Toni Erdmann – Der peinliche Vater und die Karriere der Tochter – Filminterpretation

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Hintergrund zur Filminterpretation

Der Film wird derzeit viel diskutiert, deshalb gebe ich einige Hinweise zu einer möglichen Interpretation dieses Films. Die Deutung von Filmen und anderen Kunstwerken haben vor in der tiefenpsychologischen ‚Analytischen Psychologie und Psychotherapie‘ von C. G. Jung eine große Tradtition. Auch wenn ich diesem Ansatz viel verdanke, möchte ich meine Interpretation keineswegs als eine tiefenpsychologische Deutung betrachten. Es ist eher ein pragmatischer Zugang zu Filmen, der helfen kann, die eigene Entwicklung zu unterstützen, vor allem dadurch, dass man sich, die eigene Persönlichkeit, das eigene Leben und die eigene Entwicklungsgeschichte zu der Handlung im Film in Beziehung setzt.

Ich habe bereits meine Eindrücke zu diesem Film geschildert, incl. einer kurzen Beschreibung der Handlung.

Ines, Toni Erdmanns Tochter

Man kann Filme aus unterschiedlichen Blickwinkel interpretieren. Ich möchte die persönliche Entwicklungsperspektive wählen: Wer entwickelt sich wie in diesem Film? Was sind die Entwicklungsanlässe? Wie kann man den Film nützen für die eigene Weiterentwicklung? …

Der Protagonist

Zunächst ist zu fragen: „Wer ist der Protagonist des Films?“ Der Protagonist ist die Hauptfigur, der Held / die Heldin, die Figur, die eine Wandlung erfährt, die sich weiterentwickelt. Sie muss nicht mit der Titelfigur des Filmes identisch sein.

Entgegen voreiligen Schlüssen aus dem Filmtitel ist der Protagonist meiner Meinung nach nicht Winfried (bzw. sein Alter-Ego Toni Erdmann) sondern seine Tochter Ines. Sie ist es, deren Entwicklung im Vordergrund steht. Wenn  diese Hypothese stimmt, so ist zunächst zu fragen: Wie ist die Ausgangsposition? Was sind die Entwicklungsimpulse? Und wo kommt die Protagonistin am Ende an?

Die Ausgangspostion

Wie stellt sich das Leben und die Persönlichkeit der Protagonistin am Beginn dar? Nachdem im Film am Anfang Ausschnitte aus dem Leben  Winfrieds gezeigt wird. Seine (Ex-)Frau wohnt mit ihrem neuen Partner zusammen. Ines, die in Bukarest in einer Consulting-Firma arbeitet, kommt auf einen Kurzbesuch nach Remchingen (Baden-Württemberg) zu ihren Eltern, eigentlich zu ihrer Mutter, um ein vorverlegtes Geburtstagsfest zu feiern. Aber sie feiert nicht. Sie absentiert sich von ihrer Familie, steht im Garten und telefoniert geschäftlich. In der nächsten Szene ist sie wieder in Bukarest und Winfried kommt zu Besuch, nachdem sein Hund gestorben war – überraschend, obwohl er es schon angekündigt hatte. In vielen Szenen danach zeigt sich, dass sie trotz ihrer „erfolgreichen Karriere“, die viele bewundern ein unglückliches Leben führt. Ohne die einzelnen Szenen im Detail anzuführen, gebe ich einige Hinweise

  • Sie hat kein / wenig Bewusstsein für ihr unglückliches Leben
  • Sie lebt nicht „ihr Leben“ sondern opfert ihr Leben dem Geschäft, der Karriere, den vermeintlichen Pflichten
  • Obwohl sie eine Vatertochter ist, lebt sie in Distanz zu ihrer Familie, besonders zu ihrem peinlichen Vater, ist von ihr entfremdet, will nichts mit ihr zu tun haben
  • Sie ist nichtg authentisch, sondern lebt unter eine starren Maske und hat wenig Bewusstsein für andere (und sich selbst), macht einen distanziert-kühlen Eindruck.
  • Ihr Arbeit macht ihr keine Freude. Ihre Arbeit wird beschrieben, dass sie dem Klienten erklären muss, was er eigentlich will. Sie muss z. B. ein Konzept für unpopuläre Entlassungen entwerfen, ohne die relevanten Daten zur Verfügung zu haben, ihr Chef fällt ihr in den Rücken, sie muss die Frau eines wichtigen Klienten beim Shopping begleiten, was ihr sichtlich keinen Spaß macht …
  • Sie sucht Trost in absurden sexuellen Spielchen mit ihrem Kollegen, was ihren maskenhaften Auftritt fast unerträglich macht.

    Toni Erdmann im Business Setting

In Summe stellt sich eine Persönlichkeit dar, die in ihrer Maske steckt und ein tristes Dasein fristet. Man kann sich gut vorstellen, wie das Leben weitergehen könnte, wenn sich keine Entwicklung einstellt. Was sind die Anlässe, die persönliche Entwicklungsschritte im Film anregen?

Entwicklungsanregungen

Zunächst kommen die Entwicklungsanregung primär von ihrem Vater Wienfried, besonders in seiner Alter-Ego Erscheinung als Toni Erdmann mit einem ungepflegten,  Aussehen, einer wilden Perücke, einer Prothese mit vorstehenden Spaß-Zähnen und extrem legerer Kleidung. Er wirkt als Gegenspieler (Anthagonist) und sorgt mit seinen Aktionen und peinlichen Auftritten  für Situationen, in denen sie in ihrer Peinlichkeit am liebsten in den Boden versinken würde, so hat man den Eindruck. Er lockt sie aus ihrer Maske heraus, zwingt sie ihre Komfortzone zu verlassen. Er hat keine Scheu, sich „authentisch peinlich“ zu verhalten und zeigt die menschliche Absurdität des Geschäftslebens im Milieu des internationalen Unternehmens, in dem seine Tochter arbeitet, auf. Er bringt sie, besonders bei einem Zusammentreffen mit ihrem Chef (fast) zur Verzweiflung, öffnet ihr die Augen und fördert so ihre Entwicklung.

Einige Entwicklungsaspekte für Ines:

  • Sie tut sich weh, verletzt ihre Zehe sehr schmerzhaft, danach blickt sie von ihrem Balkon ihrem Vater, der vermeintlich den Besuch beendet, nachdenklich traurig, nicht mehr kühl-distanziert
  • Der Vater erzählt ihr, dass sein Hund Willi gestorben ist. Sie hatte offensichtlich eine Beziehung zu diesem Hund und zeigt Mitgefühl.
  • Sie wird anlässlich einer Betriebsbesichtigung der MIneralöl-Firma für die sie das Rationalsisierungsprojekt durchführt direkt mit Entlassungen konfrontiert. Ihr Vater konfrontiert sie mit der dahinterstehenden Ethik. Auch wenn sie scheinbar gelassen reagiert, zeigt das vermutliche doch Wirkung bei ihr.
  • Ihr Vater konfrontiert sie mit existenziellen Fragen: „Bist du glücklich?“, „Bist du eigentlich ein Mensch?“ … Sie reagiert emotional abwehrend, was zeigt, dass er sie an einem wunden Punkt getroffen hat.
  • Sie wird vom Vater nicht kritisiert. Er stellt zwar kritische Fragen, bewertet aber nicht. Im Gegenteil: Er sagt, „du machst eh alles spitze“, was ihr Tränen in die Augen treibt.
  • Als ihr Vater nach einem wilden Besuch einer Disco unangemeldet in die Wohnung kommt, schlägt sie auf ihn ein. Er nimmt das fast belustigt auf, sie tut ihm nicht wirklich weh, es ist der erste wirklich körperliche Kontakt zu ihrem Vater.
  • Sie kann den Vater als Hilfe bei einem Treffen mit einem schwierigen beruflichen Gegenspieler Illiescu einsetzen.
  • Sie kommt durch ihren Vater in Kontakt mit der ’normalen  einheimischen Bevölkerung‘ Rumäniens – , ihrer Kultur, ihren Werten, ihrer Ethik, ihrer Menschlichkeit. Das wirkt ansteckend.
  • Bei diesem Besuch einer rumänischen Familie kommt sie auch in Kontakt mit künstlerischem Ausdruck, sie bemalt Eier und singt ein Lied. Den Entwicklungsanstoß der durch künstlerischen Ausdruck entsthen kann, kennen wir z. B. von den kunsttherpeutischen Ansätzen.
  • Die Szene, in der sie mit Klavierbegleitung ihres Vaters singt, hat mehrfache Entwicklungs-Bezüge: Sie lässt sich auf einen gemeinsamen Rhythmus
    Ines, die coole Geschäftsfrau, geht voll aus sich heraus

    mit ihrem Vater ein, nachdem sie vorher nur Distanzierungs-Tendenzen gezeigt hat. Und sie geht voll in den Ausdruck. Das heißt, sie bemüht sich nach den Anfangssequenzen nicht mehr um ’schönes und richtiges Singen‘ sondern sie singt voll aus sich heraus, schreit den ganzen Schmerz, der in ihr steckt voll heraus, so hat man den Eindruck. Sie will nicht mehr den Schein wahren, sie riskiert volle Peinlichkeit, was in Gegensatz zu ihren bisherigen Verhaltensmuster steht. Das erinnert mich an den Film „About a boy oder Der Tag der toten Ente“, in dem der coole, maskenhafte Will bei einer Schüleraufführung dem Sohn seiner Freundin beisteht. Der Sohn, Marcus, steht bei einer Schüleraufführung auf der Bühne und beginnt sich lächerlich zu machen. Da springt Will ein und macht sich an seiner statt peinlich, was in diesem Film ein entscheidender Entwicklungsschritt für ihn ist und auch Marcus zu einem Entwicklungsschritt anregt.

  • Zudem hat der Text des Liedes einen Entwicklungsinhalt („Learning to love yourself. It is the greatest love of all“ – Whitney Houston)
  • Dieser Mut zur Peinlichkeit hat im Film seinen Höhepunkt, als Ines ihre beruflichen Bezugspersonen (Kollegen, Chef, …) zu einer Teamentwicklungs-Geburtstags-Party einlädt. Sie empfängt die Gäst nackt und erklärt die Party zu einer Nacktparty, was umwerfend komische Szenen ergibt, besonders als auch ihr Chef nackt erscheint.
  • Völlig klar wird der Entwicklungsweg, als sie ihren Vater im Park herzlich umarmt. Dieser war vorher in einer neuen Verkleidung als Pelzungeheuer auf der Nackt-Party erschienen und hatte dort für Verwirrung gesorgt.

Angekommen?

Wo ist Ines jetzt angekommen und was bleibt jetzt noch offen

In der letzten Szene kehrt Ines nach Deutschland zurück, weil ihre Großmutter väterlicherseits verstorben ist. Hier zeigt sich in einigen Aspekten, dass sie jetzt auf einer neuen Stufe, einem neuen Level ihrer Entwicklung angelangt ist.

  • Es beginnt schon bei der Begrüßung. Sie begrüßt ihren Vater und andere Familienmitglieder sehr herzlich. Sie unterhält sich mit ihnen statt zu telefonieren. Sie besichtigt mit ihrem Vater Hinterlassenschaften der Oma, unter anderem einen Kasten mit lauter Hüten. Das zeigt, dass sie jetzt Teil des Familiensystems geworden ist bzw. dass sie sich jetzt dessen bewusst ist.
  • Das wird völlig klar, als sie am Ende des Films ohne Masken-Ausdruck und ohne Business-Frisur dem Vater seine Spaß-Zahnprothese aus der Hemdtasche nimmt und sich selbst ansteckt und anschließend einen Hut der verstorbenen Großmutter aufsetzt, ihrem Vater gegenübersteht und ihn ansieht. Jetzt ist sie Teil der Familie
  • Für Diskussion haben bei uns die letzten Worte des Vaters gesorgt. Er steht seiner Tochter (mit Hut der Großmutter und den Spaßzähnen des Vaters) gegenüber, sagt „Genau. Warte mal, warte. Ich hole mal Foto“ und geht weg: Holt er den Fotoapparat und zerstört dadurch die Magie des Augenblicks oder holt er ein Foto der Oma mit dem Hut, den jetzt Ines auf hat oder …? Auch andere Symbole wurde diskutiert: Die Bedeutung der Käsereibe, die so wichtig in der Familie ist/war, die Bedetuung der verletzten Zehe, die gekaufte Ersatztochter, die ihm jetzt die Zehen schneidet, …
  • Offen bleibt, wie weit und wie nachhältig der Entwicklungsweg bei Ines gegangen ist. Zweifel kommen z. B. auf, als sie in der letzten Szene bei einem Gespräch erzählt, dass sie die Firma und den Einsatzort gewechselt hat: Von Morrisons in Buarest zu McKInsey in Shanghai. Ob sie dort ein viel glücklicheres, authentischeres Leben führen kann, bleibt zumindest fraglich.

Themen des Films

  • Vater-Tochter Beziehung, der peinliche Vater
  • sich distanzieren von der (Ursprungs-)Familie
  • Der Antagonist als Entwicklungshelfer
  • Work-Life-Balance, Arbeit wichtiger als Leben, Arbeit frisst das Leben auf, …
  • (fehlende) Freude bei der Arbeit, Pflichterfüllung als dominantes Lebensthemen
  • ein glückliches / geglücktes Leben
  • die Maske aufsetzen, (nicht) authentisch leben
  • Ethik im Beruf
  • Tod / Endlichkeit, Wofür ist es zu spät
  • Der weise Narr als Archetyp
  • Der Mut sich lächerlich zu machen, was denken andere über mich?
  • emotionaler Ausdruck, künstlerischer Ausdruck, stimmlicher Ausdruck
  • Umgang mit Gefühlen

Selbstreflexion

allgemeine Fragen zur Reflexion

  • Wie hat der Film auf mich gewirkt? Mit wem habe ich mich identifiziert? Wer oder was im Film hat bei mir Gefühle ausgelöst? Was sagt das über mich aus?
  • Sind Erinnerungen bei mir hochgekommen? Eigene Erlebnisse, die mit dem Film in Zusammenhang stehen? (Hinweis: Erinnerungen kommen oft erst bei der 2. oder 3. Betrachtung des Films)
  • Welche Themen sind auch bei mir vergangene oder derzeitige Lebensthemen (Themen von mir / meinem Leben)?

spezielle Fragen zur Reflexion

  • Wie ist mein Verhältnis zu meinem Vater? Habe ich ihn (auch) peinlich erlebt? Wann / wo? Was hat das bei mir ausgelöst? Welches Verhalten hat mich irritiert?
  • Welche Beziehung habe ich zu meiner Ursprungs-Familie (Vater, Mutter, Geschwister)? Wieviel Distanz erlebe ich zu ihnen?
  • Wie steht es mit meiner Work-Life-Balance? Wie viel Freizeit habe ich? Welche Rolle hat bei mir Pflichtefüllung? Fressen Beruf und Pflichterfüllung mein Leben auf?
  • Wie wichtig ist mir, was andere von mir denken? Wieviel Mut habe ich, mich auch lächerlich zu machen, Fehler zu begehen etc.?
  • Wie glücklich bin ich? Wieviel Spaß habe ich in meinem Leben
  • Wo und wie finde ich meinen Ausdruck? Wie kann ich Gefühle ausdrücken?

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