Wenn ein Kind zum Partner seiner Eltern wird

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Oder:

  • Wenn Kinder als Ersatzpartner missbraucht werden.
  • Das Erste Bowen’sche Gesetz der Familiendynamik
  • Das Konzept der Selbst-Differenzierung

Worum geht es im Wesentlichen?

Kurz gesagt geht es in diesem ‚Familien-Gesetz‘ darum, dass Eltern mit gestörter Beziehung zueinander in Gefahr laufen, ihre Kinder als Ersatz-Partner ‚missbrauchen‘.

Vielleicht kennen Sie auch Mütter, von denen Sie den Eindruck haben dass sie ihren Sohn wie ihren Partner behandeln. Oder Sie beobachten einen Vater mit seiner Tochter und sie haben das Gefühl, die beiden sind wie ein Ehepaar verbunden.

Vielleicht haben Sie auch das Bedürfnis empfunden, man müsse ihm / ihr das klar machen. Es ist ihnen wahrscheinlich gar nicht bewusst. Vielleicht haben Sie das auch versucht und sind wahrscheinlich dabei auch auf Unverständnis gestoßen.

Wie kommt es dazu?

Hintergrund / Entwicklungsgeschichte

Kinder als Partnerersatz

Wenn zwei Menschen eine Partnerschaft, eine Ehe, eine fixe Beziehung eingehen, dann nehmen sie in der Regel einen „Rucksack“ mit, Altlasten, unbewältigte Erlebnisse, Wunden aus seiner Vergangenheit, vor allem Kindheit. Damit verbunden ist häufig der Wunsch, die Sehnsucht, das Begehren, diesen Rucksack loszuwerden.  Und das stellt man sich meist so vor, dass man jetzt (endlich) einen Partner gefunden hat, der die Wunden heilt, der einem das gibt, was man in der Kindheit nicht bekommen hat, der die bisher unerfüllten Wünsche erfüllt, der einem die Liebe und die Anerkennung gibt, die wir von den Eltern nicht oder nicht genug bekommen haben.

Diese Idealisierung des Partners hält meist nicht sehr lange. Kehrt der Beziehungs-Alltag ein, dann wird der Realitätssinn wieder stärker und man erkennt früher oder später, dass der Partner das nicht erfüllen kann, was man sich von ihm erhofft hat. Und dann entscheidet es sich:

  • Entweder man kommt drauf, dass man an sich selbst ‚arbeiten‘  1 muss: Die nicht erhaltene Liebe und Anerkennung der Eltern kann nur aus uns selbst kommen (Selbstliebe) 2, die Wunden der Vergangenheit können nur geheilt werden, wenn wir uns wieder den verdrängten Gefühlen aussetzen (‚Katharsis‚), um sie zu heilen usw. Kurz: die eigene, persönlich Entwicklung ist angesagt. Und am besten erfolgt sie gemeinsam und im offenen und liebevollen Austausch mit dem Partner. Dann kann auch die Liebe zueinander wachsen und sich vertiefen. Die Begegnung miteinander erfolgt auf einer tieferen Ebene der Psyche.
  • Fehlt das Bewusstsein oder der Wille zur Auseinandersetzung mit dem eigenen Ich / Selbst, so kommt es statt einer Entwicklung zu einer Verwicklung 3, die Idealisierung des Partners geht in die Gegenrichtung und die eignen Unvollkommenheiten werden auf den Partner ‚projiziert‘ 4. Die Wertschätzung und Liebe zum Partner kühlt sich ab und es geht in Richtung Verachtung, Enttäuschung, Ärger. Man sieht nur mehr die negativen Seiten des Partners, besonders, wenn ähnliche eigene Merkmale verdrängt werden, im ‚Schatten‘ liegen.

Entwicklung des Kindes

P.Modersohn-Becker, Sonnige Kinder Modersohn-Becker, Paula, 1876-1907, um 1903.

Wenden wir jetzt die Aufmerksamkeit auf die Entwicklung des Kindes.

Ein wichtiger Aspekt der Entwicklung erfolgt in Richtung Autonomie. Nach einer ersten Phase der Symbiose zwischen Mutter und Kind5 beginnt bereits in der frühen Kindheit, etwa um 2 – 3 Jahre der Prozess der Loslösung und gesunden Autonomieentwicklung6 und ist oft ein lebenslanger Prozess.

Aufgabe der Eltern ist es, diesen Entwicklungsprozess zu mehr Autonomie zu fördern7 (und möglichst selbst vorzuleben).

‚Selbstdifferenzierung‘ als Entwicklungsprozess

In der systemischen Familientherapie von Murray Bowen ist die „Differenzierung des Selbst“ ein zentraler Begriff.8 Man könnte sagen, es ist seine Sicht auf den Entwicklungsprozess des Menschen, ähnlich dem Begriff der ‚Individuation‘ von C. G. Jung.. Demnach ist ein Mensch umso besser differenziert, je mehr es ihm gelingt,

  • Gefühle / Emotionen und Rationalität in Balance zu halten (so dass das Eine das Andere nicht ausschließt sondern beide, z. B. in Entscheidungsprozessen ihren Stellenwert haben)
  • Intimität und Autonomie in Beziehungen auszublancieren, so, dass man Intimität und soziale Bindung erleben kann ohne sich selbst zu verlieren bzw. Autonomie erleben kann, ohne auf Intimität zu verzichten.

Je höher die Entwicklung des Menschen / der Grad der Differenzierung ist, desto besser gelingt es ihnen, Interessen-Konflikte auszubalancieren. Ist der Differenzierungsgrad eines Menschen gering, so passt er sich entweder an die Meinungen und Interessen Anderer an (passive Kontrolle) oder er versucht, seine Meinung und Interessen Anderen aufzuzwingen (aktive Kontrolle). Ist der Differenzierungsgrad hoch, so kann ein Mensch die Interessen aller Einzelpersonen einer Familie / Gruppe (incl. der eigenen) im Auge behalten als auch das Gesamtinteresse des Systems (Familie, Gruppe), es gelingt ihm, dem Konformitätsdruck standzuhalten. 9

Es wurde auch ein Instrument zur Messung des Differenzierungsgrads entwickelt und validiert.10

Es misst Skalen zu vier Dimensionen der Differenzierung:

  • emotionale Reaktivität,
  • emotionaler Rückzug,
  • emotionale Verschmelzung und
  • Ich-Position.

Diese 4 Dimensionen bedeuten: Man gilt als umso differenzierter,

  • je weniger impulsiv man reagiert und
  • sich emotional zurückzieht („einschnappt“) und
  • je weniger man sich von Gefühlen anderer Menschen beeinflussen lässt und
  • eine eigene Position wahren kann.11

Das erste Bowen’sche Gesetz der Familiendynamik: Gesetz der Selbst-Differenzierung

Murray Bowen entwickelte einige ‚Familiengesetze‘12: Er meinte damit, dass Familien soziale Systeme sind, in denen vorhersagbare Prozesse ablaufen. Eines davon bezieht sich auf eine oben beschrieben Problematik.

Das Gesetz der Selbstdifferenzierung besagt:

  • Wenn die Eltern einen guten Entwicklungsstand (= Differenzierungsgrad) erreicht haben, können sie ihre Bedürfnisse aus sich selbst heraus und füreinander befriedigen. Dies ermöglicht ihnen, dem Kind gute Bedingungen zu geben, um ihr natürliches Bedürfnis nach Autonomie und Trennung zu befriedigen. Sie brauchen (und missbrauchen) das Kind nicht dazu, ihre Bedürfnisse zu befriedigen bzw. ihre eigenen Abhängigkeits-Bedürfnisse zu ‚überdecken‘.
  • Ist jedoch der Differenzierungsgrad niedrig, so erlebt das Elternpaar bald eine frustrierte Beziehung. Dies erhöht die Gefahr, das zumindest ein Elternteil seiner Bedürfnisse (geliebt werden, gebraucht werden, zugehörig sein, …) beim Kind sucht. Das Kind wird so zum Partnerersatz und damit in seiner Autonomieentwicklung stark eingeschränkt.

Kinder als Partnerersatz

Zusammengefasst kann gesagt werden:

  • Kinder haben (ab einem bestimmten Alter) ein natürliches Bedürfnis nach Autonomie, Abgrenzung, Trennung von den Eltern.
  • Ist die Elternbeziehung gestört, so ist die Gefahr groß, dass zumindest ein Elternteil danach strebt, das Kind in der (Eltern-)Abhängigkeit zu belassen.
  • Pointiert gesagt: Das Kind wird als Partnerersatz missbraucht – aus der eigenen Bedürftigkeit heraus.

Diese Verstrickungen (als Gegenbegriff zur Selbstdifferenzierung) werden in der Heidelberger Schule der Familientherapie als „Parentifizierung“ bezeichnet. Sie können bis ins späte Erwachsenenalter hinein reichen. Man nennt das dann auch die Stabilisierung der Parentifizierung im Erwachsenenalter. 13 Sie können und mehr oder weniger bewusst erfolgen. Das äußert sich dann oft auch sprachlich, z. B.14

  • „Das kannst du mir doch nicht antun!“
  • „Du kannst du mir nicht antun.“
  • „Was soll ich denn ohne dich nur machen.“
  • „Du bist doch mein einziges Kind.“
  • „Du bist die einzige, auf die ich mich verlassen kann.“
    oder auch in die andere Richtung:
  • „Ohne mich bist du verloren.“
  • „Ohne mich wird es dir schlecht ergehen.“

Der Prozess kann aber auch weitgehend im Unbewussten stattfinden und vom Kind nur subtil wahrgenommen werden. Besonders groß ist die Gefahr der Parentifizierung nach Scheidungen der Eltern.

Rollen-Umkehrung und emotionaler Missbrauch

In der Familienpsychologie15 nennt man das Phänomen, dass Kinder zum Partner ihrer Eltern werden,“Rollenumkehrung“ und wird zu einem von vielen Formen des emotionalen Missbrauchs gerechnet.

John Steinbeck nennt 16 Formen des emotionalen Missbrauchs (emotionale Verletzungen) in der Kindheit.16

  1. Vernachlässigung
  2. Bestrafung von Wutausbrüchen
  3. Rollenvorbilder diktieren
  4. Geringschätzige Vergleiche
  5. Keinen Schutz bei Angst bieten
  6. Gefühle diktieren
  7. Trauer keinen Raum geben
  8. Rollenumkehrung
  9. Ungerechtfertigte, übertriebene Bestrafung
  10. Überforderung
  11. Spott und Häme
  12. Keine sichere emotionale Bindung zum Kind aufbauen
  13. Unrealistische Erwartungen
  14. Liebe vorenthalten oder an Bedingungen knüpfen
  15. Trennung oder Scheidung
  16. Materielle Überversorgung

Nicht all diese Formen sind Mißbrauchs-Formen im engeren Sinn, eher Fehler ohne böse Absicht, auch, weil Eltern selbst emotional verletzt wurden.  Zumindest Fehler sind es aufgrund folgender Phänomene:16

  • Emotionale Vernachlässigung
  • Diktat der Gefühle
  • Aufbürdung von Schuldgefühlen

 

 

 

 

 

  1.   Eigentlich ist es keine (schwere, mühsame, harte) Arbeit ans an sich selbst, sondern eher ein Prozess des Loslassens und Zulassens der Selbstregulierungsprozesse der Psyche
  2.    Vgl. dazu auch das Gedicht ‚Selbstliebe‚ von Charlie Chaplin
  3.   vgl. ein Gedicht im psychopoesieportal und ein Gedicht von Marianne Kawohl: Ent-Wicklung
  4.   zur Projektion, Introjektion vgl. den Blog ‚Warum lebe ich nicht mein authentisches Leben?
  5.   in dieser ersten Phase kann das Kind Sicherheit und ein Grundvertrauen gewinnen. Wurden diese existenziellen Bedürfnisse nach Symbiose nicht befriedigt oder verletzt, so spricht man auch von einem ‚Symbiosetrauma‚, vgl. Franz Ruppert, Symbiosetrauma
  6.   Vgl. die Entwicklungsphasen des Menschen bei Erik Erikson.  Er beschreibt die Phase 2 des Kindes als „Autonomie versus Scham und Zweifel“. sie geht einher mit den neuen Fähigkeiten des Sprechens und Gehens und auch der Stuhlkontrolle. S. Freud nennt sie daher die ‚anale Phase‘ – vgl. z. B. Stangel-Taller: Phasen der psychosozialen Entwicklung
  7.   vgl. z. B. Ulrike Zartler und Martina Beham: Kindliche Autonomie und elterliche Verantwortung
  8.   Murray Bowen wird als der Vater bzw. einer der Väter der Familientherapie angesehen. – vgl. Anke Groß: Die Bowen’sche Familiensystemtheorie, Schwarz: Familien- u. Systemtherapie , wolfgang-schroedter  Familientherapiegeschichte
  9.   Auch David Schnarch verwendet in seiner ‚Differenzierungsbasierten‘ Psychotherapie (bzw. Paar- und Sexualtherapie) die  ‚Differenzierung des Selbst‘ als zentrales Konzept. Der Ansatz wird auch „Crucible-Ansatz“ (Schmelztiegel) Vgl. David Schnarch, Die Psychologie der sexuellen Leidenschaft, Robert Coordes: Das Ende der sexuellen Leidenschaft, Tina Olszewski: Schlechter Sex ist ein Segen, Crucible Therapy: Homepage, Wenke Husmann: Streiten öffnet das Herz und andere Teile der Anatomie. Er begreift Beziehungsprobleme als Chance zur persönlichen Entwicklung und arbeitet vor allem mit dem Instrument der ‚kollaborativen Konfrontation‘, eine konstruktive Konfrontation des Menschen mit unangenehmen Wahrheiten  seiner Existenz. – Vgl. Liebe-Institut: Glossar
  10.   Elizabeth A. Skowron and Myrna L. Friedlander, The Differtiation of Self Inventory – übersetzt in Crucible Institute: Fragenbogen zur Sexualität in der Partnerschaft,  liebe-Institut: Online-Test und Ulrich Clement: Differenzierungs-Test
  11.    Aus Ulrich Clement: Differenzierungs-Test
  12.   ‚Eight Concepts‘ vgl. Bowen Center, Eight Concpets, von John Bradshaw als „Gesetze der Familiendynamik“ – Bradshaw: Familiengeheimnisse, S. 85, ppt-Präsentation von Günter Reich: Einführung in die Familientherapie
  13. Peter Osten: Integrative Diagnostik bei Sucht- und Abhängigkeitserkrankungen. In: Integrative Suchttherapie. Theorie, Methoden, Praxis, Forschung (Hg. Petzold, Schay, Ebert), Wiesbaden 2007, S. 247: „Im Modus der Parentifizierungsdynamik steht das eigene Wohl des Kindes nicht an erster Stelle, sondern das der Eltern oder der ganzen Familie. Das Kind weiß nicht um die Langzeitwirkung seines (zu frühen) „beelternden“ Verhaltens, es weiß nicht um die Konsequenzen, die ihm hieraus erwachsen werden, und es weiß nicht um den Zeithorizont seines Tuns (es kann nicht denken: „ich mach´ das jetzt mal, bis ich 18 bin und ausziehe, dann lassen wir das wieder“); es handelt aus Not. Im infantilen Erleben sorgt das zunächst für eine Beruhigung, eine gewisse Befriedigung, manchmal sogar für „Stolz“, weil die Kinder sich glücklich fühlen, etwas tun zu können oder zumindest froh sind, nicht dadurch schuldig zu werden, dass sie nichts tun (ein verhaltensauffälliges Kind: „wenn ich Mama glücklich mache, wird alles gut“). Wenn sich diese Konstellation im Erwachsenen dysfunktional stabilisiert, wirkt sie von daher nach innen hin wie ein „Versprechen“ des Kindes, das nicht leicht – und nur von innen heraus – aufzulösen ist (wie ein Loyalitätskonflikt).“ aus Parentifizierung
  14. Vgl. auch Heckens, Symbiosetrauma
  15.   Vgl. Johannes Jungbauer: Familienpsychologie kompakt. Weinheim 2009, dazu gibt es auch Online-Material 
  16.   John Steinbeck, 16 Formen von Emotionalem Missbrauch
  17.   John Steinbeck, 16 Formen von Emotionalem Missbrauch
 

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