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Plot

Filmplakat

Marko ist Anfang dreißig und lebt seit seinem Studium in Berlin – weit genug entfernt von seinen Eltern Gitte und Günter, mit deren bürgerlichen Lebensentwurf er sich nie recht anfreunden wollte. Ein oder zwei Mal im Jahr besucht er die beiden, in erster Linie um ihnen ein paar gemeinsame Tage mit ihrem Enkel, Markos fünfjährigem Sohn Zowie, zu ermöglichen.

Marko hofft auf ein halbwegs ruhiges Wochenende in der Kleinstadt, doch es gibt Neuigkeiten: Gitte, die seit Markos Kindheit manisch-depressiv ist, fühlt sich nach einer homöopathischen Behandlung zum ersten Mal seit langer Zeit wieder gesund. Sie verzichtet auf ihre Medikamente und baut auf einen gemeinsamen Lebensabend an der Seite ihres Mannes, nicht ahnend, dass sie mit ihrer unerwarteten Genesung seine Pläne durchkreuzt. Auch Markos jüngerer Bruder Jakob und dessen Lebensgefährtin Ella stehen an einem Wendepunkt, denn Jakob richtet sich mehr und mehr auf ein Leben in Blicknähe zu seinen Eltern – vor allem zu Gitte – ein, Ella hingegen würde gern ihre beruflichen Pläne erst mal im Ausland weiterverfolgen.

Familienfoto: In der Mitte die Eltern, links der jüngere Sohn mit seiner Partnerin, rechts Marco der ältere Sohn (und dessen Sohn auf der Schaukel)

Markos Anwesenheit wirkt wie ein Katalysator, er provoziert die Konfrontation mit den unausgesprochenen Wahrheiten, die Fassade des harmonischen Familienlebens bröckelt.“1

Hinweise und Interpretationen

  • Eine Familie in Schwierigkeiten – Ursache oder Symptom?
    Marco, Mitte 30, ist der Protagonist des Films. Sein ganzes Familien-System ist in Schwierigkeiten. Im Zentrum ist Gitte, die kranke, bipolare, manisch-depressive Mutter, die diese Krankheit schon 30 Jahre lang hat. Man fragt sich sofort: Ist sie Ursache oder Symptom der Störungen in der Familie? Hat sie diese Schwierigkeiten verursacht oder ist sie deren Symptom-Träger, also eigentlich Opfer. Ist die Krankheit durch das gestörte Familien-System entstanden? Wie auch immer, sie hat alternative Behandlungen bekommen – mit Homöopathie und TCM (Traditionelle Chinesische Medizin). Das hat ihr geholfen und so hat sie ihre Anti-Depressiva seit 2 Monaten abgesetzt und es geht ihr gut. Sie sieht sich als geheilt. Das weiß ihre Familie jedoch noch nicht.
  • Gitte, die Mutter (Corinna Harfouch): Ist sie von ihrer Depression geheilt?

    Der Beginn: Marco holt seinen Sohn zu spät ab
    Der Film beginnt damit, dass Marco seinen Sohn Zowie zu spät von der Mutter, Tine abholt., die beiden warten an einer U-Bahn-Station. Tine ist genervt, sie kennt offensichtlich dieses Muster der Unzuverlässigkeit vom Vater ihres Kindes. Er zeigt sich als „puer aeternus“, ewiger Jüngling, noch nicht wirklich erwachsen, übernimmt wenig Verantwortung. 2 Der Bub trägt eine Tiger-Maske – er wappnet sich, er kennt die Schwierigkeiten, die seine Eltern miteinander haben.

  • Die Einladung der Mutter
    Marco fährt mit dem Zug zu seinen Eltern. Gitte, seine Mutter hatte die ganze Familie zu einem Fest-Essen eingeladen. Tine kommt nicht mit. Gitte hatte sie auch eingeladen, aber sie wusste nichts von der Trennung der beiden – ein Familien-Geheimnis.
    Gitte hat ihre Söhne und deren Familie zu einem Fest-Essen eingeladen, um ihnen zu eröffnen, dass sie die Tabletten abgesetzt hat, sich als geheilt fühlt und jetzt ganz (als gleichwertiges, gesundes Mitglied) zur Familie gehören will.

  • Jakob, der jüngere Sohn mit seiner Partnerin

    Die Schein-Harmonie geht verloren
    Die Eröffnung der Mutter verursacht jedoch nicht die erwartete Begeisterung, im Gegenteil: Entsetzen steht auf den Gesichtern der Familie. Die Situation mit der Krankheit der Mutter war zwar schwierig für die anderen Familien-Mitglieder, aber man hatte sich darauf eingestellt und seine Pläne darauf ausgerichtet, sodass eine Harmonie entstand. Auch die Geheimnisse in der Familie haben sich um die Krankheit bzw. um den Umgang mit ihrer Krankheit gruppiert und waren durch sie gesichert. Jetzt geht die Schein-Harmonie, das Schein-Gleichgewicht verloren. „Mama war eingestellt“ – jetzt ist sie es nicht mehr. Es kann nicht mehr so bleiben wie bisher. Man versucht sie zu überzeugen, dass sie die Tabletten wieder nehmen soll, sie ist ent-täuscht.

  • „Du lässt dich gehen“.3
    Positive Energie entsteht, als Marko das Lied „Du lässt dich gehen“ von Charles Aznavour am Klavier spielt und die Mutter und danach der Vater lauthals mitsingen. Symbolisch wird ein Stück Wahrheit ausgedrückt. Alle lassen sich gehen, keiner übernimmt Verantwortung, das Familien-System in Ordnung zu bringen. Das Lied bzw. der Ausdruck im Singen wirken befreiend, sodass sich die Eltern einen Augenblick lang in den Armen liegen, ein Licht-Blick, aber eben nur einen Augenblick. Die bisherigen Verletzungen waren zu groß.
  • Vater und Sohn schlafen auf de Couch. Die Oma hat den Kleinen dazugelegt.

    Weitere Familien-Geheimnisse, Jakobs Praxis vor dem Aus
    Schritt für Schritt öffnen sich die Familiengeheimnisse. Ein Familien-Geheimnis, das vor der Mutter geheim gehalten wird („kann man ihr nicht zumuten“) besteht darin, dass Jakob, der jüngere Bruder von Marko vor dem finanziellen Ruin steht . Er hat die Zahlarzt-Praxis, die er durch das Geld seines Vaters finanzieren konnte, aber der Erfolg bleibt aus. Ella, seine Lebensgefährtin erkennt das, analysiert seine Einnahmen und Ausgaben. Sie deckt die monatlich hohen Verluste auf und will, dass er die Praxis schließt. Sie will sowieso nicht in diesem Dorf bleiben.

  • Jakob noch nicht von Eltern abgenabelt, Ella ohne Chance
    Aber Ella hat aber keine Chance, etwas verändern zu können. Der Vater will Jakob weiter an sich binden und unterstützt ihn weiter finanziell, indem er für ihn bei der Bank bürgt. Dadurch hofft der Vater, dass Jakob im Ort bleibt, zu Hause bleibt. Der Vater richtet Jakob auch sein Haus ein (nach den Vorstellungen des Vaters), z. B. eine supermoderne Küche. Jakob ist begeistert, Ella ist skeptisch. Im Konflikt zwischen Eltern und Partnerin steht Jakob ganz auf Seiten der Eltern. Er ist von seinen Eltern, vor allem von seinem Vater nicht gelöst, er bleibt an die Eltern gebunden. Das „Primat der Gegenwartsfamilie“ gilt für ihn nicht. 4
  • Gitte wird nicht ernst genommen
    Nachdem Ella, Jakobs Freundin seine finanzielle Misere aufgedeckt hat, betrinkt sich Jakob. Seine Mutter will die Ursache herausfinden und bemerkt, dass alle versuchen, es vor ihr geheim zu halten. Sie spricht es an, aber sie wird nicht ernst genommen, die Familien-Muster ändern sich nicht, sie wird weiter als Kranke behandelt, der man die Realität nicht zumuten kann. Das ist für die Mutter wiederum ent-täuschend und ist ein Schritt zurück in die Krankheit.
  • Vaters Geliebte
    Der Vater hat eine Freundin, eine Geliebte. Das verheimlicht er. Er will mit ihr eine Reise nach Jordanien (und den Nachbarländern) machen. Er tarnt dies als Dienstreise. Seine Frau will mitfahren. Er wehrt dies ab und schiebt das auf ihre Krankheit.
  • Unaufgearbeitete Vergangenheit
    Die Familien-Geheimnisse haben eine lange unaufgearbeitete Vergangenheit verbunden mit der Krankheit und Instabilität der Mutter 5
    • Opfer und Spiel
      Alle hatten sich durch die Krankheit der Mutter aufgeopfert und doch ihr eigenes (psychologisches) Spiel damit gespielt – auf Kosten des Familien-Systems.6

      In Summe kann man sagen: Die Familie lässt die Mutter nicht aus der Krankheit heraus, treibt sie wieder hinein in die Krankheit und damit in den Suizid.

      Cast

      • Regie: Hans-Christian Schmid, Drehbuch: Bernd Lange
      • D 2011/12, Familiendrama
      • Lars Eidinger: Marko Heidtmann,  Protagonist, lebt in Berlin, Sohn von Gitte und Günter, Schriftsteller, hat gerade sein erstes Buch veröffentlicht
      • Eva Meckbach, Tine Gronau, Marko’s Frau/Lebensgefährtin, lebt getrennt
      • Egon Merten: Zowie Heidtmann, Sohn von Marko, 5 Jahre
      • Corinna Harfouch: Gitte Heidtmann, Mutter, manisch-depressiv, bipolare Störung
      • Ernst Stötzner: Günter Heidtmann, Vater, frisch pensionierter Verleger, hat ein Buch geschrieben. Er sieht seine Rolle so: Ich war 30 Jahre im Pflegeeinsatz und will mir jetzt eine Reise nach Jordanien mit meiner Geliebten geönnen. „Ich habe mein Leben in die Ehe invesiert.“7
      • Sebastian Zimmler: Jakob, jüngerer Bruder von Marko
      • Picco von Groote: Ella Staudt, Lebensgefährtin von Jakob
      • Birge Schade: Susanne Graefe, neue Freundin des Vaters, mit ihr seit 2 Jahren zusammen
      • Tom Zullbeck: Leon

      Themen

      • krankes Familien-Mitglied als Symptom-Träger
      • Familien-Geheimnisse
      • (Nicht-)Ablöse von den Eltern
      • Co-Abhängigkeit der Schwiegertochter
      • jüngerer – älterer Bruder
      • dysfunktionale / zerrüttete Familie
      • Verantwortung
      • Verlässlichkeit
      • Dreiecks-Verhältnis, Untreue, Geliebte
      • puer aeternus, ewiger Jüngling
      • Ursache oder Symptom
      • generations-übergreifende Familien-Muster

       

      Links

      Film

      Was bleibt. IMDb

      Was bleibt. Kritik der Filmstarts-Redaktion

      Kritik zu: Was bleibt | epd Film. www.epd-film.de/filmkritiken.de

      Christian Buß: Was bleibt – Spiegel Online. www.spiegel.de

      Elisabeth von Thadden:„Was bleibt“: Ohne Psychopharmaka ist die Familienruhe dahin. www.zeit.de › DIE ZEIT Archiv › Jahrgang 2012 › Ausgabe: 37

      Deutsche Film- und Medienbewertung (FBW): Was bleibt Filminfo und Jurybegründung

      Teresa Corceiro: Der Horror läuft im Kopf ab – Hans-Christian Schmids „Was bleibt“.3satkulturzeit, 14. Februar 2012

       

      Ordnungen der Liebe (Haben Eltern oder Partner Vorrang?)

      Bert Hellinger: Ordnungen der Liebe. Überblick, wie uns die Liebe gelingt. Hellinger Publ. 2010.

      Bert Hellinger: Ordnungen der Liebe. Ein Kursbuch. Hellinger Publ. 2010. Onlineshop Bert Hellinger 2007.

      Bert Hellinger: Die Liebe des Geistes. Was zu ihr führt und wie sie gelingt.Onlineshop Bert Hellinger 2007.

      Gunthard Weber: Zweierlei Glück. Das Familienstellen Bert Hellingers. Carl-Auer-Verlag. 2017. (15. Auflage: Onlineshop Bert Hellinger. 2007). (1 – Zweierlei Glück. Konzept und Praxis der systemischen Psychotherapie. Goldmann 2002)

      Hellinger sciencia: Die Rangordnung. hellinger.comVolker Hepp: Rangordnung. systemstellen.org

      Bert Ulsamer: Ohne Wurzeln keine Flügel. Die systemische Therapie von Bert Hellinger: Überblick über den Buchinhalt. ulsamer.com (Kap. 3: Ordnungen in Partnerschaft und Elternschaft: Wer hat Vorrang?)

      Bert Ulsamer: Macht uns die Familie krank? ulsamer.com (Fall-Beispiel)

      Bert Ulsamer: Männer und Frauen. Ein Auszug aus „Ohne Wurzeln keine Flügel“ -Frühere Lieben. ulsamer.com
      therapie.de: „Klassisch“ nach Bert Hellinger (Kritik an Bert Hellinger und seinem Ansatz)

      Ero Langlotz: Prozeßorientiertes Familienstellen in einer psychiatrisch – psychotherapeutischen Praxis. Fallbeispiele (aus 2004 – 2007). www.e-r-langlotz.de (zahlreiche anschauliche Beispiele)

      Henning Matthae: 5 Tipps für die richtige Sitzordnung in Familien. partnerwerk.de

       

      psychologische Spiele, TA

      Eric Berne, Wolfram Wagemuth: Spiele der Erwachsenen. Psychologie der menschlichen Beziehungen. Rowohlt 2002. (Textauszüge)  (1 – 1968)

      Monika Millecker: Rezension von: Eric Berne: Spiele der Erwachsenen. Psychologie der menschlichen Beziehungen. Aus: Alfred Pritz. Einhundert Meisterwerke der Psychotherapie. Springer-Verlag. Wien 2008. Aus link.springer. DOI: https://doi.org/10.1007/978-3-211-69499-2.
      1.    Quelle: 62. Internationale Filmfestspiele Berlin (Katalog)
      2.   Elisabeth von Thadden („Was bleibt“ ) beschreibt dieses puer-aeternus-Verhalten sehr plastisch: „Der junge Mann kommt ein bisschen zu spät aus der U-Bahn geschlendert, gedankenverloren, er hat den verabredeten Zeitpunkt verpasst, sein Kind und dessen Mutter haben erkennbar gewartet. Missgelaunt also erfolgt die Übergabe des Kindes samt Gepäck fürs Wochenende bei den Großeltern im Grünen, Trennung liegt in der Luft, und schon in diesen ersten Blicken und Gesten des Films wird klar, woran es hier am meisten fehlt: an einer Verlässlichkeit, die den Namen verdient. „Rufst du an, wenn ihr da seid?“, fragt die Frau den Wochenendvater angestrengt sachlich, der nickt, und man weiß sogleich, das hat sie hundert Mal vergeblich gefragt, dieser Marko wird es vergessen. Der kleine Junge Zowie steht einstweilen als Verschiebemasse in der Mitte zwischen den Eltern und trägt sicherheitshalber eine Tigermaske. Zu Recht.
        Es ist die alte, die ubiquitäre Geschichte von scheiternden, kämpfenden Elternpaaren und Kindern, die verlässliche Eltern brauchen, und sie ist immer nur eine Variation: Viel später in diesem Film wird derselbe junge Mann Marko, der am U-Bahn-Ausgang seinen Sohn warten ließ, selbst wie ein verlassenes Kind im dunklen nächtlichen Wald nach der eigenen Mutter rufen, die eines helllichten Tags unauffindbar verschwunden ist, und als er nach einem Sturz verletzt auf dem Waldboden liegen bleibt, wird sie ihm in der Schmerz-Fantasie wie ein Traumbild erscheinen: Sie wird ein warmes Feuer anfachen, dem Sohn zu trinken geben, seine Wunde versorgen, seinen Kopf in ihren Schoß betten, eine Urszene des Symbiotischen, und der Dreißigjährige wird den Kindersatz sagen: „Du kannst doch nicht einfach so gehen, Mama.“
        Nein, das darf sie nicht, das durfte sie nie, das darf sie auch mit fast sechzig Jahren absurderweise immer noch nicht, und ja, sie tut es dennoch, sie geht, endlich. Was bleibt?
      3. Du läßt dich geh’n Songtext

        Du bist so komisch anzusehn.
        Denkst du vielleicht, das find ich schön?
        Wenn du mich gar nicht mehr verstehst
        und mir nur auf die Nerven gehst?
        Ich trinke schon die halbe Nacht
        und hab mir dadurch Mut gemacht
        um dir heut‘ endlich zu gestehen
        ich kann dich einfach nicht mehr sehn
        mit deiner schlampigen Figur
        gehst du mir gegen die Natur.
        Mir fällt bei dir nichts andres ein
        als Tag und Nacht nur brav zu sein
        Seit Wochen leb‘ ich neben dir
        und fühle gar nichts neben mir
        nur dein Geschwätz‘ so leer und dumm
        ich habe Angst, dass bringt mich um, ja
        früher warst du lieb und schön
        du lässt dich gehn, du lässt dich gehn.
        Du bildest dir doch wohl nicht ein,
        du könntest reizvoll für mich sein
        mit deinen unbedeckten Knien
        wenn deine Strümpfe Wasser ziehn.
        Du läufst im Morgenrock herum
        ziehst dich zum Essen nicht mal um
        deine Haare da baumeln kreuz und quer
        die Lockenwickler hin und her
        und schiefe Hacken obendrein
        wie fiel ich nur auf so was rein.
        Vor meinen Freunden gibst du an
        und stellst mich hin als Hampelmann,
        das bringt mich nachts sogar im Traum
        im tiefen Schlaf noch auf dem Baum.
        Ich hab‘ gedacht du hast mich lieb
        als ich für immer bei dir blieb
        wenn du nur still wärst, das wär‘ schön.
        Du lässt dich gehn, du lässt dich gehn.
        Bei Tag und Nacht denk‘ ich daran
        ob das nicht anders werden kann
        du bist doch schließlich meine Frau
        doch werd‘ ich nicht mehr aus dir schlau.
        Zeig mir doch dass du mich noch liebst
        wenn du dir etwas Mühe gibst
        mit einem kleinen Lächeln nur
        und tu‘ auch etwas für die Figur.
        Dann hätte ich wieder neuen Mut
        und alles würde wieder gut.
        Sei doch ein bisschen nett zu mir
        damit ich dich nicht ganz verlier‘
        denk‘ an die schöne Zeit zurück
        die Liebe auf dem ersten Blick
        wie ich am Abend zu dir kam
        und dich in meine Arme nahm
        an meinem Herzen, dass wär‘ schön
        da lass dich gehn, da lass dich gehn.   
      4.   Das Primat der Ursprungs-Familie gehört in der systemischen Familientherapie zu den ‚Rangordnungen der Liebe‘: Bei Personen bedeutet diese Rangordnung die zeitliche Reihenfolge der Zugehörigkeit zum (Familien-)System: Wer zuerst da war hat Vorrang. Das heißt z. B. die Paarbeziehung nicht aus den Augen verlieren, wenn man ein Kind bekommen hat, Eltern geworden ist. Bei ganzen Systemen wird die Rangordnung umgedreht: Die Gegenwarts-Familie hat Vorrang vor der Herkunfts-/ Ursprungs-Familie. Die neue Partnerschaft hat Vorrang vor der früheren Partnerschaft. Vgl. z. B. Hellinger sciencia: Die Rangordnung. Volker Hepp: Rangordnung. Bert Ulsamer: Ohne Wurzeln keine Flügel.  
      5.   Im FBW-Pressetext heißt es dazu: „Der neue Film von Hans-Christian Schmid zeigt eine Familie, deren gemeinsame Vergangenheit so belastet ist, dass es nun schwierig erscheint, diese Mauer von ständiger Rücksichtnahme und (Ver)Schweigen zu durchbrechen. In einer Art Kammerspiel umkreisen sich die von einem glänzend besetzten Schauspielensemble dargestellten Figuren, die Dialoge sind reduziert und vermitteln auch das, was unausgesprochen bleibt.“ Deutsche Film- und Medienbewertung (FBW): Was bleibt  
      6.   Zu psychologischen Spielen vgl. Eric Berne, Wolfram Wagemuth: Spiele der Erwachsenen. Monika Millecker: Rezension von: Eric Berne: Spiele der Erwachsenen.  Berne bringt ein Beispiel anhand eines Alkoholikers:

    „C. war ein Spiegeltrinker und er spielt die Hauptrolle des „Alkoholikers“. Die wichtigste Nebenrolle als „Nörgler“ spielt die Ehefrau M. Die 3. Rolle spielt sein Psychiater in der Rolle des „Retters“, die 4. Rolle spielt C.s Mutter, der „stumme Helfer“, und schließlich die 5. Rolle der Wirt seines Stammlokals, der „Verbindungsmann“, der ihn mit ausreichend Alkohol versorgt.
    Tatsächlich war es, wie Berne ausführt, in den ersten Phasen
    dieser Ehe so, dass die Frau C.s alle drei Nebenrollen spielte, sie nörgelte am Abend über sein unkontrolliertes Trinkverhalten (Nörglerin), am Morgen kochte sie ihm Kamillentee und pflegte ihn während seines Entzuges (stummer Helfer) und flehte ihn an, sich zu bessern und zukünftig mit dem Trinken aufzuhören (Retter). Dieses Spiel zog sich eine ganze Weile hin.
    In den späteren Phasen dieser Ehe war sie es schließlich leid
    zu nörgeln, da sie sah, dass ihr Verhalten nichts nutzte, und resignierte letztendlich, wenn sie ihn trinken sah: Die Rollen des Nörglers und des Retters fielen daher weg. Daraufhin suchte C. sich andere Retter in Form eines Psychiaters und andere Nörgler wie Freunde und sich selbst, weil er sah, dass sich das Rollenverhalten seiner Frau und damit die Spielregeln veränderten.
    Berne zeigt auf, dass Trinken bei diesem Spiel im Grunde nur als Nebenprodukt Freude und zusätzliche Vorteile bringt, erst im
    Zuge des Trinkprozesses kommt es zum eigentlichen Kulminationspunkt, dem „Kater“ am „Morgen danach“. Er besteht darin, dass ihm die anderen Rollen die ersehnte Verzeihung gewähren. Zu diesem Zeitpunkt hatte M. aufgehört zu schimpfen und ihm zu verzeihen, weil sie aufgegeben hatte, ihn zu retten. Daher tauschte C. die Nebenrollen aus.
    Helfende Organisationen wie Anonyme Alkoholiker oder psychologische Beratungsstellen
    boten ihm auch unbegrenzte Gelegenheit dazu. Daher gilt es nach Berne bei der therapeutischen Behandlung den Alkoholiker nicht von seiner Trunksucht, von der der Alkoholiker oft im Zusammenhang mit seinen Nörglern spricht (C. sprach bei seiner Behandlung dauernd von M.), sondern hauptsächlich von dem durch das Trinken verursachten Leiden zu befreien. Das Transaktionsziel des Alkoholikers besteht darin, eine Lage herbeizuführen, in der seinem Kindheits-Ich ernste Vorhaltungen gemacht werden können.
    Nicht nur vom eigenen Eltern-Ich, sondern auch
    vom Eltern-Ich der sozialen Umwelt.
    Die Therapie sollte sich daher auf
    den Morgen danach, also auf das Selbstmitleid und die Selbstkasteiung konzentrieren. Er muss vorerst lernen, selbst den Retter (ErwachsenenIch) zu spielen.
    Die Heilung ist letztendlich vollzogen, wenn das Spiel
    gänzlich aufgegeben wird, anstatt einfach nur von einer Rolle in die andere hinüberzuwechseln.
    Nur hat es sich bei den Untersuchungen als ziemlich schwierig erwiesen, wie auch bis heute bei C., irgendetwas ausfindig
    zu machen, das für ihn interessanter ist als die Fortsetzung seines Spieles.
    Das Heilungsziel der Spielanalytiker besteht darin, dass der ehemalige Alkoholiker in Gesellschaft alkoholische Getränke zu sich nehmen kann, ohne einen Rückfall zu erleiden und ohne ein Abstinenzler zu werden.“  aus: Monika Millecker: Rezension von: Eric Berne: Spiele der Erwachsenen.

  •   vgl. Christian Buß:Was bleibt – Spiegel Online