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SELBSTLIEBE

ein Gedicht von Charlie Chaplin,
Chaplin in der Rolle des Tramps (1915)

Als ich begann mich selbst zu lieben, erkannte ich, dass Schmerz und emotionales Leid nur Warnzeichen dafür sind, dass ich dabei war gegen meine eigene Wahrheit zu leben. Heute weiß ich, das ist AUTHENTIZITÄT.

Als ich begann mich selbst zu lieben, habe ich verstanden, wie sehr es jemanden verletzen kann, wenn ich versuche ihm meine Wünsche aufzuzwingen, obwohl ich wusste, dass es nicht der richtige Zeitpunkt war und die Person nicht bereit dafür war, obgleich ich selbst diese Person war.
Heute nenne ich es SELBSTACHTUNG.

Als ich begann mich selbst zu lieben, habe ich aufgehört, nach einem anderen Leben zu verlangen, und konnte sehen, dass alles, was mich umgab, mich einlud zu wachsen.
Heute nenne ich es REIFE.

Als ich begann mich selbst zu lieben, habe ich verstanden, dass ich in jeder Lebenslage, zur richtigen Zeit am richtigen Ort bin und alles geschieht im absolut richtigen Moment. Also konnte ich ruhig sein. Heute nenne ich es SELBSTVERTRAUEN.

Als ich begann mich selbst zu lieben, hörte ich auf, mir meine eigene Zeit zu stehlen und ich hörte auf, riesige Projekte für die Zukunft zu entwerfen.  Heute mache ich nur das, was mir Wonne und Freude bereitet; Dinge, die ich liebe und die mein Herz zum Lachen bringen. Und ich tue sie auf meine eigene Art und Weise und in meinem eigenen Rhythmus. Heute nenne ich es EINFACHHEIT.

Als ich begann mich selbst zu lieben, befreite ich mich von allem, was nicht gut für meine Gesundheit ist,  von Speisen, Menschen, Dingen, Situationen und von allem, das mich hinunter zog und weg von mir selbst. Anfangs nannte ich diese Haltung gesunden Egoismus. Heute weiß ich, es ist SELBSTLIEBE.

Als ich begann mich selbst zu lieben, hörte ich auf, zu versuchen immer recht zu haben, und seit dem habe ich mich weniger geirrt. Heute habe ich entdeckt, das ist BESCHEIDENHEIT.

Als ich begann mich selbst zu lieben, weigerte ich mich weiter in der Vergangenheit zu leben und mich um die Zukunft zu sorgen. Jetzt lebe ich nur für den gegenwärtigen Moment, in dem alles geschieht. Heute lebe ich jeden einzelnen Tag, Tag um Tag, und ich nenne es ERFÜLLUNG.

Als ich begann mich selbst zu lieben, da erkannte ich, dass mich mein Verstand durcheinanderbringen und krank machen kann. Aber als ich ihn mit meinem Herzen verband, wurde mein Verstand zu einem wertvollen Verbündeten.
Heute nenne ich diese Verbindung WEISHEIT DES HERZENS.

Wir brauchen uns nicht weiter vor Auseinandersetzungen, Konflikten oder irgendwelcher Art Probleme mit uns selbst oder anderen zu fürchten. Sogar Sterne kollidieren und aus ihrem Zusammenprall werden neue Welten geboren.

Heute weiß ich: DAS IST LEBEN!

Hinweis

Dieses Gedicht hat Charlie Chaplin an seinem 70. Geburtstag am 16. April 1956 vorgetragen 12

Dieses Gedicht bezieht sich auf einige ‚Selbst-Dimensionen‚ der Persönlichkeit: Selbstliebe, Selbstakzeptanz, Selbstwertschätzung, Selbstachtung, Selbstvertrauen, …3

Selbstreflexion

Lies das Gedicht langsam durch (ev. mehrmals),
versuche es nicht nur rational sondern ‚ganzheitlich‘ (auch „mit dem Herzen“) AUFZUNEHMEN
und beziehe dann den Text auf Dich und Dein Leben. Nimm Dir genügend Zeit dafür und mache so eine besondere Form der Standortbestimmung Deines Lebens.

Die folgenden Reflexions-Fragen können Dir dabei helfen.

  • Lebe ich nach meiner eigenen Wahrheit? Lebe ich authentisch? Lebe ich „mein Leben“?
    Wo lebe ich nicht mein Leben und wo verursacht mir dies Schmerz und emotionales Leid?
  • Wo versuche ich anderen Wünsche aufzuzwingen – mit der Gefahr, den anderen dabei zu verletzen? (fehlender Respekt)
    Könnte es sein, dass ich selbst auch dieser Andere bin? (fehlende Selbstachtung)
  • Wo verlange ich nach einem anderen Leben anstatt zu erkennen, dass auch alle Schwierigkeiten und Herausforderungen in meinem Leben mich zum Wachstum anregen. Welche Herausforderungen sind besonders geeignet, mein Wachstum und meine Entwicklung anzuregen? Wenn es keine oder nur wenige Herausforderungen in meinem Leben gibt, kann ich mir die Fragen stellen: Lebe ich mein Leben zu sehr in der Komfort-Zone? Wo könnte / sollte ich die Komfort-Zone verlassen und mich echten Herausforderungen des Lebens stellen?
  • Inwieweit kann ich den folgenden Satz akzeptieren? „Ich bin zur richtigen Zeit mit den richtigen Menschen am richtigen Ort
  • Wo stehle ich mir meine eigene Zeit in meinem derzeitigen Leben? Habe ich große Pläne für die Zukunft, bei denen ich jetzt schon weiß, dass ich sie nie realisieren werde? Welche Dinge bereiten mir wirklich Freude und bringen mein Herz zum Lachen?
    Mache ich die Dinge auf meine eigene Art und Weise oder so, wie die Anderen es für ’normal‘ und richtig finden?
    Lebe ich in meinem eigenen Rhythmus oder hetze ich von Termin zu Termin, von Aufgabe zu Aufgabe, von Pflichterfüllung zu Pflichterfüllung. Oder treibe ich träge und lahm dahin? Wie kann ich meinen authentischen Rhythmus finden bzw. verstärken?
  • Was mache ich, was nicht gut für mich und meine körperliche und psychische Gesundheit ist?
    Wer oder was zieht mich hinunter oder von mir weg? (Speisen, Menschen, Begegnungen, Dinge, …) Wo brauche ich mehr gesunden Egoismus – eine Form der Selbstliebe?
    Wovon will ich mich befreien?
  • Wo versuche ich oft, recht zu haben? Wo merke ich oft im Nachhinein, dass ich mich geirrt habe?
  • Inwieweit lebe ich im „Hier und Jetzt„, im derzeitigen Augenblick, im „gegenwärtigen Moment, in dem alles geschieht? Wo denke ich zu oft an die Vergangenheit oder sorge mich um die Zukunft?
  • Wo lebe ich zu sehr im Kopf? Wo dominiert mich mein Verstand? Inweiweit ist mein Verstand mit meinem Herzen verbunden. Wie sehr nutze ich die Weisheit des Herzens? Wie kann ich das verstärken?
  • Wo fürchte ich mich vor Auseinandersetzungen, Konflikten und Kollisionen? Welchen Konflikten gehe ich aus dem Weg – ohne sie zu klären?

In Summe:

  • Welche Bedeutung haben für Dich folgende Qualitäten?
    • authentisch leben
    • mich selbst achten
    • mich entwickeln (der  zu werden, der ich bin – die zu werden, die ich bin) und zu reifen
    • einfach leben, im ‚Hier und Jetzt‘ leben, das zu tun, was mir Freude macht
    • mich selbst zu lieben und zu akzeptieren, so wie ich bin
    • bescheiden zu leben, andere nicht ändern wollen
    • erfüllt zu leben
    • Herzens-Weisheit zu entwickeln
Selbsterfahrungs-Übung
  • Such Dir einen Ort, wo du ungestört bist.Phase 1
  • Nimm einen Spiegel, setz Dich bequem hin und schau einige Minuten in Dein Spiegelbild.
  • Stelle Deine Wahrnehmungs-Antennen nach innen und achte darauf, was in Dir vorgeht: Welche Gedanken kommen? Welche Stimmung entsteht in Dir? Vielleicht kommen auch innere Bilder und Erinnerungen.
    Nimm einfach nur wahr und bewerte nicht.
    Bleib achtsam und spüre auch Deinen Körper. Vielleicht kommen auch von dort Antworten, Reaktionen.Phase 2
  • Dann sieh Dir / Deinem Spiegelbild in die Augen und sage ganze bewusst zu Dir
    • „(Vorname), ich liebe Dich“ oder
    • „(Vorname), ich akzeptiere und liebe Dich, so wie Du bist“
    • oder eine ähnliche Formulierung, die für Dich passt
  • Mach das ein paar Mal und achte darauf, was dabei in Dir vorgeht (emotional, körperlich, gedanklich, …)Phase 3
  • Nimm einen Zettel, einen Block oder besser Dein Tagebuch / Entwicklungstagebuch und dokumentiere Deine Erfahrung.
  • Dann überlege Dir, welche Konsequenzen Du für Dich, Deine Entwicklung und Dein Leben ziehen willst: Was willst Du tun? Was willst Du ändern? … Wie kannst Du zu mehr Selbstakzeptanz und Selbstliebe kommen.
Selbstverliebt (Félicien Rops)
Hintergrund

Wenn Du Dich bei der Selbstreflexion oder Selbsterfahrung zu egoistisch finden solltest, dann bedenke: „Nur wer sich selbst liebt, kann auch andere wirklich lieben.“

Das sagt schon ein biblisches Gebot: „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst“ (Lukas 10,27). Es beschreibt, dass für die Nächstenliebe die Selbstliebe eine Voraussetzung darstellt.

Narziss, Ölgemälde von Caravaggio, 1594–1596, Galleria Nazionale d’Arte Antica, Rom

Selbstliebe ist eine andere Qualität als die Selbstverliebtheit und Selbstbewunderung / Narzissmus eines Menschen, der – alltagssprachlich beschrieben – anderen wenig Beachtung schenkt und sich selbst für wertvoller und wichtiger nimmt als das die Menschen in seiner Umgebung tun. Psychologisch bzw. psychiatrisch gesehen, stellt Narzissmus [vgl. Faust, Psychiatrie] eine Persönlichkeitsstörung, die bereits von Sigmund Freud4 beschrieben wurde, dar.

Selbstliebe ist in mehreren psychologischen bzw. psychotherapeutischen  Schulen ein wichtiges Konzept, z. B. bei Erich Fromm5 oder in der Traumatherapie von Luise Reddemann. 6

 

  1. Originaltext
  2. Übersetzer unbekannt
  3. Diese Dimensionen überschneiden sich teilweise und betonen doch jeweils eine andere Qualität des eigenen Selbst
  4. Vgl. Freud, Zur Einführung des Narzissmus
  5. Erich Fromm: Die Kunst des Liebens. (1956) 60. Auflage, Frankfurt am Main 2003
  6. Website zu Luise Reddemann

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