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Der Fall: Adrian will seine Mutter glücklich machen

Die Mutter im Zentrum der Familie. Sie sollte in der Priorität eines Mannes nicht vor seiner Frau stehen. Gemälde von Joseph-Benoît Suvée, 1795: Cornelia, Mutter der Gracchen. Die Gracchen war eine vornehme pbebejische Familie im alten Rom. Sie waren die Urheber der Gracchischen Reformen. Cornelia wurde als erster Frau in Rom eine Statue errichtet.

Adrian ist um die 50 und ist Geschäftsführer eines Möbelhauses mit angeschlossener Schreinerei mit insgesamt fast 50 Mitarbeitern. Ihm gehört die Firma. Er ist unternehmerisch erfolgreich, aber er ist nicht glücklich. Auch seine 3 älteren Schwestern sind erfolgreich in ihren Berufen tätig und die Mutter ist stolz auf sie. Sein Vater ist früh verstorben und da ‚musste‘ er das Geschäft übernehmen. Er tat es gern.

Auch den angrenzenden Bauernhof hatte Adrian übernommen, aber bald verpachtet und später still gelegt. Er kostete viel Arbeit und war defizitär. Er hat ihn mit Rücksicht auf seine Mutter, die jetzt ca. 80 ist, noch nicht verkauft. Die Mutter wollte das nicht, sie wollte,  dass er den Hof weiter – wie früher sein Vater – bewirtschaftet. Sie hatten es in der Familie immer so gehalten, sagte sie. Aber der Hof hat nur Geld, Zeit und Lebensqualität ‚verbraten‘. Das war auch im Hinblick auf seine unternehmerischen Aufgaben nicht vertretbar.

Aber Adrian hatte das Möbelhaus beträchtlich vergrößert und es steht jetzt – im Gegensatz zu früher – auf einem soliden betriebswirtschaftlichen Fundament. Trotz eines größeren Umbaus vor einigen Jahren hat er nur geringe Kredite laufen, die bald abgezahlt sein werden.  Rational betrachtet kann er – auch nach eigenen Worten – stolz sein, auf das, was er erreicht hat.

Adrian’s Sohn ist fast mit dem BWL-Studium fertig und will ins Geschäft einsteigen und es später übernehmen.

Adrian’s Frau arbeitet nicht im Betrieb mit. Sie ist in einem Lehrberuf tätig und nach Adrian’s Worten „nicht sehr zufrieden„. Sie beklagt, dass Adrian ständig verstimmt ist und zu wenig Zeit für sie bzw. die Familie hat, weil er zu viel im Unternehmen und bei seiner Mutter ist. Außerdem kommen Adrian’s Frau und seine Mutter nicht gut miteinander aus. Sie gehen einander aus dem Weg. Die Mutter wohnt in unmittelbarer Nähe der Familie.

Bei seinen regelmäßigen Besuchen (2 – 3 x pro Woche, allein)  beklagt Adrian’s Mutter, dass seine Frau die falsche Wahl sei (das erzählt er aber aus Rücksichtnahme nicht seiner Frau), dass sie nicht zu ihm passt, weil sie „ein anderer Schlag sei“ und dass sie nicht im Unternehmen mitarbeitet. Außerdem wirft sie Adrian vor, den Bauernhof nicht nicht weiterzuführen, sein Vater hätte das schließlich auch geschafft. Adrian ist seiner Mutter dankbar, er hat ihr viel zu verdanken, unter anderem auch das Unternehmen, das in ihrem Besitz war. Er möchte, dass sie die ihr verbleibenden Jahre noch glücklich erleben und auf ihn stolz sein kann. „Ich will meine Mutter glücklich machen“, ist sein Anspruch. Er hat ihr auch schon oft erklärt, was er allem mit dem Unternehmen erreicht hat, aber das beeindruckt sie nicht. Adrian weiß nicht, wie er seine Mutter glücklich machen kann und er beklagt, dass er auch selbst trotz der Erfolge auch nicht stolz und zufrieden ist mit dem, was er erreicht hat und fragt, was er dafür tun kann.

Fragen

  • Was sind die problematischen Punkte in diesem Fall? Was läuft gut / was weniger gut?
  • Welche von Adrian’s Einstellungen und Verhaltensweisen sind konstruktiv (förderlich für sein Leben) und sollten beibehalten werden.
    Welche Einstellungen und Verhaltensweisen sind destruktiv und sollten geändert werden?
  • Warum kann Adrian auf seine Leistungen und Erfolge nicht stolz und zufrieden sein?
  • Was könnte / sollte Adrian tun, um die Situation zu verbessern?

Analyse

Das Mutter-Thema

Es dreht sich in diesem Fall viel um das Mutter-Thema. Adrian ist noch nicht von seiner Mutter gelöst. Er ist ihr dankbar, das ist positiv. Aber er hängt noch an ihr, er hat noch nicht seine Autonomie, seine Selbstständigkeit  erlangt,  sein Erwachsen-Werden ist noch nicht abgeschlossen.

Dadurch setzt er falsche Prioritäten. Seine Mutter, als Teil seiner Ursprungs-Familie hat einen zu großen Stellenwert im Verhältnis zu seiner Gegenwarts-Familie,  seiner Frau und seinem Sohn. Die Gegenwarts-Familie bzw. die Partnerschaft sollte die höchste Priorität haben und die höchste Intimität.

Das heißt beispielsweise,  dass er keine Geheimnisse mit seiner Mutter teilen sollte,  die er seiner Frau verschweigt. Wenn seine Mutter meint, dass seine Frau die falsche Wahl ist, so sollte er das nicht seiner Frau verschweigen.  Sie wird es sowieso erspüren / erahnen. Und er sollte seiner Mutter klarmachen,  dass es nicht ihre Sache ist,  zu entscheiden, welche Frau die richtige ist für ihn und sein Leben.

Die Mutter-Botschaft

Eltern-Botschaften haben eine starke Wirkung, besonders, wenn sie unbewusst bleiben. Überstarke Wirkung haben sie, wenn die betreffende Person noch nicht von ihren Eltern gelöst ist. Dann werden die Selbst-Botschaften (Aussagen, wie ich leben will, nach welchen Prinzipien ich handeln will, …) wirkungslos und werden durch die Eltern-Botschaften ersetzt bzw. von ihnen überlagert, von ihnen getilgt. Die Zufriedenheit mit den eigenen Handlungen, Leistungen, Entscheidungen werden dann aus der Sicht der Eltern gesehen und bewertet und nicht aus der Sicht der Selbst-Botschaften.

Bei Adrian wird die Selbstbotschaft von der Mutter-Botschaft überlagert. Auf Nachfragen bezeichnet er sich selbst als Mutter-Sohn. Wenn das stimmt, sind die Mutter-Botschaften dominant.

  • Mögliche Selbst-Botschaft: „Mir ist das Unternehmen wichtig, ich will den Wert des Unternehmens steigern und auf die erreichten Leistungen und Erfolge stolz sein.“
  • Mutter-Botschaft: „Der Bauernhof und das Unternehmen sind wichtig. Kümmere dich um beide, erhalte beide am Leben. Führe die Familien-Tradition weiter.“

Die Frage, die sich Adrian selbst stellt, war: „Warum kann ich auf meine Leistungen und Erfolge mit dem Unternehmen nicht stolz sein?“ Aufgrund der obigen Analyse ist die Antwort1 klar: Solange Adrian nicht von seiner Mutter gelöst ist und (psychisch, emotional) auf eigenen Beinen steht, ist die Zufriedenheit nicht möglich.

Ein wichtiger Schritt für die Loslösung ist das Loslassen der Mutter-Botschaft. Damit das möglich ist, muss er sie vorerst bewusst erkennen. Mögliche Schritte dazu sind:

  • Das Muster (Eltern-Botschaft) erkennen,
  • benennen,
  • loslassen
  • ändern (neue Muster aufbauen – Selbstbotschaften)
  • stabilisieren (nicht in alte Muster zurückfallen)

Loslösung von der Mutter-Botschaft und Selbst-Botschaften aufbauen, wäre also ein wichtiger Schritt der Loslösung und der Hinwendung zur Entwicklung einer autonomen Persönlichkeit (ein Individuations-Schritt zum einzigartigen Individuum).

Andere glücklich machen

„Du selbst zu sein in einer Welt, die ständig versucht, nicht zu sein, ist die größte Errungenschaft.“
Ralph Waldo Emerson

Andere glücklich machen, da geht nicht. Ich kann nur Bedingungen schaffen, die es anderen ermöglicht, glücklich zu werden, bzw. eine gelingendes Leben zu führen. Ich bin verangtwortlich für meine Handlungen und Entscheidungen, nicht für die Wirkung auf Andere. Es gilt, die passenden Antworten auf die Herausforderungen des Lebens zu geben („Prinzip des Antwortens“ aus der Logotherapie), nicht jedoch, nicht darum Reaktionen bei Anderen hervorzurufen.

Ablösung von den Eltern

Die Ablösung von den Eltern ist ein entscheidender Schritt am Entwicklungsweg eines Menschen. Häufig erleben wir das in der Phase der Pubertät und Adoleszenz. Vgl. den Beitrag zur Ablösung von den Eltern und die Interpretation von ‚Hänschen klein‚.

Primat der Gegenwarts-Familie

Stehen die Ansprüche der Ursprungs-Familie (Eltern, Geschwister) mit jenen der Gegenwarts-Familie miteinander in Konflikt, z. B. weil die Eltern oder ein Elternteil den Partner nicht akzeptieren, wie im Fall von Adrian, so hat die Gegenwarts-Familie Priorität. Es mag Ausnahmen geben, aber das ist das Prinzip aus der Familien-Psychologie und -Therapie.[vgl. z. B. Bert Hellinger: Die Logik der Liebe.] Wir sollten die Energie / die Gaben der Eltern entgegennehmen, ihnen dafür „die Ehre geben“ und sie an unsere Kinder / Nachfahren weitergeben, ohne Dankbarkeit dafür zu verlangen. Das ist unsere Aufgabe. Geht der Energiestrom rückwärts, so hat das meist negative Auswirkungen auf die Familien-Dynamik.

(Entwicklungs-)Themen in diesem Fall

  • (Los-)Lösung von den Eltern
  • Pubertät, Adoleszenz
  • Midlife Crisis, Lebenswende
  • Eltern-Botschaften
  • Introjektionen
  • Selbständig sein
  • Verantwortung übernehmen
  • Primat der Gegenwarts-Familie
  • Führen eines mittelständischen Familien-Unternehmens (Einzelhandels-Unternehmens)
  • Familien-Geheimnisse
  • Erforschung der Familie / Familien-Wurzeln
  • Muttersohn (ursprünglich positiver Mutterkomplex)

Querverweise

Entdeckung unserer Eltern-Botschaften. (Darstellung der Eltern-Botschaften, unterschiedliche Ansätze und ein Fallbeispiel)

Introjektionen. (Introjektion als Abwehr-Mechanismus)

Authentisch. (Introjektion in einem Fallbeispiel)

Abwehr. (Übersicht über Abwehr-Mechanismen)

Wenn ich noch einmal leben würde – ein Gedicht zur Sinnfindung. (zur Logotherapie und dem Prinzip des Antwortens).

Wenn ein Kind zum Partner seiner Eltern wird.

 

Literatur und Links

Mutter-Thema, Ablösung

Uwe Mauch (im Interview mit dem Therapeuten Uwe Pettenberg): Mutter-Sohn-Beziehung: Und tschüss, Mutti!. Aus kurier.at. 28. 7. 2014. https://kurier.at/leben/mutter-sohn-beziehung-und-tschuess-mutti/76.980.534.

Uwe Pettenberg: “Das” Männer-Prinzip. Warum die einen glücklich sind und die anderen immer noch suchen. Verlag Herbig, 2014.

Uwe Pettenberg: Ihr macht mich alle krank!. Wie Familiensysteme uns lähmen und wir und aus alten Verstrickungen befreien können. Langen Mueller Herbig, 2013.

o. A.: Mutterbindung bestimmt Verhalten von Söhnen. Aggressionen gehen mit frühkindlichen Bindungsstörungen einher. https://www.pressetext.com/news/20100403004. (Abstract des Originalartikels unter http://www3.interscience.wiley.com/journal/123329493/abstract?CRETRY=1&SRETRY=0.).

o. A. (Redaktion Focus Online): Mutterkomplex: Das steckt dahinter.  Aus: focus.de. 4 .5. 2020.  https://praxistipps.focus.de/mutterkomplex-das-steckt-dahinter_102702.

o. A.: Das MutterThema. Aus: motherbirth.de.19. 7. 2019. https://motherbirth.de/2017/07/19/das-mutterthema-ein-gastbeitrag-von-tanja-herzbauchwerk/.

Robert Betz: Ohne Vergangenheit bist du sofort frei!. Eine Anleitung zur Befreiung aus selbsterzeugtem Leid. Aus: robert-betz.com. https://robert-betz.com/mediathek/robert-betz-in-den-medien/artikel-von-robert-betz/ohne-vergangenheit-bist-du-sofort-frei/.

Kristina Kreisel: Warum Männer sich Frauen suchen, die Mutter ähneln – und wann es problematisch wird. Aus focus.de. 30. 7. 2019. https://www.focus.de/familie/beziehung/wenn-die-partnerin-der-eigenen-mutter-aehnelt-expertin-erklaert-wann-das-zur-beziehungs-falle-wird_id_10928157.html.

 

Entwicklungsphasen – anthropologisch

Bernard C. J. Lievegoed: Lebenskrisen, Lebenschancen. Die Entwicklung des Menschen zwischen Kindheit und Alter. Verlag Kösel, 2001.

Bernard C. J. Lievegoed: Entwicklungsphasen des Kindes. Mellinger, 1979 .

Hans von Sassen: Laufbahn und Lebenslauf als Selbstentwicklungsaufgabe. In: Agogik. Zeitschrift für Fragen sozialer Gestaltung 3/92. Aus: artm-frieds.at. https://www.artm-friends.at/am/publications/T%20Laufbahn%20und%20Lebenslauf%20HS%20WD.pdf.

Hans von Sassen: Entwicklungsphasen des Menschen. Unveröffentlichtes Manuskript. Trigon Seminar-Unterlage.

Erika Bergner: Der Blick auf die Lebenszeit im Coaching. Aus: trigon.at. https://www.trigon.at/wp-content/uploads/2017/09/Der-Blick-auf-die-Lebenszeit-im-Coaching-EB.pdf.

o. A.: Entwicklungsphasen des Menschen. (Übersicht). Aus: ethz.ch. https://ethz.ch/content/dam/ethz/special-interest/mtec/chair-of-entrepreneurship-dam/documents/BMS_Downloads/Entwicklungsphasen__des__Menschen.pdf.

 

Systemische Aufstellungsarbeit

Gunthard Weber: Derselbe Wind lässt viele Drachen steigen. Systemische Lösungen im Einklang. Carl-Auer Verlag, 2012.

 

  1.   Es ist natürlich nur eine der möglichen Antworten. Auch andere Faktoren können auf seine Zufriedenheit Einfluss nehmen.

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