Starke Emotionen in Konflikten

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Konflikte und Emotionen

Wer hat das noch nicht erlebt: In Konflikt-Situationen kommt es zu starken Emotionen, oft emotionalen Ausbrüchen, Laut-werden, Schrei-Duellen, emotionalen Flucht-Reaktionen (weglaufen und Tür zuknallen) bis zu körperlichen Tätlichkeiten und sozialen Kriegs-Ausbrüchen. Viele Personen fühlen sich von solchen Auseinandersetzungen abgewertet, gekränkt und verletzt1

Je höher der Konflikt eskaliert ist2, desto wahrscheinlicher sind emotionale Ausbrüche. Aber es kommt nicht nur auf die Konflikt-Situation mit der dementsprechend Eskalations-Stufe an sondern auch auf personale Elemente, auf die Personen, die in dem Konflikt beteiligt sind und deren psychischer Struktur.3.  Es gibt in der Psychologie zahlreiche Erklärungs-Modelle und Theorien, die uns einen Beitrag liefern können, wie und warum es zu dieser emotionalen Ladung kommt und wie man mit eignen starken Emotionen und denen der Konflikt-Partner umgehen kann und soll. Ich will hier auf einige hinweisen.

Ziel des Beitrags ist:

  • Die eigenen Emotionen besser zu verstehen.
  • Mit starken Emotionen Anderer besser umgehen zu können (Coping-Strategien, Handlungs-Repertoire erweitern.

Modell der sozialen Intelligenz von Daniel Goleman

Zur sozialen Intelligenz gehören nach 4 folgende Fähigkeiten:

Die eigenen Emotionen kennen

Dazu gehören:

  • Die eigenen Emotionen / Gefühle erkennen („Ich bin wütend“)
  • Sie auch zu akzeptieren – nicht nur allgemein, sondern vor allem auch in der aktuellen Situationen, wenn sie aktiv sind, wenn sie mein Erleben und Verhalten beeinflussen, vielleicht sogar dominieren.
  • Emotionen nicht ablehnen, sie nicht vermeiden, sie nicht bekämpfen, sich ihnen nicht ausgeliefert fühlen.

Emotionen beeinflussen

  • Emotionen in emotionalen Situationen konstruktiv / angemessen ausdrücken.
  • Emotionen nicht dramatisieren, nicht verharmlosen
  • Selbstregulation: Sich beruhigen können, negative Emotionen so abschwächen können, dass ich handlungsfähig bleibe (bei sozialer Verletzung, Enttäuschung, Angst, Ärger, …)
  • Emotionen ausdrücken ohne emotional zu werden.

Emotionen in die Tat umsetzen

  • Selbstmotivation: Emotionen nutzen, um eigene Ziele zu errichen
  • kurzfristige emotionale Impulse handhaben können. Belohnungs-Aufschub steuern können.

Empathie

  • Das Erleben anderer Menschen verstehen können (auch wenn sie andere Einstellungen, Auffassungen haben als ich).
  • Erkennen, was andere fühlen, empfinden, wollen, brauchen, …
  • auch versteckte (körpersprachliche) Signale erkennen, vor allem Ablehnung und Zustimmung.

(Konstruktiver) Umgang mit Beziehungen

  • Beziehungen langfristig positiv gestalten können.5
  • Positive Gefühle (eigene und die Anderer) verstärken können (vgl. die ACR-Methode  oder die Methode des GlücksTagebuchs in der Positiven Psychologie6 7
  • Beziehungs- bzw. Kommunikations-Sünden vermeiden 8: Vorwürfe, Abwertungen, Abwehr / Rechtfertigung, Mauern / Rückzug, …
  • ein positives Beziehungs-Konto aufbauen9

Emotionale Kompexe in der Tiefenpsychologie (C. G. Jung)

Komplexe in Konflikten

In der Analytischen Psychologie gibt es das Konzept Komplexe.10 Komplexe spielen im Verständnis von Konflikten eine überragende Rolle. Nach meiner Erfahrung können sie die psychische Dynamik aller Konflikte erklären. So höre ich den Wunsch vieler Teilnehmer in Konfliktseminaren: „Ich möchte lernen, mich in Konflikten zu beherrschen.“, „Ich bin ein emotionales ‚Heferl‘ und möchte das loswerden.“, „Mein Problem ist, dass ich sehr schnell emotional werde.“, „Ich werde leicht wütend und schreie die Leute an. Danach tut mir das leid.“ und ähnliche Bemerkungen. Was hier beschrieben wird ist meist die Aktivierung eines psychischen Komplexes, eines emotionalen Zentrums, eines Hotspots der Psyche. Dabei werden ‚alte GEfühle‘ freigesetzt, Gefühle, die aus einer früheren Zeit, oft auch der Kindheit stammen. Dort wurden sie nicht verarbeitet und „warten auf ihre Befreiung“. Oft erfolgt das zu einem besonders ungünstigen Zeitpunkt und man fragt sich: „Was hat mich da ergriffen.“ Dann passt nicht mehr die Feststellung „Ich habe einen Konflikt“, sondern „Der Konflikt hat mich.“11

Was sind psychische Komplexe?

Was versteht man unter Komplexen? Doris Cech gibt eine gute Zusammenfassung 12

„Komplexe sind für Jung die „via regia“ zum Unbewußten. Komplexe sind der Definition nach eine Ansammlung von Bildern und Vorstellungen, welche sich um ein (oft unbewußtes) Zentrum gruppieren. Sie sind durch eine äußerst intensive emotionelle Tönung miteinander verbunden und beeinflussen unser Handeln und Fühlen in größtem Ausmaß.
Komplexe sind natürliche Phänomene, welche sich sowohl in positiven als auch negativen Linien entwickeln. Wenn es dem Ich gelingt, eine bewußte Beziehung zu seinen Komplexen herzustellen, tragen sie wesentlich zur Vielfalt und zum Erlebnisreichtum unserer Persönlichkeit bei.
Komplexe können auch als eine Art autonome Teilpersönlichkeiten verstanden werden, welche miteinander in Dialog stehen.“

Die wissenschaftliche Definition dazu lautet:13

„Gefühlsbetonte Vorstellungskomplexe, kurz Komplexe, sind in der  Analytischen Psychologie verdichtete, generalisierte, konflikthafte Beziehungserfahrungen, die emotional betont und mehr oder weniger verdrängt, das heißt unbewußt, sind. Werden sie thematisch (Information) oder über die Emotion angesprochen (Vgl. Konstellation/konstellieren), entsteht eine komplexhafte Reaktion: Das Individuum nimmt die Situation im Sinne des Komplexes wahr (Verzerrung der Wahrnehmung), reagiert emotional überschießend oder mit  Abaissement (( eine Art Katharsis)) und  Depression, und es finden stereotype Abwehrprozesse statt (Widerstand), was zu einer Art von Wiederholungszwang führt (). Beziehungserfahrungen zu den wichtigsten Beziehungspersonen werden generalisiert als Mutter- bzw. Vater-Komplex.

Bei Komplexen handelt es sich um unbewusste Schatten-Anteile, häufig um ‚blinde Flecken14.

Komplexe entstehen durch psychische Verdichtungsprozesse, Komplex-Episoden, deren Inhalte sich zu einem einzigen Bündel clustern. Werden sie aktiviert, so konstelliert sich die volle überschießende emotionale Ladung, auch die der (unverarbeiteten) Beziehungserfahrungen der Vergangenheit zu diesem Komplex.15.

Was tun?

Wie oben beschrieben, entladen sich häufig Komplexe in Konflikten  und  tragen dort zur Eskalation bei. Natürlich gibt es zahlreiche „Ratschläge“ vor allem aus dem mentalen Bereich und im Rahmen der Verbesserung der sozialen Intelligenz.  Sie haben den Vorteil, dass sie relativ kurzfristig erlern- und anwendbar sind, haben abe rden Nachteil, das sie nur mäßig wirken. Vor allem, wenn das Gegenüber, der Konflikt-Partner eskaliert, werden diese erlernten Ratschläge ‚vergessen‘ und die alten emotionlaen Muster übernehmen die Oberhand.

Will man echte Verbesserung erreichen, so sind persönliche Entwicklungsschritte notwendig. Vor allem ist  Vergangenheits-Arbeit oft nicht zu umgehen, obwohl viele meinen, sie könnten sich das ersparen. „Ich will mich mit dem alten Mist nicht mehr beschäftigen, ich will in die Zukunft schauen.“ hört man dann oder ähnliche Bemerkungen. Aber ein gewissen Maß an Rück-Erinnerung, an Erkenntnis, wo die Verletzungen entstanden sind meiner Erfahrung nach notwendig, um den negativen Komplexen „die Ladung zu nehmen„, auch wenn die psychische Struktur grundsätzlich bestehen bleibt. Ich muss die alten Wunden erkennen, spüren und wenn möglich auch ausdrücken, um ein gewisses Maß an innerer Befreiung zu erlangen16 und die Verletzungen in positive Potenziale umzuwandeln und zu integrieren.

Disidentifikation der Gefühle (Psychosynthese)

In der Psychosynthese, einer Therapie-Schulde die auf Roberto Assgioli zurückgeht gibt es ein Tool, das hilft, sich nicht als Opfer der Situation zu sehen, sondern sie aktiv gestalten zu können: Disidentifikation. Es geht dabei, sich vpm der unbewussten Identifikationen mit Teilen des Selbst zu lösen, sich zu dis-identifizieren.  Assagioli formuliert dies in einer bekannten, einfachen Formel:17

„Ich habe Gedanken, aber ich bin nicht meine Gedanken.
Ich habe Gefühle, aber ich bin nicht meine Gefühle.
Ich habe Wünsche, aber ich bin nicht meine Wünsche.
Ich habe einen Körper, aber ich bin nicht mein Körper.
Ich bin ein Zentrum reiner Selbst-Bewusstheit.“

Reflexionen mit dieser Formel, können helfen, überbordende Gefühle in Konflikt-Situationen unter Kontrolle zu bringen.

Die Weisheit der Gefühle

Gefühle enthalten Informationen, Informationen die aus unbewussten oder semi-bewussten Schichten unseres Selbst stammen, in unserem emotio0nalen Erfahrungsgedächtnis gespeichert sind. In den Neuro-Wissenschaften gibt es zahlreiche Belege dafür.18 Gefühle, Emotionen, Affekte sind die Basis für Intuitionen, Zugänge jenseits der rationalen Begrenzungen, z. B., wenn Entscheidungen mit komplexer Datenlage schnell getroffen werden müssen.19

Unterschiedliche Gefühle haben unterschiedlichen Informations-Wert: Z. B. zeigen Ärger oft Grenzüberschreitungen an, Ängste warnen uns vor Gefahren usw.  Werden sie jedoch zu heftig, so erleben wir sie als störend und verdrängen sie.  Wir können sie dann nicht nützen, im Gegenteil, sie machen uns zu schaffen. Es ist wichtig, sie wahrzunehmen, und zu reflektieren. Zudem zeigt sich, dass es hilft mit negativen Gefühlen gut umgehen zu können, wenn man ganz bewusst positive Gefühle integriert.

 

Literatur und Links

emotionale Intelligenz

Daniel Goleman: Emotionale Intelligenz. Hanser, München 1996; dtv, München 2011

Ernest H. O’Boyle Jr. u. a.: The relation between emotional intelligence and job performance: A meta-analysis. In: Journal of Organizational Behavior. 31, Nr. 5, Juli 2011, S. 788–818. Aus:  . http://www.eitrainingcompany.com/wp-content/uploads/2012/12/EI-and-job-performance-meta-analysis.pdf.   doi: 10.1002/job.714.

 

emotionale Kompetenz

Werner Stangl: emotionale Kompetenz.  Aus: /lexikon.stangl.eu. 2020. https://lexikon.stangl.eu/17243/emotionale-kompetenz/.

Werner Stangl: soziale Kompetenz.  Aus: /lexikon.stangl.eu. 2020. https://lexikon.stangl.eu/8857/soziale-kompetenz/.

Heiner Rindermann: Emotionale Kompetenz. In W. Sarges (Hrsg.), Management-Diagnostik (S. 443–451). Göttingen: Hogrefe 2012. Aus: portal.hogrefe.com. https://portal.hogrefe.com/dorsch/emotionale-kompetenz/.

Komplexe (Analytische Psychologie und Psychotherapie)

Verena Kast: Die Dynamik der Symbole. Grundlagen der Jungschen Psychotherapie
Patmos, 2007 (Olten, Walter 1990, 1999)
Verena Kast: Komplex. In: Gerhard Stumm, Alfred Pritz (Hrsg.)  Wörterbuch der Psychotherapie, Springer, pp 357-358. Aus: link.springer.com. https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-211-99131-2_971.
Brigitte Dorst: Therapeutisches Arbeiten mit Symbolen: Wege in die innere Bilderwelt. Kohlhammer Verlag, 2007.
Linda Briendl: Die überschattete Emotion: von der Peinlichkeit zur Selbstverachtung. Vortrag, 17. April 2007, im Rahmen der 57. Lindauer Psychotherapiewochen 2007. Aus: www.lptw.de. 2007. https://www.lptw.de/archiv/vortrag/2007/Briendl-Linda-Die-ueberschattete-Emotion-von-der-Peinlichkeit-zur-Selbstverachtung-Lindauer-Psychotherapiewochen2007.pdf.

Psychosynthese

Roberto Assagioli: Handbuch der Psychosynthese. Grundlagen, Methoden und Techniken. Nawo, 2004.
Piero Ferrucci: Werde was du bist. Selbstverwirklichung durch Psychosynthese. Rowohlt, 1986.
Ursel Neef, Georg Henkel:  Psychosynthese – Systematisch-Integrativ!. Eine Einführung.
tredition, 2014.
Ursel Neef, Georg Henkel, Sven Kerkhoff: Praxisbuch Systematisch-Integrative Psychosynthese. I. Disidentifikation. tredition, 2015. (Leseprobe)
Züricher Ressourcen Modell
Maja Storch, Frank Krause: Selbstmanagement – ressourcenorientiert. Grundlagen und Trainingsmanual für die Arbeit mit dem Zürcher Ressourcen Modell (ZRM). Huber, 2002.

Die Weisheit der Gefühle

Gerald Traufetter: Intuition. – Die Weisheit der Gefühle. Aus: www.spiegel.de. 23. 9. 2007. https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/intuition-die-weisheit-der-gefuehle-a-507122.html.

Verena Kast: Vom Umgang mit starken Emotionen. Aus: www.berliner-mediationstag.de. http://www.berliner-mediationstag.de/files/Flyer/5BMT.pdf. (flyer)

Verena Kast: Vom Sinn des Ärgers. Herder 2009.
Verena Kast: Neid und Eifersucht. Die Herausforderung durch unangenehme Gefühle. Patmos, Düsseldorf, dtv .
Verena Kast: Freude, Inspiration, Hoffnung. Patmos 2008.
Verena Kast: Konflikte anders sehen. Die eigenen Lebensthemen entdecken. Herder Spektrum, 2008, 2009.

ACR, Positive Psychologie

Passmore, J. and Oades, L. G. (2014) Positive psychology techniques: active constructive responding. In: The Coaching Psychologist, 10 (2). pp. 71­73. Aus: http://centaur.reading.ac.uk/81945/. http://centaur.reading.ac.uk/81945/1/Passmore%20%20Oades%20%282014%29.%20Positive%20Psychology%20Active%20Constructive%20Responding.pdf.
Biodynamik (Gerda Boyesen)

Gerda Boyesen: Über den Körper die Seele heilen. Biodynamische Psychologie und Psychotherapie, München. Kösel. 7. Auflage. 1994.

  1. Vgl. meinen Beitrag: Kränkungen machen krank, Konfliktquelle: Abwertungen 
  2. Zu den Eskalations-Stufen vgl. Fritz Glasl: Konfliktmanagement. 
  3.   Dies entspricht auch der psychologischen ‚Feldtheorie‚, vor allem der Verhaltens-Formel von Kurt Lewin  
  4.   Vgl. Daniel Goleman: Emotionale Intelligenz
  5. Vgl. dazu auch das Modell von John Gottman zur Gestaltung von positiven Beziehungen in meinem Beitrag:  Balance in Beziehungen – John Gottman
  6.   „ACR“ = Active Constructive
  7. Zur Positiven Psychologie vgl. meinen Beitrag ‚Die positive Psychologie‚   
  8. Vgl. meine Beiträge:  Kommunikations-Sünden und -Tugenden, Kommunikations-Fehler – ÜbersichtsblogKonflikt-Quelle: AbwertungenDas Beziehungs-Gift der vier apokalyptischen Reiter, Balance in Beziehungen – John Gottman,  Beziehungs-Typen: Wie Paare mit Konflikten umgehen. Positive Beziehungen im Unternehmen aufbauen – Erkenntnisse aus der Paar-Therapie.    
  9. Vgl. Balance in Beziehungen – John Gottman 
  10.   Vgl. auch: Sag mir, was Dich ärgert und ich sag Dir, wer Du bist: Projektion – Übertragung – Spiegeln.   
  11.   Vgl. dazu Fritz Glasl: Konfliktmanagement.
  12. . z. B. Doris Cech: Schlagwort: Komplexe – Wörterbuch – Schlagwort „Komplex“
  13.   Verena Kast: Komplex.  
  14.   Zum blinden Fleck vgl. das ‚Johari-Window‘ ein Modell von Joseph Luft und Harry Ingham in meinem Beitrag: Offene Kommunikation und das Johari-Fenster
  15.   Vgl. Verena Kast: Die Dynamik der Symbole
  16.   Vgl. das uralte Prinzip der Katharsis, oder auch Gerda Boyesen’s Konzept der ungeweinten Tränen.- z. B. Gerda Boyesen: Über den Körper die Seele heilen.  
  17. Aus: Ursel Neef, Georg Henkel, Sven Kerkhoff: Praxisbuch Systematisch-Integrative Psychosynthese, S. 75
  18.   Vgl. dazu die Zusammenstellung dieser Ergebnisse der Neuro-Wissenschaften im Rahmen des ‚ZRM‘: Maja Storch, Frank Krause: Selbstmanagement – ressourcenorientiert.
  19.   Vgl. dazu z. B. Gerald Traufetter: Intuition. – 

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