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Beziehungen haben starke Wirkungen: Dante und Beatrice: eine unerwiderte Liebe, die Dante in der Göttlichen Komödie verarbeitete. Gemälde von Henry Holiday: Dante trifft Beatrice bei Ponte Santa Trinita. 1883. Walker Art Gallery

Wie man positive Beziehungen aufbauen kann, wurde bisher am intensivsten in der Paar- und Familien-Psychologie und -Therapie untersucht. Wenn von Beziehung die Rede ist, denkt man auch schnell an intime Beziehungen bzw. Partner-Beziehungen. Jedoch sind auch Beziehungen im Unternehmen zu Kolleg_innen, Führungskräften und Anderen für das soziale System im Unternehmen von zentraler Bedeutung. Vor allem für Führungskräfte ist es wichtig, diese Beziehungen auch gestalten zu können. Dies ist Teil der Leadership-Aufgaben.

Ein bekannter und erfolgversprechender Ansatz zu Verbesserung von Beziehungen ist das Balance-Modell von John Gottman. Es lohnt sich, die Erkenntnisse dieses Ansatzes auf Unternehmen zu übertragen, um Impulse zu bekommen,1

  • … wie Kommunikation in Teams gestalten werden sollten,
  • … wie ein positives Klima im Team, in Abteilungen und in ganzen Organisationen aufgebaut werden kann,
  • … wie Führungskräfte mit Mitarbeiter_innen umgehen sollten (und umgekehrt),
  • … wie man positive Netzwerke im Unternehmen und darüber hinaus aufbauen kann,2
  • wie man unnötige Konflikte vermeidet.

John Gottman ist vor allem durch sein ‚Love Lab‚ bekannt geworden. Paare wurden eingeladen, ein Wochenende in diesem Love Lab zu verbringen und Gottman und sein Team konnten meist nach wenigen Minuten voraussagen, ob sich das Paar in der nächsten Zeit scheiden lassen wird oder nicht.3

Übertragt man seine Erkenntnisse4 auf Beziehungen in Unternehmen

  • Beziehungen zu Mitarbeiter_innen,
  • Beziehungen zu Führungskräften
  • Beziehungen zu Kolleg_innen
  • Beziehungen zu ‚Schnittstellen‘
  • Beziehungen zu ‚Stakeholders‘ (Interessen-Vertreter, beteiligte Akteure, …)

so sollten folgende Punkte am ‚Radarschirm‘ auftauchen:5

Die Basis: Emotionale Intelligenz

Die Basis stabiler positiver Beziehungen ist emotionale Intelligenz. Dazu gehört vor allem auch, die Bedeutung, den Wert positiver Beziehungen zu erkennen. Wem das nicht wichtig ist, der hat keine Chance. Stabile positive Beziehungen sind auch Teil eines wirksamen Gesundheits-Managements.6 Emotionale Intelligenz enthält auch ein Repertoire von Rettungsversuchen, um auch bei Konflikten die Negativität nicht außer Kontrolle laufen zu lassen. Gottman beschreibt vor allem 7 zentrale Erkenntnisse („Geheimnisse“) für die Verbesserung von Beziehungen.

1. Die Landkarte des Partners

Man sollte die (innere) Landkarte des Partners7 kennen und auf den neuesten Stand bringen.
Was liebt mein Partner, was will er, was braucht sie? Was motiviert sie? Um diese innere Landkarte  zu erforschen ist vor allem Aufmerksamkeit im Alltag notwendig. Wer nur auf seine (fachliche) Arbeit fokussiert ist, wird es sehr schwer haben, positive Beziehungen aufzubauen und aufrecht zu erhalten. Auch eine Spur Neugier ist hilfreich. Wie sieht es im Inneren meines Partners aus? Wie ist er oder sie ‚gestrickt‘? Wie sieht sie die Welt. Der Partner soll erfahren, dass er es wert ist respektiert und geehrt zu werden, eine besondere Form der Wertschätzung.

2. Zuwendung, Zuneigung, Respekt zeigen

Beziehungs-orientierte Verhaltensweisen zeigen dem Partner, dass man an ihm / ihr und einer positiven Beziehung interessiert ist. Das umfasst ein großes Verhaltens-Repertoire

  • (Aufmerksamkeits-)Zuwendung
  • Pflegen der Zuneigung
  • Bewunderung füreinander
  • den Partner mit Respekt behandeln, vor allem Respekt vor der Andersartigkeit des Partners: vor dem anderen Geschlecht, einer anderen Nationalität, einem anderen Bildungs-Stand, …

3. Pflege des Beziehungskontos – Die Gottman-Konstante

Jede Partnerschaft funktioniert nur gut bei einer gewissen Balance von Geben und Nehmen.  Gotttman verwendet dafür die Vorstellung eines Beziehungskontos, auf dem eingezahlt und ausgezahlt wird, bei dem etwas dazu- oder weg-kommt, auf dem etwas im Soll oder Haben verbucht wird. Man sollte sich in regelmäßigen Abständen überlegen, wie der ‚Kontostand‘ aussieht und sich bemühen, durch Zuwendungen den Kontostand zu erhöhen. Dabei kommt es nicht auf die großen Taten an, sondern auf die kleinen alltäglichen Zuwendungen.

Bei diesem Check spielt die ‚Gottman-Konstante‚ eine Rolle. Gottman hat herausgefunden, dass für jede negative Interaktion (Abwertung, persönliche Kritik, Verletzung, nicht eingehaltene Versprechen, …) fünf positive Interaktionen notwendig sind, um das Konto wieder auszugleichen.

4. Sich auch beeinflussen lassen

Viele Führungskräfte sind der Meinung, sie sind gute Führungskräfte, wenn sie Stärke zeigen und sich möglichst oft durchsetzen. In Wirklichkeit ist es für die Aufrechterhaltung von guten Beziehungen wichtig, sich auch beeinflussen zu lassen, sich führen zu lassen. Nur dann kann auch echtes Vertrauen aufgebaut werden. Das unterscheidet echte Stärke von Sturheit.

5. Lösbare Probleme (und Konflikte) lösen

Gotman nennt als eines seiner ‚Geheimnisse‘ für gute Beziehungen „Lösbare Probleme lösen.“ Es ist seine Bezeichnung und seine Herangehensweise zur konstruktiven Konflikt-Bewältigung. Es ist ein offenes Geheimnis, dass gute Beziehungen sich nicht dadurch auszeichnen, dass nie gestritten wird, sondern darin, dass dies in konstruktiver Weise geschieht (Gottman nennt das ein ‚lösungsorientiertes Konfliktgespräch„) und dass beide Parteien an einer gemeinsamen Lösung interessiert sind.

Zu einem lösungs-orientierte Konfliktgespräch gehört unter anderem …

  • dass die Probleme angesprochen (und nicht unter dem Tisch gekehrt) werden,
  • dass die Ansprache nicht in einem destruktiven Muster des ‚groben Auftakts‚ erfolgt („Du schickst die Mails immer zu spät weg“), sondern als ‚sanfter Auftakt‚(„Du hast die letzte Beschwerde sofort nach unserem Klärungs-Gespräch beantwortet. Das hat mich gefreut und ich würde mir das öfters wünschen.“),
  • dass die Konfliktlösung nach konstruktiven Regeln erfolgt, z. B.
    • mit Ich-Botschaften
    • Klagen (Beschwerden) formulieren statt Verurteilen (negative Kritik)8
    • Hinweise / Erinnern an frühere gelungene Konflikt-Lösungen bzw. Konflikt-Handlungen, z. B. Vorschläge für die Zukunft.
    • Rettungsversuche bei Eskalationen, z. B.
      • Unterbrechen von Eskalationen (z. B. „Vielleicht sollten wir eine kurze Pause einlegen.“)
      • Umlenkung in eine konstruktive Richtung (z. B. „Ich schlage vor, wie machen so weiter: …“ )
      • Humor, humorvolle Anmerkungen
    • sich selbst und unser Gegenüber beruhigen
    • Kompromisse suchen bzw. akzeptieren
    • Fehler des Anderen akzeptieren (keinen Schluss-Strich ziehen9, auch „rote Linien ziehen“ ist meist unproduktiv  ])

6. Überwinden von Patt-Situationen.

Patt-Situationen sind solche, die nicht lösbar sind und daher zu einem Dauer-Konflikt führen. Innen- und Außen-Dienst im Vertrieb sind Beispiele dafür. Sie haben unterschiedliche Anforderungen, unterschiedliche Bedürfnisse, die nicht auf Dauer lösbar sind. Auch Partner mit unterschiedlicher Persönlichkeits-Struktur sind oft in einer solchen Patt-Situation. Einer der beiden will z. B. alles planen, organisieren, Struktur und Ordnung schaffen und schnell entscheiden, der Andere will sich alles offen lassen, spontan agieren und reagieren, das Beste aus der jeweiligen Situation im Hier und Jetzt herausholen, sich keiner Ordnung unterwerfen. Vielleicht haben beide auch unterschiedliche Visionen, unterschiedliche Träume.

Wie kann man diese Differenzen im partnerschaftlichen Umgang überwinden ohne in aggressive Auseinandersetzungen hineinzugeraten? Gottman empfiehlt, nicht die Erwartungen zu reduzieren und so der Beziehung die Energie zu nehmen. Vielmehr empfiehlt er zum ‚Detektiv‚ zu werden (Traum-Detektiv, Bedürfnis-Detektiv, Persönlichkeits-Detektiv): Finde heraus, was die Träume deines Partners sind, seine Bedürfnisse, wie seine Persönlichkeit beschaffen ist, wie er ‚tickt‘. Vielleicht sollte man die Rolle besser als „Forscher“ bezeichnen, da es nicht darum geht, den Anderen zu überführen, sondern den Anderen zu verstehen, Empathie ist die Fähigkeit, die man dazu braucht. Handelt es sich dabei um intime Partner bzw. Ehe-Partner, dann lohnt es sich auch tiefer zu forschen, genauer hinzusehen. Vielleicht kommt man dann drauf, um zu erkennen, warum der Eine Struktur und Planung braucht: vielleicht ist er in einer besonders chaotischen Umgebung aufgewachsen, konnte sich auf die Bezugspersonen nicht verlassen und sehnt sich jetzt nach Ordnung und Berechenbarkeit und verbindet damit ein positives Gefühl von Sicherheit. Vielleicht ist der Andere in einer streng kontrollierten Ordnung aufgewachsen, in dem er sich nicht entfalten konnte und in seiner Entwicklung eingeschränkt war. Und jetzt sucht er Spontaneität und Ungezwungenheit, um seinen inneren Impulsen folgen zu können.

Nach der Erforschung des Partners gilt es, die Unterschiede nicht nur erkennen, sondern auch zu akzeptieren 10und danach Verhandlungen aufzunehmen. In den Verhandlungen sollte definiert werden, was verhandelbar ist und was nicht. Auf dieser Basis soll dann ein befristeter Kompromiss ausgearbeitet werden. In diesem Kompromiss muss enthalten sein, dass die Unterschiede bestehen bleiben dürfen.11

7. Einen gemeinsamen Sinn machen.

Ein weiteres Geheimnis für gute Beziehungen lautet: „Einen gemeinsamen Sinn entwickeln“. Dabei geht es darum, eine ‚Partner-Kultur‚ aufzubauen, gemeinsame Ziele und Werte zu teilen. Diese gemeinsame Kultur entsteht z. B.

  • durch gemeinsame Rituale
  • gemeinsame Erlebnisse
  • Rollenverteilung, die einander ergänzt

Dadurch entsteht eine gemeinsame Geschichte und ein Wir-Gefühl, das die Beziehung stärkt und stabilisiert. Eine gute Partner-Kultur enthält die Werte Wertschätzung und Dankbarkeit sowie das Prinzip, den zentralen Glaubensgrundsätzen des Anderen gegenüber offen zu bleiben.

Literatur und Links

John M. Gottman: The Sience of Trust. Emotional attunement for couples. W. W. Norton, 2011.

John M Gottman: Die 7 Geheimnisse der glücklichen Ehe. Ullstein eBooks, 2014.
John Gottman, Nan Silver: Die Vermessung der Liebe: Vertrauen und Betrug in Paarbeziehungen
Klett-Cotta, 2014.

Lois M. Verbrugge: Multiple Roles and Physical Health of Women and Men. Journal of Health and Social Behavior 1983, Vol. 24 (March): S. 16-30

Lois M. Verbrugge: Marital Status and Health. Journal of Marriage and Family. Vol. 41, No. 2 (May, 1979), pp. 267-285, DOI: 10.2307/351696. https://www.jstor.org/stable/351696

Lois M. Verbrugge: Role Burdens and Physical Health of Women and Men. In Women & Health 11(1):47-77 · February 1986. DOI: 10.1300/J013v11n01_04. https://www.researchgate.net/publication/19423296_Role_Burdens_and_Physical_Health_of_Women_and_Men

  1.   Vgl. John M. Gottman: Die 7 Geheimnisse der glücklichen Ehe
  2.   Jede Führungskraft braucht inner- und über-betriebliche Netzwerke, um gut informiert zu sein, um die negativen Wirkungen der Hierarchie („Amtsweg“) ausgleichen zu können, um die richtigen Prioritäten setzen und gute Entscheidungen treffen zu können, … 
  3.   Mehr Hinweise finden sich in meinem Beitrag: Balance in Beziehungen – John Gottman 
  4.   Gottman nennt sie „Geheimnisse“ – vgl. John M Gottman: Die 7 Geheimnisse der glücklichen Ehe
  5.   Vgl. John M. Gottman: Die 7 Geheimnisse der glücklichen Ehe, Vgl. auch Maria Brohl: Buchbesprechung 
  6. Stabile positive Beziehungen enthalten beinhalten erhöhtes Vertrauen und bewirken Gesundheit. Gottman verweist beiden gesundheitlichen Konsequenzen von stabilen positiven Beziehungen vor allem auf die Forschungsergebnisse von Lois M. Verbrugge – Vgl. John M. Gottman: Die 7 Geheimnisse der glücklichen Ehe, Kap. 1, Lois M. Verbrugge: Multiple Roles and Physical Helth of Women and Men,  Lois M. Verbrugge: Marital Status and Health
  7. Mit Partner meine ich die Bezugsperson, auf die sich der Aufbau der positiven Beziehung richtet. Für eine Führungskraft sind die Mitarbeiter Partner, ebenso die Chefs, die Kollegen usw. 
  8. Vgl. dazu  Balance in Beziehungen – John Gottman – Anhang
  9.   Dazu passt der Spruch: „Fang nie an aufzuhören, hör nie auf, anzufangen“[1.  Vgl. dazu meinen Beitrag: „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne
  10. Akzeptieren wird erleichtert nach dem Prinzip „Es ist, was es ist“. Vgl. dazu meinen Beitrag: Es ist was es ist.
  11.   Das entspricht wieder dem Prinzip ‚Es ist, was es ist.‘ Es ist nicht sinnvoll, anzunehmen, dass man den Partner ändern wird.

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