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Slogan / Kurzbeschreibung

Ein junges Mädchen, Jeannette, wächst in einer dysfunktionalen Familie nonkonformistischer Nomaden mit ihren 3 Geschwistern in größter Armut auf.

Poster

Die Mutter ist eine exzentrische Künstlerin. Der charismatische, alkoholkranken Vater mit instabilen Emotionen verspricht den Kindern in fantastischen Bildern eine wunderbare Zukunft in einem Schloss aus Glas, nährt damit ihre Hoffnung, die nie realisiert wird. Beide Eltern übernehmen keine Verantwortung für die Schutz ihrer Kinder, erfüllen keine Elternaufgaben.

In der Gegenwart ist Jeannette mit einem Finanzanalysten verlobt und wird von den Eltern dafür kritisiert, dass sie ihre Werte verrät.

Der Film

Wofür steht der Film?

  • Ein Film für psychologisch Interessierte – ein anspruchsvoller Film
  • Ein Film für Menschen mit Borderline-Tendenzen, die diese in konstruktive. Bahnen lenken wollen. Ein Film für Angehörige mit Borderline-Tendenzen oder Borderline-Persönlichkeitsstörungen.
  • Ein Film für Frauen mit Vater-Problemen („negativer Vater-Komplex„)
  • Ein Film für Menschen, die in ihrer Kindheit Verwahrlosung erlebt und diese Erfahrungen kompensiert haben.
  • Ein Film für Menschen mit Eltern, die viel versprochen und wenig gehalten haben.

Der Plot

Die Story1

Die Familie Walls: v.l.n.r.: Lori Walls, Brian, Rex (Woody Harrelson), Jeannette, Rose (Naomi Watts) and Maureen

Es ist die (2012-)Verfilmung der gleichnamigen Biografie von Jeannette Walls, in der sie in diesem hochemotionalen und facettenreichen Familiendrama ihre Kindheit und Jugend und ein Stück ihres gegenwärtigen Lebens erzählt.2

Die Familie vagabundiert in völliger Armut durch die USA. Die Kinder müssen oft Hunger leiden und haben nur zerschlissene Kleidung.

Der Vater hat meist keine Arbeit – hält es dort nie lange aus. Zeitweise wohnen sie im Heimatort des Vaters in einer schmutzigen Wohnung ohne Wasser und Strom.

Wenn der alkoholsüchtige, paranoide Vater nüchtern ist, erzählte er den Kindern hoffnungsvolle Geschichtenverspricht ihnen einen Glaspalast mit allen Annehmlichkeiten und schenkt jedem seiner Kinder einen Stern am Himmel. Seine Versprechen werden natürlich nie realisiert.

Rex schenkt seiner Tochter einen Stern am Himmel. Sie ist begeistert.

Rex ist also sehr ambivalent. Zeitweise zeigt er sehr positive Seiten im Umgang mit den Kindern, geht liebevoll und unterstützend mit seinen Kindern und seiner Frau um, jedoch auch träumerisch und realitätsfremd.

In anderen Szenen zeigt er borderline-artige Tendenzen, verliert  seine emotionale Kontrolle, bekommt Tobsuchtsanfälle mit Gewaltszenen oder agiert völlig gefühllos. Er fühlt sich auch verfolgt (Paranoia), hält es nie lange in einem Job aus und ist auf der Flucht vor Behörden (Polizei, Familienamt, …)

Auch schützt er seine Tochter nicht, als sie von der Großmutter – seiner Mutter – eine kräftige Ohrfeige bekommt, weil sie Essen ausspuckt. Auch will er von den Kindern nichts hören, als sie ihm von den sexuellen Übergriffen der Großmutter auf David berichten wollen. Was das psychische Überleben der Kinder ermöglich, ist ihr unerschütterlicher Zusammenhalt – mit Worten und Taten.

Die Mutter malt Bilder und kümmert sich wenig um die Kinder.

Die Mutter will sich als Künstlerin verwirklichen, malt Bilder und kümmert sich nicht um die Versorgung der Kinder („Soll ich dir etwas zu essen geben was in einer Stunde weg ist oder lieber mein Gemälde für die Ewigkeit fertigstellen?“).

Als Jeannette als kleines Kind kocht, fängt ihr Kleid Feuer und erleidet schwere Verbrennungen. Die Narben bereiten ihr zeitlebens Schwierigkeiten.

Das Indie-Drama  erzählt die Geschichte zu einem großen Teil als Rückblick in die Vergangenheit der jetzt erwachsenen Jeannette. Sie ist die Lieblingstochter ihres Vaters, die kurz vor ihrer Hochzeit steht und als erfolgreiche Reporterin arbeitet. Im Zentrum steht die problematische Beziehung des Vaters, Rex, zu seinen Kindern, vor allem zu Jeannette, seiner Zweitgeborenen, das einerseits liebevoll und fürsorglich, andererseits, vor allem im alkoholisierten Zustand, fahrlässig, selbstschädigend, verantwortungslos und übergriffig ist. Und er überfordert Jeannette, wenn er ihr aufbürdet, dass er ihre Unterstützung braucht. Der rasche Wechsel seiner Emotionen von liebevollem Verhalten zu extremer Wut und Gefühllosigkeit den Kindern gegenüber lässt auf eine Borderline-Störung hinweisen.

Jeannette als Erwachsene: eine erfolgreiche Reporterin, aber innerlich zerrissen.

In einigen Filmszene wird klar, wo Rex’s Persönlichkeitsstörung herkommen kann: Bei einem Besuch seiner Eltern wird klar, dass seine Eltern, sehr lieblos und übergriffig sind, vor allem seine Mutter.

Auch jetzt, da es Jeannette – vor allem durch das Zusammenhalten der Geschwister – im Leben geschafft hat (erfolgreiche Reporterin, erfolgreicher Verlobter, attraktive Wohnung, …), erlebt sie noch große Schwierigkeiten mit ihrem Vater, der sich in ihr Leben einmischt und ihren Verlobten David nicht akzeptiert, abwertet und mit Gewalt konfrontiert. Es ist eine Art ödipales Konkurrenzverhältnis zwischen den beiden (vgl. Spiegel-Kritik.), begleitet von inzestuösen Spannungen, z. B. als bei Abwesenheit der Eltern  Rex’s Großmutter Erma „David’s Hose näht“, sich dieser schreiend von Großmutters versucht zu entwinden und die Mädchen tatkräftig zu Hilfe eilen. Diese Szene in Verbindung mit der für Rex’s ungewöhnlichen bedrückten Zurückhaltung in Anwesenheit seiner Mutter lässt vermuten, auch er könnte in seiner Jugend auch von seiner Mutter missbraucht worden sein.

Der Vater konfrontiert sich mit Jeannette’s Verlobten David. Er sieht die Verbindung als Verrat seiner Werte. David ist Finanzanalyst. Jeannette steht dazwischen.

Äußerlich hat es Jeannette zumindest beruflich geschafft, innerlich bleiben noch Scherben, die es aufzuarbeiten gilt. Am Ende ist sie von David getrennt und versöhnt sich mit ihrem sterbenden Vater, nachdem sie zuvor den Kontakt zu ihm abgebrochen hatte.

Im Abspann des Films gibt es – überraschenderweise –  dokumentarische Fotos und Videoaufnahmen mit den echten Akteuren der Story.

Interpretation

Einige Hinweise aus der Perspektive der Entwicklung.

Dysfunkionale Familie – Solidarität der Geschwister

Die Geschwister (hier mit der Mutter) halten fest zusammen. Das ermöglicht ihr psychisches Überleben.

Der Film zeigt die Entwicklung der Protagonistin Jeannette, aber auch der anderen Kinder aus einer dysfunktionalen Familie. Die Eltern lassen ihre Kinder verwahrlosen und Hunger leiden. Der alkoholsüchtige Vater verliert häufig seine emotionale Kontrolle und die Mutter, will sich als Künstlerin verwirklichen, malt Bilder ohne sich um die Kinder zu kümmern.

Durch den Zusammenhalt der Kinder gelingt es diesen, den Psychoterror relativ unbeschadet zu überstehen, später der Familienhölle zu entkommen und zumindest beruflich ein äußerlich erfolgreiches Erwachsenen-Leben zu führen. Die Heilung der psychischen Wunden dauert länger.

 

Jeannettes Verlobung – Loyalitätsdilemma

Jeannette feiert mit Verwandten und Freunden Verlobung. Nannettes Eltern kommen auch ohne eingeladen zu sein. Später geht die Beziehung des verlobten Paares auseinander. Jeannettes Eltern haben ihren Anteil daran. Sie steht im Loyalitätsdilemma zwischen ihren Eltern und ihrem Verlobten.

 

Verhalten des Vaters – selbst Opfer – übergriffige Großmutter

Die Familie auf der Flucht: Die Steppe ist ihr Zuhause.

Der Vater gibt den Kindern Versprechungen, die er nie einlöst. Auch nicht einlösen kann. So verspricht er ihnen ein Schloss aus Glas, in dem all ihre Wünsche realisiert werden und er verwendet viel Zeit für die konkrete Planung, die er nie realisieren kann. Die Kinder glauben lange an dieses Versprechen. Erst im Erwachsenenalter erkennen sie die Illusion in diesem Plan.

Bei einem Besuch der Großeltern väterlicherseits wird das problematische Verhalten von Rex verständlich. Rex ist bei diesem Besuch sehr gehemmt, gedämpft, zurückhaltend ganz entgegen seinem sonstigen exzessiven Ausdruck. Als die Großmutter Erma, eine extrem strenge und rechthaberische Frau, einem Kind eine kräftige Ohrfeige gibt, schützt Rex es nicht. Und als Jeannette versucht die Großmutter zurechtzuweisen, verlangt er von den Kindern mehr Respekt gegenüber der Großmutter. Das ist ihm wichtiger als der Schutz seiner Kinder.

In einer harmonischen Phase: Jeannette liebt ihren Vater.

Später lässt er die Kinder allein bei den Großeltern und fährt mit Rose zu deren Eltern. Dabei kommt es zu einem sexuellen Übergriff der Großmutter. Die Geschwister helfen tatkräftig, überwältigen die Großmutter und halten sie fest, bis sie von Uncle Stanley, ihren wohlbeleibten Sohn befreit wird. Als die Eltern zurückkommen, wollen die Kinder von Großmutters Übergriff erzählen, der Vater will aber nichts davon hören. Er schützt seine Kinder nicht, allerdings beendet die Familie den Besuch.

Diese Vorfälle lassen vermuten, dass Rex in seiner Jugend ebenso von seiner Mutter sexuell missbraucht wurde und davon traumatisiert ist. Er ist selbst Opfer. Jetzt ist er zum Täter geworden („Identifikation mit dem Aggressor„) weil er dieses Trauma nicht verarbeitet hat.  Auch die Geschwister äußern diese Vermutung beim Begräbnis der Großmutter.

Eine Station auf der Flucht der Familie durch die USA. Ein Holzhaus ohne Strom und Wasser.

Aus der Familientherapie wissen wir:

  • Was emotional nicht verarbeitet wird, wird an die Kinder weitergegeben. Diese Gefahr realisiert sich auch hier (Identifikation mit dem Aggressor).
  • „Die Beziehung zu seiner Mutter und zu seinem Vater kann für ein Kind zu einer traumatischen Erfahrung werden, v.a. wenn seine Eltern traumatisiert sind.“

    „Traumatisierte Eltern können sein:
    – Emotional nicht erreichbar
    – Übergriffig
    – Emotional schwer belastet
    – Unberechenbar
    – Emotional bedürftig
    – Gewalttätig
    3

  • Fehlende positive Bindung in der (frühen) Kindheit prägt das Erwachsenenverhalten („attachment Style“).

 

(nicht gelingende) Lösung vom Elternhaus – Abwertung des Schwiegersohns

Jeannette bricht den Kontakt zu ihren Eltern ab. Doch dann kommt die Mutter und eröffnet ihr im Restaurant, dass der Vater sterben wird.

Den Kindern gelingt es lange nicht, sich vom Elternhaus zu lösen – sie wollen sie nicht gehen lassen und müssen fliehen, um zu entkommen. Auch im Erwachsenenalter mischen sich die Eltern noch in ihr Leben ein. So traut sich Jeannette lange nicht ihrem Vater die Verlobung mit David zu „gestehen“. Rex behandelt David sehr abwertend, schlägt ihm einmal – fast zum Spaß – die Faust ins Gesicht und rät Jeannette, sich von ihm zu trennen.

 

Familiengeheimnis – Elternbotschaft – Kontaktabbruch

Erst als die Einmischung zu arg wird, und sie ein Familiengeheimnis erfährt, beginnt bei Jeannette die Ablöse. Dies geschieht auf ihrer Verlobungsfeier. Rose will sich von David überraschend 1 Mio $ ausleihen, um das Familiengrundstück ihrem Bruder abzukaufen, der es von seiner Mutter geerbt hat.

David wird von Jeannettes Familie abgewertet. Die Beziehung geht auseinander.

Jeannette ist verwundert und erfährt, dass ihre Mutter die zweite Hälfte des Grundstücks mit ähnlichem Wert geerbt hatte.  Das liegt schon lange zurück. Damals war sie 11 Jahre alt war und die Familie in extremer Armut und Hungersnot.  Rose begründet das mit der Botschaft ihrer Mutter: „Verkaufe nie ein Grundstück.“ (Elternbotschaft). Auch ihr Vater wusste davon und hat für gut befunden. Für Jeannette bringt diese Information das Fass zum Überlaufen. Sie wird wütend und konfrontiert ihren Vater lautstark in Anwesenheit der Gäste der Verlobungsfeier mit seinen Übeltaten, seiner Alkoholsucht und seinen leeren Versprechungen. Damit bricht sie die Beziehung zu Rex ab: „Ich will dich nie wieder sehen“.

 

Loslösung von den Eltern – Dependenzmodell und Bindungstheorie

Das ist der erste Schritt der Loslösung vom Elternhaus. Es ist der Schritt von der Dependenz in die Counterdependenz, von der Abhängigkeit in die Gegenabhängigkeit4 Auch die  Bindungstheorie von Bowlby (attachment theory) liefert hier Beiträge zur menschlichen Entwicklung. Denn auch sie durchläuft in ihrer Beziehung zu den Eltern ähnliche Phasen:5

  • von der kindlichen Abhängigkeit (oder sogar Symbiose)
  • über die pubertäre, noch unreife Abgrenzung von den Eltern, die auch eine Form der Abhängigkeit darstellt
  • bis zu einem erwachsenen Umgang mit ihnen in einer gesunden Abgrenzung.

Die Bindungstheorie betont  die erste Phase, in der es für das Kind vor allem wichtig ist, zu einer Bezugsperson („Bindungsperson“), meist der Mutter, eine stabile fürsorgliche Beziehung aufzubauen.6. Die Qualität dieser Bindung begleitet den Menschen sein ganzes Leben lang und äußert sich in seinem Bindungsverhalten.7. Das Bindungsverhalten des Menschen strebt danach eine sichere und verlässliche Basis aufzubauen – Bowlby explorierte diese Basis gemeinsam mit Mary Ainsworth.8. Ainsworth bereicherte die Bindungstheorie durch ihren Test der ‚fremden Situation‘, in dem die Mutter für einige Minuten das Kind verlässt und das Verhalten der Kinder nach ihrer Wiederkehr untersucht wurde.9

  • Kinder mit sicherer Bindung sind zwar traurig, können aber rasch getröstet werden und spielen zufrieden weiter.
  • Unsicher gebundene Kinder zeigen gestörte Muster
    • unsicher vermeidende (pseudo-unabhängige)
    • unsicher-ambivalente oder (widersprüchlich-anhängliche)
    • unsicher-desorganisierte (bizarre oder emotionslose)
      Bindungs-Stile („attachment styles“), die sich auch im Erwachsenen-Verhalten wieder finden und psychische Gesundheit und Partnerschaftsbeziehungen (und damit stabile Partnerschaften) beeinträchtigen.10

Dementsprechend unterscheidet man auch bei Erwachsenen diese drei (problematischen) Bindungs-Stile.11

Auch im Gruppen-Phasenmodell nach Tuckman mit dem Phasen Forming – Storming – Norming – Performing zeigt sich in der Phase ‚Storming‘ die Counterdependenz. 12), noch keine echte Loslösung.

Der erste Schritt der Lösung von den Eltern war also der (counterdependente, rebellische) Abbruch der Beziehung zum Vater. Counterdependenz beinhaltet aber immer noch Abhängigkeit. Der zweite Schritt der Loslösung erfolgt, als sich Jeannette am Sterbebett ihres Vaters sich mit ihm ausspricht und versöhnt und dabei die entsprechenden eigenen Anteile erkennt: „Ich bin wie du.“ Ohne Aussöhnung ist eine Loslösung von den Eltern nicht möglich. Man bleibt in der Counterdependenz  stecken und erkennt oft nicht, dass man noch in einer verärgerten oder vermeidenden, oft unbewussten Abhängigkeit von den Eltern, ihren Botschaften, die noch ins gespeichert sind und unseren Eltern-Komplexen gefangen sind. Das hindert uns, unsere authentischen Impulse, Bedürfnisse, Motive usw. wahrzunehmen und ein gelingendes Leben zu realisieren. Die Versöhnung mit dem Vater und das Erkennen, dass Anteile von ihm auch in ihr enthalten sind, ermöglichen jetzt Jeannette einen Neuanfang und vielleicht führt das ja auch zu einem Weg zurück zu David oder einer anderen gelingenden Partnerschaft.

Traumatisiertes Verhalten und Erleben

Das Verhalten des Vaters kann auch als traumatisiertes Verhalten erklärt werden. Stimmt es, dass Rex als Kind auch von seiner Mutter traumatisiert wurde (sexuelle Übergriffe, kaltes, herzloses Verhalten zum Kind, …) so zeigt sich das auch in seinem derzeitigen Verhalten. Ein Schema / Modell von Franz Ruppert kann helfen, das zu verstehen.

Trauma-Modell von Franz Ruppert (Symbiose. S. 79.)

Nach Ruppert findet eine Persönlichkeits-Aufspaltung nach einer Trauma-Erfahrung statt. Ein Teil unserer Psyche bleibt gesund, trotz des Traumas („gesunder Anteil„). Ein zweiter Teil ist verletzt, traumatisiert, wird aber ins Unbewusste verdrängt, d. h. aus dem Bewusstsein ausgeblendet. („traumatisierter Anteil“). Und wir haben auch einen dritten Teil, einen inneren Wächter, der darauf achtet, dass der traumatisierte Anteil nicht in unser Bewusstsein gelangt. In der Zeit nach dem Trauma ist dieser Anteil sehr wichtig, da er unser (psychisches) Überleben garantiert. Ruppert nennt ihn daher Überlebensanteil. Da uns der traumatisierte Anteil (unbewusst) auf Dauer viel Energie kostet und innere Unruhe verursacht, sollte aber der innere Wächter auch – zumindest zeitweise – in Ruheposition gestellt werden, damit wir unsere traumatisierten Anteile wieder ins Bewusstsein gelangen, die traumatischen Erinnerungen wieder aktiviert und verarbeitet werden können – z. B. in einem therapeutischen Setting.

Die gesunden Anteile der Psyche – auch nach einem Trauma – aus Ruppert: Symbiose. S. 80

Gesunde Anteile

Die gesunden Anteile ist die noch unbeschädigte Psyche. Es gibt Diskussionen darüber, was eine gesunde Persönlichkeit ausmacht. Rupert hält sich dabei an seine eigenen Erfahrungen als Therapeut und dem Ansatz der ‚Salutogenese‚ von Aaron Antonovsky, einem Gegenstück zur allgemein üblichen Erforschung der ‚Pathogenese‚. Dieser Ansatz betont die Wichtigkeit nicht nur zu versehen, was Menschen krank macht, sondern auch, was körperliche und psychische Gesundheit ausmacht, was und wie eine gesunde Person wahrnimmt, empfindet, denkt, fühlt, sich vorstellt oder erinnert.13 Es enthält unter anderem die Fähigkeit, die Realität offen wahrzunehmen, sie „so wahrzunehmen, wie sie ist“14 und sie nicht schönzufärben, seine Gefühle und Empfindungen wahrzunehmen und angemessen zum Ausdruck bringen zu können, Vertrauen zu anderen Menschen entwickeln und stabile Beziehungen eingehen zu können.

„Psychische Gesundheit zeigt sich in der Fähigkeit, tiefere emotionale Beziehungen eingehen zu können. Man kann mit einem anderen Menschen in eine gute Beziehung treten, weil man zu sich selbst einen guten Bezug hat. Weil man merkt, dass man den Bezug zu sich selbst verliert, wenn man in einer schlechten Beziehung ist, kann man sich aus schlechten Beziehungen auch wieder lösen. Mit der eigenen Sexualität können gesunde seelische Anteil in einer Art und Weise umgehen, dass sie dem wechselseitigen Lustempfinden dient und die sexuelle Selbstbestimmung einer anderen Person respektiert wird. Gesunde Sexualität findet in einem intimen Rahmen statt, nicht im Geheimen.
Gesunde Anteile haben die Fähigkeit, das eigene Handeln auf seine Angemessenheit hin zu reflektieren, und sind bereit, die Verantwortung für die Folgen ihres Handelns zu übernehmen. …
Für gesunde Anteile ist es keine Frage, einen eigenen und freien Willen zu haben, ebenso wenig leugnen sie, dass man durch unbewusste psychische Prozesse stark beeinflusst sein kann. …
In einem gesunden seelischen Anteil zu sein bedeute, sich energie- und kraftvoll zu fühlen, voll Vitalität und Lebensfreude.“ 15

Traumatisierte Anteile

Die traumatisierten Anteile der Psyche – aus Ruppert: Symbiose. S. 82

Die traumatisierten Anteile sind abgespalten, nicht bewusst, ins Unbewusste verdrängt. Sie sind in einem geschützten Rahmen eingesperrt, um das ’normale Leben‘ nicht zu belasten. Aber auch wenn sie nicht ins Bewusstsein gelangen, beeinflussen sie doch unser Leben, vermiesen uns die Stimmung, machen uns unrund und aggressiv, belasten unsere Beziehungen. Sie verdichten sich zu psychischen Komplexen, die oft genau dann aktiviert werden, wenn wir sie am wenigsten brauchen können. Dann verstärken sich die damit verbundenen Emotionen so stark, dass sie unsere inneren Wächter überschwemmen oder auch überlisten. Sie beeinträchtigen unsere weitere persönliche Entwicklung und verhindern, dass wir unser authentisches Leben führen können.

„Die traumatisierten Anteile … sind normalerweise aus dem Bewusstsein ausgeblendet. Sie werden durch die Überlebensanteile unterdrückt und zeigen sich nur in belastenden und stressreichen Lebenssituation, wenn die Kontrolle der Überlebensanteile nicht mehr ausreicht, sie in Schach zu halten. Ihr Hauptmerkmal ist es, dass sie nicht altern. D. h., sie bleiben auf der Entwicklungsstufe stehen, in der sie waren, als das Trauma geschah. Solange sie ihr Dasein abgespalten im ‚Kerker‘ der Seele fristen, können sie sich nicht weiterentwickeln, weil ihnen dazu neue Lebenserfahrungen fehlen. Nicht nur ihre negative Seite bleibt für die Restpersönlichkeit damit weitgehend außen vor, auch ihre positiven Lebensenergien können so nicht genutzt werden. In den traumatisierten Anteilen ist viel Energie gebunden, sie enthalten daher ein großes Potenzial, das frei werden und genutzt werden kann, wenn die seelische Spaltung überwunden wird.“16

Überlebensanteile („innerer Wächter“)

Die Überlebensanteile ermöglichen dem Menschen, in der Trauma-Situation (psychisch) zu überleben. Ihre Aufgabe ist es, die Trauma-Erfahrung und die zugehörigen Gefühle zu isolieren, abzuspalten. Diese Anteile werden quasi tiefgefroren und können mit unserem Bewusstsein nicht mehr interagieren. In der akuten Trauma-Situation ist das kurz und mittelfristig lebensrettend. Im weiteren Verlauf unseres Lebens können die Überlebens-Anteile zu  Entwicklungsblockaden werden. Die traumatisierten Anteile bleiben tiefgefroren und können so nicht in unser Bewusstsein integriert werden.

 

Cast und Daten

  • Regie: Destin Daniel Crfetton
  • Brie Larson: Jeannette Walls jetzt, 10 J. (young Jeannette), 5+6 J. (youngest Jeannette), Protagonistin, Tochter (2. Kind) einer dysfunktionalen (anarchistischen, nonkonformistischen) Aussteiger- / Nomaden-Familie in Armut, plant derzeit ihre Hochzeit
  • Naomi Watts: Rose Mary Walls, Mutter, exzentrische Künstlerin
  • Woody Harrelson: Rex Walls, Vater, charismatisch, intelligent, verantwortungslos, alkoholkrank, paranoid („vom FBI verfolgt“), emotional unstabil, verspricht den Kindern den Himmel auf Erden, Borderliner
  • Sarah Snook: Lori Walls, ältere Schwester, jetzt, 12 J., 7 J.
  • Josh Caras: Brian Walls, jüngerer Bruder, 7 J., 5 J. , Zwilling
  • Brigette Lundy-Paine: Maureen Walls, jüngere Schwester, jetzt, 7 J., 3 J.
  • Max Greenfield: David, Bräutigam von  Jeannette
  • Robin Bartlett,  Erma Walls, Rex’s Großmutter
  • A. J. Henderson, Großvater WallsJoe Pingue: Uncle Stanley
  • Dominic Bogart: Robbie, Rex’s Freund, versucht mit Jeannette zu schlafen, verrät Rex Jeannette’s Pläne, zu ihrer Schwester nach New York zu ziehen

Themen

  • Dysfunktionale Familie, Eltern erfüllen ihre Eltern-Aufgaben nicht,
  • alkoholsüchtiger Vater,
  • versprechen geben, Versprechen nicht halten, das Paradies auf Erden versprechen
  • verantwortungslose Eltern,
  • (negativer) Vater-Komplex, Vatertochter, ursprünglich positiver Vater-Komplex
  • mangelnde Abgrenzung, übergriffiges Verhalten,
  • Trauma,
  • Familiendrama, Familiendynamik,
  • fehlende Ablösung,
  • Gewaltszenen in der Familie,
  • Missbrauch (Großmutter),
  • Familiengeheimnis, Generationsübergreifende Familienprobleme,
  • wütend auf Eltern, Bruch mit dem Vater, Aussöhnung mit dem Vater, der Vater am Sterbebett, letzte Aussprache mit dem Vater
  • Geschwister-Solidarität,
  • Missbrauch, sexueller Missbrauch
  • ödipaler Konflikt, Konflikt Partner – Schwiegervater (mein Partner, mein Vater), mein Partner will, dass ich keinen Kontakt zu meinen (problematischen) Eltern habe
  • emotionale Instabilität, Borderline Persönlichkeitsstörung, emotional instabiler Vater,
  • egomanische Mutter (Bild malen ist wichtiger als Kinder versorgen), falsche Selbstverwirklichung, innerlich abwesende (Künstler-)Mutter,
  • sich seiner Eltern schämen / nicht schämen,
  • den Schatten integrieren, seine (problematische) Vergangenheit offenlegen, sich outen,
  • Erinnerungen integrieren, Flashbacks,
  • innere Dämonen entdecken, äußere Dämonen jagen
  • körperliche Unvollkommenheit (Narben aus Verbrennungen) offenlegen,
  • Gefühllosigkeit, Umgang mit gefühllosen Menschen.
  • Familiengeheimnis (Besitz eines Grundstücks – vererbt von Großmutter mütterlicherseits – wird geheim gehalten)
  • (negative) Eltern-Botschaften („du sollst nie ein Grundstück verkaufen“)
  • (nützliches) Geheimnis wird verraten („Ich will nach New York gehen“ – Robbie)
  • Tochter übernimmt Eltern-Funktionen (Parenting, Jeannette tröstet Mutter, wenn der Vater sie verletzt), Mutter sucht Trost bei Tochter,
  • die Kinder ziehen lassen,
  • Streit in der Öffentlichkeit (Jeannette bricht mit ihrem Vater bei ihrer Verlobungsfeier)

Learnings

  • Was einem die Eltern angetan haben und nicht aufgearbeitet wurde, gibt man an sein Kinder weiter – Identifikation mit dem Aggressor.
  • Familiengeheimnisse wirken in der Regel negativ.
  • Den Eltern verzeihen wirkt auf die eigene Psyche positiv.

Größte therapeutische Wirkung des Films:

  • Töchter mit extrem schwierigen Vater-Erfahrungen (Vater-Trauma, negativer Vaterkomplex),
  • Verwahrlosung in der Kindheit.

Querverweise

Links und Literatur

Film

imdb, imdb-summary, filmstarts-Kritik, filmstarts-Bilder, Spiegel-Kritik, wikipedia,

Ödipus-Konflikt, Ödipale Bindung

Victor Chu: Liebe, Treue und Verrat. in vchu.de (ödipale Dreiecks-Beziehung)

 

Selbstschädigendes Verhalten

Trudi Griffin u.a.: Selbstzerstörerisches Verhalten überwinden. Aus: wikihow.com. https://de.wikihow.com/Selbstzerst%C3%B6rerisches-Verhalten-%C3%BCberwinden.

o. A.: Selbstzerstörerische Menschen. 10 charakteristische Merkmale. Aus: gedankenwelt.de. 7. 2. 2018. https://gedankenwelt.de/selbstzerstoererische-menschen-10-charakteristische-merkmale/.

o. A.: Ursachen von selbstverletzendem Verhalten. Aus: neurologen-und-psychiater-im-netzt.org. https://www.neurologen-und-psychiater-im-netz.org/kinder-jugend-psychiatrie/warnzeichen/selbstverletzendes-verhalten/moegliche-ursachen/.

 

Gefühllosigkeit

o. A.: Emotionale Taubheit. Aus: wikipedia.org.  https://de.wikipedia.org/wiki/Emotionale_Taubheit.

o. A.: Emotionale Taubheit. Aus: wikipedia.org. https://de.wikipedia.org/wiki/Depersonalisation.

 

Das Dependenzmodell: Dependenz – Counterdependenz – Interdependenz

Gerhard Schwarz: Die „Heilige Ordnung“ der Männer. Hierarchie, Gruppendyanmik und die neue Genderlogik. Springer Verlag. Wiesbaden. 6. Auflage. 2018. (mit Leseproben). (1 – 1985, 1987, 2000, 2005, 2007) (Kap. 1.4.2. Identität und Dependenz, S. 95 ff.)

Patriarchalische Hierarchie und Gruppendynamik. Springer Verlag. 2000.

Ewald E. Krainz: Gruppendynamik als Wissenschaft. Aus: Peter Heintel (Hrsg.): betrifft: TEAM. Dynamische Prozesse in Gruppen. VS Verlag für Sozialwissenschaften. Wiesbaden 2006. Aus: download.e-bookshelf.de. https://download.e-bookshelf.de/download/0000/0164/07/L-G-0000016407-0002371555.pdf. (Memento)

Nicholas Jenner: When Co-dependency becomes Counter-dependency. Aus: boundariesofthesoul.com. 14. 1. 2013. Aus: web.archive.org. https://web.archive.org/web/20160112071741/http://boundariesofthesoul.com/2013/01/14/when-co-dependency-becomes-counter-dependency/.

Werner Stangl: Counterdependenz. Aus: lexikon.stangl.eu. https://lexikon.stangl.eu/7785/counterdependenz.

Werner Stangl: Die Phasen der Dependenz (Abhängigkeit) in der Kindheitsentwicklung. Aus: arbeitsblaetter.stangl-taller.at/. 2021.  https://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/ERZIEHUNG/Phasen-Abhaengigkeit-Dependenz.shtml.

Werner Stangl: Fragen und Probleme in Gruppen. Phasen der Gruppenentwicklung . Aus: arbeitsblaetter.stangl-taller.at/. 2021. https://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/KOMMUNIKATION/Anfangsprobleme.shtml.

Barry & Janae Weinhold: Counterdependency. Aus: weinholds.org. https://weinholds.org/counterdependency/. (Counterdpendenz als Verhaltensmuster, das Intimität in Partnerschaften erschwert oder verhindert – aus Wunden der Vergangenheit)

Barry & Janae Weinhold: The flight from intimacy. Healing your relationship of counter-dependency. The other side of co-dependency. New World Library. Novato, Ca. 2008. (Foreword by John Bradshaw). (mit Leseproben) (1 – Counterdependency. Circle Press. 1992) (Trafford Publsishing. 2004)

 

Bindungstheorie – Attachment Theory

Mary S.  Ainsworth, John Bowlby: An ethological approach to personality development. American Psychologist, 46(4) 1991. 333–341. https://doi.org/10.1037/0003-066X.46.4.333. Aus: psycnet.apa.org. https://psycnet.apa.org/record/1991-23791-001. Aus: psychology.sunysb.edu. http://www.psychology.sunysb.edu/. (full text).

John Bowlby: Attachment. Basic Books, 2008. (2nd ed. 1982).

John Bowlby: A secure base. Clinical applications of attachment theory. Routledge. London, New York 2012. (mit Leseproben) (Taylor & Francis. 2005).

Mary D. Salter Ainsworth, Mary C. Blehar, Everett Waters, Sally N. Wall: Patterns of Attachment. A Psychological Study of the Strange Situation. Psychology Press. Routledge. London, New York. 2015. (mit Leseproben).

John Blake, Christine Lynn Norton: Examining the Relationship between Hope and Attachment. A Meta-Analysis. Psychology, Vol.5 No.6, April 25, 2014. Aus: scirp.org. https://scirp.org/reference/referencespapers.aspx?referenceid=1162620. (Keywords: Attachment Style, Hope Theory, Meta-Analysis).

Christof Goddemeier: John Bowlby. Pionier der Bindungsforschung. PP14, Ausgabe Oktober 2015, S. 459. Aus: aerzteblat.de. https://www.aerzteblatt.de/archiv/172529/John-Bowlby-Pionier-der-Bindungsforschung.

Kendra CherryWhat Is Attachment Theory? The Importance of Early Emotional Bonds. Aus: www.verywellmind.com  Updated on July 17, 2019. https://www.verywellmind.com/what-is-attachment-theory-2795337. +++

Jude Cassidy, Phillip R. Shaver (Edy.): Handbook of attachment. Theory, research, and clinical applications. The Guilford Press. 2016.

Luigi Nicotra: Attachment theory workbook. Practice of Emotionally Focused Therapy, Stop Being Insecure in Love and Creating Balance for Perfect Intimacy. Emily Attached. 2020. (Leseproben).

Annie Chen: The Attachment Theory Workbook. Powerful Tools to Promote Understanding, Increase Stability, and Build Lasting Relationships. Althea Press. Emeryvill, CA. 2019. (Leseproben auf amazon.) (3 attachment styles: anxious, avoidant, secure).

Vanessa Jilg: Was ist Liebe? – Teil II: Bindungsstile und die Wahl des Beziehungsmodells. Aus: beziehungswerk-mainz.de. https://beziehungswerk-mainz.de/was-ist-liebe-teil-ii-bindungsstile-und-die-wahl-des-beziehungsmodells/.

Lilith König: Anwendungen des Adult Attachment
Interviews (AAI) in der psychologischen Beratung und
psychotherapeutischen Praxis. In: Gabriele Gloger-Tippelt (Hrsg.): Bindung im Erwachsenenalter. Verlag Hans Huber, Hogrefe. Bern. 2. Auflage 2012 (1 – 2001). S. 381 – 398. Aus: images.buch. https://images.buch.de/images-adb/d2/a4/d2a49dae-7317-4088-995b-3fd5ec88f975.pdf. (Leseprobe in amazon)

Anne Kratzer: Erziehung für den Führer. In: https://www.spektrum.de/news/paedagogik-die-folgen-der-ns-erziehung/1555862. Archiviert in: https://web.archive.org/web/20190123211357/https://www.spektrum.de/news/paedagogik-die-folgen-der-ns-erziehung/1555862. (Mütter wurden dazu angehalten, die Bedürfnisse ihrer Kleinkinder gezielt zu ignorieren.)

 

Messung des Bindungstyps

Erik Hesse: The Adult Attachment Interview: Historical and Current Perspectives. In: Jude Cassidy, Phillip R. Shaver (Hrsg.): Handbook of Attachment. The Guilford Press, New York, London. 1999, S. 395–433. (3rd ed. 2016)

 

Gruppen-Phasenmodell nach Tuckman

Bruce W. TuckmanDevelopmental Sequence in Small Groups. In: Psychological Bulletin, Volume 63, 1965, Number 6, S. 384 – 399. Aus: https://web.archive.org/web/20130712021812/http://dennislearningcenter.osu.edu/references/GROUP%20DEV%20ARTICLE.doc. (full text)
Kurzversion in Citation Classic. 20. 8. 1984.  http://www.garfield.library.upenn.edu/classics1984/A1984TD25600001.pdf.

 

Symbiose, Symbiose und Autonomie, Symbiosetrauma

Franz Ruppert: Symbiose und Autonomie. Symbiosetrauma und Liebe jenseits von Verstrickungen. Klett-Cotta. Stuttgart 2010.

Franz Ruppert: Psychotherapie auf der Basis von Bindung und Trauma. ppt-Präsentation. Marsberg, 26. März 2014. Aus: lwl.org. https://www.lwl.org/psychiatrie-marsberg-download/PDF/Das%20Trauma%20der%20Liebe.pdf.

Banu Schüler: Symbiose zwischen Mutter und Kind. Aus: banu-schueler.de. https://www.banu-schueler.de/wochenbett/symbiose/.

Caren Battaglia: Sechs Regeln für die Ablösung vom Kind. Aus: wireltern.ch. https://www.wireltern.ch/artikel/0516-geh-mein-kind.

Johannes Faupel: Symbiotische Beziehung in der Parentifizierung. Aus: parentifizierung.de.  https://parentifizierung.de/beispiele/symbiotische-beziehung/.

  1.   Schloss aus Glas: Synopsis auf imdb:

    „As a child, Jeannette Walls lives a nomadic life with her painter mother Rose, her intelligent but irresponsible father Rex, older sister Lori, and younger brother Brian. While cooking unsupervised, Jeannette is severely burned. At the hospital, a doctor and social worker question her home life, but Rex distracts the staff and escapes with Jeannette. The family leaves town, and Jeannette is enchanted by Rex’s plans for the family’s dream house, a glass castle.

    The family soon includes Jeannette’s infant sister Maureen, and remains on the move for years, eventually relocating to a dilapidated house in Utah. Jeannette nearly drowns when a drunk Rex aggressively teaches her to swim. He assaults the lifeguard, forcing the family – now pursued by the law and with no money – to go to Welch, West Virginia, where the children meet their grandparents and uncle Stanley. Rex moves his family into a ramshackle house in the wilderness, living without running water, gas, or electricity. When the family has not eaten in days, Rex takes their remaining money to buy food, but returns home drunk after a fight. Sewing up his wound, Jeannette asks him to stop drinking, and Rex ties himself to his bed, successfully enduring withdrawal. He lands a job as a construction worker and the family enjoys a comfortable Christmas.

    The parents attend the funeral of Rose’s mother in Texas, leaving the children with their grandparents in Welch. The sisters discover Irma sexually assaulting Brian and attack her, but are pulled away by Stanley. When their parents return, Rex refuses to listen to his children about the incident. The family returns home and he resumes drinking, leading to a violent altercation with Rose. Jeannette is unable to convince her mother to leave Rex, and the siblings promise to care for each other and escape their poverty.

    As a teenager, Jeannette is drawn to journalism. The siblings save enough money for Lori to leave for New York City, infuriating Rex; Jeannette prepares to do the same. Irma dies, and after the funeral, Jeannette is pulled into her father’s scheme to hustle his acquaintance Robbie at pool. He loses to Rex and reveals Jeannette’s plan to move to New York City. She accompanies Robbie upstairs and he attempts to rape her, but she shows her scars from her childhood burns and leaves. At home, she discovers her father has stolen her savings, but escapes home anyway. Attending college in New York City, Jeannette faces financial difficulties and prepares to drop out, but Rex arrives with a pile of gambling winnings, telling her to follow her dreams.

    By 1989, Jeannette is a gossip columnist for New York magazine and engaged to marry David, a financial analyst. At dinner with a client of David’s, Jeannette lies about her parents. On the way home, she sees her now homeless parents dumpster diving. She later meets with her mother, who is dismissive of her engagement. Jeannette and David visit her family at the abandoned building where her parents are squatting. Brian, now a police officer, and Lori live comfortably, but Maureen has moved in with their parents. Rex and David drunkenly arm wrestle and David wins, but Rex punches him in the nose. Returning home, David tells Jeannette that he wants nothing more to do with her parents.

    Maureen calls Jeannette to explain that she is moving to California. At her engagement party, Jeannette discovers that her parents have owned valuable land – now worth almost $1 million – since she was a child, but chose never to sell. Furious at Rex’s refusal to admit to the pain he caused his family, Jeannette bans him from her life. Some time later, Jeannette is unhappily married to David. Rose reaches out to tell her Rex is dying, but Jeannette refuses to see him. At dinner with another of David’s clients, Jeannette finds the courage to reveal the truth about her parents. She races to her father, and they reconcile before he dies. The following Thanksgiving, Jeannette – now a freelance writer living alone – celebrates with her family, reminiscing about Rex’s unconventional life.“ (aus: imdb-summary).

  2.   Vgl. Filmstarts-Kritik.
  3.   Franz Ruppert: Psychotherapie auf der Basis von Bindung und Trauma. S. 17. 
  4.   Den Begriff der Counterdependenz kennen wir z. B. aus der Gruppendynamik, wo (Trainings-)Gruppen
    • Phasen der Dependenz / Abhängigkeit / emotionalen Bindung an den Gruppenleiter,
    • Phasen der Gegenabhängigkeit / Counterdependenz / emotionalen Rebellion und
    • Phasen der ‚reifen‘ Interdependenz / gegenseitige Abhängigkeit,

    durchlaufen.[1. Vgl. dazu z. B. Gerhard Schwarz: Die „Heilige Ordnung“ der Männer. S. 95 ff. Ewald E. Krainz: Gruppendynamik als Wissenschaft. Nicholas Jenner: When Co-dependency becomes Counter-dependency. Werner Stangl: Counterdependenz.

  5.   Vgl. z. B. Werner Stangl: Die Phasen der Dependenz (Abhängigkeit) in der Kindheitsentwicklung.  
  6.   Damit grenzt sich Bowlby von der psychoanalytischen Triebtheorie ab:

    „1951 veröffentlicht Bowlby seine im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation verfasste Studie über den Zusammenhang zwischen mütterlicher Fürsorge und seelischer Gesundheit („Maternal Care and Mental Health“). Der Text endet mit einem Appell an eine „entwickelte“ Gesellschaft, die die fundamentale Bedeutung der menschlichen Bindung vergessen habe. … Die Psychoanalyse beschreibt die Mutter-Kind-Bindung mit Hilfe der Triebtheorie und der Theorie der Objektbeziehungen. Die Basis der Bindung bleibt bei Sigmund Freud immer die Befriedigung körperlicher Bedürfnisse (zum Beispiel „Hemmung, Symptom und Angst“ 1926). Für Bowlby ist die Mutter-Kind-Bindung – im Unterschied zu Freud und Melanie Klein – dagegen nicht bloß ein Instinkt, der sich aus der Fütterung oder der kindlichen Sexualität ableitet, sondern ein eigenständiges psychisches Band: „Der Hunger des kleinen Kindes nach Liebe und Gegenwart seiner Mutter ist so groß wie der Hunger nach Essen (. . .) Bindung ist ein ,primäres Motivationssystem‘ mit eigenen Funktionsmechanismen und einer Schnittstelle zu anderen Motivationssystemen“ (1973). Evolutionär verstanden, schützt Bindung vor Raubtieren und ist damit in der Umwelt frühzeitlicher Menschen lebensnotwendig. Wollen sie nicht gefressen werden, müssen Säuglinge und kleine Kinder ständig in der Nähe ihrer Mütter bleiben und eine Trennung deutlich signalisieren.“ Christof Goddemeier: John Bowlby.

  7.   Das Bindungsverhalten ist nach Bowlby nicht nur kindliches sondern auch Erwachsenen-Verhalten.

    „Als „Bindungsverhalten“ definiert Bowlby jedes Verhalten, das darauf abzielt, „die Nähe eines vermeintlich kompetenteren Menschen zu suchen und zu bewahren, ein Verhalten, das bei Angst, Müdigkeit, Erkrankung und entsprechendem Zuwendungs- oder Versorgungsbedürfnis am deutlichsten wird“. Damit ist die Bindungstheorie im Prinzip eine „räumliche Theorie“ (Holmes): Ist man einem geliebten Menschen nah, fühlt man sich gut; ist man von diesem entfernt, hat man Angst, ist traurig oder fühlt sich einsam. … Menschliches Bindungsverhalten wird durch einen Regelkreislauf im Gehirn gesteuert, laut Bowlby vergleichbar mit der Regulierung von Blutdruck und Körpertemperatur. Dem Zuwendungsbedürfnis des Kindes entspricht das Fürsorgeverhalten der Eltern.“ Christof Goddemeier: John Bowlby.

  8.   Mary Ainsworth wird mit Bowlby als Begründerin der attachment theory angesehen.

    „Seit 1950 arbeitet und forscht Mary Ainsworth mit Bowlby an der Londoner Tavistock-Klinik. 1967 prägt sie den Begriff der „sicheren oder verlässlichen Basis“:

    • Fühlt ein Kind sich sicher, geht es von der Bindungsperson weg und erkundet die Umwelt;
    • ist es dagegen müde, ängstlich, krank oder besorgt, sucht es die Nähe seiner Bindungsperson.“ Christof GoddemeierJohn Bowlby.

  9.   Der Test der „Fremden Situation“ von Ainsworth:

    „In den späten 60er Jahren entwickelt Ainsworth den Test der „Fremden Situation“: Zunächst gehen die Mutter, ihr einjähriges Kind und der Versuchsleiter in ein Spielzimmer. Dann verlässt die Mutter für drei Minuten den Raum. Nach ihrer Rückkehr und gemeinsamer Zeit mit dem Kind verlassen Mutter und Versuchsleiter für drei Minuten den Raum. Anschließend kehrt die Mutter noch einmal zu ihrem Kind zurück. Die Sitzung wird aufgezeichnet. Der Test will verschiedene Möglichkeiten identifizieren, mit Trennungsstress umzugehen.
    Dabei zeigten sich vier Hauptreaktionen:

    • Sicher gebundene Kinder (66 Prozent) sind meist traurig, wenn sie getrennt werden. Wenn ihre Mutter zurückkehrt, begrüßen sie sie, werden eventuell getröstet und spielen dann zufrieden weiter.
    • In der Gruppe der unsicher gebundenen Kinder finden sich drei Verhaltensmuster:
      Unsicher-vermeidende Kinder (20 Prozent) sind über die Trennung nicht traurig und ignorieren die Mutter bei ihrer Rückkehr; sie beobachten sie jedoch und sind im Spiel gehemmt.
    • Unsicher-ambivalente Kinder (zwölf Prozent) sind sehr traurig über die Trennung, nach ihrer Rückkehr wechseln sie zwischen wütender Abwendung und engem Kontakt – die Mutter kann sie kaum beruhigen.
    • Unsicher-desorganisierte Kinder schließlich wirken bei Rückkehr der Mutter verstört, wie erstarrt oder bewegen sich stereotyp.

    Untersuchungen an zweieinhalb Jahre alten Kindern belegen eine hohe Korrelation von kindlichem Bindungsmuster und mütterlichem Verhalten:

    • Mütter von sicher gebundenen Kindern sind aufmerksam, sensibel, hilfsbereit und ermuntern ihr Kind bei Misserfolgen;
    • Mütter von unsicher gebundenen Kindern sind deutlich weniger aufmerksam und sensibel, missachten die Gefühle und Aktivitäten des Kindes und unterstützen es kaum.“ Christof Goddemeier: John Bowlby

  10. Vgl. dazu z. B. Mary D. Salter Ainsworth, Mary C. Blehar, Everett Waters, Sally N. Wall: Patterns of Attachment. John Blake, Christine Lynn Norton: Examining the Relationship between Hope and Attachment. Jude Cassidy, Phillip R. Shaver (Eds.): Handbook of attachment. Luigi Nicotra: Attachment theory workbook. Annie Chen: The Attachment Theory Workbook
  11.   Gemessen wird der Bindungstyp vor allem mit dem Adult Attachment Interview (AAI) von Mary Main.
  12.   Vgl. z. B. Bruce W. TuckmanDevelopmental Sequence in Small Groups.   
  13.   Vgl. Antonovsky 1997
  14.  
  15.   Franz Ruppert: Symbiose und Autonomie. S. 80 f. 
  16.   Franz Ruppert: Symbiose und Autonomie. S. 82 f.
    Auch wenn sie verdrängt sind, beeinflussen doch die traumatisierten Anteile unser Leben.
    „Die traumatisierten Anteile sind zwar die meiste Zeit aus dem Wachbewusstsein verdrängt, unbewusst jeodch sind sie weiterhin aktiv und suchen immer noch nach einem Ausweg aus der Traumasituation, selbst wenn diese schon Jahrzehnte zurückliegt. Da sie nicht in der Lage sind, Vergangenheit und Gegenwart voneinander zu unterscheiden, können sie selbst durch harmlose Erlebniseindrücke derart alarmiert werden, dass sie meinen, die bedrohliche Traumasituation sei erneut eingetreten. Sie können plötzlich ‚getriggert‘ werden, d. h., eine gegenwärtige Wahrnehmung (z. B. einer Person, eines Geräusches, eines Geruchs) löst die ursprünglichen Traumareaktionen von Panik, ungezügelter Wut und abgrundtiefer Scham erneut aus. Die traumatisierten Anteile sind ein beständiger Unruheherd in der Psyche eines Menschen.“ (Franz RuppertSymbiose und Autonomie. S. 83  ) 

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