Was ist dein „haariges“ Ziel?

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Ein Dialog: „Die Bienen-Hexe“

„BHAG“: groß, kühn und haarig

„Was soll denn das sein?“
„Was glaubst du denn?“
„Bestimmt eine Abkürzung“
„Stimmt“
„Sicherlich für irgend so ein neues Modewort“
„So neu ist es gar nicht – veröffentlicht 1994“
„Und wie spricht man es aus?“
„‚BEE-hag‘ (englisch)“
„Eine Bienen-Hexe??“
„Nein, wie gesagt eine Abkürzung“
„klingt ziemlich haarig“
„ja gut, das ‚h‘ steht für ‚hairy‘
„So wie das große Tier im Bild“
„Ja, aber das Bild ist nur ein Symol.“
„Es ist etwas Geistiges, etwas Nicht-Materielles.“
„Na, sags doch endlich!“
„B … Big
H … Hairy
A … Audacious (kühn)
G … Goal“
„Ein großes, haariges, kühnes Ziel?“
„Ja, das wäre die wörtliche Übersetzung“
„Was kann ich mir darunter vorstellen“
„Es gibt keine eindeutige Übersetzung dafür, ich nenne dieses Ziel ein „visionäres Leitziel“ – ist meine Übersetzung.
„Das wird jetzt gleich erklärt“

„Das große, kühne, haarige Ziel“ – ein visionäres Leitziel

Ein BHAG (ausgesprochen: „BEE-hag“ – englisch) ist also ein mitreißendes visionäres Leitziel (Big Hairy Audacious Goal), nach denen Organisationen, Organisationseinheiten oder auch Teams und Menschen ihr Dasein ausrichten.

Es ist ein Ziel,

  • das für die nächsten 10 – 30 Jahre formuliert wurde,
  • das emotional mitreißt und
  • von den Beteiligten (Mitarbeitern und Führungskräften) als prinzipiell erreichbar angesehen wird.

Jim Collins und Jerry I. Porras (Stanford University) haben den visionären Leitzielen den Namen „BHAG“ – „Big Hairy Audacious Goals“ gegeben und das Konzept dazu entwickelt. Sie grenzen es  gegenüber den mehr taktischen und mittelfristigen Zielen‘ (z. B. 10 % höherer Deckungsbeitrag im nächsten Jahr) ab.1

In den Worten von Collins and Porras:

„A true BHAG is clear and compelling, serves as unifying focal point of effort, and acts as a clear catalyst for team spirit. It has a clear finish line, so the organization can know when it has achieved the goal; people like to shoot for finish lines.“
(Collins and Porras, Built to Last: Successful Habits of Visionary Companies)

Deskriptoren

Deskriptoren für BHAGs sind: 23

  • BHAGs verbalisieren eine große Herausforderung, wie das Ersteigen des Mt. Everest.
  • Sie sind klar und ‚unwiderstehlich‘,
  • ein verbindender Fokus für alle Anstrengungen und ein Katalysator für den Teamgeist.4
  • Organisationen können viele BHAGs auf unterschiedlichen Ebenen gleichzeitig haben, aber ein BHAG sollte auf der Ebene der Vision für die ganze Organisation gelten.
  • Das Denken in BHAGs sollte über die den Tellerrand hinausreichen (derzeitige Fähigkeiten, derzeitiges Umfeld)
  • BHAGs brauchen für ihre Realisierung ganz besondere Anstrengungen und oft auch ein bisschen Glück.

Beispiele für BHAGs

Beispiele für BHAGs 5

Das herausragende Beispiel, das immer genannt wird, ist das US-amerikansiche Ziel von JFK: Die Mondlandung. Es hat eine ganze Nation, vor allem ihre Industrie beflügelt, es wurde als erreichbar angesehen und hatte einen klaren Endpunkt: Die Mondlandung.

Microsoft: „Ein Computer an jedem Schreibtisch und in jeder Wohnung“. 6

Google: „Die Informationen der Welt zugänglich und nutzbar machen – für alle Menschen, zu jeder Zeit.“ – Von Anfang an haben wir es uns zum Ziel gesetzt, Produkte zu entwickeln, die das Leben so vieler Menschen wie möglich verbessern. Nicht nur einiger, sondern aller Menschen. 7

Wikipedia: “Stell Dir eine Welt vor, in der jeder einzelne Mensch freien Anteil an der Gesamtheit des Wissens hat.”

Volvo: „By 2020 no one should be killed or seriously injured in a new Volvo“8

Stanford University: „Become the Harvard of the west“

Boing, 1950: „Become the dominat player in commercial aircraft and bring the world into the jet age.“

Nike: „Crush Adidas“

Wal Mart: „Einfachen Menschen zu ermöglichen, die gleichen Dinge kaufen zu können wie Wohlhabende“

Reflexions-Fragen 

  1. Gibt es in meinem Unternehmen, in meiner Organisation ein „BHAG“, ein großes, mitreißendes visionäres Leitziel? Wenn nein: Was könnte eines sein?
  2. Gibt es in meiner OE (Organisationseinheit) ein visionäres Leitziel oder etwas ähnliches? Wenn nein, wie könnte das aussehen?
  3. Habe ich persönlich ein mitreißendes visionäres Leitziel. Wenn nein, sollte ich mir jetzt / bald Zeit nehmen, um darüber nachzudenken. Einige blogs in der Kategorie „Persönlichkeits-Entwicklung“ oder „Entwicklungsfilme“ können mir dabei helfen, z. B.
    • Alles eine Frage der Zeit – Wenn wir die Fähigkeit hätten, vergangene Entscheidungen oder Unterlassungen zu ändern oder nachzuholen, …

    • The Best Exotic Marigold Hotel – neue Anregungen auch im Alter für Lebensvisionen bekommen, ausder Komfortzone austreten, …

    • Lion (Die Spur der Vergangenheit zeigt mir die Spur in die Zukunft)
      dazu gehören auch die blogs in der Kategorie Familienforschung / Familiendynamik
    • Selbst-Liebe und Selbst-Akzeptanz – eine wichtige Voraussetzung für eine gute Zukunfts- / Ziel-Planung,
      Selbstliebe – Gedicht von Charlie Chaplin

    • Angebot: Movie Therapy – durch anregende Filme zu mir selbst finden – zu meinen Bedrüfnissen – zu meinen Zielen

    • Warum bist du nicht Sussja gewesen? – Wie kann ich mein authentisches Leben führen? Wie kann ich mich authentisch entwickeln ?
      – ist das schon ein BHAG?

    • Athene lebt in dir  Athene ist eine der inneren Wegweiser zu unseren Lebenszielen
    • King Ralph – Misserfolgs-Erfahrung und Unlustgefühle, zeigen uns, dass wir nicht am richtigen Weg sind – Begegnungen helfen uns, den richtigen Weg zu finden.
    • Archetypen   Welche Archetypen sind bei mir gut entwickelt und helfen mir, meine Lebensziele zu verfolgen, dran zu bleiben?
    • Hier und Jetzt – Achtsamkeit hilft mir, den richtigen Weg zu finden
    • Es ist was es ist – viel ausprobieren, nicht vorschnell bewerten: Es ist, was es ist – nicht was es sein soll.
    • Die alte Eiche  – Vielleicht leigt das (Lebens-)Gold auch im vordergründig Unnützen?

 Das Hintergrund-Konzept: „Built to Last“

Built to Last: Chapter 5: Big Hairy Audacious Goals

Jim Collins und Jerry I. Porras (Stanford University) haben den visionären Leitzielen den Namen „BHAG“ – Big Hairy Audacious Goals“ – große, haarige, kühne Ziele) gegeben und das Konzept dazu entwickelt.

Ihre Publikation von 1994 „Built to Last. Successful Habits of Visionary Companies“ 9 10, ist ein Buch, das das unternehmerische Denken unserer Zeit – vor allem im US-amerikanischen Raum – sehr stark beeinflusst hat. 11

Im Buch finden sich die Ergebnisse eines 6-jährigen Forschungsprojektes, in dem die Autoren empirisch untersuchten, was große Unternehmen wirklich überlebensfähig macht. Ihr Ziel war, herauszufinden, Was sind die Merkmale von visionären Unternehmen ausmachen und diese Ergebnisse an Führungskräfte weitergeben.12

Collins und Porras untersuchten 18 Unternehmen13, die sie als „visionär“ klassifizierten.14 Sie untersuchten diese Unternehmen und verglichen Sie mit ihren Mitbewerbern, die auch erfolgreich waren, aber bei weitem nicht in dem Ausmaß, wie die ‚visionären Unternehmen‘. Die ‚BHAGs‘, visionäre Leitziele, spielten dabei eine große Rolle.

Exkurs: Leitziele in anderen Disziplinen

Von Leitzielen spricht man vor allem in der Didaktik und in der Ethik.

In der Didaktik geben Leitziele eine grobe inhaltliche Orientierung auf einem relativ hohen Abstraktionsgrad. Leitziele müssen in detaillieren Lernzielen (Grob- und Feinziele) konkretisiert bzw. operationalisiert werden.15 [1.  Eine etwas andere Differenzierung in Leitziele – Mittlerziele und Handlungsziele findet sich in Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Zielfindung und Zielklärung. Hier findet sich bereits eine Definition von Leitziel, das nicht nur pädagogischen sondern auch organisationalen Charakter hat: „Leitziele geben die Grundausrichtung einer Organisation, eines Programms, eines Projekts oder einer Konzeption an und sind langfristig angelegt. Sie drücken zugrundeliegende Werte aus und stecken den Bereich ab, auf den sich das Handeln bezieht. Leitziele sind zum Beispiel Teil eines Leitbildes, der Philosophie einer Organisation oder Teil von Grundkonzeptionen. Sie sperren sich wegen ihrer Allgemeinheit und ihres übergeordneten Charakters gegen Operationalisierung, sollen aber eine Voraussetzung sein, um weitere Zielebenen ableiten zu können, um dann auf der Ebene der Handlungsziele operational formuliert werden zu können.“ (S. 81) Als Synonyme für Leitziel werden dort genannt:  Globalziel, Organisations-/ Unternehmensziel, Programmziel, Rahmenziel, Richtziel, Oberziel (S. 81)    ] 16

Der hl. Benedikt übergibt seine Regel an den hl. Maurus und andere Mönche; frz. Miniatur aus einem Manuskript der Regula Benedicti, Abtei Saint-Gilles, 1129

In der Ethik sind Leitziele oder Leitideen17 ethisch-moralische Zielvorgaben. Sie sollen Menschen, Gruppen und ganze Gesellschaften dazu anregen, eine der Maxime entsprechende Einstellung zu entwickeln und dadurch ihr Denken und ihre Handlungen danach ausrichten. Es ist gleichsam ein Werte- und Verhaltens-Kodex, der Leitsprüche enthält und zu entsprechenden Handeln aufrufen soll. Leitziele werden vor allem in (Non-Profit-) „Werte-Gemeinschaften“ formuliert, z. B. in Vereinen, Schulen und Bildungs-Institutionen , besonders wenn sie einen speziellen Bildungsauftrag haben, aber auch in Glaubensgemeinschaften oder Akademischen Verbindungen.

Beispiele für ethische Leitziele sind zahlreich, z. B. die 10 Gebote der christlichen Ethik. Auch viele Ordens-Gemeinschaften haben spezielle Leitziele, z. B. das bekannte „Ora et labora“ des Benediktiner-Ordens. 18 In vielfacher Variation wird auch das Leitziel der Liebe  des spätantiken Philosophen, Theologen und Bischofs Augustinus von Hippo interpretiert: „Liebe und tu, was du willst.“.19. Das Paradeleitziel der Ethik  ist wahrscheinlich der Kategorische Imperativ von Immanuel Kant.

  1. Collins and Porras, Built to Last: Successful Habits of Visionary CompaniesCollins and Porras, HBR-Artikel : Built to Last: Successful Habits of Visionary Companies, vgl. auch  Jennifer Ringold & Ryan Underwood: Was “Built To Last” Built To Last?  Verne Harnis: BHAG.   Zur Entwicklung von BHAGs vgl. Alyssa Gregory: What’s Your BHAG?,YouTube-Beiträge finden sich z. B. in Verne Harnis: BHAG, Evan Carmichael: Jim Collins’s Top 10 Rules For Success. Drive Influence: Show Me Your BHAG, für BHAGs in Projekten vgl. WEKA, Projektmanagement Kritik an BHAGs findet sich in Zenger Folkman: From BHAG’s to SMART Goals. What Makes a Good Stretch? Troy Schrock: BHAG This, BHAG That…    
  2.   Vgl. Cindy Diamond, Building Your Company’s Vision, Bernd Geropp: Unternehmensvision.
  3.   Zur Entwicklung von BHAGs vgl. Bonner Curriculum: Big Hairy Audacious Goals: (BHAGs): A Tool for Goal Setting
  4.   vgl. dazu auch Hansen: Collaboration
  5.   Für diese und weitere Beispiele vgl. Verne Harnis: BHAG, Cindy Diamond, Building Your Company’s Vision, vision4dynamics:  Building Your Company’s Vision 
  6.   Bright, Peter . „Microsoft has a new mission statement, and it’s basically the same as its old one“. Ars Technica, 25.6.2015 Both are a far cry from the Bill Gates era. ‚A computer on every desk and in every home‘ was clearer in intent and actually measurable; it was a mission statement that allowed Microsoft to more or less say ‚Mission accomplished.‘
  7.    google, company
  8.   derzeitige Mission und Vision: Our mission: Driving prosperity through transport solutions – Transport helps combat poverty.  Our vision: To be the most desired and successful transport solution provider in the world – We are in a people business – Volvo: Mission and Vision
  9.  Jim Collins und Jerry I. Porras   Built to Last: Successful Habits of Visionary Companies, S. 91ff.,  vgl. auch Book Summery  
  10.   Jim Collins hat, basierend auf diesen Studien eine weitere Studie initiiert, wo er untersucht, wie aus guten Unternehmen großartige (great companies) werden. Die Publikation dazu „Good to Great: Why Some Companies Make the Leap… and Others Don’t“ hat er 2001 veröffentlicht und wurde ein noch größerer Bestseller – vgl. auch Good to Great, Bryant:  For This Guru, No Question Is Too Big. Kritik findet sich in Stevon D. Levitt: From Good to Great … to Below Average 
  11.  „It’s one of the most influential business books of our era, and it helped turn coauthor Jim Collins into a management rock star.“ Jennifer Reingold and Ryan Underwood: Was “Built To Last” Built To Last? Die Anwendung dieser Konzepte  in NPOs wird besprochen in Daniel McGinn: A ‚Good to Great‘ Second Act, Kritik findet sich in Simon Caulkin: The snares and delusions of pseudoscience  
  12.   “to identify underlying characteristics .. common to highly visionary companies” and “to effectively communicate findings so they can influence management”  –  Jim Collins und Jerry I. Porras   Built to Last: Successful Habits of Visionary Companies 
  13.   3M, American Express, Boeing, Citicorp (now Citigroup), Disney, Ford, General Electric, Hewlett Packard, IBM, Johnson & Johnson, Marriott, Merck, Motorola, Nordstrom, Philip Morris (now Altria), Procter & Gamble, Sony, Wal-Mart,   
  14.   Sie definierten Kriterien für ein ‚visionäres Unternehmen‘: „a visionary company as one that is a premier institution in its industry, is widely admired by knowledgeable businesspeople, made an imprint on the world, had multiple generations of Chief executive officers (CEOs), had multiple product/service life cycles, and was founded before 1950.
  15.   Wie reflektiert pädagogische Leitziele sein können, zeigt z. B. Martina Becker: Wie zeitgemäß ist Biophilie – eine Reflexion des Leitziels ‚Biophilie‘ – d. h. die Entwickelung einer Einstellung, die das Leben liebt –  in der humanistischen Pädagogik von Erich Fromm
  16.   Rainer Zech diskutiert (organisatorische) Leitziele als Teil der Leitbildentwicklung in Schulen.  
  17. Eine Leitidee wird oft auch „Motto“ genannt.
  18. vgl. die Regula Benedicti 
  19. „Ama et fic quod vis.“ vgl. Augustinus
 

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