Filmtipp: „Manchester by the Sea“ – Ein Entwicklungsfilm ohne Entwicklung

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Der Film ist ein US-amerikanisches Familien-Drama und bekam bei der Oscar-Verleihung 2017 sechs Nominierungen (incl. Bester Film und Beste Regie) und einen Oscar für den besten Hauptdarsteller – Casey Affleck1, den jüngeren Bruder von Ben Affleck. Den Regisseur Lonergan kennen wir vor allem auch von „Gangs of New York“. In diesem Film ist er gleichzeitig Drehbuchautor.

Aus der Entwicklungs-Perspektive ist das Besondere dieses Films der fehlende offensichtliche Entwicklungs-Erfolg. In ’normalen‘ Entwicklungsfilmen durchläuft der Protagonist einen Prozess, der ihn zunächst tiefer in die Krise, in das Fiasko, in die Verwicklung führt und von einem Tiefpunkt aus erfolgt schrittweise ein Entwicklungs-Prozess, der den Helden oder die Heldin in eine glücklichere Lebens-Perspektive und eine ausgeglichenere, positivere Persönlichkeits-Struktur führt. Am Endpunkt ist man überzeugt, dass, wenn das Leben so weitergeht, der Protagonist in eine positive Zukunft blickt.

Manchester by the Sea – Randi, Joe, Lee

Anders bei diesem Film:2

Der Protagonist Lee Chandler (Casey Affleck) führt zu Beginn ein bestenfalls durchschnittliches, eher freudloses Leben in Boston – mit zahlreichen kleineren oder größeren Ärgernissen und gewissen depressiven Zügen.  Er arbeitet als Hausmeister / Hauswart, nimmt Wartung und Instandsetzungen vor und eckt dabei regelmäßig mit seinen – zugegebenermaßen schwierigen – Kunden an. Er macht einen energielosen, lustlosen Eindruck und zeigt zwischendurch aggressive Tendenzen, wird wütend oder legt sich – z. B. am Abend in einer Bar – mit Anderen tätlich mit Fäusten an.

Manchester by the Sea – Joe, Lee

Da bekommt er einen Anruf, dass sein Bruder Joe plötzlich verstorben ist – Herzstillstand. Joe hatte eine Herzschwäche und wusste, dass sein Leben in Gefahr war. Jetzt verständigt Lee seinen Chef und kehrt in seine Heimatstadt Manchester by the Sea, einer Küstenstadt im US-Bundesstaat Massachusetts zurück, um seinen alleinstehenden Bruder zu beerdigen und sich um den Nachlass und den hinterbliebenen Teenager-Sohn zu kümmern. Dort angekommen trifft er George, einen Freund der Familie. Dieser empfängt ihn mit seiner Frau im Krankenhaus, erklärt ihm den Hergang des Todes und sagt ihm Hilfe und Unterstützung zu. Lee nimmt Abschied von seinem verstorbenen Bruder.

Bei der Testamentseröffnung beim Notar erfährt Lee überraschend, dass sein Bruder ihn als Treuhänder und Vormund für seinen 16-jähringen Sohn Patrick vorgeschlagen hat, ohne vorher mit Lee darüber geredet zu haben. Er hat auch genügend Geld dafür vorgesehen, damit Lee das alles ohne finanzielle Probleme bewältigen kann. Lee plant, Patrick mit nach Boston zu nehmen, doch dieser will nicht. Er spielt hier in einem Eishockey Club, hat hier seine Freunde und zwei Freundinnen spielt in einer Band und will hier bleiben. Die Mutter kommt für eine Vormundschaft auch nicht in Frage, sie hatte Patrick schon zuvor an Folgen einer Alkohol-Sucht verloren.

Manchester by the Sea – Randi, und, Lee

Nun versucht Lee eine Lösung zu finden, was für alle Beteiligten nicht leicht ist. Es gilt, alles zu regeln, so dass alle ein akzeptable Zukunft finden können. Auch ein Boot im Nachlass spielt dabei eine wichtige Rolle. Viele emotionale Erinnerungen sind mit ihm verbunden. In den Ereignissen der nächsten Tage bekommt Lee ‚Erinnerungsblitze3. Er erinnert sich an sein Leben in dieser Stadt, das konflikt-behaftete Zusammenleben mit seiner Ex-Ehefrau Randi und dramatischen Ereignissen, die ihn ein Trauma erleben ließen. Im Film wird dies als Rückblenden dargestellt.

Manchester by the Sea – Lee

Lee hat dieses Trauma noch nicht verarbeitet. Dies wird beispielsweise bei einer Begegnung deutlich, als er zufällig Randy mit ihrer Freundin Rachel und ihrem Baby Dylan (mit ihrem neuen Mann) auf der Straße trifft. Sie will ein Treffen, eine Aussprache mit ihm. Sie weint und sagt, dass ihr Herz gebrochen ist, und dass sie weiß, dass das auch bei ihm der Fall ist, aber er verleugnet es. Er kann sich mit ihr nicht aussprechen, es ist ihm unangenehm, es ist ihm zu viel. Es fallen keine Vorwürfe in dieser kurzen Begegnung, aber es kommt auch zu keiner Aussprache, zu keiner Verarbeitung der Vergangenheit. Vielleicht ist es auch die Unfähigkeit zur offenen Kommunikation, die oft vor allem Männern nachgesagt wird 4, die Lee an der Aussprache hindert. Ihm wird klar, dass er nicht in dieser Stadt bleiben kann, dass er es hier nicht aushalten kann.

Trotz zahlreicher Gespräche mit verschiedenen Personen und seiner inneren Backflashs wird keine offensichtliche persönliche Entwicklung spürbar. Inzwischen wird auch die Beziehung zu Patrick, dem Sohn seines verstorbenen Bruders intensiver, was einerseits positiv für ihn ist, aber eine akzeptable Lösung nicht einfacher macht. Er nimmt für seine Rolle als Onkel und nächster Verwandter von Patrick volle Verantwortung und er geht auch mit den schwierigen Verhaltensmustern von Patrick konstruktiv um. Und das alles mit der Anziehungskraft eines ‚dunklen Magnetismus‘, wie ein Filmrezensent schreibt.5

Ohne den Ausgang des Films genau zu beschreiben: Es wird eine akzeptable Lösung gefunden. Es ist keine Lösung, bei der alle „Hurra“ schreien, aber es ist eine Lösung mit der alle akzeptabel, zumindest ähnlich wie bisher, weiterleben können und in der alle Beteiligten ihren Teil an Verantwortung übernehmen. Man kann sich aber gut vorstellen, dass alle ihr Leben mit allen Auf und Abs weiterführen werden, dass aber die Gefahr, dass weitere Leiden und Verletzungen, die durch den Tod des Bruders entstehen, gebannt wurden. Und der Familienzusammenhalt in der erweiterten Familie, zu der auch die Onkel-Neffen-Beziehungen gehören, bleibt gewahrt, die Zugehörigkeit wird deutlich erlebt.

Und das macht den Film sehr realistisch. Man kann auch mit offensichtlich unbearbeiteten Wunden der Vergangenheit ein akzeptables Leben weiterführen und intakte Familienbeziehungen leben und erleben. Und man kann weitere große Herausforderungen, die in diesem Film durch der Tod des Bruders von Lee und Vaters von Patrick verursacht wurden, bestehen.

 

Themen in diesem Film
  • Familien-Drama
  • Schuld
  • Wunden der Vergangenheit
  • Trauma, Posttraumatische Belastungsstörung
  • Tod, Verlust, Trauer
  • Verantwortung in der Familie
  • Familienzusammenhalt, Zugehörigkeit
  • Depression, depressive Tendenzen
  • Alkohol
  • erweiterte Familie, Onkel-Neffe-Beziehung
  • Vormund, Treuhänder
  • Flashback

 

  1.   Casey Affleck bekam auch den Golden Globe für den besten Hauptdarsteller in diesem Film
  2.   Storyline in IMDb: Manchester by the Sea
  3.   Erinnerungsblitze, Flashbacks, Nachhall-Erinnerungen sind Rückblenden unserer Psyche an vergangene Ereignisse, oft an solche, die stark emotionsgeladen erlebt wurden. Manchmal sind diese Rückblenden so stark, dass man das Gefühlt hat, als würde es jetzt gerade geschehen. Vgl.z. B. Tom Bunn: Is What You Are Feeling A Flashback? Flashbacks können bei allen Menschen auftreten, werden jedoch bei Personen mit PTBS (Posttraumatischer Belastungsstörung) verstärkt festgestellt.                 
  4.   vgl. dazu auch Hannah Pilarczyk: Das Schweigen der Männer , Eric Hegmann: Das Schweigen der Männer, Ursula Kals: Männer wollen Lösungen, Frauen wollen reden ,  Ann-Kristin Tlusty: Kann Spuren von Gift enthalten   
  5.   sz: Der Regisseur hatte dem Kino verbittert abgeschworen, bis ihn Matt Damon zurückholte 
 

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