Wie kompetent bin ich bei Familienkonflikten?

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Aggressivität als Verhaltensbereitschaft – eine Dimension des Verhaltens in Familienkonflikten – hier allerdings in der US-Marine als Teil der Ausbildung

In jeder Familie gibt es auch schwierige Situationen: Unstimmigkeiten, Spannungen, Auseinandersetzungen, Konflikte. Wichtig ist daher nicht, ob sie vorkommen, sondern wie damit umgegangen wird bzw. wie kompetent die Familienmitglieder damit umgehen. Sozialpsychologen haben untersucht, welche Kompetenzen / welche Ressourcen Menschen dazu befähigen, konstruktiv mit solchen Situationen umzugehen.

Eine Gruppe um den Familienforscher Torsten Klemm hat diese Kompetenzen erforscht und Fragebögen / Tests zur Messung dieser Kompetenzen / Verhaltenstendenzen entwickelt.1  2

Er kommt zum Ergebnis, dass es vor allem vier Kompetenzen / Verhaltensweisen sind, die den Unterschied machen:

  1. Besorgtheit,
  2. Verbundenheit,
  3. Aggressivität  und
  4. Kommunikationsbereitschaft.

Und er untersucht diese Kompetenzen in vier  familiären Lebensbereichen:

  • Bereich Individuum
  • Bereich Paarbeziehung
  • Bereich Eltern-Kind-Verhältnis
  • Bereich Verwandtschaft (erweiterte Familie)

1. Besorgtheit

In welchem Ausmaß machen Sie sich bei Unstimmigkeiten in der Familie Sorgen?

  • Es gibt Menschen, die machen sich bei Konflikten sehr viele Sorgen, sind sehr besorgt, nehmen Konflikte sehr ’schwer‘, werden manchmal von Ängsten überschwemmt. Andere Angehörige erleben sie oft als ‚grundlos besorgt‘ und haben Schwierigkeiten mit ihnen zurechtzukommen.
  • Es gibt andere, die reagieren auf Konflikte sehr cool, machen sich keine oder wenig Sorgen, nehmen sie leicht.  Dann können sie meist sehr gut mit den damit verbundenen Problemen umgehen. Vielleicht nehmen sie die Konfliktemanchmal zu leicht, wenn sie die Interessen der anderen Familienmitglieder nicht ernst genug nehmen.

Wie schätzen Sie sich ein, z. B. auf einer Skala

  • von 1 (mache mir keine oder kaum Sorgen in Familienkonflikten)
  • über 5-6 (mache mir Sorgen im normalen Rahmen)
  • bis 10 (mache mir sehr große, unrealistisch große Sorgen, die sich oft im nachhinein nicht bewahrheitet haben) ?

2. Verbundenheit

In welchem Ausmaß empfinden und suchen Sie in Konfliktsituationen emotionale Verbundenheit, Nähe zu den anderen Familienmitgliedern?

  • Manche Menschen gehen bei familiären Konflikten auf Distanz. Sie empfinden wenig Verbundenheit zu Partner, Kindern und Verwandten, lassen sich erst gar nicht auf den Konflikt ein bzw. stellen die Beziehung in Frage.
  • Andere Menschen empfinden in Konfliktsituationen mehr Nähe und Verbundenheit und / oder suchen Nähe, um  Spannungen zu ‚überwinden‘ oder Konflikte abzuschwächen oder zu vermeiden. Manche neigen sogar zu Überfüsorge oder dazu, ihre eigenen Bedürfnisse nicht genügend zu berücksichtigen.

Wie schätzen Sie sich ein, z. B. auf einer Skala

  • von 1 (fühle mich in Konfliktsituationen wenig oder gar nicht verbunden mit den anderen Familienmitgliedern, lasse mich auf andere nicht ein)
  • über 5-6 (mache mir Sorgen im normalen Rahmen)
  • bis 10 (emfpinde große Nähe mit anderen in Konfliktsituationen fühle mich mit ihnen sehr verbunden, bin bereit, eigene Bedürfnisse hintanzustellen)?

3. Agressivität

In welchem Ausmaß erleben Sie in familiären Konflikten aggressive Gefühle wie Ärger oder Wut oder zeigen aggressives Verhalten? Kommen schnell intensive Gefühle hoch? Werden Sie laut? Brüllen Sie? Werden sie sogar tätlich?

  • Bei manchen Menschen kommen in familiären Konflikten schnell intensive Gefühle hoch. Sie zeigen sie, äußern sie auch. Doch die Bandbreite der gezeigten Verhaltensweise ist sehr hoch. Manche können damit sehr konstruktiv umgehen und ihre legitimen Wünsche damit durchsetzen. Andere gehen destruktiv um, äußern Drohungen oder teilen einen „Klaps“ aus oder werden richtig tätlich.
  • Andere erleben keine großen Gefühlswallungen in Familienkonflikten, bleiben cool, möglicherweise sogar zu cool. Vielleicht unterdrücken sie die Gefühle, vielleicht sind sie auch innerlich sehr ausgeglichen und sehen Konflikte als etwas ganz ‚Normales‘ an. Das kann sehr gut so sein.
    Das kann aber auch zu aufgestauten Gefühlen führen oder auch dazu Konflikten aus dem Weg zu gehen, nicht zu Auseinandersetzungen bereit zu sein. Dann kann es dazu kommen, dass Sie Ihre legitimen Wünsche nicht vertreten und sich ‚auf der Nase herumtanzen lassen.

Wie schätzen Sie sich ein, z. B. auf einer Skala

  • von 1 (fühle mich in Konfliktsituationen mit den anderen Familienmitgliedern wenig oder gar nicht emotional berührt, weder von Wut noch Ärger, reagiere auch nicht aggressiv)
  • über 5-6 (liege in der Mitte, zeige wenig Aggression, lasse mir aber auch nicht alles Gefallen und äußere auch meine Wünsche und Bedürfnisse)
  • bis 10 (emfpinde große Gefühlsintensität wie Ärger und Wut und/oder äußere Aggressionen sehr deutlich)?

4. Kommunikationsbereitschaft

In welchem Ausmaß erleben Sie in familiären Konflikten ein inneres Bedüfnis oder zumindest eine Bereitschaft, mit den anderen Familienmitgliedern über diesen Konflikt zu reden?

  • Manche Menschen sind in familiären Konflikten bereit, lange und offen zu reden, Sichtweisen auszutauschen, Konsens zu suchen oder Kompromisse auszuhandeln. Das ist meist sehr konstruktiv. Ist die Bereitschaft Kompromisse einzugehen zu groß, kann es jedoch passieren, dass man auf seinen auf seinen Wünschen ’sitzen bleibt‘, dass man zu kurz kommt und am Ende doch unzufrieden ist.
  • Andere erleben keine großen Bereitschaft, sich in Familienkonflikten auszutauschen, ziehen sich eher zurück, vertreten ihre Standpunkte nicht und reden ungern über ihr inneres Empfinden. Sie fühlen sich oft auch unwohl, wenn das die anderen Familienmitglieder tun. Außerdem vermeiden sie es, Kompromisse einzugehen, sind nicht flexibel.

Wie schätzen Sie sich ein, z. B. auf einer Skala

  • von 1 (rede wenig in Familienkonflikten, fühle mich unwohl, über Gefühle oder inneres Erleben zu berichten, Konflikte im Gespräch zu klären, liegt mir nicht)
  • über 5-6 (liege in der Mitte, bin innerhalb gewisser Grenözen bereit mit Anderen über Konflikte zu reden und ihnen zu sagen, wie es mir geht. Ich äußere aber auch meine Wünsche und Bedürfnisse – mehr oder weniger deutlich )
  • bis 10 (bin gerne bereit lange und sehr offen über Differenzen zu reden und immer bereit, Kompromisse einzugehen)?

Meine Einschätzungen

Zusammenfassung meiner Einschätzungen:

  • Besorgtheit ………………………………………
  • Verbundenheit …………………………………
  • Aggressivität …………………………………….
  • Kommunikations-
    bereitschaft ……………………………………….

Was sagt mir mein Ergebnis?

Auswertung

Normalerweise ist folgendes Profil günstig und konstruktiv.

Empfehlenswert ist …

    • … ein geringes bis mittleres Maß an Besorgtheit:
      die Dinge nicht zu schwer nehmen, sich nicht grundlos Sorgen zu machen,
      aber es sich auch nicht allzu leicht zu machen und berechtigte Wünsche der Anderen zu ignorieren
    • … ein mittleres bis hohes Ausmaß an Verbundenheit und Nähe: sich den Anderen nahe und verbunden zu fühlen. Dies sollte jedoch nicht dazu führen, überfürsorglich zu werden und seine Bedürfnisse in den Hintergrund zu stellen.
    • … ein eher geringes Ausmaß an Aggressivität: nicht von großen Gefühlswallungen von Ärger und Wut überflutet zu werden und nicht aggressiv zu handeln mit Drohungen und Tätlichkeiten. Dies sollte jedoch nicht so weit gehen, dass es zu aufgestauten Gefühlen kommt. Eine Spur Aggressivität ist auch wichtig, um die eigenen Interessen nicht untergehen zu lassen.
    • eine hohe bis sehr hohe Kommunikations- und Kompromiss-Bereitschaft. Sie hilft, Konflikte zu klären und zu  bereinigen. Auch hier ist es wichtig, nicht zu übertreiben und Kompromisse einzugehen, bei denen man eindeutig zu kurz kommt.

Selbstreflexion

  • Wo bin ich mit meinen Werten bzw. meinen Verhaltenstendenzen und Kompetenzen zufrieden?
    Wo bin ich unzufrieden?
  • Was möchte ich verstärken, mehr zeigen?
    Was möchte ich eindämmen, weniger zeigen?
  •  Was nehme ich mir vor, um mein Konfliktverhalten in der  zu verbesseren.

Vertiefungsfragen zur Reflexion

  • Wo sollte ich anderen mehr zuhören und ihre Wünsche, Bedürfnissen und Interessen mehr beachten?
  • Wo sollte ich meine Bedürfnisse und Interessen mehr äußern und durchsetzen?
  • Wo sollte ich bereit sein, mehr Gefühle bei mir zuzulassen und zu zeigen?
  • Wo sollte ich meine Gefühle ‚bremsen‘?
  • Wo sollte ich meine Besorgtheit und Ängste in Grenzen halten? Wo kann ich gelassener reagieren?
  • Wo sollte ich mich mehr auf Konflikte einlassen, sie ernster nehmen?
  • Wo sollte ich mehr Nähe und Verbundenheit zu ‚meinen Lieben‘ zeigen?
  • Wo ist meine Nähe, Verbundenheit und Fürsorge zu groß?
  • Wo sollte ich mehr bereit sein, mit anderen in  Konflikten offen zu reden? Wo sollte ich mehr Kompromissbereitschaft zeigen oder versuchen, Konsens herzustellen?
  • Wo sollte ich mein Gesprächs- und Kompromiss-Bereitschaft in Grenzen halten?
  • Wie unterscheidet sich mein Konfliktverhalten in der Partnerschaft und zu Kindern?
  • Wie unterscheidet sich mein Konfliktverhatlen in der engeren und der weiteren Familie (Verwandtschaft)?
  1.   vgl. Torsten Kemm & Markus Pietrass (2011): Konfliktverhalten in der Familie (KV-Fam) – Testmappe und Handbuch (2. Auflage). Leipziger Wissenschaftsverlag
  2.   vgl. auch Torsten Klemm (2004): Situationsmuster. Konfliktverhalten situativ. Bd. 1. Leipziger Wissenschaftsverlag; Julia Voerckel & Torsten Klemm (2010): Kohäsion, Hierarchie und Flexibilität in Familiensystemen
 

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