The map is not the territory

Print Friendly, PDF & Email

Quellen und Hintergründe

The map is not the territory

Dieser bekannte Spruch wird unterschiedlichen Quellen zugeschrieben. Wahrscheinlich stammt er von Alfred Korzybski einem polnischen Philosophen und Sprachwissenschaftler 1 , der viele andere Wissenschaftler, vor allem Gregory Bateson, einem Lehrer von Paul Watzlawick, aber auch die „NLP-Granden“  Richard Bandler, John Grinder und Robert Dilts beeinflusst hat. Er wird auch heute noch im ‚NLP‘ (Neurolinguistisches Programmieren) heftig diskutiert. 2 

Der Spruch gilt als ‚systemischer Grundsatz‚ und macht uns darauf aufmerksam, dass wir die Welt niemals direkt wahrnehmen können, dass es aber nützlich ist, wenn unsere Landkarte – ob innen oder außen ein ähnliche Struktur zum Gebiet, zur Realität hat.

„A map is not the territory it represents, but, if correct, it has a similar structure to the territory, which accounts for its usefulness.“ 3 4

Wirklich bekannt wurde der Spruch und das dahinter liegende Konzept vor allem durch Gregory Bateson, einem Lehrer von Paul Watzlawick und Begründer der systemischen Psychotherapie und Familientherapie.5 Dieser brachte noch klarer zum Ausdruck, dass es für uns unmöglich ist, das Territorium selbst kennen. Das Verständnis des Territoriums ist immer eine Konstruktion auf der Basis unseres sensorischen Nervensystems. Diese Konstruktion kann zwar nützlich und adäquat, niemals jedoch perfekt sein. Unsere mentale Welt ist immer eine eine Landkarte von Landkarten usw. 6

Anwendungen

Der Spruch und das dahinter stehend Konzept muten zwar sehr philosophisch und abstrakt an, hat aber sehr konkrete Konsequenzen.

in der Alltags-Kommunikation, in Konflikten

Wenn wir wissen, dass wir den Anderen im Kommunikationsprozess nicht direkt wahrnehmen können sondern nur über unsere Landkarten, dann ist es sinnvoll unsere Hintergründe, unsere Landkarten dem Anderen mitzuteilen, damit er uns besser versteht.

Und wenn wir wissen, dass der Andere aus dem Hintergrund seiner Landkarten uns wahrnimmt und interpretiert, dann ist es sinnvoll, ihn nach seinen Hintergründen, seinen inneren Landkarten zu fragen: Ihn zu fragen warum er so handelt, was seine Ziele und Bedürfnisse sind usw.

Nur aus diesem Hintergrund ist es möglich, Andere verstehen und angemessen interpretieren zu können. Dies ist vor allem für konfliktäre Kommunikations-Situationen 7 wichtig. Es ist eine Form der offenen Kommunikation.

in Diagnose- und Coaching-Prozessen

Auch wenn eine Diagnose erstellt wird, z. B.ein Genogramm im Coaching-Prozess mit einem Klienten, sollte immer klar sein, dass das Ergebnis nicht die Wirklichkeit ist, sondern eine Konstruktion der Wirklichkeit aus der Sicht des Klienten (und Coaches) und damit nur eine Perspektive8, andere Personen haben andere Perspektiven.

Erscheinung und Wirklichkeit

Im philosophischen Diskurs 9  von „Erscheinung und Realität“ spiegelt sich die map-territory-Thematik wider. Vor allem in der Analytischen Philosophie10 von  Bertrand Russell wird diese Unterscheidung zwischen dem, was die Dinge zu sein scheinen und dem was sie wirklich sind, betont. („Was wir wahrnehmen ist nicht die Wirklichkeit.“) Maler wollen vor allem wissen, wie die Dinge erscheinen, Philosophen und Praktiker, wollen wissen, was sie sind.

„Dabei ist der Erkenntnisdrang des Philosophen stärker als der des Praktikers, und überdies hat der Philosoph ein lebhafteres Bewusstsein von den Schwierigkeiten, die der Erfüllung seines Wunsches im Wege stehen.“ Bertrand Russell11

Die (alte) Erkenntnis:12 13

  • Die Sinne vermitteln nicht die Wahrheit über einen Gegenstand
  • Die Erscheinungen verweisen auf eine hinter ihnen liegende Wirklichkeit

Bertrand Russell formuliert dies allgemein …

Statt anzunehmen, dass die Materie in der physikalischen Welt das wahrhaft ‚Reale‘ sei, müssen wir die Materie als eine logische Konstruktion betrachten. Bertrand Russell [aus Gleichsatz: Was ist Materie?]

… und am bekannten Beispiel des Tisches.

Dieser Tisch „muss etwas sein, das aus dem uns unmittelbar Bekannten erschlossen worden ist.“14

Erscheinung und Wirklichkeit

Der Diskurs über Erscheinung und Wirklichkeit soll uns dazu anregen, scheinbare Wirklichkeiten nicht nur nach den ersten Sinnes-Eindrücken als gegeben hinzunehmen, sondern sie zu hinterfragen und zu erforschen.15

Wittgensteins’s Poker

Dazu gibt es auch die bekannte und lustige Geschichte „Wittgenstein’s Poker“16, die in (fast) keiner Philosophie-Vorlesung über Bertrand Russell fehlt.

„Im Oktober 1946 kam es im Moral Science Club an der Uni. Cambridge vor den Mitgliedern, unter ihnen auch Betrand Russel, zu einem heftigem Wortwechsel zwischen Ludwig Wittgenstein und Karl Popper. Bei diesem Streit soll Wittgenstein seinen Kontrahenten Popper mit einem Feuerhaken bedroht haben. Von Anfang an gab es unterschiedliche Darstellungen des Sachverhalts. Alle Anwesenden, Philosophen allemal, wurden später als Zeugen dazu gehört und gaben dem Buchautor in Einzelheiten zu Protokoll, was sie ‚gesehen‘ hatten: unterschiedlich und widersprüchlich. Eine Klärung konnte nicht erfolgen und ist nie erfolgt.“ 1718

Rahmenanalyse

Ein interessanter Ansatz, wie subjektive Wirklichkeiten entstehen, liefert das (’sozio-kognitive‘) Konzept der Rahmenanalyse (frame analysis). Der Ansatz geht auf Erving Goffman19. Ein Rahmen / frame stellt eine Wirklichkeits-Sicht dar, eine Perspektive, aus der heraus eine Situation, eine Ereignis, gesehen, erkannt und interpretiert wird. Rahmen sind ‚Maps‘, also Organisations-Prinzipien der menschlichen Wahrnehmung, Erfahrung und Kommunikations / Interaktion.20 Sie organisieren die große Fülle an (sinnlosen) Details in sozialen Situationen, Vorkommnissen, Ereignissen zu einem sinnvollen Ganzen.21

(Materielle) Bilderrahmen sind dafür ein gutes Symbol für die Analyse dessen, was außen (unwichtig) oder innen (wichtig) ist. Der Rahmen liefert aber auch Hinweise auf Strukturen und Muster, die hinter dem Bild liegen. 22. Je nachdem, welcher Rahmen einer sozialen Situation ‚umgestülpt‘ wird, bekommt sie eine andere Bedeutung, einen anderen Sinn.

Reframing

Den Wechsel des Rahmens und damit den Wechsel an Bedeutung, nennt man ‚Reframing‚ oder Umdeutung.  Reframing stellt in der Systemischen Familien-Therapie sowie in Therapie- und Coaching-Prozessen eine wichtiges Instrument dar. Eine Situation, einen Zustand oder ein Ereignis umzudeuten, heißt, es in einem anderen Rahmen zustellen. Dadurch ändert sich nicht nur die Bedeutung sondern auch das Erleben bzw. der emotionale Gehalt in der betreffenden Person.23

 

 

überarbeitet: 1804-02

  1. vgl. die Collected Papers von Korzybski
  2. vgl. z. B. The Map Is Not The Territory
  3. Alfred Korzybski, Science and Sanity, 1933, S. 58
  4.   Der volle Text lautet: Two important characteristics of maps should be noticed. A map is not the territory it represents, but, if correct, it has a similar structure to the territory, which accounts for its usefulness. If the map could be ideally correct, it would include, in areduced scale, the map of the map; the map of the map, of the map; and so on,endlessly, a fact first noticed by Royce.
  5. vgl.  Alexandra Schepelmann: Gregory Bateson und die Gruppe von Palo Alto
  6. We say the map is different from the territory. But what is the territory? Operationally, somebody went out with a retina or a measuring stick and made representations which were then put on paper. What is on the paper map is a representation of what was in the retinal representation of the man who made the map; and as you push the question back, what you find is an infinite regress, an infinite series of maps. The territory never gets in at all. (…) Always, the process of representation will filter it out so that the mental world is only maps of maps, ad infinitum.
  7. vgl. Tania Konnerth
  8.   in der Konflikt-Theorie nennt man das auch die „1. Perspektive“ z. B. des Klienten, der im Gegensatz zur „2. Perspektive“ des Kontrahenten steht. Vgl. Konfliktmoderation
  9. zum Diskurs-Begriff vgl. Eva Kreisky: Die Macht des Diskurses – Michel Foucault; Landwehr: Diskurs und Diskursgeschichte, sowie das interdisziplinäre Portal der Diskursanalyse
  10.   Kurzdarstellung für Nicht-Philosophen in philolex: Bertrand Russell
  11.   zitiert aus Klumbies: Bertrand Russell trennt Erscheinung und Wirklichkeit
  12.   Klumbies: Bertrand Russell trennt Erscheinung und Wirklichkeit
  13.   Vgl. auch den englischen Philosophen Francis Herbert Bradley’s Buch: Erscheinung und Wirklichkeit, Buch 1: Erscheinung, Buch 2: Wirklichkeit
  14.   B. Russell: Probleme der Philosophie (1967 – The Problems of Philosophy, 1912, S. 13), vgl. auch  plato.stanford: Russell: Russell; auch: Russell: Erscheinung und Wirklichkeit in Zimmermann, Philosophieunterricht, S. 15 und Bubser: Bertrand Russell, Referat
  15. Dies ist auch Anliegen einer kritischen Philosophie-Site: ‚Gleichsatz ‚- „Der ‚naive Realismus‚ ist eine Art Geisteskrankheit, die als ‚common sense‘ zum Normalzustand ausgerufen wird.  …Das realistische Denken beruht auf der Annahme, dass sich etwas  wahrnehmen lässt wie es „ist“. Es gibt aber keine wissenschaftlich beweisbare Wirklichkeit. Raum und Zeit als solche sind kein Gegenstand der Wahrnehmung, sondern   erschlossen.  „Empirisch“ heißt, dass etwas sinnlich gegeben ist, aber  es ist nichts sinnlich gegeben.  Auch die Empfindung ist schon Vorstellung,  Abstraktion. Was verwortet wurde ist schon schematisiert. „Alles Vermittelte aber ist  bezweckt“ – Gans-Ludassy. …   …
  16.   Poker = Feuerhaken
  17.   aus: Emile: Russell
  18. Auch das Höhlengleichnis von Platon bezieht sich auf die Relativierung unserer Realitäts-Wahrnehmung – vgl. z. B. Pierre-Pascal Forster: Wirklichkeit und Realität
  19.   Erving Goffman (1974): Frame Analysis: An Essay on the Organization of Experience. New York. dt. Rahmenanalyse
  20.   vgl. Vogd: Rahmen
  21.   „Eine Zusammenfassung seines Werks gibt Goffman selbst: „Mir geht es um die Situation, um das, dem sich ein Mensch in einem bestimmten Augenblick zuwenden kann; dazu gehören oft einige andere Menschen und mehr als die von allen unmittelbar Ansesenden überblickte Szene. Ich gehe davon aus, dass Menschen, die sich gerade in einer Situation befinden, vor der Frage stehen: Was geht hier eigentlich vor? Ob sie nun ausdrücklich gestellt wird, wenn Verwwirrung und Zweidfel herrschen, oder stillschweigend, wenn normale Gewissheit besteht – die Frage wird gestellt, und die Antwort ergibt sich daraus, wie die Menschen weiter in der Sache vorgehen. Von dieser Frage also geht das vorliegende Buch aus, und es versucht ein System darzustellen, auf das man zur Beantwortung zurückgreifen kann.“  Goffman  Rahmenanalyse, S. 16, vgl. auch Liebelt, Zu Erving Goffmans Rahmenanalyse
  22.   vgl. Myra Marx Ferree: Frameanalyse
  23. vgl. methodenpool uni-koeln: Reframing
 

Hinterlasse einen Kommentar

avatar
  Abonnieren  
Benachrichtige mich bei