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oder: Resonanz ist, was dich glücklich macht!?

„Wenn Beschleunigung das Problem ist, dann ist Resonanz vielleicht die Lösung.“ Hartmut Rosa1

Grundfrage:

  • Bist du glücklich, zufrieden, ausgeglichen? Führst du ein (für dich) gutes Leben? Findest du Erfüllung in deinen Tätigkeiten? Bist du mit deinem Inneren in Kontakt? Dann bist du wahrscheinlich in Resonanz mit dieser Welt, den Personen und Dingen um dich und brauchst diesen Blog nicht. Besuche andere Blogs auf dieser Website.
  • Bist du aber in deinem Leben eher frustriert, gestresst, fühlst dich entfremdet oder erschöpft, ausgelaugt, überfordert? Hast du keine Zeit für dich, deine Familie, das was dir wichtig ist? Dann könnte dieser Blog für dich interessant sein – und die zwei Bücher, um die es hier geht.
http://www.t-online.de/b/72/67/79/72/id_72677972/tid_da/width_300/quality_80/beschleunigung-bringt-beifahrer-zum-schreien-screenshot-bitrpojects-.jpg
Die Beschleunigung in unserem Leben ist das Problem. Sie entfremdet uns von der Welt, von Menschen und Dingen

Resonanz als Antwort auf Beschleunigung und Entfremdung

Mit dem Satz am Anfang kommt Hartmut Rosa, ein bekannter deutscher Soziologe gleich zu Beginn auf den Punkt seiner Erkenntnisse im Buch: „Resonanz: eine Soziologie der Weltbeziehung“.2

Die Resonanz ist die Lösung. Im Bild: Ein Mensch in Resonanz ‚mit der ganzen Welt‘

Dieses Buch ist die Fortsetzung seines vorherigen Buches „Beschleunigung“ 3, und ist auch die Antwort auf die Problemstellung dort.

Beschleunigung als Problem: Der rasende Stillstand

In ersten Buch beschreibt und analysiert Rosa

  • die rasante Beschleunigung des sozialen Lebens in der Gegenwart und
  • den Zusammenhang von Beschleunigung und Entfremdung.

„Wir erledigen alles immer schneller und haben doch immer weniger Zeit.“ ist nach Rosa die Essenz unserer gegenwärtigen (“post- oder spät-modernen‘4)  Befindlichkeit. 56 Und auch die in unserer Gesellschaft (der ‚Postmoderne‘) geforderte und versprochene Autonomie geht flöten. 7
Im diesem Buch ist das Problem im Vordergrund, im zweiten die Lösung.

Beschleunigung lässt Lebensentwürfe scheitern: Wo bleibt das gute Leben?

Die Stimmgabel als Symbol für Resonanz

Im Mittelpunkt beider Bücher steht die Frage nach dem guten Leben 8 bzw. der Frage danach, warum wir eigentlich kein gutes Leben haben, denn das ist seine Behauptung. Und Entfremdung ist sozusagen die Negation des guten Lebens. So wird sein Buch auch (im Klappentext) als Beitrag zu einer ‚Soziologie des guten Lebens‚ gesehen 9. Mit seinem Bezug zur Kritischen Theorie der Frankfurter Schule, kann sich auch ‚Philosophie des guten Lebens‘10 betrachtet werden, deren zentrales Kriterium der „Grad an Reflexivität“ darstellt.

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Der Lebensentwurf sollte früh entwickelt werden

Anders als früher sind die moralischen Normen und sozialen Konventionen zumindest in unseren westlichen Gesellschaften viel freier geworden. Damit liegt es in unserer eigenen Verantwortung, ein Konzept für gutes Leben für uns selbst zu entwickeln. Die Beschleunigung des sozialen Lebens im Kapitalismus und das zugehörige „Regime der Deadlines“ lässt jedoch viele Lebensentwürfe scheitern und führt bei vielen zu einem Gefühl der Entfremdung (Zerrüttung unserer Beziehungen zu anderen Menschen und zu Dingen).

Resonanz ist die Antwort

Für das eigene Leben die passende „Stimmgabel“ finden

In dem neuen Buch gibt nun Rosa die Antwort, darauf, wie wir zu einem guten Leben kommen können, zumindest zu Inseln des guten Lebens. Er zielt „nicht auf die Idee eines vollkommen un-entfremdeten Lebens, sondern auf Momente nicht-entfremdeter menschlicher Erfahrung. „Meine Hoffnung ist, dass uns diese Momente einen neuen Maßstab nur Beurteilung der Lebensqualität an die Hand geben.“ 11

Die Qualität des menschlichen Lebens lässt sich eben nicht „in der Währung von Ressourcen, Optionen und Glücksmomenten angeben … Stattdessen müssen wir unseren Blick auf die Beziehung zur Welt richten, die dieses Leben prägt und die dann, wenn sie intakt ist, Ausdruck stabiler Resonanzverhältnisse ist.“12

Rosas Gegenmittel sind also „Resonanzerfahrungen„. Was ist damit gemeint?

  • Rosa umschreibt das mit ‚Erfahrungen, mit der die Menschen in der Welt Anklang finden und sich in dieser Welt zu Hause fühlen‘.
  • Oder auch als: Erfahrungen, in denen es einen Draht gibt, der vibriert. „Alles hängt davon ab, ob es zwischen der Welt und uns einen Draht gibt, der vibriert.“ 13
  • Oder: Als Annäherung vom Gegenpol her:  „Resonanz ist die Überwindung der Entfremdung“.
  • Oder: Als „Grundsehnsucht nach einer Welt, die einem antwortet.“14 Dies ist laut Rosa in jedem Menschen angelegt, weil wir Beziehungsmenschen sind und uns danach sehen, dass die Welt uns antwortet. Dann führen wir ein gelungenes Leben.
  • Als Analogie dient häufig die Resonanz aus der Akustik. Wird beispielsweise eine Stimmgabel in Schwingung versetzt und eine zweite Stimmgabel daneben gelegt, so beginnt auch diese zu schwingen – sie geht in Resonanz.
  • In Beispielen konkretisiert Rosa das „gute Leben“ in Resonanz und den Gegenpol, das Leben in Entfremdung.15

Das alles sind vielleicht keine exakten wissenschaftlichen Definitionen, aber man weiß, was gemeint ist.16

Resonanz als spezifischen Modus der Weltbeziehung

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Das gute Leben finden mit dem Buch von Hartmut Rosa

Rosa hat viele Menschen befragt und sie Geschichten erzählen lassen über Ereignisse, in denen sie Resonanz-Erfahrung erlebt haben, dieses ‚Zu-Hause-sein‘ erfahren haben – und zwar in unterschiedlichen Lebensbereichen bzw. Formen des „In-die-Welt-Gestellt-seins„) 1718  19: Atmen, Essen und Trinken, Stimme, Blick und Antlitz, Gehen, Stehen und Schlafen, Lachen, Weinen und Lieben. 20 Rosa beschreibt auch, in welchen (sozialen) Zusammenhängen sich Resonanz-Erfahrungen entfalten: In Familie, Arbeit, Freizeit, Politik, Religion… 21 Resonanzmomente entstehen, wenn auf stabile ‚Resonanzachsen‚ (Familie usw.) zurückgegriffen werden kann, Rosa nennt das dann „Resonanzräume

Wie kann Resonanz erwirkt werden?

„Gar nicht!“, betont Rosa. Resonanz kann nicht hergestellt werden, nicht erzwungen, nicht vorhergesagt werden, sie ist „unverfügbar“ . Aber man kann sie ermöglichen, erleichtern. Sie tritt ein, „als momentaner Dreiklang aus konvergierenden Bewegungen von Leib, Geist und erfahrbarer Welt“22 Es entsteht ein Resonanzraum, in dem der Mensch sich mit andere Menschen und Dinge als „aufeinander antwortend“ und er sich selbst als „mit eigener Stimme sprechend“ erlebt. 23.

Eine wichtige Voraussetzung nennt Rosa auch: Autonomie. In fremdbestimmten Situationen sind Selbstwirksamkeit-Erfahrungen und damit auch Resonanz-Erfahrungen kaum möglich, es kommt eher zur Entfremdung. Auch ein gewisses Grundvertrauen 24 in die Welt  ist wichtig. Was es nicht braucht ist ein Übermaß an angepassten Verhalten. Der Philosoph Dieter Thomä hat das in seinem Buch „Puer robustus: Eine Philosophie des Störenfrieds“ deutlich zum Ausdruck gebracht.25

Zusammenfassend kann das Resonanzkonzept folgendermaßen beschrieben werden:

Resonanz ist eine durch Af←fizierung und E→motion, intrinsisches Interesse und  Selbstwirksamkeits-erwartung gebildete Form der Weltbeziehung, in der sich Subjekt und Welt gegenseitig berühren und zugleich transformieren. [Rosa, Resonanz, S. 298]

 

Hinweise

    • Molitor: Großer Wurf zur WM
      Der große Wurf
       Der Beitrag und die Wertschätzung zu Rosas Entwürfen bezieht sich vor allem auf seinen Mut zum großen Wurf26 einer umfassenden Gesellschaftstheorie und seinen Mut, sich in öffentliche Diskussionen einzulassen und gesellschaftliche Zustände zu kritisieren.
    • http://www.precise-ambiguities.net/images/vage_01.jpg
      Der Begriff ist vage, „zerrinnt zwischen den Fingern“ Gibt es auch eine ‚präzise Vagheit‘?

      Die Kritik 27 bezieht sich in den Rezensionen28 zu seinem Buch vor allem darauf, dass der Resonanzbegriff noch relativ vage ist – mit zu wenig Präzision.

    • Rosa entwickelt auch ein Konzept der Resonanzpädagogik. Es beinhaltet besondere Formen des Lernens, das Individualisiert und nachhaltig ist, zur Reflexion und Beziehungsfähigkeit anregt. Schule und Universität 29 werden so zum Resonanzraum
Emotionen wie Trauer, Angst oder Ekel können eine ansteckende Wirkung auf andere haben
Empathie: Emotionen wie Trauer, Angst oder Ekel können eine ansteckende Wirkung auf andere haben
  • Ein verwandter Begriff zur Resonanz ist  Empathie 30 und Mitgefühl: Um Stimmungen, Emotionen, Bedürfnisse einer anderen Person zu erspüren, erkennen und zu verstehen und darauf auch passend zu antworten, ist eine gewisse Form von Mitschwingen, in Resonanz gehen erforderlich. Es wird vermutet, dass dabei Spiegelneuronen31 beteiligt sind. Auch Rosa betont, dass Spiegelneuronen als „neuronale Basis für die menschliche Resonanzfähigkeit“ darstellen.32
  • Ein weiterer verwandter Begriff ist die intrinsische Motivation, die beschreibt, dass Menschen sich für Tätigkeiten um ihrer selbst willen engagieren.33
  • Der Professor Hartmut Rosa vom Lehrstuhl für Allgemeine und Theoretische Soziologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, aufgenommen am Mittwoch (01.09.2010) bei einer Pressekonferenz in Jena (picture-alliance / dpa-ZB / Martin Schutt)
    Hartmut Rosa lehrt Allgemeine und Theoretische Soziologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena.

    Viel Resonanz bekam Rosas Beitrag „Wie viel Zeit braucht ein gutes Leben?“  bei den Wiener Vorlesungen am 8. Februar 201734.

  • Videos von Rosa: Resonanz, Precht, Resonanz, Achtsamkeit,

Selbstreflexion

  • Wann und wo und mit wem bin ich mit der Welt in Resonanz. Wo finde ich Inseln in meinem Leben, auf denen es zwischen mir und der Welt (anderen Menschen, der Natur, der Kultur – Musik, Theater, Literatur, Film, …) vibriert. Wo finde ich Erfahrungen, die ‚über mich hinausgehen‘. Wo bin ich ganz ‚eins‘ mit mir und der Umwelt? Finde Beispiele aus vergangenen Erfahrungen.
  • Was hindert mich, mehr solche Resonanz-Erfahrungen zu erleben?
  • Was kann ich tun, um mir mehr solche Erfahrungen zu ermöglichen?
  1. Rosa, Resonanz, S. 13
  2. Helmut Rosa: Resonanz: eine Soziologie der Weltbeziehung
  3. Hartmut Rosa, Beschleunigung: die Veränderung der Zeitstruktur in der Moderne, vgl. auch Schnabel, Muße
  4. vgl. Postmodernism in der Stanford Encyclopedia of Philosophy, zu der Kritik am Konzept der Postmoderne: Köllerer: Die Errungenschaften der Postmoderne als Theorie
  5. vgl. Meyer: Im rasenden Stillstand der Spätmoderne
  6. „So unterhöhlt .. der ständige Wandel von Technik, Handlungsmustern und politisch-sozialen Werten die Möglichkeiten des Einzelnen im 21. Jahrhundert, sich zur Welt, zu den Mitmenschen und zu sich selbst in ein selbstbestimmtes und sinnhaftes Verhältnis zu setzen. Die spätmodernen Subjekte leben entfremdet von ihren wirklichen Bedürfnissen, denn sie tun meistens das, was sie nicht «wirklich» tun wollen. Schlagendes Beispiel sind die Zapper und Surfer, die kostbare Stunden nach Feierabend vor dem Fernseher und Computer verlieren, obwohl sie «eigentlich» ein Buch lesen oder ins Theater gehen wollten. Meyer: Im rasenden Stillstand der Spätmoderne
  7. Beschleunigung gehört also normativ und funktional zum «Versprechen der Moderne». Dieses Versprechen – ein selbstbestimmtes Leben zu führen – hat sich aber in der Gegenwart, so Rosa, in sein Gegenteil verkehrt. Beschleunigung führt zu Entfremdung, da sie sich der autonomen Gestaltung entzieht und als Naturgesetz präsentiert. Die spätmodernen Menschen leben gleichsam in der kulturellen Erstarrung des «rasenden Stillstandes» und können mit der Welt nicht mehr in eine lebendige «Resonanzbeziehung» treten.“ 1. Meyer: Im rasenden Stillstand der Spätmoderne
  8. vgl. Rosa: Was ist das gute Leben
  9. vgl. perlentaucher
  10. vgl. Neuhann / Kazynski: Rezension
  11. Harmut Rosa:  Beschleunigung
  12. Rosa in perlentaucher
  13. Rosa, Was ist das gute Leben
  14. Thöne: Langsamer machen reicht nicht
  15. Rosa, Das gute Leben – dort bringt er das Beispiel von Anna und Hannah als Gedankenexperiment. Das äußere Leben ist sehr ähnlich, das innere Leben unterscheidet sich vollständig
  16. Einen ganz anderen Begriff von Resonanz – als Antworten von den sozialen Netzwerken – entwirft Martin Altmeyer in seinem Buch „Auf der Suche nach Resonanz: Wie sich das Seelenleben in der digitalen Moderne verändert“.
  17. „Modus der Weltbeziehung, als eine besondere Art des In-Beziehung-Tretens zwischen Subjekt und Welt“
  18. Helmut Rosa, Beschleunigung, S. 331
  19. Als „Welt“ versteht Rosa „andere Menschen, Artefakte und Naturdinge, aber auch wahrgenommene Ganzheiten wie die Natur, der Kosmos, die Geschichte, Gott oder auch das Leben und nicht zuletzt auch der eigene Körper oder die eigenen Gefühlsäußerungen“, S. 331
  20. Neben diesen körperlichen Formen analysiert er auch emotionale und kognitive Formen der Weltbeziehung: Angst und Begehren, kognitive Landkarten, kulturelle Weltbilder, usw.
  21. Die Art der Resonanzbeziehung variiert je nach Weltausschnitt. Dabei unterscheidet Rosa drei Dimensionen der Resonanzbeziehungen, die er auch als „Resonanzachsen“ bezeichnet: Die horizontale Dimension zu Menschen, als Freundschaften, Intim-Beziehungen, politischen Beziehungen, die diagonale Beziehung zu Dingen – wenn die Dinge zu antworten beginnen – und die vertikale Beziehung zur Welt, zum Dasein oder zum Leben insgesamt – die Welt selbst bekommt eine Stimme: in der Religion, in der Natur, in der Kunst – vgl. Rosa, Resonanz, S. 331 ff
  22. Rosa, Resonanz, S. 290
  23. Rosa, Resonanz, S. 285
  24. vgl. Thöne: Langsamer machen reicht nicht
  25. Thomä, Störenfried
  26. Vgl. König: Wenn die Welt zum Resonanzraum wird“ und   die Rezensionsnotiz zur Neuen Züricher Zeitung
  27. Thomä: Soziologie mit der Stimmgabel
  28. vgl. die Zusammenstellung der Rezensionen im perlentaucher
  29. Hartjes, Interview mit Hartmut Rosa. Resonanz an der Uni als Überwindung der Beziehungslosigkeit zu anderen Studenten, Lehrenden und Inhalten
  30. vgl. Ricard, Empathie, Stueber, Empathy
  31. vgl. vor allem Rizzolatti /  Sinigaglia: Empathie und Spiegelneurone. Ein   iinteressantes Video dazu von Spitzer, Spiegelneuronen, vgl. auch Stein, Mitfiebern, Kritik finden sich in Siefer, Zellen und Lehnen-Beyel, Tausendsassa
  32. Rosa, Resonanz, S. 257
  33. vgl. Rosa, Das gute Leben
  34. Dokumentation und Videos zum Kongress

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