Warum lebe ich nicht mein authentisches Leben?

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Untertitel: Introjektion und Projektion in der Persönlichkeitsentwicklung

 

Authentisches Leben

Viele Menschen berichten (z. B. im Coaching), dass sie nicht so leben, wie sie eigentlich leben möchten. Sie leben nicht das Leben, das auf einer tiefen Ebene (tiefe Werte, Tiefenpersönlichkeit, …) zu ihnen passt. Irgendetwas hindert sie daran, ihr „authentisches  Leben“ zu leben. 1. Sie fühlen sich ‚irgendwie außer sich‚ oder neben sich oder sagen, sie. können nicht ‚bei sich sein‘. Als Konsequenz sorgen sie wenig für sich, haben leicht Schuldgefühle, sind irgendwie unzufrieden oder zumindest unerfüllt. Besonders deutlich wird uns das in der Midlife Crisis bewusst, da man dann häufig eine Bilanz des bisherigen Lebens macht und sich fragt, ob man so weiter leben will wie bisher. Es entsteht Bewusstsein, dass man nicht „sein Leben“ gelebt hat, nicht authentisch war, wie uns auch eine chassidische Geschichte von Rabbi Susja lehrt.

Neben äußeren Faktoren (soziale Faktoren: Partner, Eltern, Kinder, …, ökonomischen Faktoren (Geldsorgen, Arbeitslosigkeit, Angst, dass das Geschäft den Bach hinuntergeht, …) sind es häufig innere Elemente, Teile unserer Psyche, Persönlichkeits-Anteile, innere Stimmen, innere Botschaften, ego-states,  …), die uns das Leben schwer machen.

Diese Elemente werden in der psychologischen Fachsparache häufig als „Introjekte“ bezeichnet (lat. „intro“ – hinein, „iacere“ – werfen, also „Hineingeworfenes“). Der Begriff ist schon alt und stammt von einem ungarischen Psychologen / Psychotherapeuten: Sándor Ferenczi (1873 – 19933) und wurde auch von Sigmund Freud verwendet.

Wie entstehen Introjekte

Etwas Äußeres, eine äußere Realität wird zum Bestandteil unserer Psyche. Besonders als Kind waren wir dafür im Rahmen unserer Erziehung bzw. unseres Sozialisations-Prozesses dafür empfänglich. Anderen Personen bzw. ‚Instanzen‘  (Sozialisations-Instanzen) gelang es, etwas in uns zu verpflanzen.

  • Da war sicherlich unsere Ursprungsfamilie beteiligt, besonderes die Eltern (primäre Sozialisation /-sinstanzen) mit ihren Erziehungsstilen und Erwartungen an uns
  • auch die Bildungseinrichtungen, Schulen und beruflichen Bildungsinstitutionen (sekundäre Sozialisation)
  • aber auch spätere einflussgebende Quellen: Partner, Chefs und  berufliche Kollegen, Freunde, Medien und andere Quellen aus Religion, Politik und Wirtschaft. (tertiäre Sozialisation)

All diesen Personen und Instiutionen gelang es, Spuren (Introjekte) in uns zu hinterlassen, teils bewusst, sehr oft aber unbewusst, das unser inneres und äußeres Leben beeinflusst und prägt und uns hindert, unser authentisches inneres und äußeres Leben zu leben. Es sind Werte, Einstellungen, Haltungen, Botschaften, Denkweisen, ‚Benimm-Regeln‘, Gewohnheiten, Normen,wahrscheinlich auch emotionale Stimmungen und Gefühlstönungen.

Elternbotschaften, Täterintrojekte

Einer der wichtigsten Introjekte, die wir in uns tragen, sind die Elternbotschaften, die ich in einem eigenen Blog bespreche. Sie sind ein wichtiges Thema in der Transaktionsanalyse (TA) aber auch in tiefenpsychologischen und therapeutischen Ansätzen, z. B. der Gastalttherapie.

Auch die Traumatherapie arbeitet mit Introjekten, vor allem mit Täterintrojekten. 2

Ein Beispiel – Unternehmer-Introjekt

Ein Beispiel für ein Introjekt, speziell einer Elternbotschaft durfte ich in einem Unternehmerseminar erfahren. Erich (verändert), ein junger Unternehmer hatte das Handelsunternehmen von seinem Vater schon seit einigen Jahren übernommen. Beide Familien hatten ihre Wohnung in der Immobilie der Firma, im ersten Stock.Die Eltern waren noch geringfügig in der Firma beschäftigt und halfen noch mit.

Erich hatte ernste Partnerschaftsprobleme mit seiner Lebenspartnerin, ihr Hauptvorwurf war, dass er keine bzw. zu wenig Zeit für sie hätte. „Du lebst nur für die Firma“. Seine Frau war im öffentlichen Dienst angestellt. Beide hatten bereits lange diskutiert, eine Trennung erwogen und schließlich gemeinsame Vereinbarungen getroffen. Eine Vereinbarung war unter anderem, den Sonntag für die Familie / das Privatleben von beruflicher Arbeit freizuhalten. Erich hatte sich fix vorgenommen, diese Vereinbarung einzuhalten, er wollte sie selbst. Ebenso wurde vereinbart, das Mittagessen alleine einzunehmen, nicht wie bisher gemeinsam mit den Eltern. Auch die Eltern akzeptierten diese Vereinbarung. Als nächsten Sonntag nach dem Mittagessen Erichs Vater nach dem Mittagessen wie gewohnt aus der Wohnung hinausging, um vorbei an Erichs Wohnungstüre in die Firma zu gehen, um noch „Kleinigkeiten zu erledigen“ bemerkte das Erich und es ‚traf ihm im Herzen‘. Er hatte bisher seinen Vater begleitet und auch Arbeiten erledigt und sie hatten häufig ganz generell über die Firma und ihre strategische Ausrichtung diskutiert. Erich hielt es am Sonntag Nachmittag kaum in der Wohnung aus, er war mit seinen Gedanken beim Vater. Nach einer kurzen Aussprache bzw. Diskussion verließ er die Wohnung in ging zum Vater.

Im Seminar erzählte Erich, bereits sein Großvater, der Firmengründer hatte die Sonntag Nachmittage in der Firma verbracht und es war für alle ein Selbstverständlichkeit, dass diese ‚Tradition‚ fortgesetzt wurde. Er hatte bereits in der Kindheit seinen Vater begleitet. Diese Botschaft, die man formulieren könnte als: „Den Sonntagnachmittag verbringt ein Unternehmer in der Firma“ war tief in den Gewohnheiten und Werten als Introjekt von Erich ‚eingegraben‘ und machte sein Familienleben schwierig.

Bearbeitung von Introjekten – Vergangenheits-Aufarbeitung

Unsere Aufgabe im Sinne einer bewussten Persönlichkeitsentwicklung ist es, diese Introjekte zu erkennen, sie als Selbst-Element in unser Selbst zu transformieren oder auch  sie zu verändern oder hinaus zuschmeißen (mich von ihnen zu lösen, sie als „Extrojekte“ (Wortspiel von mir) hinauszubefördern, mich von ihnen zu lösen).

Da diese Introjekte meist unbewusst sind ist dieser „Check“, dieser Prozess der Bewusstmachung und Prüfung  gar nicht so einfach. Häufig fällt er als by-product (Nebenprodukt) im Rahmen einer Vergangenheits-Aufarbeitung oder einer Besprechung aktueller Krisen und Probleme an. Dann fällt es manchen ‚wie Schuppen vor die Augen‘: „Warum habe ich das nicht früher erkannt.“

Wie kann man sie bewusst ändern? Es ist ein Prozess, der nicht von heute auf morgen möglich ist. Sinnvolle Teilprozesse sind: Erkennen – Benennen – Akzeptieren – Transformieren, wie er auch in therapeutischen Prozessen bekannt ist.

Projektion und Übertragung

Die polare, antagonistishe Entsprechung zur Inrotjektion ist die Projektion. Sie ist in der Öffentlichkeit bekannter. „Du projizierst das ja bloß auf mich“ heißt es dann in Auseinandersetzungen, oft als Vorwurf gemeint. Und „proiacere“ heißt ja auch vor-werfen, herauswerfen. Hier werfe ich etwas, was in mir ist, Teil meines Selbst ist hinaus auf Andere oder Anderes, ein subjektives Element oder einen subjektiven Prozess – in ein Objekt. Ich sehe etwas, meist ein Schattenelement von mir, das ich verdrängt habe oder nicht in mir akzeptieren kann, in anderen Personen oder Situationen.

Z. B. kann es sein, dass bei mir aggressive Impulse hoch kommen, die ich in mir nicht akzeptiere, weil mir z. B. in meiner Kindheit verboten wurde, sie zu zeigen bzw. weil sie als „schlecht“ dargestellt wurden. Dann besteht die Gefahr, dass ich sie verstärkt bei anderen Personen bzw. in bestimmten Situationen (z. B. heftigen Diskussionen) verstärkt sehe, auch dann wenn sie nicht oder nicht dominant dort vorkommen. Ich projiziere meine unterdrückten Aggressionen auf andere. Oder wenn ich meine ‚gierigen‘ Tendenzen unterdrücke,sie verdränge, nicht akzeptiere, sie leugne dann ist die Gefahr hoch, dass ich sie bei anderen Personen übermäßig oft oder intensiv wahrnehme bzw. attribuiere: „Du bist gierig“. Ähnlich ist es mit unbewussten, nicht akzeptierten Machtmotiven, das in vielen Menschen vorhanden ist.

Ein ähnlicher und mit ihr oft verwechselter Vorgang zur Projektion ist die Übertragung. Während jedoch die Projektion ein Irrtum in der Person ist, ist die Übertragung ein Irrtum in der Zeit. Ich übertrage etwas aus meiner Vergangenheit, oft meiner Kindheit in die Gegenwart.   Beispiel: Ich sehe in meinem Chef meinen Vater oder in einer Mitarbeiterin meine Tochter – und behandle sie entsprechend. Vielfach werden jedoch auch „Projektion“ und „Übertragung“ als Synonyme behandelt.

Führungskräfte und Unternehmer

In der Ausbildung von Therapeuten hat man die Bedeutung erkannt, Projektionen und Übertragungen der (zukünftigen) Therapeuten zu bearbeiten. Meist geschieht dies in einer Eigentherapie. Viele Therapeuten arbeiten auch in der Alltagsarbeit mit den Übertragungen des Klienten (z. B. auf den Therapeuten) und den Gegenübertragungen des Therapeuten an den Klienten.

Für Führungskräfte und Unternehmer ist dieses Bewusstsein häufig noch nicht da. Es ist jedoch auch für sie sehr wichtig, sich ihrer Introjekte, Projektionen und Übertragungen – zumindest ihren stärksten – bewusst zu sein. Dies kann viele Führungsfehler verhindern oder verringern, vor allem im Umgang mit ’schwierigen‘ Mitarbeitern. Das ist ein Grund, warum Persönlichkeitsentwicklung für Führungskräfte ein wichtiger Bestandteil der Aus- und Weiterentwicklung sein sollte. Führungskräfte haben oft viel mehr Einfluss auf Psyche und Wohlergehen der Mitarbeiter, als ihnen selbst bewusst ist. Sie können – unter anderem durch ihren Mulitplikatoreffekt –  viel Leid und negative Gefühle bei ihren Mitarbeitern hervorrufen oder verhindern und sollten daher sehr professionell mit ihrem wichtigen Führungsinstrument „Persönlichkeit“ umgehen können. Eine Auseinandersetzung mit ihrer Vergangenheit und eine Erforschung unbewusster Strukturen und Prozesse sind aus meiner Sicht unerlässlich.

Selbstreflexion

  • In welchem Ausmaß bin ich mir meiner Introjekte, Projektionen und Übertragungen bewusst?
  • Welche Botschaften haben die Eltern in mir hinterlassen? Entsprechen sie meinen Selbstbotschaften?
  • In welchem Ausmaß führe ich ein „authentisches“ zu mir und meinem Selbst passendes Leben? Was hindert mich daran?
  • Wie sehr kann ich in meiner beruflichen Tätigkeit authentischen leben?
  • Als Führungskraft und/oder Unternehmer: Bin ich mir meiner Projektionen auf meine Mitarbeiter (und Chefs) bewusst. Wie beeinflusst das mein Führungsverhalten?
  • Habe ich mich schon ausreichend mit meiner Vergangenheit, meiner Kindheit auseinandergesetzt? Kenne ich meine zentralen Prägungen? Wer oder was hat mich besonders beeinflusst in meinem Leben?
  • Welche meiner Werte, Einstellungen, Gewohnheiten, … würde ich gerne ändern?
  • Welche Unterstützung brauche ich, um ein authentischeres Leben zu führen.
  • Was sagt mir die chassidische Geschichte von ‚Rabbi Sussja, die Martin Buber in den Erzählungen der Chassidim berichtet?
    „in der kommenden Welt wird man mich nicht fragen „Warum bist Du nicht Mose gewesen?“ Man wird mich fragen: „Warum bist du nicht Sussja gewesen?“

 

 

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Wenn ein Kind zum Partner seiner Eltern wird – Dr. Otmar Pichler – Trainer, Berater, Universitätslektor Letzte Kommentartoren
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[…] zur Projektion, Introjektion vgl. den Blog ‚Warum lebe ich nicht mein authentisches Leben?‚ […]