Nein, ich kommuniziere nicht! – Die Axiome von Paul Watzlawick

Print Friendly, PDF & Email

Nicht-nicht-kommunizieren

Geht das: Nicht zu kommunizieren. Ein paar Jahrzehnte zurück hätten noch viele diese Behauptung bejaht. Schließlich kann ich ja schweigen, niemand kann mich zwingen zu reden. Aber das betrifft nur die verbale Kommunikation. Sieht man Kommunikation breiter und ziehen wir auch nonverbale Kommunikation mit ein, dann wird klar, wir kommunizieren auch durch Mimik, Gestik, (Tönung der) Stimme, Körperhaltungen usw.

Wir können uns z. B. vorstellen, dass ich  jemanden, der sich im gleichen Raum aufhält, ersuche, mir zu helfen. Ich könnte beispielsweise Hilfe brauchen, um einen schweren Gegenstand zu heben. Nehmen wir an, der Andere ignoriert mich oder wendet sich demonstrativ von mir ab oder verlässt demonstrativ den Raum. Hat er dann mit mir kommuniziert? Natürlich, er hat zum Ausdruck gebracht, dass er mir nicht helfen will. Und er hat das körpersprachlich, durch sein Verhalten zum Ausdruck gebracht. Verhalten hat keinen Gegenpol, wie dies Paul Watzlawick1

„First of all, there is a property of behavior that could hardly be more basic and is, therefore, often overlooked: behavior has no opposite. In other words, there ist no such thing as nonbehavior or, to put it even more simply: one cannot not behave.“

„Man kann nicht nicht kommunizieren.“ – Das ist ein Axiom der Kommunikation von Paul Watzlawick. Und diese Axiome gehören zu den Basis Bausteine zum Verständnis der Kommunikation. Es gibt kaum Inhalte der Kommunkations-Theorie, die häufiger zitiert werden.

Die Kommunikations-Axiome von Paul Watzlawick

Da ich mich in vielen anderen Blogs auf Paul Watzlawick und einzelne Axiome beziehen, widme ich ihnen einen Blog-Beitrag, obwohl es schon zahlreiche Formulierungen dazu gibt.2

Ein Axiom bezeichnet einen Grundsatz, der keines Beweises bedarf.

Paul Watzlawick stellte 5 Grundregeln (pragmatische Axiome) auf, die die menschliche Kommunikation erklären und ihre Paradoxie zeigen:

  1. Man kann nicht nicht kommunizieren
  2. Jede Kommunikation hat einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt
  3. Kommunikation ist immer Ursache und Wirkung
  4. Menschliche Kommunikation bedient sich analoger und digitaler Modalitäten
  5. Kommunikation ist symmetrisch oder komplementär

Axiom 1. Man kann nicht nicht kommunizieren.

„Man kann nicht nicht kommunizieren, denn jede Kommunikation (nicht nur mit Worten) ist Verhalten und genauso wie man sich nicht nicht verhalten kann, kann man nicht nicht kommunizieren.“

Praktisches Beispiel:
Ein Beispiel wäre eine Frau im Wartezimmer eines Arztes, die die ganze Zeit nur auf den Boden starrt. Zunächst könnte man annehmen, sie würde nicht kommunizieren. Dennoch tut sie es, indem sie den anderen Wartenden nonverbal mitteilt, dass sie keinerlei Kontakt möchte.

Axiom 2. Jede Kommunikation hat einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt

„Jede Kommunikation hat einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt, wobei letzterer den ersten bestimmt.“

Der Inhaltsaspekt erhält die Aufgabe Informationen zu vermitteln. Der Beziehungsaspekt gibt Aufschluss darüber, wie die Beziehung vom Empfänger aufgefasst wird. Bezüglich der Übertragung auf die Kommunikationssituation lässt sich sagen, dass es keine rein informative Kommunikation gibt. Jede Äußerung enthält eine Beziehungsaussage. z.B.: „Sie haben aber eine schöne Perlenkette. Ist die echt?“

Durch Gestik, Mimik und Tonfall des Sprechers, werden im Angesprochenen verschiedene Reaktionen ausgelöst.

  • Bestätigung (die Aussage wird als Kompliment verstanden)
  • Verwerfung (die Aussage wird fallen gelassen, da sie als negativ empfunden wurde)
  • Entwertung (der Sprecher und seine Aussage werden entwertet)

Wenn eine negative Beziehung auf der Inhaltsebene ausgetragen wird kann dies eine gestörte Kommunikation zur Folge haben,

Praktisches Beispiel:
Peter wertet in einer Diskussion die Argumente von Stefanie ab, weil er sie nicht leiden kann.

Axiom 3. Kommunikation ist immer Ursache und Wirkung

„Die Natur einer Beziehung ist durch die Interpunktion der Kommunikationsabläufe seitens der Partner bedingt.“

Auch hier lassen sich Regeln festhalten:

  • Jeder Teilnehmer einer Interaktion gibt der Beziehung eine Struktur
  • Auf jeden Reiz folgt eine Reaktion (Verhaltenskette)
  • Jeder Reiz ist zugleich auch Kommunikation, da eine Kommunikation kreisförmig verläuft. Es gibt keinen Anfangspunkt.

Praktisches Beispiel:
Paul Watzlawick Axiom 3 Kommunikation ist immer Ursache und WirkungEine Ehefrau beschwert sich, ihr Mann würde sich ständig zurückziehen. Der Mann jedoch weist darauf hin, dass er sich nur zuückziehe, weil seine Frau ständig an ihm herumnögelt. Die Frau nörgelt also und der Mann zieht sich zurück. Weil er sich zurückzieht, nörgelt sie. Man sieht, dass es sich um einen Teufelskreis handelt.

Liegt eine Störung vor, nimmt einer der beiden Kommunikationspartner an, dass der andere die gleichen Informationen besäße wie er selbst. Durch diese subjektive Wahrnehmung, passiert meistens dann auch genau das, was der gestörte Kommunikationspartner prophezeit hat (Ursache-Wirkungs-Zusammenhang).

Axiom 4: Menschliche Kommunikation bedient sich analoger und digitaler Modalitäten

In der Kommunikation gibt es zwei Möglichkeiten Objekte darzustellen. Zum einen kann man sie durch die Analogie (z.B. eine Zeichnung) ausdrücken oder dem Objekt einen Namen geben. Nicht nur das gesprochene Wort (in der Regel digitale Kommunikation), sondern auch die nonverbalen Äußerungen (z. B. Lächeln, Wegblicken,…) teilen etwas mit.

  • Digital: Inhaltsaspekt einer Nachricht, es wird komplexes Wissen übermittelt. Logische Verknüpfungen und Negationen lassen sich ausdrücken
  • Analog: Beziehungsaspekt einer Nachricht, wesentlich älter.

Die digitale Kommunikation verfügt über eine komplexe und logische Syntax, entbehrt aber auf dem Gebiet der Beziehungen einer Semantik. Die analoge Kommunikation verfügt über ein solches semantisches Potenzial auf dem Gebiet der Beziehungen, entbehrt aber einer Syntax, die eine eindeutige Definition der Natur von Beziehungen leisten könnte. Mit analogen Elementen wird häufig die Beziehungsebene vermittelt, mit digitalen die Inhaltsebene.

Es gibt Tränen des Schmerzes und der Freude und ein Lächeln kann Sympathie oder Verachtung ausdrücken. Analoge Kommunikation ist mehrdeutig und kann unterschiedlich entschlüsselt werden. Durch mögliche Fehlinterpretationen können Konflikte zwischen den Kommunikationspartnern entstehen.

Beispiel:
Ein Küsschen, das ein Kind von seinen Eltern bekommt, kann heißen: „Wir mögen dich sehr gerne!“, oder auch „Lass uns bitte jetzt in Ruhe!“

Axiom 5: Kommunikation ist symmetrisch oder komplementär

„Zwischenmenschliche Kommunikationsabläufe sind entweder symmetrisch oder komplementär, je nachdem ob die Beziehung zwischen den Partnern auf Gleichgewicht oder Unterschiedlichkeit beruht.“

Beziehungen zwischen Partnern basieren entweder auf Gleichheit oder auf Unterschiedlichkeit. In komplementären Beziehungen ergänzen sich unterschiedliche Verhaltensweisen und bestimmen den Interaktionsprozess. Die Beziehungsgrundlage besteht hierbei im Unterschied der Partner. Häufig drückt sich diese Unterschiedlichkeit in einer Unterordnung aus, d.h. der eine hat die Oberhand über den anderen. Eine symmetrische Beziehungsform zeichnet sich dadurch aus, dass die Partner sich bemühen, Ungleichheiten untereinander zu minimieren (Streben nach Gleichheit).

  • Sind die Kommunikationsabläufe symmetrisch, so handelt es sich um 2 gleichstarke Partner, die nach Gleichheit und Verminderung von Unterschieden streben. Man könnte es auch ein „spiegelhaftes Verhalten“ der Partner nennen.
  • Sind die Abläufe komplementär gibt es immer einen „superioren“ und einen „inferioren“ Partner. Die Partner ergänzen sich in ihrem Verhalten.

Eine Störung liegt dann vor, wenn es zu einer symmetrischen Eskalation kommt, d.h. die Partner versuchen sich gegenseitig „auszustechen“. Eine sehr starre Komplementarität findet man in Mutter-Tochter-Beziehungen. Die Individuen in der Mutter-Tochter-Beziehung sind unterschiedlich, auch hier gibt es einen primären und einen sekundären Partner. Diese Beziehung ist allerdings auf gesellschaftlichem und kulturellen Kontext zu sehen, es geht nicht darum sie mit „stark-schwach“, „gut-schlecht“ etc. zu verknüpfen, denn der eine Partner drängt den anderen nicht in seine Stellung, sondern sie stehen in einem Wechselverhältnis, sie ergänzen sich gegenseitig. Das Verhalten des einen Partners bedingt das des Anderen und umgekehrt.

Daraus entstehen häufig paradoxe Handlungsaufforderungen. Entweder es kommt zu sogenannten Doppelten Botschaften ( z.B. nonverbal etwas anderes ausdrücken als man sagt) oder zu paradoxen Voraussagen. Ein Beispiel: (A) bekommt einen roten und grünen Pullover von (B) geschenkt. Er zieht den roten an. (B) unterstellt, dass ihm der grüne dann ja nicht zu gefallen schien. Hätte (A) den grünen zuerst angezogen, wäre das selbe passiert. Egal was (A) gemacht hätte, wäre falsch gewesen.

Diese Situationen entstehen dann, wenn zu viele Probleme da sind, diese nicht gelöst werden können oder die Lösung das Problem selbst ist. (Wenn die Lösung selbst das Problem darstellt, verschlimmert sich die Lage, wenn keine oder eine falsche Lösung versucht wird bzw. wenn mehr von der falschen Lösung probiert wird.) Hierbei sind Paradoxien, Verleugnung oder eine Utopievorstellung unangemessene Lösungsversuche.

  • Verleugnen bedeutet, dass das Bestehen von Problemen verleugnet wird, diejenigen, die auf das Problem hinweisen, werden entwertet.
  • Werden unmögliche Lösungen für möglich gehalten, handelt es sich um das Utopiesyndrom. Der Betreffende schiebt alles auf die eigene Unzulänglichkeit, nicht aber auf die Unerreichbarkeit des Ziels. Dabei werden bewährte Lösungen nicht aufgegriffen und es kommt zu Pseudoproblemen.

Konstruktive Problemlösung

Watzlawick formulierte 4 Schritte zur (konstruktiven) Problemlösung:

  1. Zunächst muss das Problem definiert werden. Hierbei muss zwischen echten und Pseudoproblemen natürlich unterschieden werden.
  2. Der zweite Schritt ist, die bisherigen Lösungsversuche zu untersuchen und zu sehen, ob die Probleme nicht durch Fehllösung entstanden sind.
  3. Darauf folgt die Formulierung von Zielen bzw. Lösungen. In diesem Schritt sollte man Utopien und vage Lösungen natürlich nicht berücksichtigen.
  4. Zu guter Letzt werden die Planungen durchgeführt.

Das Teufelskreis-Modell

Paul Watzlawick hat auch ein Modell sich selbst verstärkender Kommunikations-Wirkungen (Teufelkreise) entwickelt. – Vgl. Teufelskreise verstehen – Konflikte verstehen.

Literatur und Links

Paul Watzlawick, Janet H. Beavin, Don D. Jackson: Menschliche Kommunikation. Formen, Störungen, Paradoxien. Hogrefe, 2016. Textauszüge (12. Auflage, 2011),
(Original: Pragmatics of Human Communication: A Study of Interactional Patterns, Pathologies, and Paradoxes. Norton, N. Y. 2011 (mit Lesprobe), (Faber & Faber, 1968) (Norton, 1967) (Chapter 2: Some tentative axioms of  communication)

o. A.: Die Axiome von Paul Watzlawick. Aus der Paul Watzlawick Website: www.paulwatzlawick.de. https://www.paulwatzlawick.de/index.html.

Paul WatzlawickWie wirklich ist die Wirklichkeit. Wahn, Täuschung, Verstehen. Piper 2005. (2008) (6-1976-springer link) (Audio Verlag, 2019) Besprechung des Hörbuchs von Oliver Cech: Wie wirklich ist die Wirklichkeit. aus. wdr.de. https://www1.wdr.de/kultur/buecher/wie-wirklich-wirklichkeit-104.html.

Paul WatzlawickAnleitung zum Unglücklichsein. Piper Verlag, 2010. (2010 – Lesproben).

Paul Watzlawick: Wenn die Lösung das Problem ist. Audio CD. Auditorium Verlag 1997.

Paul WatzlawickDie erfundene Wirklichkeit. Beiträge zum Konstruktivismus. Piper Verlag, 1997. (1-1983) (11-2018) .
ppt-Präsentation dazu von Martin Aigner.  Rezension in FAZ, aus: http://www.gbv.de/. 8. 12. 81. http://www.gbv.de/dms/faz-rez/811208_FAZ_0043_L15_0002.pdf,

Jutta Lütjen: Das 5. Axiom Paul Watzlawicks. Aus. userpages.uni-koblenz.de. https://userpages.uni-koblenz.de/~luetjen/sose18/di_10/5.Axiom%20Watzlawick.pdf. 5. Axiom(2). 4. Axiom3. Axiom. 2. Axiom. 1. Axiom.

 

 

  1. Paul Watzlawick, Janet H. Beavin, Don D. Jackson: Menschliche Kommunikation, S. 38 
  2. Ich beziehe mich vor allem auf das Original von Paul Watzlawick, Janet H. Beavin, Don D. Jackson: Menschliche Kommunikation. und auf die ‚offizielle postmortale Website‘: o. A.: Die Axiome von Paul Watzlawick.  

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert