Trauerverarbeitung im Team nach Verlusterlebnissen (Checklist)

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Verlustverarbeitung mit ‚Trauerfrauen‚. „In Memoriam“ (1892) des belgischen Malers Alfred Emile-Léopold Stevens

Verlusterlebnisse sind Ereignisse, die in Arbeitsteams von Zeit zu Zeit vorkommen. Das sie von intensiven Emotionen begleitet sind, sollte eine Führungskraft vorbereitet sein, damit konstruktiv umzugehen. Die folgende Checkliste kann helfen, Verlusterlebnisse zu verstehen und unterstützende Maßnahmen zu ergreifen. Sie wird ergänzt durch eine mögliche Unterstützung der Verarbeitung durch Einzel- und Gruppen-Coaching.

Verlusterlebnisse haben unterschiedliche Intensität von kleinen oder größeren Ent-Täuschungen bist zu existenziellen Verlusten (z. B. Tod eines geliebten Menschen / einer Mitarbeiter*in).

Gefahren

Gelingt der Verarbeitungs- / Trauer-Prozess nicht, so ist die Gefahr von z. T. schweren Schäden, z. B.:

  • langdauernde depressive Verstimmungen
  • Traumatas
  • bleibende emotionale Verstimmung (Rückzug, Verbitterung, dauernder Ärger, …)
  • Intrusionen (quälendes unkontrollierbares Wieder-Erinnern bzw. Wieder-Erleben, Beschäftigung mit ungeklärten, schmerzhaften Fragen und Gedanken) / Flashbacks, Erlebnis des Überwältigt-Werdens
  • bedrohte Identität / Selbstbewusstsein
  • chronische Trauer, Sinnlosigkeit
  • Unfinished Business“ – bleibt im Bewusstsein.

Phasen des Trauer-Prozesses

  • Realisieren / Akzeptieren des Verlustes  (weg von Verstörung, Schock, Verleugnung)
  • Emotionale Achterbahn / Phasen des Aufschreis / emotionaler Ausbruch (Ärger, Wut, Angst, Panik, Schuld, Verstimmung, Traurigkeit, Enttäuschung, emotionaler / seelischer Schmerz, …)
    verbunden mit kognitiven Symptomen (Konzentrations-Schwächen, Gedanken-Leere, Gedanken-Rasen)
    und Verhaltens-Symptomen (Apathie, Hysterie, Ess- und Schlaf-Störungen, …)
    bis zu somatischen Störungen (Schmerzen, motorische Unruhe, Herz-Kreislauf-Störungen, …)
  • Phasen der allmählichen Anpassung an die neue Wirklichkeit
  • Wiederaufnahme des (normalen) emotionalen Lebens, ev. neue Beziehungsaufnahme

Der Trauerprozess ist

  • zuerst verlust-orientiert
    Trauer, Erinnerung, Vermeiden von Veränderungen …
  • später wiederherstellungs-orientiert
    Bewusstsein für Lebensveränderungen, neue Dinge unternehmen, sich von Trauer ablenken, neue Rollen / Beziehungen, …
  • Die Phasen verlaufen jedoch nicht ‚linear‘, es kommt zu Überlagerungen, Rückschlägen und sprunghaften Fortschritten

Emotionale Bewältigung (günstige Trauer-Normen)

  • Die Beziehung zur verstorbenen Person kann fortbestehen („Platz im Herzen“), auch wenn neue Beziehungen eingegangen werden.
  • Sich in Trauer einlassen, aber nicht steckenbleiben.
  • Positive Gefühle sollten zugelassen und gelebt werden. (Nicht ständig nur trauern)

Was hilft trauernden Menschen

  • religiöse / spirituelle Einstellungen / Praktiken (Beten, …).
  • Trauer zulassen, auch positive Gefühle!, Ausdruck.
  • Gespräche mit Familienmitgliedern, Freund*innen, Kolleg*innen.
  • Schreiben (eigene Gedanken, Gefühle, Ängste, Befürchtungen, Sorgen, … – spontanes Schreiben, assoziatives Schreiben).
  • Coaching, Begleitung, Psychotherapie, …
  • Erinnerungsstücke („Der Tote hat einen Platz in meinem Leben.“).
  • Rituale (kanalisieren Emotionen) (vgl. „Trauerfrauen in südeuropäischen Ländern“).
  • Unterstützung durch Angehörige, Freunde, … (zulassen!)..
  • Den Verlust als Lern- und Entwicklungsprozess ansehen (Einstellung zu Verlust, Tod, …).
  • Tod nicht tabuisieren, als existenzielle Erfahrung akzeptieren.
  • Die eigene individuelle Trauerform finden und akzeptieren.

Gedanken über mögliche Interventionen / Unterstützungen in Organisationen durch Coachs nach Verlusterlebnissen im Team

Ziele

Ziele von Unterstützungsmaßnahmen von Coachs / Berater*innen / Moderator*innen können sein

  • den Trauerprozess des Teams und von Einzelpersonen zu begleiten, incl. Zeit für die Unterstützungsmaßnahmen zu reservieren
  • die emotionale Balance des Teams zu fördern, um die Arbeitsprozesse nicht zu sehr zu beeinträchtigen
  • der Würde dieses Ereignisses Rechnung zu tragen und den Prozess nicht bloß unter Effizienz- und Produktivitäts-Gesichtspunkten zu betrachten.
Intervention

Team-Interventionen  haben eine große Bandbreite

  • von Unterstützungsmaßnahmen von einzelnen Team-Mitglieder bis zur Arbeit mit dem Gesamtteam (und Kombinationen)
  • von einer kurzfristigen Einzelmaßnehme bis zu längerfristigen Begleitung von Einzelpersonen und Teams (vor allem wenn das Verlust-Ereignis schwerwiegende psychische Störungen versursacht hat.

Unabhängig von der gewählten Intervention ist eine vorherige, zumindest grobe Diagnose notwendig.

Die folgenden Punkte betreffen die Diagnose und ein erstes mögliches Treffen mit dem Team – unabhängig davon, ob der Prozess dann weitergeführt wird oder nicht.

Diagnosefragen (z. B. mit Auftraggeber, Führungskraft, HR, …)
  • Verlust-Diagnose: Ereignis, Erleben
    • Was war konkret das Ereignis / Verlusterleben? Was konkret hat sich ereignet? Was ist seither geschehen?
    • Vorgeschichte, Historie (Wie ist es dazu gekommen?)
    • Was ist danach geschehen? Was wurde unternommen? (z. B. von der Führungskraft, Management, HR, …)
  • kurze Teamdiagnose
    • Wie setzt sich Team zusammen?
    • Wer hatte welche Beziehung zur betroffenen Person?
    • Wie stark ist die emotionale Berührung?
    • Welche Erfahrungen hat das Team mit Teaminterventionen?
  • Auftragsklärung
    • Wie ist es zur Anfrage gekommen?
    • Soll mit Gruppe gearbeitet werden oder eher mit Einzelpersonen (individuelle Gespräche)?
    • Was ist der maximale Rahmen (zeitlich, finanziell, …)?
    • Wie kommt es zur Entscheidung über die konkrete Intervention?
Erstes Treffen mit Team – Alternative
  • Begrüßung / Historie durch die Führungskraft
  • Berater / Coach: Einstimmung, Anteilnahme zum Verlust, Kurzvorstellung / Historie / eigener Bezug zum Verlusterleben
  • Eigene Erfahrungen mit dieser Art von Begleitung, Unterstützung
  • Eigene Rolle / Was kann Coach tun?
    • Zuhören, Begleiten,
    • damit die MA und das Team  ihre / seine Form der Verabschiedung und emotionalen Verarbeitung finden –
    • sowohl im Team als auch individuell
  • Botschaft über den möglicher Rahmen und mögliche Vorgangsweisen
  • Runde
    • Was möchte ich zum Verlustereignis sagen? Welchen Bezug habe ich dazu? Wie geht es mir damit?
    • ev. Was will ich? Was wollen wir tun? Was möchte ich? Was soll geschehen / was nicht?
      Was würde mir helfen?
  • Offene Fragen
  • Führungskraft: Wie geht’s weiter?
Hinweis
  • Gelingt in diesem Gruppentreffen ein offener emotionaler Ausdruck, dann kann diese eine Intervention auch schon genügen, um das Team wieder soweit arbeitsfähig zu machen, dass die Führungskraft selbst die weitere Verarbeitung unterstützen kann.

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