Print Friendly, PDF & Email

Ausgangsfrage

Aus der Sammlung „problem child paintings“: Indios von Sauro Giannini

Ist dein Kind ein Problemkind? Wenn ja, könnte es sein, dass Du selbst ein wesentlicher Teil des Problems bist – Du selbst bzw. Dein Verhalten.

Diese vereinfachte Aussage bezieht sich auf ein häufig auftretendes Phänomen, von dem Familientherapeuten berichten.

Wie ist das zu verstehen?

Hintergrund

Ein häufig dahinterstehendes Phänomen ist folgendes:

  1. Kinder sind wie Seismografen: Sie spüren, was zwischen den Eltern nicht gut läuft, und leiden unter diesen Spannungen.1
  2. Kinder versuchen gefährdete Ehen bzw. Beziehungen ihrer Eltern zu retten.

Geraten Elternbeziehungen in die Krise so übernimmt häufig ein Kind die Symptome der Eltern bzw. deren Beziehung und wird verhaltensauffällig, emotional gestört. Die Zuwendung der Eltern zu diesem Problemkind bzw. die Aufmerksamkeit, die sie dann diesem Kind schenken, verhindert, dass die Beziehungskrise der Eltern eskaliert. Das Kind opfert sich bzw. sein psychisches und physisches Wohlbefinden und rettet so – zumindest für eine Weile – die Beziehung der Eltern. Das Kind ist nicht aus sich heraus emotional gestört sondern es läutet symbolisch die Alarmglocken für die Beziehung der Eltern.

John  Bradshaw  , ein US-amerikanischer Familientherapeut formuliert dies sehr klar:

„Wenn die Ehe ihrer Eltern aus dem Lot ist, werden Kinder durch die Macht des Systems wie auch durch ihr eigenes Bedürfnis nach Selbstschutz getrieben, die Familienharmonie wiederherzustellen. Sie werden dabei so weit gehen, ihre eigene physische oder seelische Gesundheit zu opfern, um die Familienharmonie zu bewahren.“ John  Bradshaw  (Familiengeheimnisse, S. 86)

Die systemisch-konstruktivistische Grundhaltung

Generell wird in der systemischen Psychologie und Familientherapie davon ausgegangen, dass in der Familie (und auch in anderen sozialen Systemen) Personen, die problematisches Verhalten zeigen, sich häufig deswegen so verhalten, um das Gleichgewicht des sozialen Systems aufrecht zu erhalten. Das entspricht der generellen Hypothese  systemischer Erklärungsmodelle: „Jedes Phänomen gewinnt seine Bedeutung im Kontext2 3

Die Fähigkeit zum Perspektivenwechsel bzw. die (Einstellung der) Perspektivität4 ist für alle an der Problemlösung Beteiligten unabdinglich. Denn: 5 6

„…
Signale aus der Umwelt werden von Menschen unterschiedlich wahrgenommen und gedeutet. Die konstruktivistische Idee geht davon aus, dass das, was der Mensch für die Wirklichkeit hält, das Ergebnis eines langen Prozesses der Sozialisation ist. (vgl. Schlippe & Schweizer 2000, 87 ff.)“7

Konsequenz

Will man die Probleme bzw. Störungen des Kindes diagnostizieren und lösen / heilen, so ist es angesagt, auf das ganze Familiensystem zu schauen, das ganze System zu diagnostizieren und auch die Interventionen auf das ganze System zu beziehen.

Zusammenfassende Antwort auf die Ausgangsfrage

Zeigt ein Kind emotionale Störungen, so ist häufig nicht das Kind selbst gestört, es ist nur Symptomträger. Gestört ist vielmehr das ganze Familiensystem, meist die Beziehung der Eltern zueinander. Ein Perspektiven-Wechsel von der Sicht auf die Probleme des Kinds auf die Sicht auf das gesamte System ist angebracht.

Links und Literatur

Guy Bodenmann:  Herr Bodenmann, wie funktioniert Beziehung? Interview von Eveline von Arx.

John  Bradshaw  Familiengeheimnisse.

Reinhilde Beck, Gotthart Schwarz: Konflikt-Management.

Mamablog-Redaktion: „Ich mag mein Kind nicht“. Aus: blog.tagesanzeiger. 28. 3. 2016. https://blog.tagesanzeiger.ch/mamablog/index.php/66072/wenn-man-eins-der-kinder-lieber-hat/.

Jeanette Schmiede: Jedes Verhalten macht Sinn. Herausfordernde Situationen in der Kita systemisch betrachtet. Aus: www.kita-fachtexte.de. https://www.kita-fachtexte.de/fileadmin/Redaktion/Publikationen/KiTaFT_Schmieder_2018_JedesVerhaltenmachtSinn_02.pdf.

Arist von Schlippe, Schweitzer, J. (2000): Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht Verlag.

Arist von Schlippe: (2015): Systemisches Denken und Handeln im Wandel. In: Kontext. 46 (2015), 1. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht Verlag, S. 6-26. Aus: dgsf.org. (full text). https://www.dgsf.org/service/wissensportal/systemisches-denken-und-handeln-im-wandel-2015.

Rainer Schwing / Andreas Fryszer: Systemisches Handwerk. Werkzeug für die Praxis. Vandenhoeck & Ruprecht. 5. Auflage. 2012. (Mit Leseproben) (9-2018)

Anton Heregan (2011): Wenn Lucas haut. Systemisches Coaching mit Eltern aggressiver Kinder. Heidelberg: Carl Auer Verlag. 2. Auflage 2015 (1-2011)

Hartmut Kasten: Benachteiligung kann eine Kinderseele zerstören. Aus: bild.de. https://www.bild.de/ratgeber/kind-familie/erziehung/lieblingskinder-wenn-eltern-ein-kind-bevorzugen-23343192.bild.html.

Kaarsten: Wenn Kinder sich benachteiligt fühlen. Aus: vaterfreunden.de. https://www.vaterfreuden.de/vaterschaft/erziehungsfragen/wenn-kinder-sich-benachteiligt-f%C3%BChlen.

Jeffrey Kluger: The Sibling Effect. What the Bonds Among Brothers and Sisters Reveal About Us. Penguin. 2011. (book essay). (Leseproben)

Ellen Weber Libby: The favorite child. How a favorite impacts every family member for life. Prometheus. Amherst. 2010.

Christine SchmidDie Bedeutung von Geschwistern für die soziale und kognitive Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Theorien und Forschungsbefunde. Aus: familienhandbuch.de. https://familienhandbuch.de/familie-leben/familienformen/geschwister/diebedeutungvongeschwisternfuerdiesozialeundkogn.php.

Hartmut Kasten: Stiefgeschwister. Aus: familienhandbuch.de. https://familienhandbuch.de/familie-leben/familienformen/geschwister/stiefgeschwister.php.

website Familienhandbuch: Startseite. https://www.familienhandbuch.de/index.php.

o. A.: Aschenputtels Trauma. In: wissenschaft.de. https://www.wissenschaft.de/gesellschaft-psychologie/aschenputtels-trauma/.

o. A.: Was ist eine dysfunktionale Familie?. Wie finden Sie Ihr Gleichgewicht?. Aus: parentifizierung.de. https://parentifizierung.de/was-ist-eine-dysfunktionale-familie/.

o. A.: Parentifizierung – Beispiele für Kind-Elternbeziehungen ohne Gleichgewicht. Aus: parentifizierung.de. https://parentifizierung.de/beispiele/.

Nike LaurenzWarum Kinder den Kontakt zu ihren Eltern abbrechen. Manche Menschen wollen ihre Eltern nie wieder sehen, meist aus guten Gründen. Aus: spiegel.de. 23.12.2018. https://www.spiegel.de/lebenundlernen/uni/warum-kinder-den-kontakt-zu-ihren-eltern-abbrechen-a-1243401.html.

Ingeborg Becker-Textor: Schwierige Kinder gibt es nicht – oder doch? „Problemkinder“ im Kindergarten. Freiburg, Basel, Wien, 5. Aufl. 1997 – Online-Buch. Aus: kindergartenpaedagogik.de. https://www.kindergartenpaedagogik.de/fachartikel/kinder-mit-besonderen-beduerfnissen-integration-vernetzung/verhaltensauffaellige-kinder/56.

 

Querverweise

Perspektiven-Wechsel

Verhaltensformel von Lewin.

Konstruktivismus – einfach erklärt. (Vorstellung einer Konstruktion sozialer Wirklichkeit)

  1.   Guy Bodenmann:  Herr Bodenmann, wie funktioniert Beziehung? Interview von Eveline von Arx
  2.   Vgl. Reinhilde Beck, Gotthart Schwarz: Konflikt-Management, S. 81
  3.   Dies entspricht auch einer Grundprämisse der (Organisations-)Psychologie, die Kurt Lewin in seiner Verhaltensformel zum Ausdruck bringt. Diese besagt, dass menschliches Verhalten und dem Umfeld (Kontext, z. B. Verhalten der anderen Familien-Mitglieder, Dynamik des Systems, Konflikte in der Familie …) abhängt. Häufig sind es die Beziehungen der Eltern zueinander und Erziehungsfehler z. B. offene Benachteiligung / Bevorzugung bestimmter Kinder (Vgl. z. B. Mamablog-Redaktion: „Ich mag mein Kind nicht“.), die zu den Schwierigkeiten führen.

    Der systemisch-konstruktivistische Ansatz sieht auch einen Perspektivenwechsel zum Verständnis des ‚problematischen‘ Kindes vor: Von den Ursachen zum Sinn des Verhaltens / Vom „Warum?“ zum „Wozu?“:

    „Der systemische Ansatz richtet den Blick auf das gesamte System und nicht nur auf die Einzelpersonen. D.h. das soziale Umfeld (die Personen, Erwachsene und Kinder, die im problematischen Kontext eine Rolle spielen) werden in die Lösungssuche einbezogen. Verhält sich ein Kind z.B. aggressiv, stellen „Systemiker“ nicht die Frage „Warum?“, sondern  sie fragen „Wozu?“, nach dem Sinn. Ein besonderes Augenmerk gilt in diesem Zusammenhang der Bedeutung der  Sichtweise, die die Einstellung zu dem Kind und das Handeln maßgeblich mitbestimmen. Sich seiner eigenen Gefühle und Gedanken bewusst zu sein, ist eine Voraussetzung dafür, mit Herz und Engagement die Ressourcen der Kinder wahrzunehmen und ihren Gefühlen Raum geben. Der systemische Ansatz versucht ein Verhalten als „sinnvoll“ im Gesamtkontext zu sehen und ermöglicht damit einen konstruktiven und lösungsorientierten Umgang mit herausfordernden Verhaltensweisen“[1.  Jeanette Schmiede: Jedes Verhalten macht Sinn. S. 3.   

  4.   Perspektivität: Das Bewusstsein, dass alles, was wir wahrnehmen aus einer bestimmten Perspektive / einem Blickwinkel erfolgt und dass somit alle Wahrnehmungen, Beschreibungen und Interpretationen subjektiv-perspektivisch und nicht objektiv wahr sind.
  5.   „Um das Verhalten des Kindes zu verstehen, muss aus systemischer Sicht das Umfeld, d.h. die Interaktionspartner des Kindes in die Beobachtung mit einbezogen werden. In der pädagogischen Arbeit geht es einerseits darum, die eigene Bewertungen und Deutungen der Wirklichkeit als Hypothesen zu betrachten und selbstkritisch zu überprüfen und zum anderen die Sinn- und Bedeutungszuschreibung des Verhaltens des Kindes herauszufinden.“  Jeanette SchmiedeJedes Verhalten macht Sinn. S. 5.   
  6.    Die systemisch-konstruktivistische Grundhaltung erfordert nicht nur die Fähigkeit zum Perspektivenwechsel und der Relativierung der eigenen Perspektive, sondern auch die Zurückhaltung von (vorschnellen) Bewertungen:

    „Die Entscheidung für ein Modell kann nicht auf Grund von richtig und falsch fallen, höchstens auf einer Vorstellung von richtig und falsch. So kann man sich für eine Sicht von Wirklichkeit entscheiden. Dinge wirken nicht, weil sie da sind, sondern weil ihnen Sinn zugeschrieben wird, der subjektiv ist. Gemeinsame Wirklichkeiten entstehen erst durch zwischenmenschliche Beziehungen, durch sozialen Austausch und durch Kommunikation. Die Vorstellung einer Konstruktion sozialer Wirklichkeit ersetzt jedoch nicht die Notwendigkeit des Handelns in Bezug auf die materielle Wirklichkeit. Natürlich reicht es in belastenden Situationen nicht aus, nur die Bewertung der Situation zu verändern. Was sich in der praktischen Arbeit jedoch daraus ergibt, heißt achtsames Zuhören, Beobachten und Fragen stellen, statt etwas zu behaupten und das Verhalten des Kindes zu
    bewerten. Unterschiedliche Sichtweisen können einerseits schnell zu Missverständnissen, unerfüllten Erwartungen und damit auch Enttäuschungen und Konflikten führen, andererseits liegt in dieser Vielfalt auch eine große Kraft und Bereicherung. Diese Grundhaltung fordert von den pädagogischen Fachkräften eine hohe soziale Kompetenz, sich auch selbst zu hinterfragen (Selbstreflexion) und eigene Verhaltensweisen bei der Suche nach  Veränderungsmöglichkeiten mit einzuschließen. Eine respektvolle und wertschätzende Grundhaltung gegenüber allen Vorstellungen von Lebensentwürfen setzt deshalb voraus, sich seiner eigenen Gefühle und Gedanken bewusst zu sein und ,die eigene Wirklichkeit‘
    als Teil des Ganzen zu betrachten. Wer weiß, dass seine Beschreibung das Beschriebene verändert, stellt sich bewusst die Frage, ob die eigene Beschreibung für den Veränderungsprozess hilfreich ist. (vgl. Schlippe et al. 2015) Aus: Jeanette SchmiedeJedes Verhalten macht Sinn. S. 5.

  7.     Jeanette SchmiedeJedes Verhalten macht Sinn. S. 5.   

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*