Archetypen 1 – Archetypen als Elemente des kollektiven Unbewussten

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Was sind Archetypen?

„Der Mensch trägt immer seine ganze Geschichte
und die Geschichte der Menschheit mit sich.“
C. G. Jung.

Archetypen – Bilder der Seele. Gemälde Bacchus und Ariadne von Tizian (1486-1490, National Gallery,London)

Es gibt uralte Muster in uns, innere psychische Anteile, die eine Art Erbe der Menschheitsgeschichte darstellen. C. G. Jung nannte sie „Archetypen„. Archetypen bestehen aus komplexen Bildern, Vorstellungen, Einstellungen, Gefühlen, Stimmungen, Denkweisen usw., die unser Verhalten und Erleben beeinflussen, ohne dass wir uns meist ihrer bewusst sind. Sie sind seit Urzeiten den Menschen gemeinsam – in ihrer Form, nicht in ihrem Inhalt.  Es ist eine Art ‚Essenz‘ allgemein menschlicher Erfahrung. Sie sind Teile unseres ‚kollektiven Unbewussten‚ und ergänzen unser ‚persönliches Unbewusstes‘.

Wir begegnen den Archetypen in unseren Träumen, aber auch in Märchen und Mythen, in Kunst und Religion. Archetypen manifestieren sich in Symbolen, z. B. Bildern und anderen Kunstwerken.1

In der Tiefenpsychologie und benachbarten Konzepten gibt es unterschiedliche Systeme von Archetypen. mit unterschiedlichen Differenzierungen. Es ist ein offenes Konzept, das keine  festgelegte Anzahl umfasst.2  Die einfachste Unterscheidung ist die in weibliche und männliche Archetypen.

Archetypen und das Unbewusste

„Das Unbewusste ist gewissermaßen
der Mutterboden,
aus dem Bewusstsein wächst.“
C. G. Jung.

Archetypische Figuren in den Himmeshierarchien des Apostel Paulus: Gemälde von Francesco Botticini: Die Aufnahme der Jungfrau (Maria im Himmel) 1497, National Gallery London.

Für C.G. Jung  umfasst unsere Psyche sowohl bewusste als auch unbewusste Anteile.3

»Die Ganzheit besteht niemals im Umfang des Bewussten, sondern schließt die unbestimmte und unbestimmbare Ausdehnung des Unbewussten mit ein.«

Das Unbewusste wiederum hat sowohl eine persönliche als auch eine kollektive Seite.4

»Eine gewissermaßen oberflächliche Schicht des Unbewussten […] das persönliche Unbewusste. Dieses ruht aber auf einer tieferen Schicht, welche nicht mehr persönlicher Erfahrung und Erwerbung entstammt, sondern angeboren ist. Diese tiefere Schicht ist das sogenannte kollektive Unbewusste
Es »hat im Gegensatz zur persönlichen Psyche Inhalte und Verhaltensweisen, welche überall und in allen Individuen cum grano salis die gleichen sind.«

Das kollektive Unbewusste ist der5  6

verborgene Schatz, aus dem die Menschheit seit Urzeiten geistige Archetypen für ihre Entwicklung schöpfte und ohne den die Menschheit aufhören würde, menschlich zu sein.“

Zitate zu Archetypen

Die Zitate reflektieren das Verhältnis von Naturwissenschaften und nichtrationalen Ansätzen wie die Tiefenpsychologie von C. G. Jung und Quellen, auf die sie sich beruft.7

»Aber man braucht gar nicht so weit zu gehen, um zu erkennen, dass Zweckmäßigkeit überhaupt kein Wert ist, sondern die Wertfrage nur um eine Stelle verschiebt; nämlich zu der anderen Frage: Ist der Zweck wert-voll, dem die betreffenden Erkenntnisse und Möglichkeiten gemäß sind, dem sie dienen sollen? […]
Die moderne Naturwissenschaft vermittelt also Erkenntnisse […], die aus ihr entspringende Technik gestattet, diese Erkenntnisse auch zur Verwirklichung sehr weitgesteckter Ziele einzusetzen. Aber ob der so erreichte Fortschritt wertvoll sei, wird damit überhaupt nicht entschieden. […]«

Werner Heisenberg8

»Daran erkenn ich den gelehrten Herrn!
Was ihr nicht tastet, steht euch meilenfern,
was ihr nicht fasst, das fehlt euch ganz und gar,
was ihr nicht rechnet, glaubt ihr, sei nicht wahr,
was ihr nicht wägt, hat für euch kein Gewicht,
was ihr nicht münzt, das, meint ihr, gelte nicht.«

Johann Wolfgang von Goethe9

»Soweit wir es zu erkennen vermögen, ist es der einzige Sinn der menschlichen Existenz, ein Licht anzuzünden in der Finsternis bloßen Seins.«

C.G. Jung

»[…], wir müssen uns, wie Bohr es ausgedrückt hat, dessen bewusst werden, dass wir nicht nur Zuschauer, sondern stets auch Mitspielende im Schauspiel des Lebens sind.«

Werner Heisenberg

Literatur & Links

Ami Ronnberg und Kathleen Martin (Hrsg.): Das Buch der Symbole. Betrachtungen zu archetypischen Bildern. (ARAS -The Archive for Research in Archetypal Symbolism) Taschen Verlag, Köln 2011. engl.: The Book of Symbols,
Buchbesprechungen dazu:
hs“: Wie ein Fisch im Meer des Unbewussten.
„Nomadenseele“: Das Buch der Symbole.
o. A.: Das Buch der Symbole. Aus:  ifb.bsz (Informationsmittel für Bibliotheken). http://ifb.bsz-bw.de/bsz346565847rez-1.pdf.

C.G. Jung: Archetyp und Unbewusstes, Augsburg 2000.

C.G. Jung: Die Dynamik des Unbewussten, Freiburg i.Br. 1982.

C.G. Jung, Karl Kerényi:  Einführung in das Wesen der Mythologie. Gerstenberg. Amsterdam 1941.

C.G. Jung, Karl Kerényi: Das götttliche Kind.  Das Einführung in das Wesen der Mythologie. Patmos Verlag. 2012.

C.G. Jung: Psychologische Typen, Rascher 1930. (Zürich 1921, Ex Libris 1972).

C.G. Jung: Die Archetypen und das kollektive Unbewusste. In: C. G. Jung: Gesammelte Werke, Bd. 9, 1. Halbband. Walter Verlag. Olten 1976.

C.G. Jung: Über die Entwicklung der Persönlichkeit, Freiburg. Walter. 1972.

C.G. Jung: Über die Psychologie des Unbewussten, 8. vermehrte und verbesserte Aufl. von: Das Unbewusste im normalen und im kranken Seelenleben, Zürich (u.a.) 1966.

Karl Kerényi: Humanistische Seelenforschung. Klett-Cotta, 1996. (Textauszüge)

Andreas Schweizer, Regine Schweizer-Vüllers: Bausteine: Reflexionen zur Psychologie von C.G. Jung.
Daimon. 2017.

Ruediger Dahlke, Margit Dahlke: Die Lebensprinzipien: Wege zu Selbsterkenntnis, Vorbeugung und Heilung. Arkana 2011

Holger Epstein: Bewusstseins- und Organisationsenwicklung. Rationale und nichtrationale Grundlagen, Konzepte und Realitäten. Inauguraldissertation. Bergische Universität Wuppertal. Wuppertal 2008

 

Archetypen der Führung

Johannes Steyrer: Charisma and the Archetypes of Leadership. In Organization Studies 19(5), S. 807-828. September 1998. Aus: researchgate.net. https://www.researchgate.net/publication/245649277_Charisma_and_the_Archetypes_of_Leadership. (pdf ) DOI: https://doi.org/10.1177/017084069801900505.

  1.   Vgl.    eine Sammlung von C. G. Jungs archetypischen Bildern finden sich in ‚Das Buch der Symbole. Betrachtungen zu archetypischen Bildern‘, herausgegeben von Ami Ronnberg und Kathleen Martin; Taschen Verlag, Köln 2011, engl.: The Book of Symbols,  vgl. auch die Buchbesprechungen dazu in: hs: Wie ein Fisch im Meer des Unbewussten, Nomadenseele: Das Buch der Symbole , ebenso: ifb.bsz (Informationsmittel für Bibliotheken: Das Buch der Symbole 
  2. Auch die Definition ist relativ offen
  3.   Jung, zitiert nach Holger Epstein: Bewusstseins- und Organisationsenwicklung. , S. 11   
  4.   Jung 1976, S. 13, zitiert nach Holger Epstein: Bewusstseins- und Organisationsenwicklung. , S. 11 
  5.   zitiert aus Holger Epstein: Bewusstseins- und Organisationsentwicklung. , S. 11
  6.   Nach C.G. Jung enthalten auch alle Religionen archetypische Symbole, z. B. die himmlischen Hierarchien des Apostels Paulus und des Dionysios Areopagita sowie die Archonten der Gnostiker als Beispiele für archetypische Wesenheiten. (  Jung 1966, S. 76 ff. Hinweis aus Holger Epstein: Bewusstseins- und Organisationsenwicklung. , S. 11 )
  7.   Die Zitate stammen aus Holger Epstein: Bewusstseins- und Organisationsenwicklung. , S. III f.  
  8.   Heisenberg, W.C.: Schritte über Grenzen, 2. Aufl., München 1973, S. 252 f.
  9.   Aussage des Mephistopheles in Faust II, 1 Kaiserliche Pfalz

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