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Was ist Psychosynthese?

Die Psychosynthese ist ein therapeutischer Ansatz, eine therapeutische Richtung von Roberto Assagioli. Wie die Psychoanalyse von Siegmund Freud und die analytische, archetypische Psychotherapie von C. G. Jung umfasst sie nicht nur als tiefenpsychologischer Ansatz  die unbewussten Anteile des Menschen, sondern stellt sie ins Zentrum der therapeutischen Arbeit und der persönlichen Entwicklung.

Dazu kommt, dass sie auch transpersonale / spirituelle Aspekte als Teile des („höheren“) Unbewussten des Menschen integriert. Nur dann kann, so Assagioli der ganze Mensch verstanden und bei der Entwicklung seines ‚höchsten Potenzials‚ unterstützt werden.1

„Es kann und es muss sich eine „Psychologie des Höheren“ konstituieren, die beides ist: wissenschaftlich und spirituell. Nur auf diese Weise wird es gelingen, den menschlichen Geist in all seinen Aspekten zu verstehen. Wir müssen die niederen Aspekte ohne Angst und Heuchelei anerkennen, dürfen dabei aber nicht jene höheren vernachlässigen, die „mindestens“ ebenso wirklich sind und uns den leuchtenden Weg zeigen, auf dem der Mensch zur freudigen Verwirklichung seines höchsten Potentials gelangen kann.“ Roberto Assagioli

2 Dimensionen: personale und transpersonale Entwicklung

Dementsprechend umfasst der (Selbst-)Entwicklungsprozess (Prozess der Selbstverwirklichung – self-realization) in der Psychosynthese zwei Dimensionen:2

  • Die persönliche, personale Entwicklung (persönliche Psychosynthese) als zunehmende Fähigkeit, eine einmalige, gutartikulierte Individualität zum Ausdruck zu bringen und
  • die transpersonale Entwicklung (transpersonale, spirituelle Psychosynthese), die einen zunehmenden Kontakt zu Erlebnissen des ‚Einheitsbewusstseins3

Synthese als Ziel

Vereinfacht gesagt ist das Ziel der Psychosynthese, alle Anteile und Bewusstseins-Ebenen der Person zu erforschen (zu kennen, zu benennen, zu akzeptieren) und sie in einer Synthese zu einer neuen Ganzheit zusammenzuführen.

„Wir können davon ausgehen, dass alles was wir brauchen, in uns veranlagt ist. Doch kommen unsere „Gaben“ nicht zur Entfaltung, solange wir sie als einzelne Teile betrachten. Unsere Aufgabe ist es, diese „Gaben“ zusammenzuführen und auf nutzbringende Weise zu verwenden. Nichts hat Bedeutung, das wir getrennt betrachten. Doch wenn die Fragmente in einer Synthese zusammenfinden, erwacht eine neue Ganzheit.“
Piero Ferrucci4

Durch diese Synthese kann es gelingen, die Energie des Selbst zu befreien und zum Fließen zu bringen – Selbstentwicklung pur. In diesem Sinne ist Psychosynthese auch Selbst-Fürsorge.5

Das Selbst: Das ‚Ei-Modell‘ – eine Landschaft der Psyche

Das „Ei-Modell“ –  Persönlichkeitsmodell der Psychosynthese 1. das tiefere Unbewusste 2. das mittlere Unbewusste 3. das höhere Unbewusste 4. Bewusstseinsfeld 5. das personale Selbst (= Ich) 6. das transpersonale Selbst (= Seele) 7. das kollektive Unbewusste

Kristallisationspunkt des Synthese-Prozesses ist das Selbst, das sich bei Assagioli auf zweifache Weise zeigt. Er konkretisiert es im Kontext seines Ei-Modells, einer Landkarte der Psyche bzw. Landkarte des Bewusstseins. Das Ei stellt die Gesamtheit unsere Psyche dar dar. Die horizontalen Linien sind Zeitgrenzen: von unten nach oben: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Alle drei Ebenen sind in unterschiedlicher Art und Weise in uns aktiv:

 

(1) Das tiefere / untere Unbewusste beinhaltet die Inhalte unserer Vergangenheit – all das, was wir erlebt, erlitten, erfahren haben, aber jetzt nicht mehr im Bewusstsein ist, weil wir es vergessen, verdrängt, unterdrückt haben. Aber natürlich wirkt es noch, kann uns Schwierigkeiten bereiten, kann uns angenehme Erfahrungen, schöne Zeiten bereiten, ohne dass wir uns der Gründe bewusst sind. Die Erforschung dieses Teils unserer Psyche ist besonders wichtig.

(2) (4) (5) Die mittleren Bereiche betreffen unsere Gegenwart. Es ist das mittlere Unbewusste (2), und enthält alles, das wir problemlos und willentlich ins Bewusstsein (5 – Bewusstseinsfeld) holen  können: Unser Wissen, unsere Fähigkeiten, unsere Erinnerungen (incl. aller emotionalen Färbungen). Z. B.: Ich suche die Schlüssel, mit denen ich gestern die Wohnung aufgesperrt habe. Ich rufe mir in Erinnerung (bringe es ins Bewusstseinsfeld), was ich gestern unmittelbar nach dem Aufsperren gemacht habe und such dort den Schlüssel. Die folgenden Elemente sind etwas schwieriger zu fassen:

(3) Unsere Psyche enthält auch Elemente, deren Realisierung erst in der Zukunft liegen und die dem höheren Unbewussten zugeschrieben werden.

„Es ist der psychische Bereich, von dem ‚wir unser höheren Intuitionen und Inspirationen erhalten – künstlerischer, philosophischer oder wissenschaftlicher Art, ethische ‚Imperative‘ und den Antrieb zu humanitären und heroischen Handlungen. Es ist die Quelle höherer Gefühle, wie der altruistischen Liebe, des Genies und des Zustands der Kontemplation, der Erleuchtung und Ekstase.‘ Die Erforschung des höheren Unbewussten stellt eine unserer wichtigsten und schönsten Aufgaben dar.“
Roberto Assagioli und Piero Ferrucci, zitiert aus Piero Ferrucci : Werde was du bist: Selbstverwirklichung durch Psychosynthese, S. 52 f.

Vereinfacht könnte man diese Elemente als unsere Potenziale bezeichnen, unsere Talente, kreativen Inspirationen, nicht aktualisierten Archetypen, Entwicklungs-Möglichkeiten usw., oder auch Ziele und Pläne, die mit Sinn / einem „Why„, einer Lebensaufgabe verbunden sind. Dieses ‚höhere‘ Unbewusste enthält alle Möglichkeiten, die wir in Zukunft realisieren oder in uns entwickeln können.

(7) Nach Assagioli ist unsere Psyche nicht isoliert, sie ist in das ‚Meer des kollektiven Unbewussten‚ (7) eingebettet. Das dockt an das Persönlichkeitsmodell von C. G. Jung an. Ihm zufolge ist das kollektive Unbewusste „die Vorhausbedingung jeder einzelnen Seele, so wie das Meer Träger jeder einzelnen Welle ist.“

(5) (8) Die  letzten Elemente betreffen das Selbst. Bei Assagioli ist es in zwei Formen wahrnehmbar, als personales und als transpersonales Selbst. Das Selbst erschließt sich als Antwort auf die Frage: Wer (welcher Anteil in uns) kennt all diese Ebenen und Elemente, die bisher beschrieben wurden? Wer nimmt sie wahr? Wer kann sie beobachten und damit auch steuern. Es ist unser (personales) Selbst (5), unser inneres Zentrum.  Es ist der Teil in uns, der vielen unklar ist, den manche nur erahnen. Manche sind bewusst auf der Suche nach diesem Zentrum, z. B. durch Meditation, Kontemplation und ähnlichen Praktiken. Mit der Erweiterung des Bewusstseins, einer weiteren persönlichen Entwicklung wird dieses Selbst klarer und gipfelt im transpersonalen Selbst (6) – in der Darstellung oben an der Spitze des Eis.

Das Selbst wird von Assagioli auch als integrierendes Prinzip beschrieben, ein Prinzip, das auf die 3 Bereiche des Unbewussten einwirkt, es durchdringt, dabei aber stabil und unbeweglich bleibt, während die Inhalte des Unbewussten eine Dynamik entfalten, sich verändern. Entwicklung bzw. Wachstum findet statt, wenn es dem Selbst gelingt, immer mehr Bereiche des Unbewussten zu erschließen. Die Grenzen sind durchlässig – deswegen die strichlierten Linien im Ei. Das Selbst wächst, wenn es Bereiche des Unbewussten in sich aufnimmt. Dieser Gedanke passt auch zu den Vorstellungen der Individuation von C. G. Jung. Die Impulse des höheren (oberen) und tieferen (unteren) Bewusstsein werden in einem ‚gesunden‘ Entwicklungsprozess integriert. Werden diese Impulse abgeblockt, so hemmt dies nicht nur die Entwicklung, sondern können sogar psychische Schäden anrichten. Die Blockaden von unten entsprechen dabei den Freud’schen Abwehrmechanismen.

Die Arbeit mit Psychosynthese

Die Arbeit mit Psychosynthese, der Weg zur Selbstverwirklichung durch Synthese aller Anteile auf allen Ebenen hat, da auch spirituelle und transzendente Ebenen angesprochen werden einen breiteren Fokus als die meisten anderen therapeutischen Ansätze. Das ist für viele attraktiv, für andere auch abschreckend. 6

  • Die Psychosynthese setzt ein spirituelles Zentrum in jedem Menschen voraus – das Selbst. Es zu suchen, zu erfahren und auszudrücken ist ein wichtiger Teil der Entwicklung und Entfaltung des Menschen.
  • Erforschung und Entwicklung menschlicher Potenziale erfolgt auch im ‚Überbewusstsein‘ und auf transzendenten Ebenen („Kreativität, intuitive Einsichten, überbewusste Enthüllungen, mythische und archetypische Bereiche und altruistische Verpflichtungen“)
  • Bedürfnisse, Wünsche und Sehnsüchte werden sowohl auf der Persönlichkeitsebene als auch im höheren Bewusstsein – mit Methodenvielfalt – erforscht.
  • Wenn das Leben Sinn und Bedeutung bekommt, fördert das das persönliche Wachstum und Selbstverwirklichung.
  • Auch Krisen, Schwierigkeiten und Krankheiten bieten Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung.

Voraussetzungen

Voraussetzung für die Selbst-Entwicklung bzw. der Entwicklung eines adäquaten Selbst-Bildes, ob mit Psychosynthese oder einem anderen Ansatz, ist ein Minimum an Bewusstsein bzw. Sensibilität für psychische Prozesse, für psychisches Erleben. Diese Qualität wird oft ‚psychologisches Mindedness‘ genannt. Weitere Ausführungen finden sich im Beitrag zur Selbstentwicklung.

Querverweise

Individuation„Werde, der du bist“ – Individuation als Entwicklungsprozess des Menschen.

Zusätzliche Literatur und Links

Selbstentwicklung – Persönlichkeitsentwicklung

Otmar Pichler: Selbstentwicklung. In: Eduard Gaugler , Wolfgang Weber (Hrsg.):Handwörterbuch des Personalwesens. Schäffer-Poeschel Verlag. 2002. Sp. 2011 – 2024. (Inhaltsverzeichnis) (docplayer).

o. A.: Entwicklung der Persönlichkeit und des Selbstkonzepts. Aus: de.wikipedia.org. https://de.wikipedia.org/wiki/Entwicklung_der_Pers%C3%B6nlichkeit_und_des_Selbstkonzepts.

Urs Fuhrer: Selbst, Identität und Raumbezug. Aus: uni-kassel.de. http://www.uni-kassel.de/fb4/psychologie/personal/lantermann/umwelt/fuhrer.pdf.

Werner Stangl: Selbst. Aus: lexikon.stangl.eu. https://lexikon.stangl.eu/5531/selbst/.

 

Psychosynthese

Roberto Assagioli: Handbuch der Psychosynthese: Grundlagen, Methoden und Techniken. Nawo, 2004.

Evarts G. Loomis: Interview on Psychosynthesis with Roberto Assagioli. Florence 1973. Aus: youtube 27. 2. 2011. https://www.youtube.com/watch?v=e9rVWAxE2hQ.

Piero Ferrucci : Werde was du bist: Selbstverwirklichung durch Psychosynthese. Rowohlt 1986, Frankfurt a. M.

Harald Piron: Roberto Assagioli. Aus: institut-tipp.de. http://www.institut-tipp.de/die-vierte-kraft/assagioli/

Aron Saltiel: Psychosynthese. In: Wörterbuch der Psychotherapie, S. 567 – 568. Springer. Wien. 2000. DOI: https://doi.org/10.1007/978-3-211-99131-2_1527. (link springer).  books.google (full text).

o. A.: Forum für Psychosynthese. home. http://www.psychosynthese.at.

Christian Etzer: Persönlichkeitsentwicklung durch Progressive Psychosynthese. Eine Einführung in das bewusste Sein. tao.de. Kamphausen, 2014. (Leseproben)

 

psychosynthesis

Will Parfitt: The elements of psychosynthesis. Element books. 1990.
dt.: Will Parfitt: Psychosynthese. Braunschweig, Aurum. 1992.

Will Parfitt: Psychosynthesis. The Elements and Beyond. Psychosynthesis in Theory and Practice. PS Avalon, 2003. (2006)

Diana Whitmore: Psychosynthesis Counselling in Action. SAGE 2913.

John Firman, Ann Gila: The Primal Wound. A Transpersonal View of Trauma, Addiction, and Growth. SUNY Press, 1997.

 

Einheitsbewusstsein

Sue Busson: Einheitsbewusstsein im Alltag. Aus: beyourbest.at. https://www.beyourbest.at/erleuchtungsspiel-einheitsbewusstsein/.

 

Psychologische Mindedness

final 17

  1.   Roberto Assagioli zitiert aus: o. A.: Forum für Psychosynthese.
  2.   vgl. dazu John Firman, Ann Gila: The Primal Wound.  
  3.   „a growing contact with unitive states of consciousness, mystical sensibilities, and a sense of univerisality“  John Firman, Ann Gila: The Primal Wound.   S. 183. 
  4.   zitiert aus: o. A.: Forum für Psychosynthese
  5.   Psychosynthese als Selbstfürsorge:
    „In vieler Hinsicht ist Psychosynthese Selbst-Fürsorge. 
    Einerseits lernst Du, für dich selbst zu sorgen und andrerseits deinem Selbst zu erlauben, für dich zu sorgen.
    Einerseits lernst Du bewusst die Dinge zu tun, die dein Selbstvertrauen aufbauen, die nährend sind, stärkend und klärend,
    und andrerseits dich der Liebe und Führung eines höheren Selbst zu überlassen sowie den Heilungskräften des Universums.“  Anne Yeomans, zitiert aus: o. A.: Forum für Psychosynthese
  6.   Nach Diana WhitmorePsychosynthesis Counselling in Action, S. 112/113, zitiert aus: o. A.Forum für Psychosynthese.  
  7.   To do: Ergänze: Stern-Modell, Disidentifikation, Schmetterlings-Übung

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