beiß-Hemmung.

Spätere Peer- und Geschwister-Projektionen waren unproblematisch. Später fiel mir auf, dass mehr Widerspruch und Widerstände geäußert und kritischere Rückmeldungen abgegeben wurden. War ich schlechter in meinen Aktionen geworden? Waren die Teilnehmer_innen anspruchsvoll geworden? Es hat einige Zeit gedauert, bis ich erkannte (oder zumindest zu erkennen glaubte), dass ich jetzt überwiegend Vater-Projektionen bekam. Und diese waren wesentlich negativer als frühere Übertragungen.

Derzeit sind vermutlich schon einige Großvater-Projektionen enthalten und es ist wieder einfacher für mich geworden, aber auch ein Stück distanzierter.

Besonders einfach ist es für mich, Projektionen in entwicklungs-orientierten Programmen, Coachings, Gesprächen zu erknnen, da dabei häufig auch die Ursprungs-Familie bzw. Eltern Gegenstand der Reflexion sind und ich so auch Parallelen erkennen kann.

Selbst-Reflexion

  • In welchem Ausmaß bin ich bereit und in der Lage, meine Projektionen zu erkennen / zu vermuten?
  • Wie viel Selbstreflexion betreibe ich?
  • Analyse
    • Wähle eine Person, der du kritisch gegenüberstehst, an der du viel kritisches erkennst
    • Was kann an dieser Person kritisiert werden. Schreibe einige Punkte auf.
    • Gehe dann die Punkte durch und überlege: Inwieweit treffen diese Punkt auch auf dich zu?
  • An welchen Personen erkennst du oder vermutest du, dass sie etwas in dich projizieren oder übertragen, was eigentlich eigene Merkmale dieser Person (Projektion)  oder einer anderen Person (Übertragung)  sind?

Querverweise

Individuation.

 

Literatur & Links

Projektion

Literaturhinweise in Sag mir, was dich ärgert

Björn Migge: Handbuch Business-Coaching.

Ed Hellmeier: Projektion. Aus: http://www.grenzwandler.org.  http://www.grenzwandler.org/projektion/.

Ed Hellmeier: projektive Identifikation. Aus: http://www.grenzwandler.org. http://www.grenzwandler.org/projektive-identifikation/

Florian Asche: Warum Tiere keine Rechte haben – und auch keine haben sollten. Aus: www.focus.de. https://www.focus.de/wissen/experten/florian_asche/schlaue-fuechse-dumme-esel-kommentar-warum-tiere-keine-rechte-haben-und-auch-keine-haben-sollten_id_5317930.html.

o. A.: Zitate: Psychologie: Aus: http://www.textuniversum.de. http://www.textuniversum.de/index.php5?topic=zitate&zid=19.

Martin Exner: Endlich L(i)eben!? XinXii-Verlag, 2016. (Kap.7: Die blockierende Wirkung Von Verhaltensmustern auf Handlungen, Abschnitt 7.7 Projektion)

o. A.: Aphorismen. www.aphorismen.de. https://www.aphorismen.de/zitat/18876.

 

Komplexe, Kompression

Verena Kast: Mutterkomplex. In: Gerhard Stumm, Alfred Pritz (Hrsg.): Wörterbuch der Psychotherapie. Springer 2000, S. 447. https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-211-99131-2_1206.

Verean Kast: Vater-Töchter, Mutter-Söhne: Wege zur eigenen Identität aus Vater-und Mutterkomplexen. Stuttgart, Kreuz 2005 (1-1994).

Doris Cech: Schlagwort: Komplexe in: Wörterbuch der analytischen Psychologie. http://www.analytische-psychologie.org/woerterbuch.htm.

Andreas Gauger: Der ursprünglich positive Mutterkomplex des Mannes – Die Welt hat auf einen wie mich gewartet. Aus: www.andreas-gauger.de. https://www.andreas-gauger.de/der-urspruenglich-positive-mutterkomplex-des-mannes/.

Andreas Gauger: Ich geh dann mal meinen eigenen Weg. Wie die Erwartungen unserer Eltern unser Leben bestimmen und wie wir uns davon befreien. Gräfe und Unzer, 2020.

Carl Gustav Jung: Erinnerungen, Träume, Gedanken von C. G. Jung. Hrsg.: Aniela Jaffé. 2. Auflage. Rascher 1984. Walter, Olten. (1 – Rascher 1962) (Patmos 2009)

Franz Alt (Hrsg.): Von Vater, Mutter und Kind. Einsichten und Weisheiten. Ausgewählte Texte von C.G.Jung. 2. Auflage. Walter Verlag, Olten 1994. (Mutterarchetyp: S. 48–58)

W. Stangl: Kompression. Aus: Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik, 2020. https://lexikon.stangl.eu/1565/kompression-verdichtung/.

 

Führungs-Projektionen

Andrea Scherkamp: Die Führungskraft im Projektionsdilemma (Teil 2). Aus: andrea-scherkamp.de. 3. 9. 2017. https://andrea-scherkamp.de/fuehrungskraefte-im-projektionsdilemma-teil-2/.
(Teil 1) (Teil 3)

 

Gegenübertragung

Verena Kast: Gegenübertragung. In: Gerhard Stumm, Alfred Pritz (eds.): Wörterbuch der Psychotherapie. Springer. S. 232. Aus: link.springer.com. https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-211-99131-2_624

Verena Kast, Mathias Lohmer: Übertragung und Gegenübertragung. In: Psychotherapeut 56(2):98-104. March 2011. DOI: 10.1007/s00278-011-0806-7. Aus: researchgate.net.  https://www.researchgate.net/publication/251275995_Ubertragung_und_Gegenubertragung.

To do:18

  1.   o. A.: Aphorismen, o.A. brainquote
  2.   In der Analytischen Psychologie nennt man dieses Etwas, das angetriggert wurde, einen „Komplex“: Man spricht davon, dass ein Komplex  konstelliert bzw. aktiviert wird. Zu Komplexen vgl. z. B. Doris Cech: Schlagwort: Komplexe 
  3.   Zum blinden Fleck vgl. das ‚Johari-Window‘ ein Modell von Joseph Luft und Harry Ingham in meinem Beitrag: Offene Kommunikation und das Johari-Fenster
  4.   So hat jeder Mensch z. B. einen positiven (lebensfördernden) oder negativen  (lebenshemmenden) Mutter-Komplex, der – laut Verena Kast – die generalisierten Beziehungs-Erfahrungen mit der Mutter (mit Müttern und dem Mutter-Raum) widerspiegelt.  Das gleiche gilt für den Vater-Komplex. Je stärker universelle, archetypische Elemente enthalten sind, desto stärker ist auch die Wirkung des Komplexes. [1.  Vgl. Verena Kast, Komplexe 
  5.   Auch im Kommunikations-Modell von Schulz von Thun ist ‚Selbstoffenbarung‘ eine Dimension, die in jeder Kommunikation enthalten ist. Man könnte die Überschrift des Beitrags auch ausdrücken: „Sag mir, was Du über Andere aussagst und ich sage Dir, wer Du bist.“
  6.   Obwohl Gandhi angeblich dazu sagt: „Wenn ich mich über jemanden ärgere, dann ist das, als würde ich Gift trinken und hoffen, dass der Andere stirbt.“ – Quelle unbekannt 
  7.   Zu den weiteren Abwehr-Mechanismen vgl. meinen Beitrag Abwehr-Mechanismen.
  8.   Hinweise zur Projektion finden sich auch in meinem Beitrag: Warum lebe ich nicht mein authentisches Leben?
  9.   Die Projektions-Dynamik wird schon im Neuen Testament erwähnt:  Zitat aus der Bergpredigt des Matthäusevangelium (Kapitel 5-7): „Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht?“ (BibleServer: Matthäus 7,3)  
  10.   Björn Migge: Handbuch Business-Coaching,  S. 98
  11.   aus: o. A.: Zitate: Psychologie  
  12.   Zur Schatten-Projektion vgl. den Beitrag zur Projektion im Führungs-Prozess.      
  13.   Björn Migge: Handbuch Business-Coaching,  S. 98
  14.   Aus: Verena Kast: Gegenübertragung.  
  15.   Vgl. dazu das Namasté-Prinzip in meinem Beitrag: Rückmeldung geben, ohne zu verletzen.
  16.   Beim Konzept des Enneagramms spricht man bei den Entwicklungsstufen von „erlösten Typen“ (Richard Rohr, „redeemed types“ – vgl. meinen Beitrag zum Enneagramm, zur Archetypen-Lehre vgl. meinen Beitrag Archetypen 1.) 
  17.   Vgl. zur Dualität von gegensätzlichen Merkmalen in ihrer positiven und negativen Ausprägung das Werte- und Entwicklungs-Quadrat von Schulz von Thun.
  18.   Führungs-Projektionen abspalten 

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