Teufelskreise verstehen – Konflikte verstehen

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Was sind Teufelskreise?

Romeo und Julia im Teufelskreis ihrer Liebe zueinander und des Hasses ihrer Familien zueinander. Gemälde von Francesco Hayez (1791 – 1882)

Ein Teufelskreis ist eine Kommunikations- und Beziehungs-Dynamik die aus einem sich verstärkenden Hin und Her von Aktion und Reaktion entsteht. Die Dynamik wird gleich verständlich am Beispiel des Mythos von Romeo und Julia (Bild). Sie lieben einander, ihre Familien hassen einander und tun alles, um ihre Liebe zu verhindern. Je mehr die beiden einander lieben, desto größer wird der Hass der beiden Familien zueinander. Ein echter Teufelskreis, der ins Verderben führt.

Ein Beispiel aus der Literatur:1

Jedes Wort weiß etwas vom Teufelskreis

„HAST DU EIN TASCHENTUCH, fragte die Mutter jeden Morgen am Haustor, bevor ich auf die Straße ging.
Ich hatte keines. Und weil ich keines hatte, ging ich noch mal ins Zimmer
zurück und nahm mir ein Taschentuch.
Ich hatte jeden Morgen keines, weil ich jeden Morgen
auf die Frage wartete. Das Taschentuch war der Beweis, dass die Mutter mich am Morgen behütet. In den späteren Stunden und Dingen des Tages war ich auf mich selbst gestellt.
Die
Frage HAST DU EIN TASCHENTUCH war eine indirekte Zärtlichkeit. Eine direkte wäre peinlich gewesen, so etwas gab es bei den Bauern nicht.
Die Liebe hat sich als Frage
verkleidet. Nur so ließ sie sich trocken sagen, im Befehlston wie die Handgriffe der Arbeit. Dass die Stimme schroff war, unterstrich sogar die Zärtlichkeit.
Jeden Morgen war ich ein Mal
ohne Taschentuch am Tor und ein zweites Mal mit einem Taschentuch. Erst dann ging ich auf die Straße, als wäre mit dem Taschentuch auch die Mutter dabei.“

Ein Teufelskreis („circulus vitionsus“) hat häufig negative, ‚teuflische‘ Wirkung, ist eine Spirale nach unten – nicht nur in der Psychologie: vgl. Gewalt-Spirale, Armuts-Spirale, Schulden-Spirale bzw. -Falle. Die Spirale kann jedoch wie im Literatur-Beispiel auch funktional-positive Wirkung haben. Manche sprechen dann von Engelskreisen2

Das Teufelskreis-Modell

Teufelskreis-Modell – 2-Felder-Schema im klassischen Beispiel von Paul Watzlawick

Das Modell stammt ursprünglich von Paul Watzlawick3 und wurde mit 2 Stationen dargestellt. A agiert – B reagiert bzw. vice versa, z. B. das klassische Watzlawick-Beispiel: A nörgelt, B zieht sich zurück.

Das Hin und Her von Äußerung und Antwort in der Kommunikation bzw. der Aktion und Reaktion bei der Interaktion von Menschen kann schematisch auch mit 4 Stationen dargestellt werden, wie im Kommunikations-Modell von Schulz von Thun.4

Teufelskreise

Das Teufelskreis-Modell ist ein wichtiges Analyse-Instrument zu scheinbar ausweglosen Situationen in der Kommunikation bzw. in Beziehungen. Es kann helfen, die negative Dynamik hinter den Interaktionen aufzuspüren und eventuell auch zu beseitigen. Äußerungen sind nach außen wahrnehmbare Verhaltensweisen, Handlungen, Mitteilungen usw. „Innerungen“ sind die innerlich wahrnehmbaren Erlebnis-Inhalte („Wie ich dies erlebe.“). Im Teufelskreis gibt es keinen Anfang und kein Ende. Die Interaktions-Partner erleben sich jeweils nur als Reagierende auf die Handlungen bzw. Äußerungen des Anderen.

„So z.B. bei dem klassischen Beispiel von Watzlawick, über das Ehepaar, bei dem sich die Frau darüber beklagt, dass der Mann so häufig abends weg geht und der Mann abends weg geht, weil er die häufigen Klagen seiner Frau nicht mehr hören mag. Der Dynamik zufolge, schaukelt sich ein Teufelskreis immer mehr auf, so dass in einem fortgeschrittenen Zustand, bereits Kleinigkeiten ausreichen, um den Konflikt eskalieren zu lassen.

Solche Teufelskreise schleichen sich in Beziehungen ein, wie Viren in ein Computerprogramm. Sie führen darin ein Eigenleben und bemächtigen sich schließlich des ganzen Programms. Das Wissen um die Dynamik und Funktion von Teufelskreisen, sowie um die Ausstiegsmöglichkeiten ermöglicht es, solche „Viren” zu erkennen und dann zu bekämpfen.“ 5

Teufelskreise als Ursache für dysfunktionale Konflikte

Unverlangte Verbesserungs-Vorschläge von Mitarbeitern führen oft in einen Teufelskreis. Das „System“ (die Vorgesetzten bzw. die dafür Zuständigen) reagieren häufig negativ bzw. ignorieren die Vorschläge oder sie werden belobigt, aber nicht realisiert. Dadurch entsteht Ärger beim Mitarbeiter, worauf das System wiederum negativ (oder mit Abwehr) reagiert (Systeme zeigen wenig Mitgefühl) usw. – ein perfekter Teufelskreis. Ein Beispiel aus der Sozialarbeit:

„Eine Sozialarbeiterin berichtete in er Supervision von iner solchen Entwicklung. Sie habe vor 3 Jahren einen Vorschlag gemacht, wie man das Dokumentationswesen durch Veränderung von zwei Formularen wesentlich vereinfachen könnte. Es habe aber niemand reagiert. Sie habe immer wieder auf ihrem Vorschlag insistiert, aber die Folge war nur, dass man sie nicht mehr nur ignoriert habe, sondern die Vorgesetzten angefangen haben, unfreundlich zu werden was sie natürlich immer mehr verärgert habe. Am meisten aber habe sie verärgert, dass dann etwa zwei Jahre später – die Organisation eine Organisationsberatung in Anspruch genommen habe, und diese den gleichen Verbesserungsvorschlag gemacht habe: Dann sei er durchgeführt worden.“
6

Querverweise:

Was ist ihr Kommunikationsmuster: Fordern oder Rückzug

Das Beziehungsgift der vier apokalyptischen Reiter

Das Drama-Dreieck als Konflikt-Tool

  1.   Jedes Wort weiß etwas vom Teufelskreis nannte die designierte LiteraturNobelpreisträgerin Herta Müller ihre Vortrag bei der traditionellen Lesung vor der Vergabe des LiteraturNobelpreises in Stockholm. Die Angst vor dem Tod unter dem Diktator Nicolae Ceaucescu habe in ihr einen ‚Durst nach Worten'“ ausgelöst, sagte sie.
  2.   Zum Engelskreis vgl. z. B. Hans-Arved Willberg: Vom Teufelskreis zum Engelskreis: Sozialkompetenz in der Paarbeziehung. Fran Renggli: Den Teufelskreis in einen Engelskreis umwandeln (am Beispiel Babytherapie)
  3.   Zum Teufelskreis-Modell vgl.   Paul Watzlawick: Menschliche Kommunikation, Formen, Störungen, Paradoxien (Originaltitel: Pragmatics of human communication, mit Janet H. Beavin, Don D. Jackson vom Mental Research Institute Palo Alto, Kalifornien). Huber, Bern 1969, 10. Auflage 2010 
  4.   vgl. Schulz von Thun Institut: das Teufelskreis-Modell
  5. aus Schulz von Thun Institut: das Teufelskreis-Modell
  6.   Walter Milowiz (1998): Teufelskreis und Lebensweg – Systemisches Denken in der Sozialarbeit (Springer Psychotherapie). Wien New York, Springer, S. 51 
 

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