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Selbsteinschätzung

Blaubart als Aggressor. Er geht auf Reisen und übergibt seiner jungen Frau die Schlüssel des Hauses mit dem Verbot, die kleine dunkle Kammer zu öffnen. Illustration von Gustave Doré zum Märchen ‚Blaubart‘ (1867)
  • Kennen Sie Situationen, in denen Sie unkontrolliert wütend werden, sich mehr aufregen, als es für die Situation angemessen ist?
  • Tut es ihnen manchmal leid, dass sie laut geworden sind oder etwas gemacht haben, was Ihnen später leid tut?
  • Erleben Sie manchmal Situationen, in denen sie ausrasten. Nachher tut es Ihnen vielleicht leid.
  • Werden Sie manchmal aggressiv oder sogar (psychisch oder körperlich) gewalttätig, obwohl Sie es gar nicht wollen. „Es passiert“.
  • Verletzten Sie manchmal eine andere Person (körperlich oder psychisch)  unabsichtlich – obwohl Sie diese Person schätzen oder mögen.
  • Wenn Sie alles mit ‚Nein‚ beantworten: Könnte es sein, dass andere Personen in Ihrer Umgebung anders darüber denken (vielleicht fragen Sie sie).

Wenn Sie ein oder mehrere Fragen mit ‚Ja‚ beantworten, dann befindet sich vermutlich ein psychischer Fremdkörper in Ihnen – in der psychoanalytischen Fachsprache nennt man es ein ‚Introjekt‚, etwas das in der Vergangenheit (ev. in der Kindheit) psychisch in Sie ‚hineingeworfen‘ wurde, wo jemand einen Fußabdruck hinterlassen hat . Dieses Introjekt, diesen Fußabdruck nennt man ‚Identifikation mit dem Aggressor‘.

Tragen Sie dieses Introjekt in sich – und das tut in unterschiedlichem Ausmaß (fast) jeder – dann lohnt es sich, die dahinter stehende Dynamik zu verstehen, es in sich zu finden, zu akzeptieren und sich davon zu lösen. Dann haben Sie einen wichtigen persönlichen Entwicklungs-Schritt gemacht. Dieser Beitrag will Ihnen dabei helfen.

Entstehung der Identifikation

La barbe bleue – Blaubart. Märchen von Charles Perrault (1695), später übernommen von den Brüder Grimm. Eine Aggressor-Opfer-Geschichte.

Was passiert, wenn wir mit körperlicher oder psychischer Gewalt ausgesetzt sind, die wir nicht aushalten – z. B. in der kindlichen Entwicklung in der Familie oder in Heimen oder auch durch politischen Terror und Folter oder anderen traumatischen Erfahrungen. Eine Möglichkeit der Bewältigung dieser Situation ist  Unterwerfung unter sie.1 Die Opfer verinnerlichen diese Gewalt, nehmen sie in sich hinein und identifizieren sich mit dem Gewalt-System und bleiben dadurch möglicherweise lebenslang davon beeinträchtigt. Diese Dynamik nennt man (seit Sándor Ferenczi) „Identifikation mit dem Aggressor„.2

Anna Freud hatte später herausgefunden, dass auch weniger aggressive Verhaltensweisen diesen Mechanismus entstehen lassen. Befürchtete Kritik oder Tadel, phantasierte Gewalt (ohne Traumatisierung) genügen auch.3.

Eine Vorstufe zu dieser Abwehr von Angst durch Identifikation mit dem ‚Aggressor‘ zeigt Anna Freud am Beispiel, wie ein Kind Zahnarzt bei einer Puppe oder einem anderen Kind spielt. Sie identifiziert sich mit dem Zahnarzt, wird aktiv und reduziert so seine Angst.

Mathias Hirsch verglich die beiden Arbeiten von Sándor Ferenczi und Anna Freud und unterschied zwei Formen der Identifikation: Bei der primären, sich unterwerfenden Identifizierung bleiben die Personen Opfer  und suchen später wieder Gewalt-Situationen auf – in einer Art Wiederholungszwang.

In der zweiten, sekundären Identifizierung werden sie selbst zum Täter. und handeln ähnlich wie ihr Aggressor in der Vergangenheit. Wenn sie zurückblicken, meinen sie oft, dass ihnen die ‚gesunden Watsche‚ nicht geschadet hat. Und sie suchen Situationen auf, in denen sie die Möglichkeit haben, wieder zum Aggressor zu werden und Opfer zu schaffen. Dafür haben sie jedoch wenig Bewusstsein, finden rationale Gründe für ihr Handeln und fühlen sich stark und mächtig. 4

Die Analytische Psychologie (z. B. Verena Kast) untersuchte eine dritte Form der Identifikation mit dem Aggressor: Fälle, in denen sich erwachsene Personen (fast freiwillig)  ‚verführen‚ lassen, sich mit dem Aggressor zu identifizieren.5 Noch klarer wird das ausgedrückt von Jay Frankel als bewusste Taktik:6 7

„identification with the aggressor is a tactic typical of people in a weak position.“

Identifikation mit dem Aggressor als Schutz- und Bewältigungs-Mechanismus über Generationen hinweg

Blaubart der Aggressor wird von den Brüdern der Frau getötet – Symbol für die Befreiung von einem Introjekt. Illustration von Gustave Doré zum Märchen ‚Blaubart‘ (1867)

Bei der Identifikation mit dem Aggressor8 übernimmt und verinnerlicht die (Opfer-)Person Merkmale des Aggressors. Sie will ’so sein wie‘, wie der Vater, wie der Lehrer, wie der Chef, … Sie übernimmt Verhaltensweisen, Handlungen, Einstellungen, Meinungen usw., integriert sie in ihr Selbst und wird damit zum neuen Aggressor, ohne dass sie sich dessen bewusst ist und ohne, dass sie es will. Innerlich fühlt sich diese Person noch immer in erster Linie als Opfer. Ihre eigenen aggressiven Handlungen sieht sie eher als unausweichliche Reaktionen – meist auf Verhaltensweisen, die nicht ihrem Selbst entstammen.

Sie hatte diese Merkmale meist gegen ihren Willen und ohne dass es ihr bewusst wurde, übernommen. Es war eine Bewältigungs-Form, eine Möglichkeit mit den Aggressionen des Anderen fertig zu werden und das eigene Selbst davor zu schützen – zu schützen vor den überschwemmenden Gefühlen der Angst und Ohnmacht. So ist es gelungen, das Selbst einigermaßen funktionsfähig  zu halten. Die Entwicklungs-Möglichkeiten des Selbst, die Entwicklung der persönlichen Autonomie wurden jedoch beeinträchtigt. Das war der Preis dafür.

Blaubart der Aggressor. Illustration des Märchens ‚Blaubart‘ von Harry Clarke (1922)

Wenn die betroffene Person die Entstehungs-Geschichte der Identifikation nicht aufarbeitet, dann besteht die Gefahr, dass sie sie der nächsten Generation weitergibt. Vielleicht hat der Aggressor sein Verhalten auch von seinen Vorfahren ‚geerbt‘. So kann eine lange Kette transgenerativer Traumatisierung entstehen.9 Die Familien-Geschichten sind voll von Erzählungen über innerfamiliärer Gewalt über Generationen hinweg verbunden mit elterlichen Kälte, Versagen ihrer Schutz-Funktion und Verachtung der Bedürfnis-Welt. Es werden sowohl Erfahrungen von Traumatisierungen von Opfern aber auch Schulderstickungen von Täter_innen auf Nachkommen weitergegeben.9

Das Kind zwischen Vater und Mutter

Häufig bildet sich die Identifikationen mit dem Aggressor – vor allem in nicht-intakten Familien – in einer Sandwich-Stellung des Kindes zwischen Vater und Mutter aus, wobei einer der Beiden  die Rolle des Aggressors, der Andere die Rolle des Opfers einnimmt.

 

Jochen Peichl beschreibt die Psychodynamik sehr klar.11

„In der Regel steht das Kind zwischen zwei Familienmitgliedern: dem aggressiven, machtvollen Missbraucher (Mann oder Frau) und dem schwachen, passiven, keinen Schutz bietenden Gegenpart des Erwachsenen. Die psychodramatische Rollenvorgabe in einem Familiensystem mit aktiver und passiver Wut saugt das Kind auf wie ein Schwamm. In einem solchen System voller Groll wird das Kind dazu tendieren, nach der Introjektion des Täters, sich auch in einem zweiten Schritt mit dessen machtvoller Aggression zu identifizieren. In  seinem Inneren entsteht eine Identifikation mit dem Aggressor, eine Imitation des Täters (…) und das Kind könnte denken: ‚Ich werde so wie er oder sie und niemand kann mich dann mehr verletzen.“ Die Position der Machtlosigkeit verwandelt sich zumeist in der Fantasie in ‚Unverletzlichkeit‚ und Macht. Zugleich rebelliert das Kind gegen die Internalisierung des schwachen Erwachsenen, der wegen seiner Unfähigkeit, das Kind zu schützen, verachtet wird (täterloyales Introjekt). Das Kind beginnt zwischen einem machtlosen Opfer-Ego-State und dem Ausleben des Täter-Ego-States gegen  sich selbst und andere hin- und herzuschwanken.“

Identifikation mit dem Aggressor im 3. Quadrant des SASB-Modells: Kontrolle und Hass 12
Im Verhaltensmodell der Strukturalen Analyse sozialen Verhaltens (‚SASB‘), das (vereinfacht) Verhaltensweisen und der damit verbundenen personalen Merkmale auf zwei Dimensionen zwischen Liebe und Hass sowie zwischen Freiheit/Autonomie und Kontrolle kategorisiert, wird die Identifikation mit dem Aggressor im Quadrant HassKontrolle eingeordnet. Daran erkennt man: Sich von diesem inneren Objekt (Introjekt) zu befreien, gibt mir selbst und meinem sozialen Umfeld (Familie, Kollegen, …) mehr Lebensqualität.

 

Die Opfer-Aggressor-Thematik im Märchen

Die Opfer-Täter-Konstellation kann sehr gut anhand  des Grimm-Märchens „Blaubart“ analysiert werden13

„Blaubart“, das Märchen (Kurzversion)

Blaubarts Schätze – genug Ressourcen, die es Anderen ermöglichen, sich mit dem Besitzer der Schätze zu identifizieren und ihn in einem positiveren Licht zu sehen – mit der Gefahr, sich von sich selbst zu entfremden. Illustration von Gustave Doré zum Märchen ‚Blaubart‘ (1867)

Chronologie: 14

Blaubart war ein reicher Mann mit blauem Bart. Er hatte große Besitztümer, aber keiner wollte ihn, weil er durch seinen blauen Bart hässlich abschreckend war. Außerdem war er allen ein wenig unheimlich, weil niemand wusste, was mit seinen vorigen Ehefrauen geschehen war.

Er bemühte sich um die Töchter einer Nachbarin, aber keine wollte ihn. Und so lud er die beiden mit ihrer Mutter, ihren Freundinnen und jungen Leuten aus der Nachbarschaft zu einem 8-tägigen Event ein – mit Festmahl und allerlei Aktivitäten, wie Spaziergängen, Scherz und Spiel, Jagd und Fischfang usw. ein, wobei auch Titel und Ehren verliehen wurden. Das Fest war so anregend, dass man kaum zum Schlafen kam.

Nachdem sie eine Woche mit rauschenden Festen verbracht hatte, fand die Jüngste der Töchter Blaubart nicht mehr so hässlich, den Bart nicht mehr so blau und ihn aller Ehren wert. Und so heirateten sie. Sie genoss nun seine Reichtümer und alle Möglichkeiten, die er ihr bot.

Später ging er  auf Reisen ging und übergab ihr alle Schlüssel des Hauses. Er fordert sie auf, die Zeit zu genießen und ihre Freundinnen einzuladen,  er verbot ihr jedoch auch, ein kleines Zimmer am Ende eines langen Gangs im Erdgeschoß  zu erkunden.

Sie tat, wie ihr geheißen, die Freundinnen kamen in Scharen und waren neugierig, den einzigartigen Reichtum des Hauses zu sehen. Die Frau aber drängte es, das kleine, verbotene Zimmer zu erkunden. Sie betrat das Gemach. Nachdem sich die Frau an die Dunkelheit des Zimmers gewöhnt hatte, sah sie mit Schrecken den Inhalt: Der Boden war von Blut befleckt und an den Wänden hingen die Körper mehrerer toter Frauen, ihren Vorgängerinnen. Vor Schreck fiel ihr der Schlüssel aus der Hand und war voller Blut. Und sosehr sie sich auch später bemühte, er ließ sich nicht mehr vom Blut befreien.

Dadurch erkannte ihr Mann nach der Rückkehr, dass sie sein Verbot gebrochen und die verbotene Kammer betreten hatte und wollte sie ermorden. Doch die Brüder der Frau kamen ihm zuvor, sie waren von der Schwester der Frau gerufen worden. Sie retteten ihre Schwester und töteten Blaubart. Nun konnten sie sich den Reichtum teilen und die Frau konnte einen ehrenwerten Mann heiraten.15

Was kann uns das Märchen sagen?

Die Brüder eilen ihrer bedrohten Schwester zu Hilfe. Auch bei der Befreiung von schädlichen Introjekten ist oft Hilfe von außen nötig. Illustration von Gustave Doré,zum Märchen ‚Blaubart‘ (1867)

Wer ist Opfer, wer ist Aggressor im Märchen. Das ist zunächst klar: Blaubart der Aggressor und die junge Frau das Opfer. Wie ist es dazu gekommen, denn am Anfang war es noch nicht so. Blaubart will eine Frau und fragt bei der Nachbarin um eine ihrer Töchter an, aber keine will das. Keiner ist Opfer. Man könnte Blaubart sogar am Anfang als Opfer sehen. Er sucht eine Frau und findet keine, bekommt trotz seines Reichtums Ablehnungen.

Aber man vermutet schon am Anfang Aggressor-Attribute. Der mystische blaue Bart und das Geheimnis über das Schicksal seiner bisherigen Frauen mahnen eher zur Vorsicht, schaffen Distanz  und schrecken die Frauen ab. Die beiden Töchter der Nachbarin lehnen auch zunächst ab, sie sind (noch) keine Opfer, sie bekennen sich zu ihrer Ablehnung und dahinter stehenden Gefühl zu diesem Mann.

Aber Blaubart ist ein reicher und mächtiger Mann. Er hat große Besitztümer und er hat Bedeutung, kann Ehren und Würden vergeben. Reichtum und Macht können verführerische Ressourcen sein.  Zusätzlich kann Blaubart seine (äußeren) Ressourcen gut einsetzen. Ein gewisses Maß an sozialer Kompetenz scheint ihm nicht fremd.  Er organisiert ein rauschendes Fest, zu dem auch die Freundinnen der beiden jungen Frauen und die jungen Leute der Nachbarschaft eingeladen hatte. Ein optimales (und ungefährliches) Umfeld für die beiden Schwestern. Man könnte sagen eine Inszenierung der Verführung. Besser geht es nicht.

Und Blaubart hat Erfolg. Ihre Einstellung, ihre Wahrnehmung hat sich verändert. Der Bart ist plötzlich gar nicht mehr so blau und Blaubart eine ehrenwerter Mann. Sie hat sich verführen lassen, bestechen lassen. Die Distanz zu Blaubart hat sich bei ihr verringert. Die Distanz zu sich selbst, ihren Wahrnehmungen, ihren Einstellungen, ihren Gefühlen hat sich vergrößert. Das ist der Preis der Verführung.

Die Identifikation mit dem Aggressor hat begonnen – mehr Nähe, stärkere Identifikation mit ihm und seinem Leben. Äußerlich hat sie dadurch an Bedeutung zugenommen. Sie verfügt über mehr Reichtum, mehr Möglichkeiten, mehr Macht, und führt den damit verbundenen Lebenstil. Innerlich hat sie an Bedeutung verloren, hat sich verraten, den Bezug zu ihrem Selbst verloren. 16

Identifikation mit dem Aggressor kann man aus dieser Sicht auch verstehen als den Versuch, sich eine vermeintliche (äußere) Bedeutung zuzulegen – mit dem Preis, dass man sich (innerlich) von sich selbst entfernt. 17

„Um zu verhindern, daß man ein Opfer wird, kann man sich
eine vermeintliche Größe zulegen. Das Erlangen dieser
vermeintlichen Größe erfordert oft, dass man sich von sich
selber entfernt. Und das ist bereits ein erster Schritt in
Richtung der Opferposition. Vom Märchen her gesehen: Die
Distanz besteht nicht mehr zum Blaubart, sondern von der
Frau her gesehen zu sich selber.“

Die Wirkung der Identifikation mit dem Aggressor

Bluebeard. (1889). Illustrator unbekannt.

Der Person, die Objekt des Aggressors war und jetzt selbst zum Aggressor geworden ist, ist dieses Verhalten häufig nicht bewusst, wenn sie nicht ein sehr hohen Level der Selbst-Reflexion oder – z. B. im Rahmen einer Therapie-Ausbildung – eine Eigen-Therapie erfahren hat. Auch wenn das Muster nicht bewusst ist, so ist doch meist die ‚Introjekt-Erfahrung‘ bewusst: „Was ist da über mich gekommen? Ich kann mir das selbst nicht erklären. Es ist, als wäre etwas Fremdes über mich gekommen.“ oder so ähnlich. Das berichtet auch Dunja Voos als ‚Stempel-Erfahrung‘:18

„Da ist dieser Druck in mir. Diese Spannung, die so langsam aufsteigt und sich in meinem ganzen Körper breit macht. Und der, der mir gegenüber steht, verwandelt sich in jemanden, der mir nichts geben mag, der mir den Weg nicht frei macht, der Druck auf mich ausübt und dann bleibt mir nichts anderes übrig, als ihn in den Schwitzkasten zu nehmen. Ich denke nicht darüber nach. Es ist tief in mir. Es ist fremd, aber es gehört doch zu mir. Es hat niemals angefangen, es war immer schon da. Und wenn es zu Ende ist, komme ich zu mir und denke: ‚Was habe ich da wieder getan? Das nächste Mal will ich mich beherrschen.’“

„Ich fühle mich, als hätte jemand einen Stempel ganz tief in mich reingedrückt“, sagt ein Betroffener. „Es ist wie eine Brandmarke.“

In diesem unbewussten Geschehen entstehen manchmal doch auch ‚Bewusstseins-Blitze‚ in einer Art inneren Dialogs, z. B. „Ich handle so, wie (früher) meine Mutter gehandelt hat.“ Trotz mancher Bewusstseins-Blitze bleibt die Intensität der Erregung unbewusst. Die emotionale Ladung entsteht, da die alten, unbewältigten Konflikte wieder aufflammen: Zu den aktuellen Emotionen kommen die alten, unverdauten dazu, die meist viel stärker sind. Das Verhalten ist für mich selbst genauso unverständlich, wie für die Betroffenen. Und diese empfinden genau diejenigen Emotionen, die sie vielleicht später an Andere weitergeben.

Was hat das Ganze mit Führungskräften zu tun?

Führungskräfte haben mehr Wirkung als andere Personen im unternehmerischen Umfeld. Sie haben einen Multiplikator-Effekt.19 Führungskräfte beeinflussen in positivem wie im negativen Sinn. Sie beeinflussen nicht nur das Leistungs-Verhalten sondern auch das psychische Erleben und die Lebensqualität der Mitarbeiter_innen. Führungskräfte sind sich dieses starken Einflusses häufig nicht bewusst. Sie unterschätzen ihre Wirkung.

Führungskräfte wirken nicht nur durch ihre Handlungen, ihre Entscheidungen, ihre Erfüllungen der der Führungsaufgaben, ihrer Kommunikation, ihren Unterlassungen usw. Sie wirken auch durch ihre Persönlichkeit, allein durch ihr ‚Dasein‘ (oder auch Nicht-Dasein).

Aus all diesen Gründen kann plausibel gemacht werden, dass es wichtig ist, dass Führungskräfte für die Entwicklung ihrer eigenen Persönlichkeit sorgen. Sie sollten ein gutes Selbstbild, ein gutes Selbst-Konzept haben, sollten auch die dunklen Schatten-Seiten ihrer Persönlichkeit kennen. Diese Schattenseiten gilt es zu erkennen, zu bearbeiten, wenn möglich sie zu integrieren und zu Ressourcen zu transformieren. Dann verbessert sich die Kommunikation und das Führungsverhalten. Unbeabsichtigte Abwertungen, Verletzungen usw. werden vermieden. Den Introjekten und vor allem den ‚Identifikationen mit dem Aggressor‚ kommen dabei besondere Bedeutung zu.

Aber nicht nur auf die Führung der Mitarbeiter, auch auf die ‚Führung nach oben‘, dem Umgang mit dem eigenen Chef hat die Wirkung der eigenen Persönlichkeit entscheidenden Einfluss. In beiden Fällen ist Ich-Stärke entscheidend. Und Introjektionen torpedieren die Ich-Stärke entscheidend – sowohl in der Täter-, als auch in der Opfer-Rolle incl. der Rolle als Verführungs-Opfer wie im Blaubart-Märchen. In einer Rezension20 wird zusammengefasst, …

„… dass jemand dann in Gefahr ist, zu einem Opfer zu werden, wenn er seine eigentlichen Gefühle nicht wahrnimmt und sich mit den vermeintlich attraktiveren Werten einer Person identifiziert, die aggressiv über anderen Menschen hinweggeht.“

Und wer kennt dieses aggressive Hinweggehen über andere Menschen im unternehmerischen Alltag nicht. Oder, wie Verena Kast es ausdrückt:21

„Begegnet man einem bedeutsamen Menschen, ist es viel schwieriger, die eigenen Gefühle und die eigenen Ansichten zu behalten, als wenn jemand nicht so sehr bedeutsam ist.“

Was tun?

Was kann man tun, um diese unbewussten Identifikationen aufzudecken und zu bewältigen.

  • Rückmeldungen und Selbst-Reflexion. (Hören, wie Andere mich erleben. Nachdenken über eigene Erfahrungen.)
  • Erhöhung der emotionalen und sozialen Kompetenz. (Die eigenen Gefühle erforschen, mit ihnen umgehen lernen. Lernen mit Anderen respektvoll umzugehen.)
  • Erforschung der eigenen Familie, Familien-Aufstellungen usw. (Die eigene Position und die eigenen Erfahrungen in der Ursprungs-Familie klären. Alte Muster in der Familien-Dynamik erforschen)
  • Persönlichkeits-Coaching und Psychotherapie. (Längerer Prozess der eigenen Erforschung und Entwicklung.)

Bei all diesen Bemühungen wäre es wichtig, die Selbst-Akzeptanz, das Selbstwert-Gefühl, die Emathie zu sich selbst zu erhöten.22   23

„Statt sich zu bemitleiden, wäre es wichtig, in einer so schwierigen, beschämenden Situation mit sich selbst empathisch zu sein. Mitgefühl mit sich selbst zu entwickeln, sich die ganze Misere dieser Situation ohne Selbstvorwürfe einzugestehen. Dann würden vielleicht Ideen auftauchen, wie man sich aus dieser Opferposition herausbewegen kann.“

Reflexions-Fragen

  • Mit welcher Rolle im Blaubart-Märchen identifiziere ich mich eher, der Blaubart-Täter- oder der junge-Frau-Opfer-Rolle?
  • Wie verhalte ich mich, wenn meine Ideen, Absichten, Meinungen, … auf Widerstand stoßen? – stärker in der Täter- oder Opfer-Rolle?
  • Blaubart wird nachgesagt, er könne keine Nähe ertragen. Zwar heiratet er Frauen, vielleicht braucht er das für seinen gesellschaftlichen Status oder seinen Ruf. Wenn die Beziehung zu nahe wird, beseitigt er sie wieder und sperrt sie in sein ‚Schatten-Kämmerlein‘.
    – Wieviel Nähe kann ich ertragen?
    – Wie gut kann ich anderen Menschen ’spürend‘ begegnen?
  • Blaubarts Opfer hinterfragen die psychische Reife des Mannes nicht. Sie lassen sich verführen, blenden – vom Reichtum, seinen gesellschaftlichen Status, dem Leben, das er ihnen bieten kann usw. Sie benutzen ihn für ihre (äußeren) Ziele nach sozialem Aufstieg, mehr Bedeutung, mehr Ressourcen, …
    – Wie anfällig bin ich für (äußere) Verführungen?
    – Wo sehr vertraue ich meinen Gefühlen?
    – Wo gebe ich meine Meinungen, Einstellungen usw. auf und übernehme Positionen, die (vermeintlich) erfolgreicher, bedeutender, angesehener sind?
    – Wie authentisch lebe ich?

Querverweise

Literatur & Links

Identifikation mit dem Aggressor (psychoanalytische Sicht)

Ego-State-Therapie und Identifikation mit dem Aggressor

Integrative Therapie (H. Petzold) und Identifikation mit dem Aggressor

 

Opfer-Aggressor-Konstellation in der Analytischen Psychologie

 

Märchen: Blaubart

Transgenerative Traumatisierung

 

Structural Analysis of Social Behavior (SASB)

 

Identifikation mit dem Aggressor und Gerichts-Psychiatrie

  • Reinhard Haller: Das Böse: Die Psychologie der menschlichen Destruktivität. Ecowin, 2019. (Kap. 6: Die bösen Gefühle)
  1. Sándor Ferenczi nannte diese Unterwerfung auch ‚identifikatorische Anerkennung‚.  Vgl. Sándor Ferenczi: Sprachverwirrung zwischen den Erwachsenen und dem Kind.   
  2. Sándor Ferenczi hat diese Dynamik (erstmals) untersucht, sie den Introjektionen zugerechnet und ihr den Namen „Identifikation mit dem Aggressor“ gegeben. Vgl. Sándor Ferenczi: Sprachverwirrung zwischen den Erwachsenen und dem Kind. Vgl. auch Mathias Hirsch: Zwei Arten der Identifikation mit dem Aggressor. Vgl. auch meinen Beitrag zu den Abwehr-Mechanismen und den Introjektionen
  3.   Vgl. Anna Freud: Die Identifizierung mit dem Angreifer. Vgl. auch Mathias Hirsch: Zwei Arten der Identifikation mit dem Aggressor, S. 201. Anna Freud nannte diesen Abwehr-Mechanismus „Identifizierung mit dem Angreifer“
  4.   Mathias Hirsch hat diese beiden Formen der Identifikation sehr treffend formuliert (Psychoanalytische Traumatologie, S. 260):

    „Wie gesagt, erzeugt traumatische Gewalt zwei Formen der Identifikation mit dem Aggressor, die primäre unterwerfende und die sekundäre mit dem Täter. In der erstgenannten, masochistischen Identifizierung, die immer  noch das Attribut ‚weiblich‘ trägt, produziert die introjizierte Gewalt, das traumatische Introjekt, entweder Symptome oder führt dazu, dass im Wiederholungszwang immer wieder Täter gefunden und Gewaltkonstelllationen aufgesucht werden, die dem ursprünglichen Trauma entsprechen.
    Ob Täter immer primär in irgendeiner Form Opfer gewesen sind, bleibe dahingestellt, jedenfalls ist die Chance, eine Therapie zu beginnen und durchzuführen, für sie umso größer, je mehr sie sich dessen bewusst sind. Ansonsten leiden ja nicht sie selbst, sondern machen andere leiden, rationalisieren ihr Handeln, weisen jede Schuld von sich, fühlen sich in Ordnung und mächtig. Diese Art der sekundären Identifikation meinte Anna Freud;
    … einem solchen Täter haben, wie er selbst meint, ‚die Prügel nicht geschadet‚, die er selbst einmal empfangen hat, er schlägt sich auf die Seite der Mächtigen in einer immer noch ‚männlichen‘  Form der Identifikation mit dem Aggressor, einer sadistischen Form, mit der er das Opfer in sich verleugnet und neue Opfer schafft. Als Kind misshandelt und missbrauchte Frauen werden viel häufiger Partner finden, die sie zum Opfer machen (allerdings sind auch sie prädisponiert, ihre Kinder zu traumatisieren und sie nicht vor Gewalt zu schützen), während Männer eher Schwächere (z. B. Angehörige von Randgruppen) aggressiv angreifen oder sexuell ausbeuten.“

  5.   Vgl. unten: Identifikation mit dem Aggressor im Märchen.
  6.   Jay Frankel: Exploring Ferenczi’s Concept of Identification with the Aggressor
  7.   Ähnlich Elizabeth F. HowellFerenczi’s Concept of Identification with The Aggressor:

    „To expand upon Ferenczi’s observations, identification with the aggressor can be understood as a two-stage process. The first stage is automatic and initiated by trauma, but the second stage is defensive and purposeful.“

  8.   gemeint ist hier die sekundäre Identifikation als Täter
  9.   Vgl. Angela Moré: Die unbewusste Weitergabe von Traumata und Schuldverstrickungen an nachfolgende Generationen
  10.   Vgl. Angela Moré: Die unbewusste Weitergabe von Traumata und Schuldverstrickungen an nachfolgende Generationen
  11.   Jochen Peichl, Traumalandschaft, S. 239
  12.   aus: Jochen Peichl, Traumalandschaft, S. 239
  13.   Vgl. Verena Kast: Abschied von der Opferrolle.  Die Grimm’sche Version des Märchens findet sich in: Brüder Grimm: Blaubart  
  14.   Chronologie des Märchens als psychischer Entwicklungsprozess: (Britta Kaikhosrowi: Der Blaubart)
    • Blaubarts Verführungskünste
    • Die Schlüsselübergabe und das Versprechen
    • Inspektion des Schlosses
    • Betreten der verbotenen Kammer
    • Blaubarts Rückkehr und das Geständnis
    • Einkehr der Brüder und der Tod Blaubarts
    • Das Erbe der Frau

  15.   Text im Anschluss an Verena Kast: Abschied von der Opferrolle. S. 24
  16.   Vgl. Verena Kast: Abschied von der Opferrolle. S. 22 f. In Kast’s Worten:

    „Sieht man diese Situation (Nach dem Fest bzw. nach der Hochzeit) nun unter der Aggressor-Opfer-Thematik, dann würde man sagen, dass der Blaubart zu Anfang wenig Macht, und die jungen Frauen verhältnismäßig große Macht hatten. Er sucht
    Nähe, sie wehren ihn ab. Das ist die erste Phase – die Distanz.Daraufhin verführt er sie mit allem, was er hat – nicht mit dem, was er ist -, und jetzt nähert sich ihm die Jüngste in der Macht in etwa an.
    In der dritten Phase – der Phase der Hochzeit und nach der Hochzeit – verändert sich das Verhältnis nochmals entscheidend. Es ist nicht so, dass der Aggressor immer Aggressor bleibt und das Opfer immer Opfer. Opfer und Aggressor können sehr leicht die Rollen vertauschen. Die Frau gewinnt zunächst noch durch die Identifikation mit seiner Macht an Bedeutung, diese ist aber in Bezug auf ihr wahres Selbst kleiner geworden. Sie ist nicht mehr bei sich, sie hat ihr Gefühl verraten. Der Mann mag noch so reich sein,der blaue Bart, der wohl gespenstisch anmutete, der Angst auslöste und dadurch Distanz erzwang, hat sich keineswegs verändert, auch wenn er ihr weniger blau zu sein schien. Sie bringt aber ihr berechtigtes, misstrauisches Gefühl zum Schweigen und verrät sich selbst. Sie verliert also an wirklicher Macht, die man natürlicherweise hat und die man, wenn man mit sich selbst im Lot ist, auch nicht missbrauchen muss. Aber von der Welt der äußerlichen Bedeutung her gesehen ist sie außerordentlich mächtig. Die Identifikation mit dem Angreifer gibt eine vermeintliche Größe.
    Eine solche „Identifikation mit dem Angreifer“ ist auch ein bekannter Abwehr- oder Bewältigungsmechanismus: Ängstigen wir uns vor jemandem, dann können wir seinen Stand- und Gesichtspunkt übernehmen, uns selber dabei verraten und dabei vorübergehend unser Selbstwertgefühl stabilisieren, weil wir ja vermeintlich mit dem Starken einig gehen – wir sind identifiziert mit dem Angreifer.“ 

  17.    Verena Kast: Abschied von der Opferrolle. S. 24
  18.   Dunja Voos: Identifikation mit dem Aggressor 
  19.   Vgl. den Beitrag zum Multiplikator-Effekt.
  20.   HRM-Redaktion: „Abschied aus der Opferrolle“. Blaubärte und Opfer im Job.  
  21.   Verena Kast: Abschied von der Opferrolle. Aus: HRM-Redaktion:Blaubärte und Opfer im Job
  22.   Vgl. meinen Beitrag zur Selbstliebe.  
  23.   Zitat von Verena Kast: Abschied von der Opferrolle. Aus: HRM-RedaktionBlaubärte und Opfer im Job
  24.   „Die reale Schuld des Täters (die jener nicht anerkennt) wird zum Schuldgefühl des Opfers (das unschuldig ist), weil das Introjekt wie ein feindlich verfolgendes Über-Ich Schuldgefühle macht.“ – S. 14
  25.   „In ‚Die Fesseln der Liebe‘ zeigt die New Yorker Psychoanalytikerin, warum wir Unterwerfungsverhältnisse annehmen und oft sogar noch selbst vertiefen. Sie beschreibt den komplexen psychischen Prozeß, der beide Seiten in Fesseln schlägt und zu Komplizen macht. Die Autorin spürt diese Strukturen in unserem Familienleben auf, in gesellschaftlichen Institutionen, vor allem in unseren sexuellen Beziehungen – entgegen bewußtem Engagement für Gleichheit und Freiheit.“ (Klappentext)

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