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Göttinnen in jeder Frau

Joseph Duch: Diana
Diana von Joseph Duch (19. Jhd.)

In jeder Frau steckt eine Artemis, ein Archetyp als innerer psychischer Anteil des Menschen, der der mytischen Beschreibung der Göttin Artemis in der griechischen Mythologie entspricht. Das ist die Aussage von Jean Shinoda Bolen, einer bekannten Vertreterin der Analytischen Psychotherapie.1  In manchen Menschen ist der Anteil schwächer, in anderen stärker. Je höher dieser Anteil ist, desto mehr prägt er das Selbstbild einer Frau oder sogar Ihre Identität und sagt: „Ich bin eine Artemis-Frau“. Dieser innere psychische Anteil hat also Merkmale, die den Verhaltensweisen der griechischen Göttin Artemis entsprechen, wie sie in der griechischen Mythologie2 beschrieben werden.

Auch Männer haben weibliche Anteile. Sie prägen ihr Frauenbild: Welcher „Typ“ Frau zieht mich an? Welcher stößt mich ab? Also hat auch jeder Mann eine Artemis in sich.

Ob Mann, ob Frau: Erforsche Artemis und entdecke dich dabei selbst: Wie viel Artemis steckt in dir?

Artemis – die griechische Göttin

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Artemis bricht mit den Nymphen zur Jagd auf. Peter Paul Rubens 1577 – 1640, flämischer mlaer

Artemis – römisch Diana – ist die Göttin der Jagd und des Mondes.

Die Tochter von Zeus und Leto wird in Bildern und Statuen als Jagdgöttin dargestellt, wie sie, den silbernen Bogen in der Hand, den Köcher am Rücken (mit einer entblößten Brust) durch die Wildnis streift – durch Wälder, Wiesen und Auen. Sie wird begleitet von einer Horde Nymphen, jungfräulichen Jägerinnen und Jagdhunden. Mit ihren Pfeilen verfehlt sie niemals ihr Ziel, konnte damit töten oder Krankheiten übertragen.

Als Mondgöttin ist sie Lichtträgerin mit Fackeln in der Hand und Mond und Sternen um ihr Haupt.

Sie wurde auch als Hüterin  der Jugend und als Schutzgöttin der Gebärenden und Hebammen verehrt.

Zuschreibungen und Beinamen von Artemis

Als Herrin und Beschützerin der wilden Tiere (ein Beinahme von ihr) wird sie auch mit deren Eigenschaften verbunden.

  • Ihre schweifende Natur teilt sie (als Göttin der Weite und der Ferne) mit Hirsch und Hirschkuh 3, mit wilden Pferden, manchmal auch mit Hase und Wachtel.
  • Die Löwin ist ein Symbol für ihre Tapferkeit als Jägerin und
    Kalydonischer Eber auf einer römischen Münze, 68 v. Chr.

    der ungestüme Eber ein Symbol für ihre destruktive Seite.

  • Mit dem Bären teilt sie die Schutzmacht für das junge Leben, vor allem für junge, pubertierende Mädchen.
  • Der Eber begleitet sie, wenn sie sich auf dem Kriegspfad befindet. Bekannt geworden ist der furchterregende „Kalydonische Eber4

Artemis in der Mythologie

Sie war Tochter von Zeus, dem Göttervater. Ihre Mutter war Leto, eine Naturgottheit, die Tochter von 2 Titanen. Ihr (zweitgeborener) Zwillingsbruder Apollon kam nach ihr auf die Welt. Artemis half der Mutter sofort als Hebamme bei der schweren Geburt ihres Zwillingsbruders.  Auch später stand sie ihrer Mutter und anderen Frauen oft helfend zur Seite, besonders, wenn sie von Männern bedroht oder bedrängt wurden und rächte meist diese Taten mit einem Pfeil.

Von ihrem Vater Zeus erhielt Artemis, als sie mit 3 Jahren in den Olymp eintrat, neben Pfeil und Bogen die ewige Jungfräulichkeit  zugesprochen und auch die Autonomie, das Recht, die Dinge selbst aussuchen zu  können.

Artemis handelte immer schnell und entschlossen, wenn sie um Hilfe gebeten wurde, beschützte oder rettete oder rächte sie. Auch wenn sie beleidigt wurde, blieb die Rache nicht aus.

  • Als ein Titan (Tityus) versuchte ihre Mutter Leto zur vergewaltigen, wurde er von Artemis mit einem Todespfeil bedacht.
  • Als Niobe, die Gattin des Königs von Theben Leto beleidigte, weil sie nur 2 Kinder hatte, tötete Artemis die 6 Töchter der Königin mit Pfeilen und ihre Bruder die 6 Söhne.
  • Eine Waldnymphe (Arethusa) rief Artemis zu Hilfe, weil sie der Flussgott bei einem Bad vergewaltigen wollte. Sie rettete die Nymphe, indem sie sie in eine Quelle verwandelte.
  • Aufgrund einer List ihres Bruders Appollon erschoss sie sogar den einzigen Mann, den sie je liebte, den Jäger Orion. Appollon wettete mit ihr, dass sie eine dunklen Fleck am Horizont nicht mir ihrem Pfeil treffen könne. Sie schoss und traf Orion. Somit blieb ihr Bruder der einzig wichtige Mann in ihrem Leben.
  • Als sie mit ihren Nymphen ein Bad nahm, kam zufällig ein Jäger (Aktaion) vorbei und starrte sie an. Sie fühlte sich beleidigt und erschoss ihn.

Artemis – die Frau

Artemis-Kollektion – Naturfarben

Was zeichnet eine Artemis-Frau aus?

Merkmale: Eine Artemis-Frau ist oft schon als Kind sehr selbständig, eigenwillig, durchsetzungskräftig, kann vehement fordern und ihre Anliegen vertreten. Besonders stark tritt sie auf,  wenn Versprechen nicht gehalten werden.

Sie hat einen starken Sinn für Gerechtigkeit und vertritt dies auch nach außen, tritt für die ein, die aus ihrer Sicht ungerecht behandelt werden.

Das typische Bild für Artemis-Frau ist eine jugendliche weibliche Gestalt mit athletischem, anmutigen, manchmal auch knabenhaften energiegeladenen Körper, die ihre selbst gesteckten Ziele selbständig verfolgt.

Eltern: Zeus hatte Artemis die Geschenke gegeben, die ihr helfen, das zu tun, das sie tun möchte. Viele Väter von Artemis-Töchtern haben ähnliches getan und so ihre Unabhängigkeit gefördert. Mütter spielen bei Artemis-Frauen oft eine untergeordnete Rolle, vor allem, wenn sie das wilde und unabhängige Leben ihrer Tochter missbilligen.

Pubertät und Adoleszenz: Eine junge Artemis-Frau tendiert dazu, ihre Pubertät sehr deutlich auszuleben, ihren Mut und ihre Unabhängigkeit weiter zu entwickeln und ihren Widerstand deutlich zu zeigen. Sport ist ihr wichtig, häufig geht sie bis an ihre Grenzen. Sie genießt den Wettbewerb. Vielleicht wird sie eine wilde Reiterin oder eine extreme Kletterin.

Beruf: Der Beruf ist für die Artemis-Frau wichtig, sie investiert viel Energie in eine Arbeit die für sie einen Wert haben. Oft hat sie sich bei der Berufswahl von ihren Idealen leiten lassen oder sie widmet sich einem Produkt, das für sie von Wert ist oder drückt ihrer Arbeitsweise einen ganz spezifischen Stempel auf. Dies ist für sie wichtiger als Karriere, Prestige oder Geld

Beziehungen zu anderen Frauenschwesterlich: Viele Artemis-Frauen pflegen intensive Freundschaften zu anderen Frauen, treten Frauen-Netzwerken bei und setzen sich für die Rechte von Frauen ein, unterstützen die Feminismus-Bewegung. Sie selbst empfindet sich natürlich Männern zumindest gleichwertig.

Eheleben: Die Ehe hat bei einer Artemis-Frau meist nicht die erste Priorität. Viele Artemis-Frauen heiraten nicht, bleiben alleine oder ziehen eine Beziehung vor. Wenn sie heiratet, dann häufig Arbeitskollegen, Studienkollegen oder andere Männer, mit denen sie berufliche Beziehungen hatte. Führt sie eine Ehe oder eine Beziehung, so ist sie häufig kameradschaftlich geprägt. Sexualität spielt keine große Rolle.

Beziehungen zu Männern brüderlich: Artemis ist die Zwillingsschwester von Apollo (Apollon), dem Sonnengott. Die Beziehungen zu Männern laufen häufig nach diesem Vorbild. Sie war sein weibliches Gegenstück: Er ist der Sonnengott, sie die Mondgöttin. Sie war zuständig für die Wildnis, die wilden, ungezähmten Tiere, den wilden Tanz. Er war zuständig für die Stadt, die gezähmten Tierherden, die Musik. Beide werden als androgyn erlebt: Sie haben Vorlieben und Interessen die oft dem anderen Geschlecht zugeordnet werden. Männer fühlen sich oft zu ihr hingezogen, wie zu einer Zwillingsschwester: eine verwandte Seele.

Kinder: Der Mutterinstinkt ist bei Artemis-Frauen nicht stark ausgeprägt. Viele Artemis-Frauen können kinderlos bleiben, ohne einen Verlust zu erleben. Oft sind sie aber eine gute Tante. Haben sie Kinder, dann sind sie oft eine gute Mutter, erziehen die Kinder zur Selbständigkeit. Sind sie bedroht, dann verteidigen sie sie wie eine Bärin, die zu ihrem Symbol gehört.

Midlife und Alter: Alt werden ist nicht die Stärke von Artemis-Frauen. Oft behalten sie ihre typischen Eigenschaften und ihren schlanken Körper bis ins hohe Alter. Ist dies nicht möglich, gerät sie leicht in eine (Identitäts-)Krise, vor allem in der Mitte des Lebens.

Gefahren, Schwächen und Schwierigkeiten von Artemis-Frauen

Gefahr, andere zu verletzen: Artemis streifte mit ihrer wilden Horde durch die Wildnis und tat, was ihr gefiel. Niemals wurde sie Opfer von Anderen. Wurde sie beleidigt oder verletzt, so musste der der Täter das mit seinem Leben bezahlen, auch wenn er es unbeabsichtigt gemacht hatte. Auch Artemis-Frauen haben die Tendenz eher andere zu verletzen, statt verletzt zu werden.

Verachtung für Verletzlichkeit und Schwächen: Die Artemis-Frau hat wenig Verständnis für Schwächen und Verletzlichkeiten von Anderen, besonders von Männern. Ihr macht es Spaß, einen Mann zu jagen und ihn zu erobern. Hat sie ihn erobert, verliert sie manchmal das Interesse an ihm, besonders wenn er Schwächen zeigt oder Nähe sucht. Sie braucht eine gewisse Distanz und zeigt die Kälte der Mondgöttin. Sie wird daher auch verglichen mit einer Meerjungfrau: Oben ist sie wunderschön und anziehend, unten aber kalt und unmenschlich.

Destruktive Wut: Artemis-Frauen können leicht in Wut geraten, z. B. wenn sie sich beleidigt, bedroht, abgewertet fühlen. Und dann ist was los. Wie bei der Göttin Artemis, die dann ihren rasenden (Kalydonischen) Eber losließ, der die Opfer zerriss. Nur Hera konnte es mit ihr bezüglich der Wutausbrüche aufnehmen.

Unnahbarkeit – emotionale Distanz: Artemis ist auch die Göttin der Weite und der Ferne. So verfolgen Artemis-Frauen ihre weiten und fernen Ziele, ohne sich von Gefühlen ablenken zu lassen, weder von den eigenen, noch von deren der Anderen. Sie nimmt die Gefühle der anderen um sie herum gar nicht wahr. Sie benutzen diese Distanz auch, um – oft unbemerkt – einfach zu verschwinden.

unbarmherzig: Artemis zeigt sich im Mythos sehr unbarmherzig. Als eine Frau z. B. ihre Mutter beleidigt, wird nicht nur sie, sondern auch all ihre Kinder unbarmherzig getötet.  Auch Artemis-Frauen können diese Unbarmherzigkeit zeigen.

Retterin oder Täterin? Wenn Artemis als Retterin auftritt, so wird sie oft gleichzeitig zur Täterin. Manchmal opfert sie auch Menschen, oder verlangt dies von Anderen, um damit höhere Ziele zu erreichen.

Selbstreflexion

Denke über folgende Fragen nach, um den Archetyp ‚Artemis‘ mit Dir und Deinem Leben in Verbindung zu bringen.

  1. Wie viel ‚Artemis‘ erlebst du insgesamt in dir?
  2. Wie sympathisch findest du Artemis? Wie sehr kannst du dich mit ihr identifizieren?
  3. Kennst du eine typische Artemis-Frau?
  4. Wie wichtig ist dir Unabhängigkeit in deinem Leben?
    (1 ganz unwichtig – 10 sehr wichtig)
  5. Wie schnell bist du beleidigt und fühlst dich verletzt?
  6. Wie leicht kannst du in Ärger und Wut geraten?
  7. Wie leicht fällt es dir, auch allein, ohne Partner/in zu leben?
  8. Wie wichtig ist mir die die (wild, unbearbeitete, unberührte) Natur?
    Wie gern bist du in der Natur.

Selbstdiagnose  für Frauen und Männer

Du kannst die obigen Fragen zusätzlich skalieren (z. B. auf einer Skala von 1 bis 5).

Eine detaillierte Beschäftigung mit Artemis-Themen findest du in einem kleinen Selbsttest.

Querverweise

Übersichtsblog: Weibliche Archetypen oder: Das ewig Weibliche im Menschen

Kleiner Selbsttest zum Archetyp der Artemis

(Fassung 2, 1909, kleine Korrekturen)

  1. In der Analytischen Psychologie von C. G. Jung werden Archetypen als innere Anteile des kollektiven Unbewussten erforscht. Jean Shinoda Bolen meint, dass die griechische  Mythologie eine gute Basis zur Strukturierung dieser Archetypen bildet. In Bezug auf weibliche Archetypen nimmt sie die sieben olympischen Hauptgöttinnen als Muster und nennt die dazugehörigen Archetypen  „Göttinnen in jeder Frau„.“Erforsche diese Göttinnen und du findest dich selbst“ könnte ihre Botschaft formuliert werden. Sie unterscheidet sieben Hauptgöttinnen, denen sieben Archetypen und damit auch „Frauentypen“ entsprechen. Jede Frau trägt eine andere ‚Mischung‘ dieser Archetypen in sich. Sie prägen das Selbstbild bzw. die Identität einer Frau. Da auch jeder Mann weibliche Anteile in seiner Psyche entwickelt, beeinflussen sie auch Männer, deren ‚Anima‘ sehr sein Frauenbild prägen.
  2. vor allem in den „Metamorphosen“ von Ovid
  3. vor allem die Hirschkuh von Keryneia vgl. Rose, Mythologie
  4.   Der Kalydonische Eber hatte die Größe eines Ochsen,  Zähne wie ein Elefant  und weiße spießige Borsten. Als der König der Stadt Kalydon sie bei den Opfergaben nicht berücksichtigte, schickte sie diesen Eber, um das Umland der Stadt zu verwüsten.

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