Strength Spotting – Stärken aufspüren zu zweit

Print Friendly, PDF & Email

Strength Spotting als soziale Kompetenz

Das Fernglas als Symbol der Suche: Dame mit Lorgnette (Theaterglas), Anna Bilińska, 1884, Muzeum Narodowe, Warschau

Strength Spotting ist ein Ansatz zur Ermittlung von Stärken. Führungskräfte brauchen dies, um die Stärken ihrer Mitarbeiter systematisch nutzen zu können. Recruiter brauchen es, um die ‚richtigen‘ Mitarbeiter1 aufzunehmen, Eltern sollten die Stärken ihrer Kinder unterstützen usw. Eigentlich ist es ein wichtiges Instrument der sozialen Kompetenz, das jeder in einem bestimmten Ausmaß haben sollte. Wie kann man vorgehen?

Es gibt zahlreiche Ansätze und Vorgehensweisen, denen gemeinsam ist, dass sie auf der Positiven Psychologie2 basieren. Von Strength Spotting spricht man, wenn es um mehr geht, als bloß einen Stärke-Fragebogen auszufüllen, wenn ein Prozess dahintersteht, dessen Endergebnis eine Stärke-Aussage über eine Person steht. Im Strength Spotting-Prozess soll das Verständnis unserer Stärken oder der Stärken einer anderen Person vertieft wird.3

Prinzipiell lassen sich 2 Versionen unterscheiden. Strength Spotting

  • zur Fremd-Diagnose
  • zur Selbst-Diagnose

einer Person.4

Die folgende Vorgangsweise wurde angeregt durch  das University of Kent Careers and Employability Service5 Stärken werden dabei dem Vorschlag von Alex Linley folgend definiert:

  • a pre-existing capacity for a particular way of behaving, thinking or feeling that is authentic and energising to the user and enables optimal functioning, development and performance”.

Strength Spotting in einem Coaching-Gespräch

Auch Tiere werden manchmal als Seelengucker gesehen

Führe ein Gespräch mit dem einem Lern-Partner / Coaching-Partner / Klienten über Strength Spots. Hinterfrage diese Spots und mach dir gemeinsam mit dem Klienten ein Stärken-Bild.

Defintion / Art des Gesprächs

Es sollte ein

  • Erkundungs- und Beratungs-Gespräch sein
  • auf einer professinellen Coaching-Basis oder auch mit einem Lernpartner (z. B. in einem Seminar)
  • in dem beide gemeinsam auf Suche gehen
  • um die Stärken zu explorieren.
Mögliche Stärken-Spots („WAS“) und Fragen dazu

Folgende Spots könnten – in einer Rückschau, einer gegenwärtigen Standortbestimmung und einer Vorschau – auf Stärken erforscht werden:

in der Rückschau (Vergangenheit)

  • Kindheit
    • Was hast du gerne gemacht?
    • Was wolltest du werden?
  • Schule
    • Was waren deine Lieblings-Gegenstände
    • Was waren deine Lieblings-Lehrer? (Warum?)
  • Pubertät
    • Wie hast du die Pubertät erlebt? Was waren deine Ideale / Idole?
    • Welche Berufswünsche sind aufgekommen?
  • Schul- / Studien- / Ausbildungs-Wahl
    • Welche (weiterführenden) Schulen, Studien, Ausbildungen hast du gewählt?
    • Warum hast du diese Ausbildungen gewählt? Wurdest du beeinflusst? Von wem?

in einer groben Standortbestimmung (Gegenwart): im (Privat-)Leben, bei der Arbeit

  • Was macht dir Spaß und Freude? Was lässt dich aufblühen?
  • Was gibt dir Energie, Lebendigkeit, Leichtigkeit?
  • Was gibt dir Authentizität? Wo kannst du ganz „ich“ sein?
  • Wo entsteht bei dir echte (intrinsische) Motivation?
  • Worauf richtest du besondere Aufmerksamkeit, z. B. bei Tätigkeiten, bei Stelleninseraten, …

Strength Spotting als Seelen-Suche: Spökenkieker im Mühlenhof-Freilichtmuseum Münster von Bildhauer Rudolf Breilmann, Münster, 1890

in der Vorschau (Zukunft)

  • Welche Pläne für die Zukunft hast du?
  • Gibt es besondere Werthaltungen, denen du dich verpflichtet fühlst oder die dir am Herzen liegen? Siehst du besondere Lebensziele oder Lebensaufgaben für dich?
  • Gibt es Visionen, Zukunftsvorstellungen, Sehsüchte oder dergleichen?
  • Was muss geschehen, damit dein Leben für dich einen Sinn bekommt?
WIE sollten die Stärken erforscht werden?
  • offene Fragen stellen und neugierig sein
  • an die Aussagen des Klienten ankoppeln, innerlich ‚mitbildern‘
  • in der Logik des Klienten weiter fragen und vertiefen (halb-strukturiertes Interview): Reden lassen und mitstrukturieren
  • Erforschen als gemeinsamer Prozess

Strength Spotting im beruflichen Alltag

Um die soziale Kompetenz des Erkennens von Stärken bei anderen zu verbessern , schlägt Ryan Niemiec6   4 Schritte vor

  • Stärken benennen („build a language“): Wenn ich Stärken benennen und systematisieren kann, dann kann ich sie auch bei mir und anderen leichter erkennen. Oft drücken Teilnehmer in Stärken-Diagnose aus, dass sie zwar bestimmte Merkmale bei sich kannten, aber sie noch nicht als Stärken zuordnen konnten.
  • Verbessere die Fähigkeiten der Beobachtung und des Zuhörens (Fine tune your observation and listening skills): Wie äußern sich Stärken im Alltags-Verhalten? Sie zeigt sich nach Niemiec vor allem durch Intensivierung der Energie – verbal und nonverbal:
    • nonverbale Signale durch ‚leuchtende‘ Augen, Lachen, oder Gestik, die positive Gefühle ausdrückt, …
    • verbal: mehr Klarheit und Stärke im Ausdruck, überzeugende Stimme, …
  • Rückmeldung geben (label and explain character strength behaviors): Benenne die Stärke, begründe, wie du sie wahrgenommen hast (Verhalten)  und verbinde sie mit Wertschätzung (wenn es passt). Z. B. Lilli, ich bin beeindruckt, mit welchem Ausdruck du dieses Lied gesungen hast, es hat mich berührt und ich bin dankbar, dass ich bei deiner Aufführung dabei sein durfte.“
  • Entwickele Strength Spotting zu einer Gewohnheit (build a habit by maintaining your strengths-spotting): Lass es dir zu einer Gewohnheit werden, Stärken zu beobachten, zu benennen und rückzumelden. Nimm dir explizit vor, dies z. B. beim nächsten Meeting. Beobachte, wie jemand zur Unterhaltung beiträgt (Humor) oder jemanden hilft (Teamwork) oder viele Fragen stellt (Neugier). Ein Strength-Spotting-Tagebuch kann dir dabei sehr helfen.

Exkurs: Die Positive Psychologie

Die Psychologie der Stärken ist Teil der Positiven Psychologie.

Martin Seligman ist einer der Gründungsväter der Positiven Psychologie .  Mit den von ihn initiierten Studien zu Tugenden und Stärken begründete er die bekannteste Version der aktuellen Stärkenforschung – gemeinsam mit   Christopher Peterson 7.

Christopher Peterson erforschte Tugenden und Charakterstärken

Peterson ist auch Gründer und wissenschaftlicher Direktor des VIA-Instituts zur Charakterforschung (VIA Institute on Character), in dem das bekannteste Diagnose-Instrument zur Stärken-Forschung entwickelt wurde, der VIS-IS8

  1.   stärken-orienierte Interviews sind eine Alternative zu weit verbreiteten kompetenz-basierten Interviews im Personal-Einstellungs-Prozess. Sie orientieren sich weniger daran, was die Bewerber KÖNNEN und mehr daran, was sie GERNE TUN [1.  enjoy – vgl. University of Kent Careers and Employability Service:  Strength-Based Interviews    
  2. vgl. z. B.  Ryan Niemiec: Strengths Spotting Your Way to Happiness (Part 1), An Exercise on VIA Strength-Spotting , Michelle McQuaid: Can You Spot Others’ Strengths?, Lisa Sansom: Strength-Spotting: Identify Strengths to Be a Better Leader, Denise Quinlan: Tag: Strength-spotting,  capp: The Strengthspotting Scale 
  3.   Vgl. Ryan Niemiec: Strengths Spotting Your Way to Happiness (Part 1)  
  4.   Vgl. Ryan Niemiec: Strengths Spotting Your Way to Happiness (Part 1) und 5 Practices for Effective Strengths-Spotting (Part 2- Self)   
  5.    Strength-Based Interviews 
  6.  Ryan Niemiec How To Identify VIA Character Strengths – Strength Spotting 
  7. Character Strengths and Virtues: A Handbook and Classification, by Christopher Peterson & Martin E.P. Seligman,Peterson, C., & Seligman, M.E.P. (2002). The VIA classification of strengths. Cincinnati: Values in Action Institute  
  8.   Values in Action Inventory of Strengths, deutsch:  charakterstaerken , auch in typentest: Charakterstärken testen mit dem VIA-IS Persönlichkeitstest, Beschreibung der Tugenden und Charakterstärken in: VIA-IS: Informationen zur Interpretation Ihrer Ergebnisse    
 

Hinterlasse einen Kommentar

avatar
  Abonnieren  
Benachrichtige mich bei