Was ich bei Anderen ablehne, bin ich selbst: Projektion im Führungs-Alltag

Print Friendly, PDF & Email

Grundprinzip

Wenn ich Verhaltensweisen, Verhaltens-Muster, Persönlichkeits-Anteile von Anderen (übermäßig stark) ablehne, so ist häufig ein ähnlicher, von mir nicht akzeptierter eigener Anteil dahinter. Es gibt Faktoren, die diese Vermutung abschwächen oder auch verstärken.1 Dies Vermutung wird dann verstärkt, wenn mich dieses Verhalten sehr stört, ärgert, erzürnt, wütend macht oder verletzt. Wenn also starke negative emotionale Ladung damit verbunden ist.

Eine Fallstudie: Mitarbeiter werden nicht akzeptiert, weil sie Verhaltensmuster des Vaters zeigen

Tobias leitet eine Abteilung in einem öffentlichen Unternehmen. Einige seiner MitarbeiterInnen (die mit dem ‚alten‘ Vertrag) sind unkündbar. Das macht seine Führungs-Situation schwierig, erzählt er in einem Beratungs-Gespräch, da sich einige MitarbeiterInnen in diesem Bewusstsein der Unkündbarkeit sehr viel ‚herausnehmen‘ – auch in ihrem Verhalten zum ‚Kunden‘

Tobias hat eine Führungs-Ausbildung absolviert und bekam von mehreren Seiten sehr gute Rückmeldungen über seine Führungs-Stärken und seine persönliche und fachliche Entwicklung in dieser Zeit. Ihm wurde auch großes Empathie-Potenzial bestätigt und auch, dass es ihm gelingt, auch  in sehr verfahrenen und schwierigen Situationen nicht zu verzweifeln oder emotional ‚auszurasten‘, sondern das Beste aus jeder Situation herauszuholen – eine sehr aktives und verantwortungsvolles Verhalten zu zeigen.

Thomas kann also gut die Realität akzeptieren und das Beste draus machen. Was er jedoch wenig akzeptieren kann ist, wenn Mitarbeiter zu ihm kommen und jammern, wie schlecht alles ist, aber nichts tun, um etwas zu verändern. Er nennt dieses Verhalten „Ich kann, aber ich will nicht.“ „Das hat doch absolut keinen Sinn“, meint er. Er nennt auch ein Beispiel von sich selbst für gegenteiliges, aktives, verantwortungsvolles Handeln. Er war früher durch einen Unfall körperlich stark beeinträchtigt und hat durch viel und hartes Training alle Beeinträchtigungen überwunden.  Ähnliches Verhalten wünscht / fordert er auch von seinen MitarbeiterInnen.

Soweit so gut. Etwas später kommen wir im Gespräch auf seine Ursprungs-Familie zu reden. Tobias erzählt, wie schwer es ihm fällt, seine Eltern, besonders seinen Vater bei den (seltenen) Besuchen ‚auszuhalten‚. Sein Vater jammert viel und erzählt immer wieder die gleichen Geschichten, „die er schon 100 Mal gehört hat“. Sein Vater ist krank, er war immer schon krank, schon seit Tobias‘ Kindheit. Und Tobias musste weitgehend die Vater-Rolle für seine jüngeren Geschwister übernehmen. Nach dem Eltern-Besuch geht Thomas meist verärgert von dannen und braucht wieder einige Zeit und auch Aktivitäten (Sport, …), um wieder in sein inneres Gleichgewicht zu kommen.

Bei der Reflexion dieses Verhalten kommt Tobias drauf, dass sein Verhalten in diesen Situationen auch dem Muster „Ich kann / könnte, aber ich will nicht“ entspricht. Er könnte durchaus Empathie zu seinem Vater entwickeln und ihm z. B. Zeit schenken, in der dieser jammern darf. Aber er will nicht.  Seine Verletzungen aus seiner Kindheit sind (noch) zu groß, zu wenig verarbeitet. Das gleiche gilt für seine oben beschriebenen ’schwierigen‘ Mitarbeitern.

Projektion und Schatten

Der Schatten im Gegensatz zum (positiven) Ich-Bewusstsein und der Persona (‚Maske‘)

In der (Tiefen-)Psychologie bezeichnet man dieses Phänomen, eigene an sich nicht (bewusste und) akzeptierte (Schatten-)Anteile / Muster / Verhaltensweisen in Anderen zu sehen als „Projektion„. Als Führungskraft (und in anderen sozialen Berufen) ist es wichtig, die eigenen Projektionen zu kennen und gering zu halten. Wer ständig eigene Anteile auf Andere projiziert, initiiert unnötige Frustration und Konflikte und ist ist eigentlich als Führungskraft nicht geeignet, weil er Leid (seiner MitarbeiterInnen) verursacht. Deshalb ist es auch als Führungskraft wichtig, die eigene persönliche Entwicklung verantwortungsvoll voranzutreiben: Sich selbst, die eigenen Verhaltens- und Erlebens-Muster immer besser kennenzulernen, die eigenen Prägungen zu kennen und unbewältigte Situationen mit ihren Verletzungen aufzuarbeiten usw.

Die Projektion eigener meist unbewusster, nicht akzeptierter Anteile auf Andere wird in der Jung’schen  analytischen PsychologieSchatten-Projektion“ genannt.2 Diese dunklen Seiten der eigenen Persönlichkeit können  in der ‚Schatten-Arbeit‚ zu positiven Ressourcen umgewandelt und in die eigene Persönlichkeit integriert werden. Die Schatten-Integration ist Teil des Individuations-Prozesses (des Entwicklungs-Prozesses des Menschen zu einem einzigartigen, einmaligen Wesen.) Je besser diese Schatten-Integration gelingt, desto weniger wird dieser auf andere Menschen projiziert.

Querverweise

Sag mir, was Dich ärgert und ich sag Dir, wer Du bist: Projektion – Übertragung – Spiegeln

„Werde, der du bist“ – Individuation als Entwicklungsprozess des Menschen

Literatur und Links

  • weitere Literatur-Hinweise zur Analytischen Psychologie und Schattenintgration finden sich im Beitrag zur Individuation.

Marie-Luise von FranzDer Indivduationsprozess. In: Carl Gustav Jung, Marie-Luise von Franz et al.: Der Mensch und seine Symbole. S. 160 – 229.

Carl Gustav Jung : Aion. Beiträge zur Symbolik des Selbst. GW Band 9/2, (1950)

Carl Gustav Jung: Aion. Beiträge zur Symbolik des Selbst. (Erstpublikation 1948, überarbeitet 1950). In: Gesammelte Werke 9/2, § 13-19

Marie-Louise von Franz: Über Projektion. Ihre Beziehung zu Krankheit und seelischer Reifung. In: Psychotherapie. Erfahrungen aus der Praxis. Daimon, Einsiedeln 1990

 

  1.   Abgeschwächt oder beseitigt wird diese Vermutung in den Extremfällen des Verhaltens, Gewalttaten, Verletzung der Menschenrechte, Grausamkeiten und ähnliches sind Beispiele dafür.
  2.   Als Beispiel einer (Schatten-)Projektion wird häufig ein Spruch Hitlers zu Winston Churchill genannt, den Marie-Louise von Franz zitiert: „Seit mehr als fünf Jahren jagt dieser Mann wie ein Verrückter in Europa umher, auf der Suche nach etwas, das er in Brand setzen könnte.“ aus Marie-Luise von FranzDer Indivduationsprozess. S. 172   

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*