Das Gehirn prägt unsere Persönlichkeit

Print Friendly, PDF & Email
Die Erschaffung Adams, Michelangelo, Deckenfresko der Sixtinischen Kapelle im Vatikan: Dieses Bild wird neuerdings auch gehirnanatomisch gedeutet. Personen können als Teilsysteme interpretiert werden Vgl. z. B. . The Mystery of Michelangelo’s ‚Creation of Adam‘ – https://h2g2.com/edited_entry/A681680

Unser Gehirn ist ein komplexes Ganzes, es gibt zahlreiche Möglichkeiten, es zu gliedern, strukturieren, einzuteilen, Bereiche abzugrenzen. Eine sehr nützliche Abgrenzung verwendet Julius Kuhl, ein sehr bekannter und angesehener Psychologe aus Osnabrück, der die klassische Psychologie mit den Neurowissenschaften, vor allem der Neurobiologie verbindet und daraus nützliche Erkenntnisse gewinnt. Sein Theorie-Ansatz, die ‚PSI-Theorie1 2 3  und sein daraus entwickeltes Persönlichkeitsmodell sind sehr komplex, verwendet eine eigene, spezifische Sprache, ist aber sehr umfassend und aussagekräftig. Ich werde versuchen, einzelne Element in einer vereinfachten Sprache („unwissenschaftlich“) so darzustellen, dass sie einigermaßen verständlich sind ohne dass der Erklärungsgehalt völlig verloren geht.4

Die PSI-Theorie unterscheidet vier Gehirn-Areale / Teilsysteme des Gehirns, beschreibt sie als psychische Systeme,5 die in ihrer Ausprägung und ihrem Zusammenspiel unser Verhalten lenken. Je nachdem, wie diese 4 Systeme in uns angelegt sind und wie sie zusammenarbeiten oder die Zusammenarbeit verweigern, unterscheidet sich unser Verhalten und unsere Persönlichkeit, unser Persönlichkeitsstil. „Zeige mir dein Gehirn und ich sage dir, wer du bist“ wäre ein Spruch dazu. Diese 4 Systeme, man könnte sie vereinfacht als Persönlichkeitsanteile in uns nennen, sind in je 2 Gegenspieler eingeteilt, die sich gegenseitig (oft sinnvollerweise) behindern. Wenn einer aktiv ist, macht der andere Pause. Wenn sie gut zusammenarbeiten, dann übergeben sie dann den (Aktivierungs-)Stab, wenn der andere Teil (Partner) gerade gebraucht wird – mit den jeweiligen Informationen, damit der andere ‚weiterarbeiten‘ kann. Es findet also auch sinnvollerweise ein Informationsaustausch statt. Wenn z. B. ein innere Partner / Teamplayer im inneren Team überlegt hat, was jetzt zu tun ist, welche Aktivität jetzt passend ist, dann übergibt er passender weise die Information an den anderen Partner, der die Aktion auch ausführen kann.

Eine Besonderheit der PSI-Theorie, vielleicht die Besonderheit schlechthin ist, dass der Einsatz dieser Spieler durch unsere Gefühle und Stimmungen6 geleitet wird. Die Gefühle steuern, welchen Persönlichkeits-Anteil, welches psychische System, wir einsetzen. Wer also seine Gefühle bewusst steuern kann, hat auch den bewussten Einsatz unserer Persönlichkeits-Anteile im Griff.

Was sind also die vier Spieler, die vier Anteile in uns, die inneren Teilpersönlichkeiten?7. Ich bezeichne sie als

  • den inneren rationalen und nüchternen Planer (Denker, Verstandes-Mensch)
  • den inneren freudigen Akteur und Macher (intuitiver Handlungs-Mensch)
  • den inneren gelassenen, kreativen Entwickler mit Überblick (der in sich selbst ruhende Gefühls-Mensch)
  • den inneren Perfektionisten, der auf Einzelheiten schaut und schnell Fehler erkennt und vermeidet (der Mensch mit Fehler-Zoom, erdiger Empfindungsmensch)

Der innere rationale und nüchterne Planer

Auguste Rodin: Der Denker (Le Penseur) 1880-2, Musee de Paris

Dieser Anteil in uns ist sachlich, nüchtern, rational – unser Verstand.8

Hier ist der Kopf eingeschaltet. Er ist in seinem Element, wenn er überlegt und plant, wie man absichtsvoll handeln und konkrete Ziele erreichen kann. Dabei will er sich auf seine Arbeit konzentrieren und nicht abgelenkt werden. Er lässt sich gerne von (Planungs-) Instrumenten unterstützen, betrachtet die Vorhaben als Projekte und hält sich gerne an die Pläne. Seine wichtigste Aufgabe ist die Aufrechterhaltung von Absichten und die Abschirmung von Störungen.

Ist der Planer in uns dominant, dann besteht die Gefahr, dass die Projekt zwar gut geplant, aber nie realisiert werden. Ist die Zusammenarbeit mit seinem Gegenspieler, dem Macher gut, dann übergibt er ihm zeitgemäß den Aktivitäts-Stab und zieht sich zurück, um in schwierigen, komplexen Situationen, wenn schnelles Handeln unangebracht ist, wieder aktiv zu werden.

Der innere freudige Akteur und Macher

Der Akteur ist der Gegenspieler und Partner des Planers.9

Wenn er in unserer Psyche gut ausgebildet ist, dann wartet er schon sehnsüchtig und vielleicht auch ungeduldig darauf, vom Planer die Freigabe zu bekommen, um zur Tat zu schreiten. Er freut sich, wenn er aktiv sein kann, hat positive, anregende Gefühle, ist voller Aktivität und Tatendrang. Bei seinen Aktivitäten kann er sich auf seine Intuition verlassen. Sie leitet ihn und führt ihn ohne Mühe und Plage zu guten Ergebnissen, das ist auch das, was er erwartet – mühelos voranzuschreiten. Die Basis dafür sind Automatismen, sie sich oft schon im frühen Kindesalter entwickelt haben, sodass wir handeln können ohne lange darüber nachdenken zu müssen.

Hat er etwas zu tun, so ist er auch gut aufgelegt, guter Stimmung, vielleicht sogar überschwänglich und enthusiastisch.

Ist dieser Teil in uns zu stark ausgeprägt so besteht die Gefahr des Aktionismus. Dinge die eigentlich überlegt und geplant werden sollten werden vorschnell ausgeführt, was man dann später bereut. Ist die Zusammenarbeit mit seinem Gegenspieler, dem Planer gut, so weiß er, dass er sich in bestimmten Situationen, wenn rasches Handeln unangebracht oder gefährlich ist, sich zurückziehen und dem Planer auf die Bühne holen muss. Das gute Zusammenspiel bewirkt, dass die richtigen Ziele gewählt und auch unter schwierigen Bedingungen realisiert werden.

Der innere gelassene, kreative Entwickler mit Überblick

Der Philosoph. Büste von Aristoteles. Marmor. Römische Kopie nach dem griechischen Bronze-Original von Lysippos, um 330 vor Chr.

Dieser Anteil10 in uns sieht in allem viele Möglichkeiten, hat viele kreative Ideen und Visionen. Seine Blick ist auf das Ganze gerichtet, Details interessieren ihn weniger, er will einen Überblick haben, den Wald sehen, nicht die Bäume. Nur dann kann er die Dinge verstehen und Sinn in ihnen finden. Das ist wichtig für ihn, denn er will sich mit seinen Aufgaben und Aktivitäten identifizieren und das nicht nur denken, sondern spüren. Selbst in schwierigen Situationen bleibt er gelassen und vermeidet negative Gefühle und kann sie auf Abstand halten. Ist dieser Anteil in einem Übermaß ausgebildet, so besteht die Gefahr, dass er negativen Aspekte generell und bei sich und seinen Aktivitäten ignoriert oder gar nicht erkennt. Negative Details werden einfach ausgeschaltet.

Arbeitet dieser Teil gut mit seinem Gegenspieler zusammen, so bekommt er von ihm nützliche Informationen, vor allem auch über die problematischen Seiten und kann sie gut verarbeiten und in sein ganzheitliches Weltbild integrieren.

 

Der inneren Perfektionist, der auf Einzelheiten schaut und schnell Fehler erkennt und vermeidet

Der Gegenpol des gelassenen Entwicklers ist der innere Perfektionist11. Wenn dieser Anteil bei uns aktiv ist, so läuft ein O-Fehler-Programm. Seine Fähigkeiten auch die Details zu erkennen und zu bewerten lässt ihn schnell Fehler, Unzulänglichkeiten und Gefahren, das Haar in der Suppe erkennen. In seiner Vorgehensweise ist er vorsichtig und bedachtsam. Er überprüft und evaluiert seine Tätigkeiten: Was ist gut gelaufen und wo sind Verbesserungen notwendig? Er will die richtigen Sachen machen und diese richtig machen. Seine Stimmung ist meist ernsthaft, er kennt schlechte Stimmung gut und das erhöht seine Sensibilität für Unstimmigkeiten und Gefahren.

Die vielen Details und Einzelheiten in diesem psychischen System hindern den inneren Perfektionisten jedoch, sie ein größeres Gesamtbild zu integrieren. Arbeitet dieser Teil jedoch gut mit seinem Gegenspieler, dem inneren Entwickler zusammen, so übergibt er ihm diese Daten und lässt sie von ihm verarbeiten. Dann läuft die persönliche Entwicklung dieser Person gut. Andernfalls ist Entwicklung schwierig. Ist dieser Teil in uns zu stark ausgeprägt, so besteht die Gefahr ein übertiebener Perfektionist zu sein und Schwarz-Weiß-Denken zu praktizieren.

Dominanz

Jeder von uns hat alle 4 Anteile in sich, doch sie sind meist nicht gleichmäßig ausgebildet. Meist dominiert eines oder zwei und bestimmt dann unser Handeln, während meist eines „wenig beleuchtet ist“. Das kann in bestimmten Situationen Schwierigkeiten bereiten. Durch Steuerung unserer Gefühle / Affektlagen lässt sich dies bis zu einem gewissen Ausmaß ausgleichen. In der PSI-Theorie nennt sich das „Selbst-Steuerung„.

Take-aways

In einem Abstract fasst Maja Storch die wesentlichen Punkte aus ihrem Buch mit Kuhl „Die Kraft aus dem Selbst“ zusammen auf sehr präzise und verständliche Art zusammen:

  • „Die Psyche besteht aus verschiedenen Systemen, von denen meist eines dominiert und Charakter und Handeln eines Menschen prägt.
  • Neben Verstand, intuitiver Verhaltenssteuerung und Fehler-Zoom ist das Selbst ein solches Teilsystem. Dieses ist wiederum Teil des Erfahrungsgedächtnisses.
  • Ein guter Zugang zum eigenen Selbst beeinflusst Ihr Leben positiv.
  • Dieser Zugang lässt sich gezielt trainieren.
  • Das Selbst lässt sich am besten durch Affektregulation beeinflussen.
  • Die Affektregulation lässt sich durch regelmäßiges Üben so im Selbst verankern, dass Gehirn und Selbst den Wechsel zwischen Affektlagen fast wie von selbst ausführen.
  • Wer oft intuitiv handelt, kann sich durch Affektregulation etwas bremsen.
  • Wer immer mit dem Verstand entscheidet, kann durch Affektregulation Spontaneität gewinnen.
  • Wer immer nach Fehlern sucht, kann durch Affektregulation einen ganzheitlicheren Blick gewinnen.
  • Wer sich beizeiten mit unangenehmen Themen konfrontiert, steht nicht irgendwann vor vollendeten Tatsachen.“

Gefühle als Schlüssel

Auch den Stellenwert der Gefühle fasst Maja Storch ganz einzigartig und klar zusammen:
„Idealerweise meldet sich je nach Situation ganz automatisch das richtige System zu Wort. Manchmal passiert dies jedoch nicht; in diesem Fall können Ihre Gefühle – womit bewusste und unbewusste Affekte, Emotionen und Stimmungen gemeint sind – den Weg zum Umschalten ins richtige System bahnen. Sie sind der „Treibstoff für den Motor der psychischen Teilsysteme“. Idealerweise haben Sie schon als Kind gelernt, Ihre Gefühle – gute wie schlechte – zu regulieren. Zur Persönlichkeitsentwicklung gehört nämlich auch, mit negativen Gefühlen umgehen zu können. Um das richtige System zur richtigen Zeit auf den Plan zu rufen, müssen Sie eine der sogenannten Affektlagen gegen eine andere austauschen: Starke positive Affekte seien „A+“ genannt, gedämpfte positive Gefühle „A(+)“. Die Affektlage A+ aktiviert das Teilsystem der intuitiven Verhaltenssteuerung, die Affektlage A(+) hingegen den Verstand. Beides hat seinen Sinn, doch wichtig ist, dass Sie je nach Situation die Dämpfung der positiven Gefühle entweder aufheben können, um vom Nachdenken ins Handeln zu kommen, oder andererseits herbeiführen können, um in einer Situation, die ohne Nachdenken nicht zu lösen ist, den Verstand und vor allem das Absichtsgedächtnis zu aktivieren. Letzteres sorgt dafür, dass Sie vor Augen haben, warum Sie etwas tun.
Das Zusammenspiel von aktivierten negativen Affekten und gedämpften negativen Affekten funktioniert ähnlich: Wer immer nur Fehler sieht, der muss auch mal loslassen, das Ganze in den Blick nehmen. Dafür muss er von A- in A(-) wechseln. Andersherum gilt dasselbe.“

Zusammenspiel als Grafik dargestellt

Die vier Teilsysteme der menschlichen Psyche im PSI-Modell

Gregor Heise hat das Zusammenspiel sehr anschaulich und übersichtlich in einer Grafik zusammengestellt.12

Querverweise

Cluster: Ansätze der Persönlichkeitsentwicklung

Zusätzliche Literatur und Links

Empfehlungen von Julius Kuhl:

(aus: o. A.: Eine neue Persönlichkeitstheorie. )

Julius Kuhl (2015). Spirituelle Intelligenz. Glaube zwischen Ich und Selbst. Verlag Herder.

Maja Storch & Julius Kuhl (2017). Die Kraft aus dem Selbst: Sieben PsychoGyms für das Unbewusste. Hogrefe.

Johannes Storch, Corinne Morgenegg, Maja Storch & Julius Kuhl (2016). Ich blick’s: Verstehe dich und handle gezielt. Hogrefe.

Julius KuhlLehrbuch der Persönlichkeitspsychologie: Motivation, Emotion und Selbststeuerung. Hogrefe. 2010.

Julius Kuhl: Motivation und Persönlichkeit. Interaktionen psychischer Systeme. Hogrefe 2001.

Julius Kuhl: PSI-Theorie. Theorie der Persönlickeits-System-Interaktionen. (Website von Julius Kuhl). https://www.psi-theorie.com/.

ergänzende Literatur und Links

Julius Kuhl: PSI-Theorie. (homepage). https://www.psi-theorie.com/.

o. A.: Eine neue Persönlichkeitstheorie. Interview mit Prof. Dr. Julius Kuhl. Aus: psyche-und-arbeit.de. 26. 7. 2016. https://psyche-und-arbeit.de/?p=5476. +++

Bernd Schmid, Günter G. Bamberger, Cornelia Klioba: Die Schlüssel zum verlorenen Selbst. Aus: psyche-und-arbeit.de. 5. 1. 2017. https://psyche-und-arbeit.de/?tag=selbstentwicklung. +++

 

  1.   PSI-Theorie = „Persönlichkeits-System-Interaktions-Theorie“ – sie beschreibt und erklärt menschliches Verhalten als Interaktion / Zusammenspiel / Wechselwirkung unterschiedlicher psychischer Systeme.  
  2.   Vgl. Julius Kuhl: Motivation und Persönlichkeit: Interaktionen psychischer Systeme 
  3.    Einfach lesbare Darstellungen der PSI-Theorie finden sich in Julius Kuhl: Eine neue Persönlichkeitstheorie, Maja Storch, Julius Kuhl: Die Kraft aus dem Selbst: sieben PsychoGyms für das Unbewusste, Johannes Storch, Julia Weber: Wolf packt La(h)ma: Wie Sie die Dinge zügig anpacken und konsequent erledigen, Johannes Storch, Corinne Morgenegg, Maja Storch, Julius Kuhl: Ich blicks
  4.   Wissenschaftlich orientierten Leser mögen die starken Vereinfachungen entschuldigen, „praktisch orientierte Leser“ mögen entschuldigen, dass es noch immer nicht so verständlich dargestellt ist, wie ich es gerne hätte.
  5.   Diese Teilsystem der Psyche werden auch als „Makro-Systeme„, „Erkenntnis-Systeme“ oder „Wahrnehmungs-Systeme“ bezeichnet.
  6.   Wissenschaftlich „Affekte“ genannt.
  7.   Ich beschreibe die vier psychischen Systeme als innere Anteile, innere Teamplayer, innere Teilpersönlichkeiten, ähnlich wie es Schulz von Thun in seinem Konzept des inneren Teams macht oder Assagioli, bei der Ermittlung der Teilpersönlichkeiten
  8.   In der Fachsprache heißt dieses Funktions-System das Intentionsgedächtnis (IG), aus der Sicht der vier psychischen Grundfunktionen der Analytischen Psychologie von C. G. Jung Empfinden, Intuieren, Fühlen und Denken handelt es sich um das Denken. Intuitions- oder Absichts-Gedächtnis heißt es, weil eine wichtige Funktion dieses Systems die Aufrechterhaltung der Intentionen / Absichten ist. Der zugehörige Affekt ist gedämpft positiv A(+), dieses System liegt im Bewusstsein
  9.   Dies ist die ‚intuitive Verhaltenssteuerung‘ (IVS) mit positiver Gefühlslage A+ und entspricht dem ‚Intuieren‚ , weitgehend unbewusst
  10.   Auch „Extensionsgedächtnis“ (EG) oder Selbst genannt mit gedämpfter negativer Affektlage A(-) und entspricht dem ‚Fühlen‚, weitgehend unbewusste Anteile 
  11. Dieses System ist das Objekterkennungs-System (OES), auch ‚Fehler-Zoom‘ genannt. Es ist mit negativer Affektlage verbunden und entspricht dem Empfinden (‚Sensing‘)
  12. Gregor Heise leitet das PSI-Institut Austria und bietet dort autorisierte Kurse und Diagnostiken an.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*