Herausfordernde Situationen: Epiktet als Reflexionshilfe

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Stehst Du in einer schwierigen Situation, einer Situation, die Dich innerlich nicht kalt lässt, vielleicht sogar zu verletzen droht (oder dich verletzt hat), so geben einige Aussagen von Epiktet eine wertvollen Reflexions-Hilfe.

Selbstreflexion in schwierigen Situationen mit Zitaten von Epiktet (Übung)

Epiktet. Illustration von Theodoor Galle aus einem Buch: L. Annaei Senecae philosophi Opera, (1605)

Suche Dir einen ruhigen Platz und gehe folgende Schritte durch. Du kannst das auch mit einem Gesprächs-Partner besprechen. Dieser sollte Dir zuhören und ev. nachfragen, jedoch keine Lösungen anbieten oder Ratschläge geben.1

1. Ausgangs-Situation

Führe Dir vor  Augen, was gerade derzeit eine herausfordernde Situation ist, mit der Du gerne besser umgehen willst, (eine Problem, eine ausweglose Situation, ein Konflikt, …). Führe Dir die Situation klar vor Augen oder noch besser halte sie in ein paar Zeilen schriftlich fest (ca. 5 Sätze). Nimm dann die folgenden Zitate und setze sie in Bezug zu Deiner Situation. Stell Dir vor, was Epiktet zu Deiner Situation sagen könnte.

2. Zitate, Reflexionen

Zitate zu Verletzungen2

  • „Sei dir dessen bewusst, dass dich derjenige nicht verletzen kann, der dich beschimpft oder schlägt; es ist vielmehr deine Meinung, dass diese Leute dich verletzen.“  …
  • „Wenn dich also jemand reizt, dann wisse, dass es deine eigene Auffassung ist, die dich gereizt hat. Deshalb versuche vor allem, dich von deinem ersten Eindruck nicht hinreißen zu lassen. Denn wenn du dir Zeit zum Nachdenken nimmst, dann wirst du die Dinge leichter in den Griff bekommen.“

Auch die folgenden Zitate können die Reflexion anregen:3

  • „Nicht die Dinge selbst beunruhigen die Menschen, sondern die Meinungen und die Urteile über die Dinge.“ – Handbuch der Moral (5)
  • „Erinnere dich, dass du ein Schauspieler in einem Drama bist; deine Rolle verdankst du dem Schauspieldirektor. Spiele sie, ob sie nun kurz oder lang ist. Wenn er verlangt, dass du einen Bettler darstellst, so spiele auch diesen angemessen; ein Gleiches gilt für einen Krüppel, einen Herrscher oder einen Durchschnittsmenschen. Denn das allein ist deine Aufgabe: Die dir zugeteilte Rolle gut zu spielen; sie auszuwählen, ist Sache eines anderen.“ – Handbuch der Moral (17)
  • „Wenn dir jemand mitteilt, dir sage jemand Böses nach, dann rechtfertige dich nicht, sondern antworte: Er kannte wohl meine anderen Fehler nicht; denn sonst würde er nicht nur diese hier erwähnen.“ – Handbuch der Moral (33)
  • „Wer dem unausweichlichen Schicksal sich in rechter Weise fügt, der gilt als weise uns und kennt der Götter Walten.“ – Handbuch der Moral (53) Kernsätze
  • Gleich wie die Sonne, damit sie aufgehe, nicht auf Gebet oder Beschwörung harrt, sondern einfach scheinet und von den Menschen mit Freuden empfangen wird; also sollst auch du nicht auf Beifall, Anklopfen und Lob warten, damit du Wohltaten zeigest. Tue sie freiwillig, so wirst du auch wie die Sonne geliebt.“ – Fragment 22 möglicherweise aus dem Handbuch der Mora

3. Lösungen, Aktionsplan

Fasse Deine Erkenntnisse in 1 bis 3 Sätzen zusammen und erstelle einen Aktionsplan:

  • Was willst Du tun, ändern, anfangen, …
  • Was willst du meiden, aufhören, beenden, nicht mehr tun, …
  • Was sind die ersten (kleinen) Schritte dazu.

Hintergrund: Selbst-Coaching mit antiken Philosophen

Delphi, das berühmteste Coaching-Center der Welt

Delphi: Athena-Heiligtum

Das berühmteste, weltweit bekannte Coaching-Center ist vermutlich der Apollon-Tempel in Delphi. Delphi galt in der Antike als Mittelpunkt der Welt.4 In Delphi holten sich schon vor mehr als 3000 Jahren  Führungskräfte auf höchster Ebene Rat.5 Das C0aching hatte eine andere Methodik als heute, waren jedoch vermutlich nicht minder geschätzt. Die Orakel-Methode ist heutzutage außer Mode geraten.

Philosophen als Berater der Könige

Später übernahmen Philosophen die Coaching-Rolle für Führungskräfte (vor allem Staatsoberhäupter und Armee-Chefs). Jeder bedeutende Führer im alten Griechenland hatte mindestens einen bedeutenden Philosophen an seiner Seite.  Manche Coaching-Gespräche wurden aufgezeichnet und gehören heute zur Weltliteratur. 6

Philosophen können uns also helfen, die Welt zu verstehen und unser Erleben zu reflektieren – im Sinne eines Selbst-Coachings.7

Hintergrund: Epiktet ein griechischer Philosoph der Stoa

Phantasieportät Epiktets. Aus: Epiktet: Handbüchlein. Das Epigramm dazu: „Ein Sklave bin ich, Epiktet, und körperlich verstümmelt und in meiner Armut ein Iros und doch den Göttern ein Freund.“

Wer war Epiktet?

Epiktet war ein griechischer Philosoph (ca 50 – 138 n. Chr.), der als Sklave nach Rom kam, mit der Philosophie in Beruhrung kam und später freigelassen wurde („Freigelassener“). Er stieg zu einem bedeutenden Philosoph der Stoa auf   gründete und eine Philosophenschule.

Damals gab es im hellenistischen Kultur-Raum mehrere spät-hellenistische philosophische Schulen, die Stoa war eine davon. Sie baute auf Platon und Aristoteles auf und stellte vor allem die praktische Anwendung der Philosophie in den Vordergrund und  sieht das gelungene Leben als ein tugendhaftes Leben, ein Leben ausgerichtet an Tugenden. Das steht im Gegensatz zur Epikur, einer anderen hellenistischen Schule. Dort steht die Lust bzw. das Fehlen von Unlust im Vordergrund.

Epiktets Lehre

Epiktet gehörte also zur Stoa. Er hat keine schriftlichen Werke hinterlassen, aber einer seiner Schüler mit dem Namen Arrian hat seine Lehren aufgeschrieben. Bekannt geworden ist vor allem sein Handbüchlein der Moral, eine Anleitung zum glücklichen Leben.  Darin betont er vor allem, dass wir uns auf unser Inneres konzentrieren sollten, denn das ist, was wir beeinflussen können, das ist der Weg zu einem glücklichen Leben. Wenn wir uns dagegen auf unser Äußeres konzentrieren, unsere Besitztümer, das Handeln der Anderen usw. dann führt das in die falsche Richtung, weg vom glücklichen Leben. 8

„In unserer Macht stehen Urteil, Trieb zum Handeln, Begehren, Meiden, mit einem Wort alles, was unsere eigene Betätigung ist, nicht in unserer Macht der Leib, der Besitz, Ansehen, Würden, mit einem Wort alles, was nicht unsere Betätigung ist. Und das, was in unserer Macht steht, ist seiner Natur nach frei, nicht zu hindern, nicht zu hemmen; was aber nicht in unserer Macht steht, ist ohnmächtig, sklavisch, behindert, fremder Verfügung unterworfen.“

Epiktet betont auch, dass die Liebe zu den Menschen unterschiedslos für alle gilt, auch für Sklaven.

Epiktet im Gespräch mit Hadrian Augustus. Illustration aus der Notitia Dignitatum, einem spätrömischen Staatshandbuch.

Zahlreiche Zitate sind von Epiktet bekannt. Sie helfen in schwierigen Zeiten, vor allem bei persönlichen (psychischen) Verletzungen, wieder auf einen guten Weg zu kommen.9

Literatur und Links

Epiktet

Christoph Horn: Glück im Hellenismus. Zwischen Tugend und Lust. In: Dieter Thomä, Christoph Henning, Olivia Mitscherlich-Schönherr (Hrsg.):  Glück. Ein interdisziplinäres Handbuch. S. 125-132.

Arrian: „Arianus 9“ aus de.wikisource.org. https://de.wikisource.org/wiki/RE:Arrianus_9.

Robert Spaemann: Die Philosophenkönige. In: Otfried Höffe: Platon. Politeia. De Gruyter 2005, S. 161 ff.

Susanne DettlingErkenne Dich selbst– die Führungspersönlichkeit ist kontinuierlich in Entwicklung. Aus: www.die-akademie.de. 07.02.2020. https://www.die-akademie.de/journal/erkenne-dich-selbst?utm_source=newsletter&utm_medium=email&utm_campaign=M-27%2F20+Newsletter+Januar.

 

Philosophie als Lebenshilfe

Joel Wille: Warum wir die Wahrheit oft nicht verstehen wollen. Aus: www.welt.de.
28.02.2019. https://www.welt.de/kmpkt/article189109371/Laut-Platon-Warum-wir-die-Wahrheit-oft-nicht-verstehen-wollen.html.

Joel Wille: Warum es besser ist, wenn der Staat uns kontrolliert.
Aus: www.welt.de. 14.01.2019. https://www.welt.de/kmpkt/article186695044/Philosophie-Warum-es-besser-ist-wenn-der-Staat-uns-kontrolliert.html.

Joel Wille: Dieses Spiel beweist: Es gibt mehr als nur eine Rationalität. Aus: www.welt.de. 07.02.2019. https://www.welt.de/kmpkt/article188254193/Newcombs-Problem-Es-gibt-mehr-als-nur-eine-Rationalitaet.html.

Joel Wille: Fünf philosophische Rätsel, die dein Gehirn auf Trab bringen. Aus: www.welt.de. 24.01.2019. https://www.welt.de/kmpkt/article187558048/Fuenf-philosophische-Raetsel-die-deine-grauen-Zellen-benebeln.html.

Julia Haase: Diese sieben moralischen Grundwerte teilen Kulturen weltweit. Aus: www.welt.de. 18.02.2019. https://www.welt.de/kmpkt/article188672651/Oxford-Analyse-Diese-sieben-moralischen-Grundwerte-teilt-jede-Kultur.html.

 

Delphi in der Archtektur und im Städtebau

Bruno Kauhsen: Omphalos. zum Mittelpunktsgedanken in Architektur und Städtebau dargestellt an ausgewählten Beispielen. Scaneg, 1990.

Carl Fingerhuth: Die Gestalt der postmodernen Stadt. vdf Hochschulverlag AG, 1997. S. 76 ff.

 

Philosophie-Geschichte

Helmut Holzhey: Die Philosophie der Antike, Teilband 2. Aus: Christoph Riedweg, Horn Christoph, Wyrwa Dietmar (Hrsg.): Grundriss der Geschichte der Philosophie. Begründet von Friedrich Ueberweg. Schwabe Verlag, 2018

o. A.:  Zeittafel der Philosophiegeschichte. Aus: de.wikipedia.org. https://de.wikipedia.org/wiki/Zeittafel_zur_Philosophiegeschichte.

o. A.: Epiktet. Aus: de.wikipedia.org. https://de.wikipedia.org/wiki/Epiktet.

 

  1.   Für schwere Verletzungen, Traumata, psychische Störungen oder Krankheiten sind sie nicht gedacht. Sie können ärztliche, psychiatrische bzw. therapeutische Hilfe nicht ersetzen. 
  2.   Aus: Julia Umek:  Was kränkt macht krank   
  3.   Zitate aus wikiquote: Epiktet
  4.   In der griechischen Mythologie ließ Zeus Zeus je einen Adler von beiden Enden der Welt aufsteigen. Sie flogen einander entgegen. Das Zusammentreffen war in Delphi. An diesem Punkt wurde ein Stein gesetzt, der Omphalos-Stein, der ‚Nabel‘ der Welt. Dort wurde der Apollon-Tempel gebaut und der Omphalos-Stein befand sich im geheimsten Zimmer dieses Tempels.  Eigene (Mittelpunkts-)Richtungen der Architektur und des Städtebaus beziehen sich auf Delphi. Vgl. z. B. Bruno Kauhsen: Omphalos. Carl Fingerhuth: Die Gestalt der postmodernen Stadt.  
  5.   Das ist die kreative Sichtweise von Susanne DettlingErkenne Dich selbst
  6. Der griechische Philosoph Platon entwarf sogar in seiner ‚Politeia‘  eine Philosophen-Herrschaft, und es gab in späterer Folge eine philosophische Diskussion, bei der Philosophen über das sinnvolle Maß an Einflussnahme der Philosophen auf Politik, Gesellschaft und Wirtschaft. Befürworter wie Gottfried Wilhelm Leibniz und Gegner, wie z. B. Immanuel Kant diskutierten dabei vor allem, in welchem Ausmaß der Besitz von Macht das philosophische Urteilsvermögen beeinträchtigt bzw. verdirbt. Vgl. Robert Spaemann: Die Philosophenkönige. In: Otfried Höffe: Platon.  
  7.   Vgl. dazu auch: Joel Wille: Warum wir die Wahrheit oft nicht verstehen wollen. Joel Wille: Warum es besser ist, wenn der Staat uns kontrolliert. Joel Wille: Dieses Spiel beweist: Es gibt mehr als nur eine Rationalität. Joel Wille: Fünf philosophische Rätsel, die dein Gehirn auf Trab bringen. 
  8.   Epiktet: Handbüchlein 1, Übersetzung nach Pohlenz (1984), S. 330 
  9.   Auch  Julia Umek ( Was kränkt macht krank)  zitiert den griechischen Philosophen Epiktet  als Reflexions-Hilfe für Kränkungen. Es ist seine Erkenntnis, dass man ein Labyrinth als ausweglose Situation sehen kann oder auch als Herausforderung. 

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