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Der Beziehungs-Ansatz von Guy Bodenmann

Stress beeinträchtigt die Kommunikation, schlechte Kommunikation beeinträchtigt die Partnerschaft

Unter Stress sind Kommunikations-Sünden besonders häufig anzutreffen. Wertschätzende Kommunikation braucht Zeit. Wer unter Stress steht ist besonders anfällig für schlechte Kommunikation. Besonders betroffen davon ist Kommunikation in der Partnerschaft. Damit hat sich vor allem der Paar-Forscher und Paar-Therapeut Guy Bodenmann beschäftigt.1

Bodenmann hat unter anderem erforscht,

  • wie Stress Kommunikation und Beziehungen zerstört und
  • was Erfolgsfaktoren für gelingende Beziehungen sind.

Guy Bodenmann ist Professor am Psychologischen Institut der Universität Zürich2: Abteilung Klinische Psychologie mit Schwerpunkt Kinder/Jugendliche und Paare/Familie. Bekannt geworden ist er besonders mit seimnem Modell des Dyadischen Copings und des dazu entwickelten Inventars DCI (Dyadisches Coping Inventars.

Bodenmann erforscht vor allem Kommunikation und Konflikt in partnerschaftlichen / Ehe-Beziehungen. Es spricht jedoch einiges dafür, seine Ergebnisse auch – wie beim Gordon-Modell – auf Kommunikation und Konflikt in anderen Bereichen, z. B. in Unternehmen (mit Anpassungen) übertragen zu können.

Stress in Beziehungen

Eine der zentralen Aussagen von Bodenmann ist, dass für das Gelingen einer Beziehung nicht in erster Linie Liebe oder Attraktivität oder der Status ausschlaggebend ist, sondern partnerschaftliche Kompetenzen.

Drei zentrale Kompetenzen konnte er herausfiltern:

  • Kommunikation (angemessen miteinander kommunizieren können)
  • Problemlösungs-Fähigkeit (Alltagsprobleme effizient lösen können)
  • Stress-Bewältigungs-Kompetenz (Alltagsstress wirksam bewältigen können)

Dyadisches Coping – Exploration der Gefühle

Besonders effiziente Stressbewältigung in Beziehungen ist Bodenmann wichtig. Dazu entwickelte er das ‚Dyadische Coping‚, also das gemeinsame Bewältigen von Stress, des Einen oder des Anderen oder beiden. Das beginnt beim Wahrnehmen von Stress beim Partner. Gelingt es, diesen zu erkennen? Der vielleicht wichtigste Punkt ist, den Stress auf angemessene Art und Weise zu kommunizieren, mit allen Gefühlen, die damit verbunden sind.3 Effizientes Erkunden von Gefühlen ist nach Bodenmann wichtiger als der Inhalt (Stress-Quellen, Situationen, …) Gerade das fällt jedoch vielen Paaren schwer. Sie kommunizieren meist nur auf der sachlich-inhaltlichen Ebene – und wissen immer weniger voneinander.
Paare finden die Exploration der Gefühle oft nicht so wichtig, weil sie der Meinung sind, dass sie ja der Partner eh kennt bzw. kennen muss: „Wenn du mich liebst, dann weißt du auch, wie es mir geht“ – eine sehr problematische Annahme. Effiziente Gefühls-Erkundungen steht bei Bodenmann auch im Zentrum von Trainings-Bemühungen für Paare. Man lernt dabei den Partner auf einer tieferen Ebene kennen und das ermöglicht eine offenere, direktere Kommunikation.4

Mess-Instrument und Studien

Bodenmann untersucht vor allem das Zusammenwirken von Stress- und Coping-Variablen. 5  Er hat dazu auch ein Mess-Instrument entwickelt, den DCI (Dyadisches Coping Inventar)6

Bodenmann führte zahlreiche Studien durch. Ein Beispiel: Auf Basis der mit dem DCI gewonnenen Daten konnte Bodenmann Trennungen vorhersagen. Es gelang ihm (in einer Teilgruppe) in 73 % der Fälle eine richtige Vorhersage über Trennungen innerhalb von 5 Jahren. 7 Er unterschied dabei Paare mit unterschiedlichem Beziehungsstatus: stabil/zufrieden, stabil/unzufrieden und getrennt/geschieden.

Die Ergebnisse zeigen, dass sich stabil-zufriedene, stabil-unzufriedene und getrennt/geschiedene Paare bezüglich Stress sowie des individuellen und dyadischen Copings signifikant unterscheiden.
Stabil-zufriedene Paare wiesen im Mittelwert vor fünf Jahren insgesamt weniger Stress auf, praktizierten weniger häufig dysfunktionale individuelle Copingstrategien und griffen zur Stressbewältigung häufiger auf interpersonelles Coping (dyadisches Coping) zurück.
Die Vorhersage des Partnerschaftsstatus gelang nach fünf Jahren mit 62 1% bei der Bildung von drei Gruppen (stabil-zufrieden, stabil-unzufrieden, getrennt/geschieden) und mit 73,3%  bei einer Unterscheidung in stabile versus getrennt/geschiedene Paare. 7

 

Literatur von und zu Guy Bodenmann

Guy Bodenmann, Stress und Partnerschaft: gemeinsam den Alltag bewältigen

Guy Bodenmann,  Caroline Fux: Einfach glücklich. Das Geheimnis einer erfüllten Partnerschaft und starken Beziehung

Guy Bodenmann, Caroline Fux: Was Paare stark macht: Das Geheimnis glücklicher Beziehungen, Beobachter-Edition, 2013, eingeschränkte Einsicht in: Was Paare stark macht

Guy Bodenmann, Caroline Fux: Was Paare stark macht (pdf im ResearchGate)

Guy Bodenmann: „Unrealistische oder überhöhte Erwartungen sind ein grosses Problem“. In: Schweizerische Stiftung für die Familie (SSF) 3/2014, S. 3-4

Studien:

Bodenmann, G., & Cina, A. (1999). Der Einfluss von Stress, individueller Belastungsbewältigung und dyadischen Coping auf die Partnerschaftsstabilität: Eine 4-Jahres-Längschnittstudie . Zeitschrift für Klinische Psychologie, 28(2), 130-139
Zemp, M., Johnson, M. D., & Bodenmann, G. (2019). Out of balance? Positivity–negativity ratios in couples’ interaction impact child adjustment. Developmental Psychology, 55(1), 135-147.
Kuhn, R., Milek, A., Meuwly, N., Bradbury, T. N., & Bodenmann, G. (2017). Zooming in: A microanalysis of couples’ dyadic coping conversations after experimentally induced stress. Journal of Family Psychology, 31(8), 1063-1073.
Carrère, S., Buehlman, K. T., Gottman, J. M., Coan, J. A., & Ruckstuhl, L. (2000). Predicting marital stability and divorce in newlywed couples. Journal of Family Psychology, 14(1), 42-58.
Zahlreiche weitere Studien von Bodenmann finden sich in APA PsycNET: Bodenmann, Guy
Rezensionen,  Zusammenfassungen, Auszüge …:

Marco Ferrari: Guy Bodenmann: Stress und Partnerschaft (Zusammenfassung)

cobocards: Dyadisches Coping

Gabriele Lucius-Hoene: Bewältigungsstrategien: Coping als Paar

Ergänzend zum Thema „Vergeben“

Friederike von Tiedemann: Versöhnungsprozesse in der Paartherapie: Ein Handbuch für die Praxis

Wolfgang Schmidbauer: Vergeben ist nicht vergeblich

Querverweise:

  1.   Guy Bodenmann hat zahlreiche Studien, aber auch populärwissenschaftliche Artikel verfasst. Vgl. Literaturhinweise am Ende des Beitrags
  2.   Vgl. Guy Bodenmann in wikifamilia
  3.   Negative innere Zustände (mit Ich-Botschaften) zu kommunizieren: Das kennen wir schon spätestens seit Carl Rogers – vgl. personen-zentrierte Kommunikation  
  4.   Vgl. vor allem Guy Bodenmann: Bevor der Stress uns scheidet. Resilienz in der Partnerschaft. Bern: Huber. (Neuauflage 2015: Hogrefe Verlag), auch: Marco Ferrari: Guy Bodenmann: Stress und Partnerschaft
  5.   Vgl. z. B. Guy Bodenmann: Dyadic Coping and Its Significance for Marital Functioning. January 2005, DOI: 10.1037/11031-002   
  6.   Guy Bodenmann: Dyadisches Coping Inventar (DCI), Manual. Bern: Huber Testverlag 2008   
  7.   Guy Bodenmann, G. & Cina, A.: Stress und Coping als Prädiktoren für Scheidung: Eine prospektive Fünf-Jahres Längsschnittstudie. Zeitschrift für Familienforschung, 12, (2000), S. 5-20 
  8.   Guy Bodenmann, G. & Cina, A.: Stress und Coping als Prädiktoren für Scheidung: Eine prospektive Fünf-Jahres Längsschnittstudie. Zeitschrift für Familienforschung, 12, (2000), S. 5-20 

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