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„Der junge Alexander eroberte Indien.
Er allein?
Cäsar schlug die Gallier.
Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?
Phillip von Spanien weinte,
als seine Flotte untergegangen war.
Weinte sonst niemand?“
Aus: Bert Brecht, Fragen eines lesenden Arbeiters 19351

Der gruppendynamische Raum

Der gruppendynamische Raum ist ein Modell zur Beschreibung, Erklärung und Gestaltung von gruppendynamischen Prozessen. Viele Personen, die mit Teams arbeiten – vor allem Führungskräfte – wünschen sich, gruppendynamische Prozesse in ihrem Team besser zu verstehen und beeinflussen zu können.

Welche Führungskraft kennt nicht die Situation, in dem sich Mitarbeiter im Zweier Gespräch anders verhalten als in Team Meetings. Im Zweier-Gespräch gelingt es, mit einem Mitarbeiter vernünftig zu reden,zu  argumentieren, Probleme zu analysieren und zu bearbeiten. Und kurze Zeit später erleben sie in einem Team-Meeting den Mitarbeiter völlig anders: unwillig, mit völlig anderen Sichtweisen und  Interessen, anderen Argumenten usw. Es ist, als spräche man mit einer anderen Person.  Grund ist häufig eine ‚intervenierende Variable‘, die Gruppendynamik. viele Führungskräfte sind nicht oder wenig geschult im Erkennen von – und im Umgang mit – gruppendynamischen Prozessen und stoßen in schwierigen Team-Meetings an die Grenzen ihrer Interventions-Fähigkeit.Ein hilfreiches Modell zum Verständnis ist das ‚Modell des gruppendynamischen Raums‘ von William C. Schutz.2 Es besagt im Kern, dass drei Variable die Dynamik einer Gruppe bewirken:3

  • Zugehörigkeit (drinnen – draußen, welchen Gruppierungen gehört man an)
  • Macht (oben – unten, wie ist die Macht in der Gruppe verteilt, wer besitzt wie viel Macht) und
  • Intimität (nah – fern, wie nahe und ferne sehen sich die Gruppenmitglieder zueinander, wie viel Sympathie empfinden sie füreinander – für einzelne Paar-Beziehungen, aber auch für die Gruppe insgesamt, z. B. Gruppenkohäsion

Will man die Dynamik einer Gruppe verstehen, so ist es notwendig, die Einflüsse dieser drei Variablen zu verstehen als auch deren Interaktion (gegenseitige Beeinflussung). 4

 

Macht / Einfluss

Macht als gruppendynamische Variable bezieht sich auf das Ausmaß, in dem eine Person oder Teilgruppierung eines Teams Prozesse steuern und kontrollieren bzw. Einfluss auf Entscheidungen nehmen kann.

Mögliche Diagnosefragen sind:5

  •  Kann ich persönlich genug Einfluss auf Gruppenprozesse und Entscheidungen ausüben, um die eigene Zukunft im Team in meinem Sinn mitbestimmen zu können?
  • Gelingt es mir, dass Andere mich innerhalb der Gruppe unterstützen?
  • Kann ich genug Steuerung und Kontrolle loslassen, um mich
    auch von anderen unterstützen, beeinflussen und belehren zu lassen?
  • Kann ich im Team auch delegieren? Kann ich mir ein Stück Verantwortung abnehmen lassen? Inwieweit muss ich mich für alles selbst verantwortlich fühlen?

Zugehörigkeit

Zugehörigkeit bezieht auf die Frage ob und in welcher Rolle man der betreffenden Gruppe aber auch anderen Gruppierungen angehört.

Beispielsweise haben Vollzeit-Mitarbeiter häufig andere Interessen, haben andere Wirkung, zeigen andere Verhaltensweisen als Teilzeitmitarbeiter.

In noch größerem Ausmaß gilt das in Familien-Unternehmen für Familienangehörigen unabhängig von deren offizielle Position im Unternehmen.

Auch ohne offizielle Führungsposition haben sie (vor allem die Frau des Chefs oder Mann der Chefin oder auch Tochter oder Sohn)  oft größeren Einfluss als andere Mitglieder mit offizieller Führungsposition. Ich kenne auch Beispiele in denen z. B. die Tochter des Chefs und wahrscheinliche Nachfolgerin in der Holding (als einfache Angestellte) beschäftigt ist und großen Einfluss auf die Prozesse des Stammhauses (am gleichen Ort angesiedelt) hat, dem sie offiziell gar nicht angehört.  Treten z. B. Konflikte im Führungskreis auf, so suchen sie Kontakt zur Tochter des Chefs in der Absicht diesen mit entsprechenden Informationen zu versorgen bzw. ihn in ihrem Sinne zu beeinflussen.

Mögliche Diagnosefragen sind:6

  •  Bin ich in dieser Gruppe (als ein vertrauenswürdiger Mensch) akzeptiert?
  • Werde ich auch dann akzeptiert, wenn ich andere Meinungen oder Positionen vertrete als der Rest der Gruppe
  • Was ist der Preis des Zusammenhalts in dieser Gruppe.
  • Steigen Motivation und Leistung durch das allmähliche zusammenfinden und die Annäherung innerhalb der Gruppe?
  • Wenn die Gruppe ihre globale Ziele fast erreicht hat, wird sich dann die Gruppe einfach auflösen oder wird etwas Zurückbleiben (Treffen, Besuche, …)

Intimität

Intimität bezieht sich auf die soziale Nähe und Distanz der Mitglieder einer Gruppe untereinander. Sie beschreibt, wie nahe wir anderen Menschen kommen wollen bzw. wie weit wir zulassen, dass sich andere uns nähern. Sympathie, Zuneigung, Attraktivität, Wärme, Liebe und auch Sexualität gehören dazu.7 Es geht darum, wem wir was anvertrauen und andere uns anvertrauen, wie weit andere uns liebenswert erscheinen bzw. „riechen können“ und umgekehrt.

Riemann kennzeichnet Nähe – Distanz (neben Dauer und Wechsel) als zentrale Persönlichkeitsdimension („Grundausrichtung“).[1. Thomann, Christoph/Schulz von Thun, Friedemann: Klärungshilfe 1: Handbuch für Therapeuten, Gesprächshelfer und Moderatoren in schwierigen Gesprächen. rororo-verlag, Hamburg 1988, Riemann, Fritz: Grundformen der Angst. Verlag Ernst Reinhard, München 1961]

Gruppen mit starkem „Wir-Gefühl“ (Kohäsion) entwickeln ein Bedürfnis nach Nähe und Übereinstimmung. Die Gruppen-Mitglieder nehmen positiv aufeinander Bezug  und betonen die Ähnlichkeiten. Es kann ein Gefühl der Geborgenheit in der Gruppe entstehen. Dann sind die Mitglieder auch bereit Persönliches oder sogar Intimes mitzuteilen und eine „Grundstimmung von wechselseitiger Anteilnahme und Fürsorge breitet sich aus, die alle Beteiligten genießen.8

Mögliche Diagnosefragen zur Diagnose der Dynamik in Gruppen in Bezug auf Intimität 8

  • Sind sich alle in der Gruppe mehr oder weniger gleich nah oder gibt es Unterschiede? Gibt es Normen dafür bzw. darf es Unterschiede geben?
  • Wie sieht die Rangordnung gegenseitiger Sympathie oder Attraktivität aus? (Soziogramm) Was bewirkt diese?
  • Überwiegt das Bestreben nach Autonomie und Selbständigkeit (mit Distanz) oder der Wunsch nach Gemeinsamkeit und Hingabe an die Gruppe?
  • Inwieweit entstehen Freundschafts- oder sogar Liebes-Beziehungen? Wie wirkt das auf die Anderen? Inwieweit neigen diese zu Exklusivität?)

Querverweise

Verhaltensformel von Kurt Lewin

Warum verhält sich meine Mitarbeiter*in so? – Attribution im Führungs-Alltag.

Der gruppendynamische Raum.

 

Links und Literatur

William C. Schutz: The interpersonal underworld. Science & Behavior Books, Palo Alto, 1966.

William C. SchutzFreude, Rowohlt 1971.

Oliver  König: Individualität und Zughörigkeit – die Gruppe „Kurt“. In Klaus Antons, Andreas Amann, Gisela Clausen, Oliver König, Karl Schattenhofer (Hrsg.):  Gruppenprozesse verstehen. Gruppendynamische Forschung und Praxis. Springer-Verlag, 2013. (1-2001), S. 203 – 278.

Andreas Amann: Alles über Gruppen. Der gruppendynamische Raum. Impulsreferat bei der TopsTagen 2009.  Aus www.tops-ev.de. https://www.tops-ev.de/angebote-fuer-einzelne/TOPS_Tage/files/TOPS-Tage-2009/tt09_Amann.pdf.

Olaf Geramanis: Gruppen-Kompass. Gruppen-Design zwischen Struktur und Prozess. Aus: www.gruppendynamik.ch. Juli 2007. http://www.gruppendynamik.ch/downloads/gruppen_kompass.pdf.

Christoph Thomann / Friedemann Schulz von Thun: Klärungshilfe 1: Handbuch für Therapeuten, Gesprächshelfer und Moderatoren in schwierigen Gesprächen. rororo-verlag, Hamburg 2013 (1-1988)

Christoph Thomann: Klärungshilfe 2. Konflikte im Beruf: Methoden und Modelle klärender Gespräche. Überarbeitete und erweiterte Neuausgabe. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2004

Fritz Riemann: Grundformen der Angst: Reinhardt Verlag. 2019 (1 – Friedrich Kral Riemann, Fritz Riemann: Grundformen der Angst und die Antinomien des Lebens: Eine tiefenpsychologische Studie über die Ängste des Menschen und ihre Überwindung. 1965) Begrenzte Vorschau in amazon.de

  1.   Zitiert aus Olaf Geramanis: Gruppen-Kompass.  
  2. Schutz, William C. (1966). The interpersonal underworld, New York. Schutz, William C. (1971) Freude, Stuttgart
  3. vgl. Oliver  König: Individualität und Zughörigkeit – die Gruppe „Kurt“ in Klaus Antons u. a.  (2001) Gruppenprozesse verstehen.
  4.   Irvin D. Yalom und Bennis / Bradford entwickelten das Modell weiter. vgl. Amann, Gruppen
  5. vgl. Geramanis, Gruppen-Kompass, S. 27
  6. vgl. Geramanis, Gruppen-Kompass, S. 28 f.
  7. vgl. Geramanis, Gruppen-Kompass, S. 28 f
  8. vgl. Geramanis, Gruppen-Kompass, S. 28
  9. vgl. Geramanis, Gruppen-Kompass, S. 28

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