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Antoine de Saint-Exupéry (1900-1944) im Mai 1942 an einem See in der Nähe von Montreal (Kanada)

Antoine de Saint-Exupéry hat ein Gedicht geschrieben1 – in Form eines Gebets.2 3 4  Dieses Gedicht enthält  viele Punkte, die zur Selbstreflexion und in weiterer Folge zum Selbstmanagement und zur Selbstentwicklung anregen.

Die Kunst der kleinen Schritte

„Ich bitte nicht um Wunder und Visionen, Herr, sondern um Kraft für den Alltag.
Lehre mich die Kunst der kleinen Schritte.
Mach mich findig und erfinderisch,
um im täglichen Vielerlei und Allerlei rechtzeitig meine Erkenntnisse und Erfahrungen zu notieren,
von denen ich betroffen bin.
Mach mich griffsicher in der richtigen Zeiteinteilung,
schenke mir das Fingerspitzengefühl,
um herauszufinden, was erstrangig und was zweitrangig ist.

Antoine des Saint-Exupéry: Der kleine Prinz5

Ich bitte um Kraft für Zucht und Maß, dass ich nicht durch das Leben rutsche,
sondern den Tagesablauf vernünftig einteile,
auf Lichtblicke und Höhepunkte achte,
und wenigstens hin und wieder Zeit finde für einen kulturellen Genuss.
Lass mich erkennen, dass Träume alleine nicht weiterhelfen,
weder über die Vergangenheit, noch über die Zukunft.
Hilf mir, das nächste so gut wie möglich zu tun
und die jetzige Stunde als die wichtigste zu erkennen.
Bewahre mich vor dem naiven Glauben, es müsste im Leben alles glatt gehen.
Schenke mir die nüchterne Erkenntnis,
dass Schwierigkeiten, Niederlagen, Misserfolge, Rückschläge
eine selbstverständliche Zugabe zum Leben sind, durch die wir wachsen und reifen.
Erinnere mich daran, dass das Herz oft gegen den Verstand streikt.

Antoine de Saint-Exupéry als 10-Jähriger6

Schick mir im rechten Augenblick jemand, der den Mut hat,
mir die Wahrheit in Liebe zu sagen.
Ich möchte dich und die anderen immer aussprechen lassen.
Die Wahrheit sagt man nicht sich selbst, sie wird einem gesagt.
Ich weiß, dass sich viele Probleme dadurch lösen lassen, dass man nichts tut.
Gib, dass ich warten kann.
Du weißt, wie sehr wir der Freundschaft bedürfen.
Gib, dass ich diesem schönsten, schwierigsten, riskantesten und zartesten Geschenk des Lebens gewachsen bin.

Monument in Tarfaya, Marokko, das Saint-Exupéry gewidmet ist.7 8

Verleih mir die nötige Phantasie im rechten Augenblick ein Päckchen Güte,
mit oder ohne Worte, an der richtigen Stelle abzugeben.
Mach aus mir einen Menschen, der einem Schiff mit Tiefgang gleicht,
um auch die zu erreichen, die unten sind.
Bewahre mich vor der Angst, ich könnte das Leben versäumen.
Gib mir nicht, was ich mir wünsche, sondern was ich brauche.
Lehre mich die Kunst der kleinen Schritte!“.

.

Antoine de Saint-Exupéry9

Selbstreflexion

Lies dieses Gedicht langsam noch ein zweites oder drittes Mal durch und überlege bei jedem Gedanken / jedem Satz:

  • Inwieweit betrifft die Aussage mich / meine Person bzw. meine Lebens-Situation?
  • Was mache ich gut / was habe ich schon gut entwickelt?
  • Was läuft nicht so gut? Wo gibt es noch Luft nach oben?

Vertiefende Reflexions-Fragen

Ein zentrales Thema in den Saint-Exupéry’s Werken: Der Friede. Station eines „Stille-Nacht-Friedenswegs“.10
Die folgenden Fragen können helfen, die Selbstreflexion zu intensivieren bzw. strukturieren.

  • Wieviel Kraft habe / empfinde ich im Alltag? Gehe ich kraftvoll durch den Alltag oder fühle ich mich schnell ausgelaugt und kraftlos?
  • Kann und will ich im Alltag ständig in kleinen Schritten mein Leben und das Leben der Menschen um mich verbessern?
  • Werte ich meine Alltags-Erfahrungen aus? Ziehe ich Erkenntnisse aus meinen (positiven und negativen) Erfahrungen? Kann ich aus meinen Erfahrungen lernen oder mache ich die gleichen Fehler immer wieder?
  • Bin ich zufrieden mit meiner Zeiteinteilung und setze ich die richtigen Prioritäten? Mach ich das was mir wirklich wichtig ist oder widme ich die meine Zeit den dringenden Dingen? Wie sehr schiebe ich die Dinge die für mich wichtig sind auf? („Aufschieberitis„)11

 

  • Wieviel Selbstdisziplin bringe ich für die wichtigen Dinge in meinem Leben auf?
  • Führe ich auch ein kulturelles Leben oder bin ich vom kulturellen Leben weitgehend abgekoppelt?
  • Setzte ich Schritte zur Umsetzung meiner Träume?
  • Akzeptiere ich die schwierigen Seiten des Lebens, Niederlagen, Misserfolge und Rückschläge als „normal“? 12 Kann ich danach aufstehen, mich abschütteln und weitergehen? Oder nage ich an diesen Misserfolgen usw. ?
  • Gelingt es mir, aus den schwierigen Situationen und Krisen zu lernen und mich weiterzuentwickeln, zu wachsen und zu reifen?13
  • Berücksichtige ich in meinen  kleinen und großen Entscheidungen Herz und Verstand? Oder dominiert eine Seite?
Antoine de Saint-Exupéry und seine zerstörte Maschine nach einer Bruchlandung in der (ägyptischen) Sahara
  • Habe ich jemanden, der mir ehrlich (und liebevoll) Rückmeldung gibt – jemand, der mir offen sagt, was er oder sie von meinen Handlungen und Entscheidungen hält? 14
  • Wie gut kann ich zuhören und andere aussprechen lassen? 15
  • Kann ich erkennen und akzeptieren, dass es unbefriedigende Zustände und Ereignisse gibt, bei denen es am besten ist, wenn ich nichts tue?16
  • Wie gut kann ich ehrliche ‚Güte‚ walten lassen?
  • Wie viel Herz empfinde ich für die Menschen, die „unten“ sind?
  • Wie häufig habe ich Gedanken oder Gefühle, etwas zu versäumen oder versäumt zu haben?

 

Die folgenden Fragen können helfen die obigen Aspekte zusammenzufassen:

  • Was wünsche ich mir? Was brauche ich? – Wo liegen da die größten Differenzen?
  • Welche kleine Schritte nehme ich mir vor …
    • für meine weitere Entwicklung, mein Wachstum, meine Reifung?
    • zur Verbesserung meines Lebens / meiner Lebens-Situation?
    • zur Verbesserung der Situation und der Entwicklungsmöglichkeiten der (wichtigen) Personen in meinem Umfeld?

 

Exkurs: Perspektivischer Inkrementalismus

Der Idee der kleinen Schritte hat Parallelen in wissenschaftlichen Ansätzen. In gesellschaftstheoretischen Ansätzen z. B. wird diskutiert, ob soziale Reformen besser in kleinen Verbesserungen den großen sozialen Umbrüchen mit vielen Konflikten und möglicherweisen Toten vorzuziehen sind. Bekannt geworden ist z. B. der perspektivische Inkrementalismus, (auch „piecemeal social engeneering“ genannt) wie er von Karl R. Popper  (1957, 1965) in seiner Kritik an den großen Entwürfen des Faschismus und des Kommunismus entworfen wurde.17

Popper kritisiert die Ansätze des „large scale social engineering“, in denen große, utopische  Entwürfe / Visionen / Pläne geschaffen und in großen Umbrüchen (Revolutionen) umgesetzt werden. Popper plädiert für „small scale social engineeering“, ein Ansatz, bei dem in kleinen Schritten Verbesserungen erfolgen. „Evolutionäre statt revolutionäre Schritte“, so könnte man das auch bezeichnen. Hier müssen nicht Menschen sterben, sondern Theorien (bzw. Visionen).18 19 20

Querverweise

 

Literatur und Links

Antoine de Saint-Exupéry / Methode der kleinen Schritte

Antoine de Saint-Exupéry: Nachtflug. 2. Neuauflage,  Karl Rauch Verlag, Düsseldorf 2017. (1 – S. Fischer, Berlin 1932) (Orig.: Vol de nuit. 1931).

Antoine de Saint-Exupéry: Wind, Sand und Sterne. Karl Rauch Verlag, 2010.  (Orig.: Terre des hommes. 1939).

Antoine de Saint-Exupéry: Bekenntnis einer Freundschaft. Insel Verlag 2016. (Karl Rauch Verlag 1999, 2001. 2010.)

Rauch, Düsseldorf 1999. (Orig. Lettre à un otage. 1941).

Antoine de Saint-Exupéry: Der kleine Prinz. Rauch-Verlag, Bad Salzig 1950. (Le petit prince. New York 1943).

Joseph Hanimann: Antoine de Saint-Exupéry. Der melancholische Weltenbummler. Eine Biografie. Orell Füssli, Zürich 2013. (Rezension in der faz.)

Evelyne Marotte, Sandra Gardent: Wind, Sand und Sterne von Antoine de Saint-Exupéry (Lektürehilfe). Detaillierte Zusammenfassung, Personenanalyse und Interpretation. Der Querleser. 2019.

o. A.: Antoine de Saint-Exupéry. Aus: www.spruecheportal.de. https://www.spruecheportal.de/saint-exupery.php.

Peter Bachelier: Antoine de Saint-Exupéry. Aus: gw.geneanet.org.  https://gw.geneanet.org/peter781?lang=en&n=de+saint+exupery&oc=0&p=jean+marc&type=tree.

Bertha Kessel: Herr, lehre mich die Kunst der kleinen Schritte. Aus: psytaart.wordpress.com. 10. 8. 2013. https://psytaart.wordpress.com/2013/08/10/herr-lehre-mich-die-kunst-der-kleinen-schritte/.

 

(Perspektivischer) Inkrementalismus (Karl Popper)

Karl R. Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Der Zauber Platons. Mohr Siebeck 2003. (1 – 1957).

Karl R. Popper: Das Elend des Historizismus. 7. Aufl., Tübingen. Mohr Siebeck 2003. (1 – 1965) (Abschnitte 20, 21 und 24. In: Karl Popper Lesebuch. Ausgewählte Texte zur Erkenntnistheorie. Philosophie der Naturwissenschaften, Metaphysik, Sozialphilosophie. 2. Aufl., Tübingen 1997, S. 293 ff.) (Gesammelte Werke. Band 4: Das Elend des Historizismus. Mohr. 2004) (vgl. dazu auch Herbert Keuth: Die Philosophie Karl Poppers. Tübingen. Mohr Siebeck. 2. Auflage 2011. 1 – 2000).

Columba Mgbokwere: Karl Popper’s piecemeal social engineering or technology: the ruth, the fiction. https://warwick.ac.uk/fac/soc/philosophy/people/miller/phpar/abstracts/contributed/mgbokwere.pdf.

o. A.: piecemeal social engineering. Aus: wirtschaftslexikon24.com. http://www.wirtschaftslexikon24.com/e/piecemeal-social-engineering/piecemeal-social-engineering.htm.

James Stevens Curl: Historicism. A Dictionary of Architecture and Landscape Architecture. Aus: Encyclopedia.com. 16 Apr. 2021. https://www.encyclopedia.com/literature-and-arts/art-and-architecture/architecture/historicism.

 

Anwendung des Inkrementalismus in Planungs- und Raumforschungs-Ansätzen

Alexander HamedingerInkrementalismus / Perspektivischer Inkrementalismus. In: ARL – Akademie für Raumforschung und Landesplanung (Ed.): Handwörterbuch der Stadt- und Raumentwicklung, ISBN 978-3-88838-559-9, ARL – Akademie für Raumforschung und Landesplanung, Hannover. pp. 989-994. Aus: econstore.eu.  http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0156-5599923.

o. A.: Inkrementalismus. Beitrag im Online-Verwaltungslexikon olev.de. Version 1.42. https://olev.de/ij/inkrementalismus.htm.

K. Schmals: Die Janusköpfigkeit des „Perspektivischen Inkrementalismus“. Stadtentwicklung durch Projekte oder Lernen von der Münchner Olympiade für die Weltausstellung in
Hannover? In: Dirk Schubert (Hrsg.): Städte für Morgen: Planungen und Erfahrungen aus Berlin. Dresden, Essen, Hamburg, Hannover, Kassel, Leipzig und München. Kassel. 1995.  205-223. Aus: protest-muenchen.sub-bavaria.de/. http://protest-muenchen.sub-bavaria.de/artikel/1960.

David Braybrooke und Charles E. Lindblom: Zur Strategie der unkoordinierten kleinen Schritte (Disjointed Incrementalism). In: Fehl, G.; Fester, M.; Kuhnert, N. (Hrsg.): Planung und Information. Materialien zur Planungsforschung. Gütersloh. 1972. S. 139-166. DOI: https://doi.org/10.1515/9783035600209.139. Aus: degruyter.com. https://www.degruyter.com/document/doi/10.1515/9783035600209.139/html.

Philip Allmendinger: Planning theory. Palgrave. London. 3rd ed. 2017 (1-2002, 2 – 2009)

Manfred KühnStrategische Stadt- und Regionalplanung. Strategic urban and regional planning. Raumforschung und Raumordnung. Volume 66, S. 230–243. May 2008. Aus: link.springer.com. https://link.springer.com/article/10.1007/BF03183159.

 

Ulrich SeidenbergAusprägungen und Einsatzbedingungen inkrementaler Managementansätze. Diskussionspapier. Siegen 2012. Aus: dspace.ub.uni-siegen.de. 2012. https://dspace.ub.uni-siegen.de/bitstream/ubsi/617/1/seidenberg.pdf.

 

Social engineering

Marvin J. Croy: Social Engineering. Aus: encycolpeia. com. https://www.encyclopedia.com/science-and-technology/computers-and-electrical-engineering/computers-and-computing/social-engineering.

 

  1.   Ich widme diesen Beitrag Roswitha Semler, meiner Frau, die Antoine de Saint-Exupéry sehr verehrt, vor allem seinen Roman „Der kleine Prinz„.
  2.   Das Gedicht existiert in mehreren Variationen. Es wird Antoine de Saint-Exupéry zugeschrieben.  Das Original wurde jedoch meines Wissens nicht gefunden, obwohl schon sehr viele danach gesucht haben. Vgl. dazu Bertha Kessel: Herr, lehre mich die Kunst der kleinen Schritte
  3.   Die für mich plausibelste Erklärung ist, dass es ein Gedicht „nach Exupéry“ ist, dessen Ursprünge in verstreuten Aussagen aus seinem Buch Wind, Sand und Sterne stammen. Dieses Buch enthält Geschichten über die Flugreisen des Autors, verbunden mit philosophischen Reflexionen.
  4.   Antoine de Saint-Exupéry, kurz „de-Saint“ genannt, französischer Schriftsteller und Pilot ist 1840 in Lyon geboren und 1944 auf offener See in Korsika gestorben (Flugzeugabsturz).  Vgl. z. B. Joseph Hanimann: Antoine de Saint-Exupéry, Evelyne Marotte, Sandra Gardent: Wind, Sand und Sterne von Antoine de Saint-Exupéry.  
  5.   Der kleine Prinz ist einer der meist gelesenen Romane weltweit. Fotografie eines Kunstwerks in Kolumbien. Aus: wikimedia.
  6.   Antoine de Saint-Exupéry  – in der Schule Notre-Dame-de-Sainte-Croix in Le Mans. Detail aus einem Klassenfoto. 
  7.   Saint-Exupéry war Pilot bei der Aéropostale. In Tarfaya war eine Zwischenstation dieser Fluglinie.
  8.   Einer von Saint-Exupéry’s bekanntester Roman war Nachtflug („Vol de nuit“)
  9.   Aus: Peter Bachelier: Antoine de Saint-Exupéry.   
  10.   Die Station eines „Stille-Nacht-Friedenswegs“ befindet sich bei einer Hauskapelle in Lamprechtshausen, Salzburg Umgebung. Aus wikimedia, Category-Antoine de Saint-Exupéry.
  11.   Vgl. die Matrix von Covey in meinem Beitrag:  Die 2×2-Matrix – ein Tool für Führungskräfte
  12.   Vgl. meinen Beitrag Es ist was es ist – ein Gedicht mit Weisheit
  13.   Vgl. meinen Beitrag Selbstentwicklung in persönlichen Krisen.  
  14.   Vgl. meinen Beitrag Rückmeldung geben ohne zu verletzen.   
  15.   Vgl. meine Beiträge Win-Win-Kommunikation (Thomas Gordon) und Personen-zentrierte Kommunikation: Carl Rogers.   
  16.   Vgl. meinen Beitrag Change it – love it – leave it. Was tun, wenn nichts mehr geht?
  17.   Popper diskutiert den Inkrementalismsus auch als Gegenposition des (philosophischen) Historizismus, einem Ansatz nach dem historische Prozesse durch sozialwissenschaftliche Gesetzmäßigkeiten geprägt sind. Vgl. Karl R. Popper: Das Elend des Historizismus. James Stevens Curl: Historicism.
  18.   Popper beschreibt die Vorgangsweise des Inkrementalisten: When society needs reforming, the piecemeal engineer …

    does not believe in the method of re-designing it as a whole. Whatever his ends, he tries to achieve them by small adjustments and re-adjustments which can be continually improved upon. … The piecemeal engineer knows, like Socrates, how little he knows. He knows that we can learn only from our mistakes. Accordingly, he will make his way, step by step, carefully comparing the results expected with the results achieved, and always on the look-out for the unavoidable unwanted consequences of any reform; and he will avoid undertaking reforms of a complexity and scope which make it impossible for him to disentangle causes and effects, and to know what he is really doing. (Popper 1957, pp. 66–67)  zitiert aus: Marvin J. Croy: Social Engineering.

    Das Drehen an kleinen Rädchen, kleine Anpassungen – Schritt für Schritt mit möglichst wenigen unerwünschten Wirkungen sind hier im Vordergrund.

  19.   Eine gute Zusammenfassung des Popper’schen Ansatzes:

    piecemeal social engineering (ist eine) politische Strategie, derzufolge eine Reformpolitik der kleinen Schritte abrupten Änderungen bzw. Revolutionen von sozialen Systemen vorzuziehen ist. Der Wissenschaftstheoretiker und Philosoph Karl R. POPPER, der der geistige Vater dieser politischen Auffassung ist, begründet diese wie folgt: Revolutionen stellen Versuche dar, sozialen Ideen bzw. Utopien zum Durchbruch zu verhelfen. Derartige umwälzende Änderungen des Sozialgefüges können immer nur gegen den Widerstand erheblicher Teile der Bevölkerung durchgesetzt werden. Da aber große soziale Ideen und Utopien sich auch wie Theorien irgendwann als falsch erweisen werden (Kritischer Rationalismus), kann ihre gewaltsame Durchsetzung das damit verbundene menschliche Leid nie rechtfertigen. Nach POPPER ist es besser, Theorien statt Menschen sterben zu lassen. Diskussionen, Ringen um Kompromisse und Oberzeugungsarbeit als friedliche Möglichkeiten zur Konfliktlösung bzw. als Techniken des piecemeal engineering müssen gegenüber Gewalt und Revolution stets den Vorzug erhalten. trial and error, laufende Korrekturen geringfügiger Fehlentwicklungen sind besser als großangelegte Rettungsmaßnahmen zur Beseitigung erheblicher katastrophaler Zustände. Kritiker weisen v.a. auf die Unklarheit der zugrunde liegenden Konzepte hin. Es ist praktisch nicht immer einfach zu bestimmen, wann eine Veränderung aufhört, klein zu sein und in eine große Umwälzung übergeht. Hinzu kommt, dass graduelle Veränderungen mit langwierigen Anpassungsprozessen verbunden sein können, die mit erheblichen und andauernden Nachteilen für große Teile der Bevölkerung verbunden sind. Im Zusammenhang mit der Transformation der früheren sozialistischen Systeme des Ostblocks wird deshalb oft gefragt, ob nicht ein »big bang« (Änderung auf einen Schlag) eine raschere Entwicklung zur Folge hätte und deshalb insgesamt besser wäre als eine Politik der kleinen Schritte.“

  20.   Der Inkrementalismus wurde später auch in planungstheoretischen Ansätzen (vgl. z. B. Allmendinger 2002), vor allem der Städte- und Raumplanung (vgl. z. B. Kühn 2008) angewendet, konkretisiert und weitergeführt.

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