Persönlichkeit – Charakter – Temperament

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In der Persönlichkeitsentwicklungs-Literatur und -Praxis werden oft ähnliche Termini für Persönlichkeit weitgehend synonym gebraucht. Vergleicht man die dahinterstehenden Konzepte, z. B. Persönlichkeitsmodelle, Ansätze der (Persönlichkeits-)Psychologie, so merkt man, dass unterschiedliches gemeint ist. In zahlreichen Persönlichkeitsmodelle ist neben Persönlichkeit auch von Charakter und Temperament die Rede.

Persönlichkeit

Persönlichkeit

Persönlichkeit wird sehr unterschiedlich definiert.1 Meist sind jedoch mit „Persönlichkeit“ die bewussten Anteile einer Person gemeint, ein Konglomerat aus Fähigkeiten, Fertigkeiten, Einstellungen, Haltungen, Motiven 2 – manchmal zusammengefasst als ‚Eigenschaften der Person‘. „Persönlichkeit bezeichnet die Gesamtheit der Eigenschaften eines Individuums,die darüber bestimmen, wie wir unsere Umwelt wahrnehmen und wie wir mit ihr kommunizieren.“ 3 4

Manchmal wird auf dahinterstehende Merkmale der Person, wie Temperament und Charakter Bezug genommen, wobei Temperament der feststehende Teil ist, der keiner Entwicklung unterliegt bzw. zugänglich ist und Charakter der von der Umwelt (Lebensereignisse, Erziehung, …) geformte Teil, wie im folgenden Modell.  5

Definition von Persönlichkeit (nach Saß 1987)

 

 

 

 

 

 

 

 

Herpertz interpretiert diese Abbildung als eine Grundmatrix, die nicht nur Elemente der Vergangenheit sondern auch Entwürfe für Gegenwart und Zukunft enthält.6 Unsere Persönlichkeit macht also nicht nur aus, was wir in der Vergangenheit geerbt und entwickelt haben, sondern auch, was wir in der Zukunft vorhaben, welche Ziele und Visionen wir haben.

Charakter

Claude Robert Cloninger – entwickelte Messinstrumente für Charakter und Temperament

Während Persönlichkeit ein wertneutraler (Ober-)Begriff ist, enthält Charakter mehr die ethisch moralischen Elemente, vor allem die Werte einer Person. 7

Im Persönlichkeitsmodell des US-amerikanischen Persönlichkeitsforschers und Genetikers C. Robert Cloninger8 und des zugehörigen Persönlichkeitsfragebogen TPQ (Tridimensional Personality Questionnaire) werden drei Dimensionen des Charakters Unterschieden:

  • Self-Directedness: Selbstbestimmung im Gegensatz zur Other-Directedness / Fremdbestimmung
    dazu gehören (Subskalen): Verantwortung, Sinn-Orientierung, Einfallsreichtum, Selbstakzeptanz, enlightened second nature
  • Cooperativeness: Kooperations- / Hilfs-Bereitschaft / Bereitschaft zur Zusammenarbeit
    dazu gehören: Soziale Akzeptanz, Empathie, Hilfsbereitschaft, Mitgefühl, aufrichtiges Gewissen (‚pure-hearted conscience‘)
  • Self-Transcendence: Selbst-Transzendenz
    dazu gehören: Selbstvergessenheit, Transpersonale Identifikation, Spirituelle Akzeptanz.

Temperament

Die vier Elemente der Alchemie

Der Begriff des Temperaments hat eine lange Tradition in der Psychologie und ihren Vorgängern. Schon in der Antike wurden die vier klassischen Temperamente Sanguiniker, Choleriker, Phlegmatiker und Melancholiker beschrieben. Sie basiert auf der Vier-Elemente-Lehre und der Idee des richtigen Mischungsverhältnisses dieser Elemente 9

Das Temperment umfasst die relativ stabilen Elemente des Antriebs der Person, vor allem die Triebe, die Gefühle und den Willen 10. Das Temperament beinhaltet emotionale, motorische, aufmerksamkeitsbezogene und selbstregulatorische Elemente des Verhaltensstils, wie Ausdauer, Stimmung (‚Gemütsverfassung‘), Tempo und Reizschwelle.

Im Persönlichkeitsmodell von Cloninger („integrative biopsychosocial model of human personality11) und des zugehörigen Persönlichkeitsfragebogen TCI 12 werden vier Dimensionen des Temperaments differenziert und gemessen:13

  • Harm Avoidance mit der Polarität
    ängstlich / pessimistisch —————  aufgeschlossen, optimistisch
  • Novelity Seeking (spezielle Form der Neugier) mit der Polarität
    impulsiv / hitzig ———————–rigid, schwerfällig
  • Reward Dependence (Abhängigkeit von Belohnungen) mit der Polarität
    warm, bestätigungssuchend —————– kalt unnahbar
  • Persistence (Beharrungsvermögen – Ausdauer, Durchhaltewillen) mit der Polarität
    ausdauernd / ambitioniert —————–leicht entmutigt, bleibt unter den eigenen Möglichkeiten

Das Temperament wird auch als der dynamische Aspekt und Charakter als struktureller Aspekt der Persönlichkeit angesehen. 14

Persönlichkeits-Stile und -Störungen

Besondere Kombinationen von psychischen, charakterlichen und Temperament-Merkmalen werden „Persönlichkeits-Stile“ genannt, besondere Abweichungen von Durchschnittsnorm als „Persönlichkeits-Störungen15 genannt.

Reflexion zu Dimensionen des Temperamts

Stimmung

  • Wie bin ich generell gestimmt? Was ist meine Grundstimmung? Wie stark sind meine Stimmungs-Schwankungen? Was kann mir ‚aufs Gemüt schlagen‚?
  • Vervollständigen Sie den Satz: „Ich habe ein Gemüt wie …“ bzw. „Ich habe ein … Gemüt“ (z. B. sonniges, kindliches, heiteres, naives, hitziges … Gemüt, Gemüt wie ein Fleischerhund, …
  • Wie gut (und womit) kann ich meine Stimmungen beeinflussen?

Ausdauer

  • Wie gut kann ich meine Ziele mit voller Kraft (Motivation) längerfristig mit Anstrengung verfolgen, auch wenn widrige Umstände die Realisierung der Ziele erschweren?
  • Wie konsequent verfolge ich meine Ziele?
  • Wie gut ist meine Beharrlichkeit, mein Durchhalte- und Stehvermögen, meine Zähigkeit
  • Wie autonom erlebe ich mein Handeln und Verhalten?16
  • Wie gut gehören ‚Nebenbegriffe‚ von Ausdauer zu meinen Eigenschaften: Entschlossenheit, Willenskraft, Verbindlichkeit, Geduld, Fleiß: In welchem Ausmaß sehe ich mich (z. B. auf einer Skala von 1 – 10) entschlossen, willenskräftig, verbindlich, geduldig, fleißig?
  • Inwieweit erleben Andere negative Aspekte der Ausdauer an mir: Sturheit, Trotz, Starrsinn, Eigensinn …

Willenskraft / Willensstärke (wissenschaftlicher Fachbegriff: „Volition„, Überschneidungen mit Ausdauer – Beharrlichkeit, Zähigkeit, Entschlossenheit, …)

  • Inwieweit erlebe ich mich als tatkräftig, entschlossen, zielstrebig, robust?
  • Wie gut weiß ich, was ich will? (Oder weiß ich oft nur, was ich nicht will?) Wie groß  ist meine Willenskraft
  • Wie viel Energie habe ich, um Hindernisse auf dem Weg zur Zielerreichung (Ablenkungen, Unlustgefühle, Zielkonflikte, widerstrebende Motive, …) zu überwinden?
  • Wie gut ist meine ‚Umsetzungskompetenz‚ (meine Fähigkeit, Pläne umzusetzen, Wissen anzuwenden). Wie groß ist meine ‚knowing-doing-gap‚: Ich weiß was zu tun wäre, aber ich tue es nicht. (auch „performance paradox“ genannt)

Anhang 1: Volition als Umsetzungskompetenz

Umsetzungskompetenz und Teilkompetenzen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dieses Modell stellt den Umsetzungsprozess mit den Phasen: Ziel(setzung) – Plan(ung) – Aktionen (durchführen) – Ergebnisse realisieren. Er wird gesteuert durch Willenskraft. Unten werden die Teilkompetenzen der Umsetzungskompetenz gereicht.17

Anhang 2: Umsetzungskompetenz von Unternehmen

Zur Operationalisierung und Validierung der Umsetzungskompetenz (Umsetzungsstärke) in Bezug auf Unternehmen haben Gary Neilson et al. eine Befragung von über 1.000 Organisationen mit über 25.000 Beschäftigten durchgeführt um herauszufinden, welche Eigenschaften (Traits) umsetzungsstarke Unternehmen auszeichnen. Die Ergebnisse (17 Eigenschaften) lassen sich zu vier Blöcken (Themen) zusammenfassen:

  • Thema Information
  • Wichtige Informationen über das Wettbewerbsumfeld erreichen schnell die Firmenzentrale
  • Mitarbeiter verfügen meist über die nötigen Informationen, um ihren Beitrag zum Unternehmenserfolg zu verstehen
  • Thema Entscheidungsbefugnisse
  • Manager auf höheren Hierarchiestufen packen selbst mit an, indem sie in Entscheidungen eingreifen
  • Die Konzernzentrale hat eher eine unterstützende als eine kontrollierende Aufgabe
  • Thema Anreize
  • Die Fähigkeit, Zielvereinbarungen einzuhalten, hat einen Einfluss auf Karriere und Vergütung
  • In einem wirtschaftlich schlechten Jahr erhalten auch weniger erfolgreiche Abteilungen einen Bonus
  • Thema Struktur
  • Beförderungen erfolgen nicht nur hierarchisch, sondern auch horizontal
  • Mittelmanager haben meist weniger als fünf direkte Untergebene.

 

 

 

 

 

  1. Saß weist auf über 50 konkurrierende Definitionen hin – Saß, Psychopathie, S. 2
  2. Bei der Persönlichkeit „werden Charakteristika der Wahrnehmung, des emotionalen und kognitiven Stils, des Willens und der zwischenmenschlichen Beziehungsgestaltung einbezogen, die einerseits das Selbstkonzept, andererseits die Einstellung des Individuums zu anderen beinhaltet.“ Saß: Psychopathie—Soziopathie—Dissozialität: zur Differentialtypologie der Persönlichkeitsstörungen
  3. Herpertz S.C. (2006) Temperament und Persönlichkeit. (S. 232)
  4.   Ähnlich Saß, der Persönlichkeit versteht als „Summe aller psychischen Eigenschaften und Verhaltensbereitschaften, die dem einzelnen seine eigentümliche, unverwechselbare Individualität verleiht“ Psychopathie, (S. 2)
  5. Vgl. z. B. Herpertz S.C. (2006) Temperament und Persönlichkeit. In: Schneider F. (eds) Entwicklungen der Psychiatrie. Springer, Berlin, Heidelberg. Herpertz bezieht sich auf Saß und stellt fest: „Saß (1987) stellte schon in seiner Habilitationsschrift heraus, dass die Persönlichkeit einerseits vom Temperament geformt wird, womit die konstitutionsgebundenen Eigenschaften gemeint sind, und andererseits Charaktermerkmale in Form von Umweltfaktoren wie Lebensereignisse, Erziehungsverhalten und chronische Umweltbedingungen auf die Persönlichkeit einwirken.“ (S. 231). Vgl. auch Henning Saß: Psychopathie—Soziopathie—Dissozialität: zur Differentialtypologie der Persönlichkeitsstörungen
  6. Diese Abbildung macht deutlich, dass sich die Persönlichkeit aus einer Grundmatrix heraus im Zusammenspiel mit Lernvorgängen und Erinnerungen bildet und sich über die Lebenszeit bei aller relativen Stabilität im Sinne der Anpassung an sich verändernde Lebensbedingungen stetig verändert. Die Persönlichkeit umfasst damit nicht nur die Vergangenheit sondern gleichzeitig auch Entwürfe für Gegenwart und Zukunft.“ ( Herpertz S.C. (2006) Temperament und Persönlichkeit, S. 232)
  7. „Der Begriff des Charakters umfasst .. die sittlichen Eigenschaften der Persönlichkeit, ihre Werthaltungen und damit verbunden ihre sozialen Verhaltenstendenzen“ (Saß, Psychopathie, S. 2)
  8. Cloningers Persönlichkeits-Modell und -Fragebogen werden vor allem zur Untersuchung von Persönlichkeitsstörungen herangezogen. Vgl. z. B. die Depressions-Studien von Toshinori Kitamura et al., auch Naito et al.
  9. Dies ist ein wichtiges Prinzip der Alchemie des Mittelalters und der frühen Neuzeit. C.G. Jung interpretierte alchemistische Prozesse als Symbole für das Verständnis von  tiefenpsychologischen Prozessen. Diese Symbole und Wandlungsprozesse stehen für die Entwicklung des Menschen. In den ‚Wandlungsbildern‘ der Alchemisten sah Jung Parallelen zu Traumbildern.  Vgl. Jung, Studien über alchemistische Vorstellungen. Eine kritische Auseinandersetzung findet sich in Christine Maillard, Michael Titzmann: Die ‚mythologisch apperzipierende Wissenschaft‘. Alchemie in Theorie und Literatur (1890-1935): Das sonderbar anhaltende Fortleben einer ‚unzeitgemäßen‘ Wissensform
  10. Nach Saß umfasst das Temperament „die vitale Antriebsseite mit den stärker biologisch und konstitutionell determinierten Eigenarten im Gefühls, Willens- und Triebleben“ Saß, Psychopathie, S. 2
  11. Vgl. Cloninger, psychobiology, model of temperament and character
  12.   Temperament and Character Inventory, , deutschsprachige Version: Temperament- und Charakterinentar) bzw. die revidierte Version TCI-R [1. vgl. Aluja et al. TCI-R
  13.    Dieser Persönlichkeitsfragebogen enthält neben den 4 Dimensionen des Temperaments auch die oben ewähnten 3 Dimensionen des Charakters.
  14. Herpertz S.C. (2006) Temperament und Persönlichkeit. (S. 232) – das entspricht dem ‚Strukturdynamischen Modell der Psychologie und Psychiatrie‘ von W. Janzarik, Besprechung im Ärzteblatt
  15.   „Für besondere, in psychischer, Charakterlicher oder temperamentsmäßiger Hinsicht auffällige, von einer gedachten Durchschnittsnorm deutlich abweichende Menschen gelten zunächst die Bezeichnungen der ‚abnormen Persönlichkeiten‘ oder ‚Persönlichkeitsstörungen'“  Saß, Psychopathie, S. 2
  16. nach der Selbstbestimmungstheorie (‚Self Determination Theory‘, SDT) von Deci und Ryan ist Ausdauer / Durchhaltevermögen umso ausgeprägter, je höher der Autonomiegrad (der zugehörigen Motivation) erlebt wird, je besser das Grundbedürfnis nach Autonomie, nach Selbstregulation befriedigt werden kann – zusätzlich zum Bedürfnis nach sozialer Eingebundenheit und nach Kompetenz.
  17. vgl. Waldemar Pelz: Umsetzungskompetenz als Schlüsselkompetenz für Führungspersönlichkeiten: Eine theoretische und empirische Analyse,  in Corinna von Au (Hrsg.): Führung im Zeitalter von Veränderung und Diversity, S. 103 – 124

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