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Persönliche Entwicklung als Lebens-Aufgabe

Geschwister: Gemälde von Ferdinand Raab: (Goethe’s) Lotte schneidet das Brot für ihre Geschwister um 1865, Wetzlar, Städtische Sammlungen

Uns selbst zu verstehen, unsere Verhaltens-Muster zu erkennen ist eine wichtige Lebens-Aufgabe für uns alle. Besonders wichtig ist dies, wenn das Wohl und Wehe anderer Personen von uns abhängig ist, wie dies bei Führungskräften und UnternehmerInnen der Fall ist. Da wir andere auch durch unsere Persönlichkeit führen 1 Es liegt daher in der Verantwortung jeder Führungs-Person, ihre persönliche Entwicklung voranzutreiben.

Dazu gehört die Bereitschaft zur Selbstreflexion, sich selbst zu erkennen 2, die Prägungen zu diagnostizieren, die hellen und die dunklen Seiten unserer Persönlichkeit auszuleuchten, mit den Ecken und Kanten unserer Persönlichkeit konstruktiv umzugehen und die Bereitschaft, in die eigene, persönliche Entwicklung zu investieren und die eigenen Potenziale zu entwickeln 3

Ein wesentlicher Teil unser Arbeit an uns selbst, unserer persönlichen Entwicklung ist das Erkennen und Aufarbeiten unserer Prägungen, unserer Vergangenheit, unseres Lebenswegs und ein wesentlicher Anteil davon sind die Prägungen unserer (Ursprungs-)Familie – verbunden mit dem Erkennen unserer Familien-Konstellationen.  Und wiederum ein Teil davon ist das Erkennen unserer Geschwister-Konstellationen und der daraus entstandenen Prägungen.

Leitfragen für Geschwister-Konstellationen

Die Leit-Fragen für die einzelne Person lauten hier für uns:

  • Wie beeinflussen meine Geschwister-Konstellationen meine Entwicklung, meine Persönlichkeit? Welche Verhaltens-Muster habe ich daraus entwickelt?
  • In welcher Geschwister-Konstellation bin ich aufgewachsen und wie hat mich das geprägt?
  • Wie wirken diese Prägungen in meinem heutigen Leben4

Die folgenden Hinweise sollen anregen, sich mehr mit dieser Thematik auseinanderzusetzen.

1. Strukturelle Geschwister-Konstellationen

Die Auseinandersetzung mit Familien-Konstellationen 5  hat eine lange Tradition in der Psychologie, besonders in der Individual-Psychologie von Alfred Adler6  (1870-1937).

Geschwister-Konstellationen sind Teilsysteme der Familien-Konstellationen. Strukturelle Geschwister-Konstellationen sind die Basis-Strukturen in der Familie.

Beispiele:

  • Eine einfache Struktur wäre z. B. Vater – Mutter – 2 Kinder aus dieser Ehe (älterer Sohn, jüngere Schwester),
  • eine andere komplexere: Vater (vorher 2 x verheiratet, Tochter aus 1. Ehe lebt bei ihrer Mutter) Mutter (vorher 1 x verheiratet, bringt Sohn mit in die Ehe) 1 jüngerer Sohn aus dieser Ehe.

Jede dieser Strukturen hat unterschiedliche Auswirkung auf  alle Familien-Mitglieder, deren Erleben, der Verhalten und deren persönliche Entwicklung.

Studien zu Geschwister-Konstllationen von Walter Toman

Der ‚Neo-Adlerianer‘ Walter Toman diese Familien-Strukturen untersucht , die er Konstellationen nennt, vor allem den Einfluss von Geschwister-Konstellationen.7

Ob wir

  • Einzelkinder sind oder Geschwister haben,
  • wo wir in der Geschwister-Reihe stehen,
  • ob wir ältere oder jüngere Schwestern oder Brüder haben,
  • oder ob wir Zwilllinge sind mit oder ohne zusätzliche Geschwister …

all das beeinflusst unsere Persönlichkeit bzw. menschliche Entwicklung unser Sozialverhalten und unser späteres Leben.

Folgende Geschwister-Konstellationen werden unterschieden und analysiert:

  • Älteste Brüder von Brüdern
  • Jüngste Brüder von Brüdern
  • Älteste Brüder von Schwestern
  • Jüngste Brüder von Schwestern
  • Männliche Einzelkinder
  • Älteste Schwestern von Schwestern
  • Jüngste Schwestern von Schwestern
  • Älteste Schwestern von Brüdern
  • Jüngste Schwestern von Brüdern
  • Weibliche Einzelkinder
  • Gemischte und mittlere Geschwister-Positionen

Geschwistern aus unterschiedlichen Familien-Konstellationen werden oft unterschiedliche Verhaltens-Muster bzw.  Perönlichkeits- bzw. Charakter-Merkmale zugeordnet: 8

Beispiel: 2 Brüder

Nehmen wir das Beispiel von 2 Brüdern. Toman beschreibt die Muster für die beiden Brüder in einer ‚durchschnittlichen, normalen‘ Familien-Situation, wobei man Manches relativieren muss, da sich die gesellschaftlichen Verhältnisse seit der Mitte des letzten Jahrhunderts deutlich verändert haben. Trotzdem sollten die Grundmuster noch einigermaßen passen. Tomann geht davon aus, dass die Grundmuster, die die Kinder in der Familie leben und erleben auch nach außen gelebt werden.

Dabei wird vom älteren Bruder (von den Eltern) erwartet, dass er Verantwortung und Führung übernimmt, Rücksicht nimmt und auch Verzicht in Kauf nimmt und Vorbild für den Jüngeren ist. Er wird jedoch ebenso wie sein Bruder um die Gunst der einzig weiblichen Person in der Familie, der Mutter ringen.

Der jüngere hat einen älteren, größeren, gescheiteren, stärkeren, perfekteren Bruder vor sich, dem er nacheifert, den er einholen und vielleicht auch überholen will. Er genießt zwar meist außen den Schutz des großen Bruders, aber häufig muss er erleben, dass dieser ihm seinen Willen aufzwingt, gegen den er sich häufig immer mehr wehren wird, je älter er wird.

Diese hier beschriebenen Verhaltens-Muster werden die beiden tendenziell auch nach außen zu anderen ‚altersnahem‘ Personen zeigen, zumindest wird es in ihrem Verhaltens-Repertoire aufscheinen. Das gesamte Verhaltens-Repertoire ist natürlich viel komplexer und hängt z. B. auch von den Verhaltens-Muster zu den Eltern ab (und z. B. auch, welche Geschwister-Position diese einnehmen.) 9

2. Komplexe, systemische Familien-Konstellationen

Obwohl sich die oben beschriebenen strukturellen Familien-Konstellationen brauchbar für die Reflexion der eigenen Familien-Situation erweisen, sind die Familien-Konstellationen wesentlich komplexer. Systemische   Instrumente versuchen dieser Komplexität näher zu kommen. In anderen psychologischen und therapeutischen Schulen gibt es zusätzliche Methoden der Erforschung der Familien-Konstellation.10  11 12 13

Genogramm-Arbeit
Beispiel für ein Genogramm

Eine Möglichkeit, komplexen Familien-Konstellationen näher zu kommen, ist die Analyse der Familien-Situation und deren Historie mit Genogrammen.  Sie spürt familiäre Muster auf, die sich über mehrere Generationen durchziehen können und Probleme in der Gegenwart verursachen. Sie umfasst auch  eine systematische Erforschung der Familien-Geschichte, einer Art psychologischer Stammbaum-Forschung. Mehr dazu findet sich in meinem Blog-Beitrag: Erforsche deine Familie mit dem Genogramm 14 Sie ist besonders geeignet zur Aufdeckung von Familien-Geheimnissen.

Familien-Aufstellungen

Noch höheren Komplexitätsgrad als die vorige enthalten die systemischen Methoden der Familien-Aufstellung. Das Instrument der Familien-Aufstellung, wurde weitgehend von Bert Hellinger geprägt.15 Es ist eine Methode, bei der das eigene Familiensystem (Gegenwarts- oder Ursprungs-Familie) im Raum mit anderen Personen  aufgestellt wird.

Die Vorgangsweise ist so (vereinfacht gesagt), dass  Stellvertreter für sich selbst und den wichtigen Personen im Familiensystem gesucht werden. Diese werden dann intuitiv – mit hoher Aufmerksamkeit –  im Raum platziert (auf den ‚richtigen‘ Platz gestellt). Dabei wird sowohl auf die Distanz zu andern Mitgliedern als auch auf die Richtung (Wem ist die Person zugewandt? Von wem ist sie abgewandt?) geachtet. Durch anschließendes ‚Sharing‚ und  Reflexion aller Beteiligten (was sie Denken, wie sie sich in der aktuellen Situation fühlen, …) werden Strukturen und Dynamiken erkennbar, die den realen Phänomenen sehr nahe kommen und unbewusste Anteile und Familien-Geheimnisse aufdeckt. Dies ist erstaunlicherweise für die aufgestellten Stellvertreter auch emotional erlebbar, obwohl sie die realen Personen, die sie repräsentieren nicht kennen. Dieser Prozess erstaunt häufig  sowohl die aufgestellte Personen als auch die Beobachter, besonders jene, die noch wenig Erfahrung mit dieser Methode gesammelt haben.

Durch anschließende Veränderungen der Struktur und Ritualen wird versucht, einer Lösung der ursprünglich genannten Problematik näher zu kommen.

Diese Methode und ihr zentraler Proponent, Bert Hellinger, haben eine starke Diskussion ausgelöst. Sie hat glühende Anhänger und scharfe, man möchte fast sagen ‚gnadenlose‘ Kritiker geschaffen.15

Familien-Skulpturen
Beispiel einer sehr ausdrucks-starken Familien-Skulptur

Eine weitere systemische Methode zur Klärung von Familien-Konstellationen sind Skulpturen. Von dieser Methode gibt es zahlreiche Versionen, die jedoch alle auf  Virginia Satir zurückgehen.17 Virgina Satir ist eine US-amerikanische Familientherapeutin, deren Intention es war, ihre Eindrücke über eine Familie nonverbal darzustellen z. B. als eine lebendige Skulptur.

Auch bei dieser Methode stellen andere Personen die Familien-Konstellation dar, sie verwenden jedoch wesentlich mehr Ausdrucksmöglichkeiten als das bei Familien-Aufstellungen der Fall ist. Die Teilnehmer erstellen ein menschliches Kunstwerk, ein Kunstwerk aus menschlichen Körpern, die die Familie bzw. die Familien-Beziehungen repräsentieren. Meist  haben die Teilnehmer Körper-Kontakt (alle oder eine Teilgruppierung), sind manchmal miteinander verschlungen, oft auch in Bewegung. Alle nonverbalen Ausdrucksweisen wie Haltungen, Mimik, Gestik, rhythmische Bewegungen, aber auch sprachliche Elemente wie z. B. Intonationen umfassen das mögliche Darstellungs-Repertoire.

Auch bei dieser Methode werden Stimmungen, Gefühle, Gedanken, Bilder usw. in den Darstellern ausgelöst, die symptomatisch und symbolisch Familien-Merkmale repräsentieren und Familien-Konstellationen aufdecken. Häufig wird davon gesprochen, dass die Darsteller „dem Fluss der Familie“ folgen.

Virgina Satir verwendete zwei weitere Methoden der Familien-Forschung und Familien-Therapie, die sie Familien-Rekonstruktion und Parts Party nannte.

Bei der Familien-Rekonstruktion wechselt der Fallbringer / Klientin die Rollen und schlüpft in unterschiedliche Rollen seiner Familie und deren Vorgeschichte und spielt Familien-Szenen nach. Durch den dabei praktizierten Perspektiven-Wechsel kommt es zu einer besseren Verständnis anderer Familien-Mitglieder (auch aus der Vergangenheit) und damit auch oft ein Einstellungs-Wechsel zu diesen Personen.

Bei der Parts-Party schlüpfen andere Gruppenteilnehmer in unterschiedliche Persönlichkeits-Anteile des Klienten und stellen sie spielerisch in einer Art Stegreif-Theater dar.

Gemeinsam ist den Methoden von Virginia Satir, dass sie theatralische bzw. Rollenspiel-Elemente integriert und dadurch Perspektiven-Wechsel und Reframing 18 begünstigt.

3. Entwicklungs-Möglichkeiten

Familien-Konstellationen haben uns geprägt, ihre Muster tragen wir lebenslang in uns. Aber wie und in welchem Ausmaß sie wirksam werden, hängt davon ab, ob sie uns bewusst sind, ob wir sie bearbeitet haben, ob es uns gelungen ist, die problematischen oder schädlichen Aspekte zu entschärfen, ob wir die nützlichen Anteile dieser Muster gut nützen können usw.

Das heißt, es ist für uns alle, besonders aber für Führungskräfte und UnternehmerInnen wichtig, sich mit diesen Familien-Prägungen auseinandersetzen und unsere Vergangenheit zu verarbeiten. Sind sie unbewusst und unbearbeitet, ist die Gefahr sehr groß, das die negativen Anteile dieser Muster überhand nehmen, dass wir sie (unbewusst) auf andere Personen und Situationen übertragen bzw. sie projizieren und dass wir nicht unser authentisches Leben leben.19

Walter Toman, der Entwickler der (strukturellen) Familienkonstellationen hat  das so formuliert, dass wir zwar nicht unsere Vergangenheit ändern können, jedoch ihre Interpretation.20

Zusammenfassend kann man sagen, dass der Einfluss aus den Familien-Konstellationen auf unsere persönliche Entwicklung und das spätere Leben und (innere) Erleben aller Familien-Mitglieder stärker ist , als es im Bewusstsein der Allgemeinheit verankert ist.21  Es ist daher unsere Aufgabe, uns damit auseinanderzusetzen und das Beste daraus zu machen.

Einige Reflexionsfragen

  • In welcher Geschwister-Konstellation bin ich aufgewachsen?
  • Wo stehe ich in der Geschwister-Reihe und wie hat mich das beeinflusst / geprägt?
  • Was ist mir dabei zugute gekommen? Und worunter habe gelitten?
  • Wie viel Harmonie und wie viel Spannungen und Konflikte gab (und gibt) es im Zusammenleben mit den Geschwistern?
  • Wie viel Nähe und wie viel Distanz hatte ich zu meinen Geschwistern (und diese untereinander) und zu den Eltern. Wenn möglich, zeichne ein Soziogramm Deiner Familie.
  • Wie gut konnte ich meine Interessen gegenüber meinen Geschwistern durchsetzen.
  • Welchen ‚Rang‚ hatte ich unter den Geschwistern.
  • Welche Verhaltensmuster habe ich gegenüber meinen Geschwistern ausgeprägt ( z. B. Konkurrenz, Nacheifern, Durchsetzung, …) und welche zeige ich heute noch?
  • Welche Beziehung habe ich heute zu meinen Geschwistern? Welche Rolle und welche Bedeutung haben meine Geschwister in meinem heutigen Leben.
  • Gibt es derzeit Personen in meinem beruflichen oder privaten Umfeld, die mich an einen meiner Geschwister erinnern oder Ähnlichkeiten mit ihnen aufweisen?
  • Als Zusammenfassung: Schreibe einen kurzen Essay zum Thema „Meine Geschwister und ich“.

Links und Literaturhinweise

Familien-Konstellationen (Walter Toman)

  • Walter Toman: Familienkonstellationen: Ihr Einfluss auf den Menschen. C.H.Beck’sche Verlagsbuchhandlung, München 1965 (Klassiker zu Familien-Konstellationen auf der Basis der Individual-Psychologie von Alfred Adler). Family constellation. Its effect on personality and social behavior, Springer 4th ed. 1993 (1-1961)
    engl. Original: Family Constellation. Springer 1961 (vollständiges Buch als pdf)
    slide share: Family Constellation. Its Effect on Personality and Social Behavior. 4th ed.
  • Walter Toman:  (DAS). Keine Auferstehung? Nur endloser Tiefschlaf? Prolegomena von „Zweifel, Hoffnung und Liebe.“ Internet Publikation  für Allgemeine und Integrative Psychotherapie  IP-GIPT. Erlangen: http://www.sgipt.org/lit/toman0.htm (philosophische Abhandlung: Brüder und Schwestern aus existenzieller Sicht)
  • Konrad, Das bleibt in der Familie, Piper Verlag 2013, S. 87
  • Arno Lehmann-Tolkmitt und Nina Heinemann:  Nachfolge in Geschwisterkonstellationen , S. 118 f.

Familien-Aufstellungen

Skulpturen, Virginia Satir

Nachfolge und Familien-Konstellationen

Individualpsychologie von Alfed Adler (Grundlage für Walter Toman)

  • Alfred Adler: Einflüsse der Familie, In: Wozu leben wir? (Orig. What Life Should Mean to You) (1931) Fischer Taschenbuch, Frankfurt 1979, Kap. 6
  • Alfred Adler: Praxis und Theorie der Individualpsychologie. Vorträge zur Einführung in die Psychotherapie für Ärzte, Psychologen und Lehrer. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1974, (Erstausgabe: J. F. Bergmann, München / Wiesbaden 1920 – archive.org)
  • Renate Schallehn: Alfred Adlers Individualpsychologie heute. Eine Weiterentwicklung in Theorie und psychotherapeutischer Praxis? disserta Verlag, 2015
  • Alfred Adler: Über den nervösen Charakter. Grundzüge einer vergleichenden Individualpsychologie und Psychotherapie. (Hauptwerk). J. F. Bergmann, Wiesbaden 1912. (Auch: Fischer-Taschenbücher, Band 6174)
  • Alfred Adler:Menschenkenntnis. BoD – Books on Demand, 2018
  • Alfred Adler: Der Sinn des Lebens. Vandenhoeck & Ruprecht (auch: Fischer-Taschenbuch-Verlag, 1989)

Kunst-Therapie als Familien-Therapie

   Überblick (allgemein) über kunst-therapeutische Ansätze

Gestalt-Therapie

  • Frederick S. Perls, Ralph F. Hefferline, Paul Goodman: Gestalttherapie: Grundlagen der Lebensfreude und Persönlichkeitsentfaltung, Klett Kotta : Stuttgart 1979 (1 – 1951) (Klassiker)
  • Joseph C. Zinker: In search of a good form: Gestalt therapy with couples and families
  • Erhard Doubrawa: Die Seele berühren: Erzählte Gestalttherapie, BoD – Books on Demand 2018 (Interessante Erfahrungs-Berichte)
  • Gestalt-Institut Köln: Begründer der Gestalttherapie (Interessante Website mit einem Beitrag zu den Gründern dieser Schule)
  • Joseph Melnick und Sonia March Nevis: Gestalt-Familientherapie. Prozessstrukturen und Bewusstheit in intimen sozialen Systemen,  Hogrefe

Querverweise

  1.   Vgl. dazu ein Zitat von C. G. Jung: »Wenn ein verkehrter Mann die rechten Mittel gebraucht, so wirkt das rechte Mittel verkehrt.« Sinngemäß könnte man ergänzen: „Wenn die rechte, positiv eingestellte Persönlichkeit die falschen Instrumente verwendet, so kann die Person die negativen Wirkungen ausgleichen.“  Zitat aus Carl Gustav Jung 
  2.   Das ist das Prinzip des „gnothi seauton“ der alten Griechen, der Spruch am Eingang zum Tempel des Apollo in Delphi. Vgl. dazu die Hinweise in meinem Blog-Beitrag „Mein Selbstbild: Persönlichkeit im Spiegel des Enneagramms“  
  3.    C.G. Jung nennt das „Individuation„, werde, der oder die du bist. Vgl. dazu meinen Blog-Beitrag: „Werde, der du bist“ – Individuation als Entwicklungsprozess des Menschen 
  4.   Sehr zentral ist diese Frage auch im Zusammenhang mit der Nachfolge in Familien-Unternehmen. Hier kann die Geschwister-Konstellation diesen Prozess vereinfachen und unterstützen. Sie kann aber auch große Probleme, Schwierigkeiten und Konflikte herbeiführen. Vgl. dazu den eigenen Blog-Beitrag: „Wie Geschwister-Konstellationen den Nachfolge-Prozess in Familien-Unternehmen beeinflussen.“
  5.   Der Begriff „Konstellation“ stammt ursprünglich aus der Astronomie und wird auch in der Astrologie verwendet. Er beschreibt die Art und Weise, wie die Planeten zueinander und zur Sonne stehen. In der Familien-Psychologie wird der Begriff spätestens Seit Thoman 1961 verwendet, jedoch ohne explizite Definition. Man kann jedoch Bezug nehmen zur astronomischen Definition und das Planeten- durch das Familien-System ersetzen. Familienkonstellation beutet dann die Art und Weise, wie Familien-Mitglieder zueinander stehen. Dieses Zueinander-Stehen, dieses aufeinander  Bezogen-Sein hat viele Dimensionen wie z. B. die Anzahl der Personen in der Familie, Nähe und Distanz der Familien-Mitglieder, Dominanz – Unterordnung, Autonomie – Abhängigkeit, Sympathie – Antipathie, Familienklima, Geschwister-Reihe, Altersunterschiede, erlebte Historie, …) 
  6.   Alfred Adlers Individualpsychologie beeinflusste auch zahlreiche neuere Psychologie- und Therapie-Schulen (Viktor Frankl, Abraham Maslow, Erich Fromm, Karen Horney, …). Zentrale Konzepte, die allgemeine Verwendung fanden sind z. B. Minderwertigkeits-Komplex oder Kompensation und Über-Kompensation … 
  7.   Walter Toman: Familienkonstellationen 
  8.   Vgl. z. B. auch  Konrad, Das bleibt in der Familie, Piper Verlag 2013, S. 87, vgl. auch Arno Lehmann-Tolkmitt und Nina Heinemann:  Nachfolge in Geschwisterkonstellationen , S. 118 f.
  9.   Ich möchte hier am Beispiel ‚2BrüderToman selbst zu Wort kommen lassen:

    „Betrachten wir zuerst den älteren und den jüngeren Bruder von insgesamt zwei Brüdern.

    Der ältere Bruder eines Bruders wird ab der Geburt seines Geschwisters an das Zusammenleben mit einem Kind des gleichen Geschlechtes gewöhnt. Wenn durchschnittliche Verhältnisse vorliegen, ist er zu diesem Zeitpunkt etwa drei Jahre alt. Mit sechs Jahren hat er drei Jahre, also die Hälfte seines bisherigen Lebens, mit seinem Bruder zusammengelebt, sein kleiner Bruder alle drei Jahre seines Lebens. Es wäre verwunderlich, wenn die beiden nicht in irgendeiner Form miteinander auszukommen lernten. Es ist aber auch zu vermuten, dass sie an neue Beziehungen außerhalb der Familie, etwa an solche mit Spielkameraden und -kameradinnen, zunächst mit den Erwartungen herangehen, die sie zu Hause im Zusammenleben miteinander, also mit „altersnahen“ Personen, entwickelt haben.

    Unter durchschnittlichen Verhältnissen lernt der ältere Bruder des Bruders unter anderem, Verantwortung und Führung gegenüber seinem kleineren Bruder zu übernehmen. Die Eltern verlangen von ihm, dass er auf seinen kleinen Bruder Rücksicht nimmt, ihn beschützt, ihm zunächst auch dann etwas gibt, wenn er selbst nichts oder nur das Lob der Eltern dafür bekommt. Er muss zugunsten des Kleinen auf manches verzichten, was er anfangs nicht einsieht, woran er sich aber, auch durch Identifikation mit seinen Eltern, gewöhnt. Mit zunehmendem Alter beider wird es auch leichter für ihn, vom kleinen Bruder Gegenleistungen zu verlangen und dabei auch die Unterstützung der Eltern zu finden. Angenehm bleibt für ihn, dass seine Führungs- und Verantwortungsansprüche in vielen gewohnten und zum Teil auch in neuen Belangen vom jüngeren Bruder akzeptiert werden. Der jüngere nimmt sich den älteren Bruder zum Vorbild. In manchen Belangen und zu manchen Zeiten macht er ihm allerdings den Führungs- und Verantwortungsanspruch streitig und beginnt, heftig mit ihm zu wetteifern, was für den älteren Bruder unangenehm ist.

    Die Machtkonflikte zwischen dem Älteren und dem Jüngeren von insgesamt zwei Brüdern werden milder und die beiden Persönlichkeiten können sich unabhängiger voneinander entwickeln, wenn sie vier oder fünf Jahre auseinander sind. Gerade dann wird aber dem älteren und später auch dem jüngeren Bruder klar, dass sie zu dritt nur eine Frau in der Familie haben (die Mutter) und dass man sich mit einem Teil ihres Interesses und ihrer Zeit bescheiden muss. – Wenn dagegen der ältere und der jüngere Bruder nur zwei oder ein Jahr auseinander sind, werden die Konflikte zwischen ihnen besonders intensiv, obschon nur undeutlich bewusst. In diesem Falle geht es den beiden nicht so sehr um Gerechtigkeit im Geben und Nehmen, auch nicht um Leistungskonkurrenz, sondern darum, wer mehr bekommt.

    Der jüngere Bruder eines Bruders hat, soweit er sich zurückerinnern kann, einen älteren, größeren, gescheiteren, stärkeren, perfekteren Jungen um sich. Das wird ihm nur im ersten Lebensjahr noch nicht recht klar, weil sich dann vor allem die Mutter um ihn kümmert, aber ab dem zweiten und deutlicher im dritten Lebensjahr tritt außer dem Vater auch der „große Bruder“ machtvoll in Erscheinung. Der jüngere Bruder bemerkt zwar, dass er außer Haus den Schutz seines großen Bruders genießt, aber zu Hause oder jedenfalls im Bereich der Familie, wo man sich zunächst mehr aufhält als irgendwo anders, braucht man nicht so viel Schutz. Vielmehr kommt man zunehmend dem großen Bruder ins Gehege. Dieser zwingt einem seinen Willen auf, sofern man nicht Wege findet, Dinge allein zu tun, sie so gut wie er oder gar besser zu machen und so rasch wie möglich so groß und gescheit und stark zu werden wie er.

    Das gelingt zunächst nur oberflächlich. Der jüngere Bruder macht sich mitunter lächerlich mit seinen Anstrengungen. Das Bestreben aber, den anderen einzuholen und zu überflügeln bzw. sich ihm zumindest manchmal zu widersetzen, kann sich dem Jüngeren sozusagen als eine der Formen seiner Auseinandersetzungen mit altersnahen Personen für die Zukunft einprägen.

    Die Eltern neigen selber dazu, den älteren Bruder dem jüngeren als Vorbild hinzustellen, dem jüngeren Bruder aber auch mehr zu erlauben und bereitwilliger für ihn als für den älteren Bruder einzuspringen. Da die Mutter die einzige Person weiblichen Geschlechts im Hause ist, entwickelt sich unter den beiden Brüdern eine stärkere Rivalitätsbeziehung um die Gunst der Mutter als in anderen Familien.“
    Walter Toman: Familienkonstellationen, S. 16 f.  

  10.   z. B. die Arbeit mit Symbolen, Ton, Bildern in der künstlerischen Therapieansätzen oder den Formen der Gestalt-Therapie
  11.   zu den Kunst-Therapien vgl. z. B. Helen Landgarten:Kunsttherapie als Familientherapie  Helen B. Landgarten: Klinische Kunsttherapie 
  12.   Was ist Kunst-Therapie?  „die Kunsttherapie ist ein kreatives Gestalten mit unterschiedlichen Materialien und künstlerischen Techniken, wie zum Beispiel das Malen mit Aquarell-, Acryl-, Öl-, Tempera- und Wasserfarben; das Zeichnen mit Kohle, Pastell- oder Ölkreiden; das Modellieren mit Ton, Pappmache oder Plasteline; das Arbeiten mit Holz, Peddigrohr, Yton, Speckstein, Draht oder textilen Materialien. Der damit verbundene spezielle therapeutische Aspekt wird so verstanden, dass der Patient das Material ergreift, es bewegt und sich damit ausdrückt. Er nimmt und gibt, verdichtet und löst, differenziert und verbindet, er lässt gewähren und entscheidet, entwickelt Nähe und Distanz zu dem, was er tut. Dadurch werden innere Verhaltensgegensätze und krankheitsbedingte Einseitigkeiten aufgelöst. Ängste, Hemmungen und Blockaden werden deutlich und können therapeutisch bearbeitet werden“ 
  13.   Der Klassiker der Gestalt-Therapie:  Frederick S. Perls, Ralph F. Hefferline, Paul Goodman: Gestalttherapie. Interessante Erfahrungsberichte: Erhard Doubrawa: Die Seele berühren: Erzählte Gestalttherapie. Interessante Website mit einem Beitrag zu den Gründern dieser Schule: Gestalt-Institut Köln: Begründer der Gestalttherapie   
  14.   Vgl. auch die Blog-Beiträge  psychologische Familienforschung, Familiendynamik – Übersichtsblog, Familiengeheimnisse
  15. Vgl. dazu eine kritische Darstellung in The Scepdic’s Dictionary: Bert Hellinger and family constellations 
  16. Vgl. dazu eine kritische Darstellung in The Scepdic’s Dictionary: Bert Hellinger and family constellations 
  17.   Vgl. Virginia Satir: Kommunikation, Selbstwert, Kongruenz   
  18.   Beim Reframing handelt es sich um ein Umdeuten: Einer Situation oder einem Prozess wird eine andere Bedeutung oder ein anderer Sinn zugewiesen. Man sieht das Geschehen aus einem anderen Licht. Dadurch werden die schwierigen, problematischen Aspekte des Ganzen abgemildert oder sogar zum Verschwinden gebracht. 
  19. Vgl. meinen Blog Beitrag ‚Warum lebe ich nicht mein authentisches Leben
  20.   „Der Einfluss der Familie auf das Verhalten einer Person in der Schule ist in der Regel größer als der Einfluss der Schule auf das Verhalten dieser Person in der Familie. (…) Die Vergangenheit kann nicht mehr abgeändert werden. Lediglich die Interpretation der Vergangenheit ist änderbar. Eine Person kann aus den Erfahrungen in der Schule oder im Beruf Erfahrungen innerhalb der Familie im Rückblick neu einschätzen lernen, und es wäre denkbar, dass sie sogar die derzeit bestehenden Beziehungen zu ihren Familienmitgliedern fortan modifizieren kann.
    Selbst dann darf aber erwartet werden, dass diese erst im späteren Leben abgeänderten Familienbeziehungen in ihren unmittelbaren Wirkungen auf das weitere Familienleben und auf Kontexte außerhalb der Familie schwächer sind als die alten ursprünglichen Beziehungen. Damit ist nicht einem hoffnungslosen Determinismus das Wort geredet, wohl aber sollten die alten und seit viel längerer Zeit wirksamen Einflüsse gegenüber den rezenteren und gegenwärtigen Einflüssen nicht unterschätzt werden. Die Wirkungen der alten Einflüsse sind oft versteckt. Sie betreffen emotionale Haltungen, elementare Motive und Interessen, deren sich der Betroffene mitunter gar nicht bewusst ist. Sie wirken aber auf sein soziales Verhalten ein, und zwar oft umso nachhaltiger, je weniger sie ihm bewusst sind.“  Walter Toman: Familienkonstellationen: Ihr Einfluss auf den Menschen 
  21.   Das war auch die Aussage von Gerda Boyesen, meiner Therapie-Lehrerin: „Der Einfluss der Ursprungs-Familie ist stärker und auf eine tieferen Ebene als auf der psychischen Ebene“ (sinngemäß) Vgl Gerda Boyesen: Über den Körper die Seele heilen: Biodynamische Psychologie und Psychotherapie, München: Kösel, 1994 (7. Auflage)

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