Därf ih’s Diandl liabn? (Peter Rosegger)

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Därf ih’s Diandl liabn?- Peter Rosegger

Därf ih’s Diandl liabn?
Ih bin jüngst verwichn
Hin zan Pforra geschlichn:
„Därf ih’s Diandl liabn?“
„Untasteh Dih nit, bei meina Seel,
Wann Du’s Diandl Iiabst, so kimmst in d’Höll!“

Bin ih vull Valonga
Zu da Muata gonga:
„Därf ih’s Diandl liabn?“
„O mei liaba Schotz, es is noh zfrua,
Noch funfzehn Jahrln erst, mei liaba Bua!“

War in großn Nöthn,
Han en Vota bet’n;
„Därf ih’s Diandl liabn?“
„Dunners Schlangl!“ schreit er in sein Zurn,
„Willst mein Steckn kostn, konnst es thuan!“

Wußt nix onzufonga,
Bin zan Herrgott gonga:
„Därf ih’s Diandl liabn?“
„Ei ja freili“, sogt er und hot glocht,
„Wegn en Büaberln hon ih’s Diandl gmocht!“

Peter Rosegger, Därf ih’s Diandl liabn?1

Gedicht … hochdeutsch

Für jene, die der steirischen Mundart nicht mächtig sind: Hier der Versuch, das Gedicht der deutschen Hochsprache so weit anzunähern, dass es auch für sie verständlich wird:2 (Vorsicht, das Gedicht verliert alle emotionale Kraft!)

Darf ich das Mädchen lieben?
Ich bin vor kurzem („jüngst verwichen = vergangen)
Hin zum Pfarrer geschlichen.
Darf ich das Mädchen lieben?
Untersteh Dich, bei meiner Seele,
wenn Du das Mädchen liebst, so kommst Du in die Hölle.

Bin ich voll Verlangen
zu meiner Mutter gegangen:
„Darf ich das Mädchen lieben?“
„Oh mein lieber Schatz, es ist noch zu früh,
erst nach fünfzehn Jahren, mein lieber Bub!“

War in großen Nöten,
hab den Vater gebeten
„Darf ich das Mädchen lieben?“
„Dumme Schlange“ (?) schreit er in seinem Zorn,
„Willst Du meinen Stock kosten, kannst es tun.“

Wusste nichts anzufangen,
Bin zum Herrgott gegangen
„Darf ich das Mädchen lieben?“
„Ei ja freilich“, sagt er und hat gelacht,
„Wegen dem Buben hab ich das Mädchen gemacht!“

… Autoritäten befragen

Um ein authentisches Leben führen zu können, ist es nicht ratsam, (ausschließlich) äußere (irdische) Autoritäten zu befragen und mir dort die Erlaubnis zu holen – auch nicht Vater und Mutter oder Pfarrer, wie im Gedicht beschrieben, obwohl sie es ja oft nur gut mit mir meinen.3

Die Gefahr, sich unpassende Erlaubnis für eigene Entscheidungen zu holen, sehe ich z. B., wenn erwachsene Menschen

  • falsche Autoritäts-Orientierung haben (Autoritäten sollen für mich entscheiden und dann auch die Verantwortung übernehmen)
  • verantwortungs-scheu sind, z. B. weil sie eine Opfer-Haltung haben
  • noch nicht von den Eltern gelöst sind.

Häufig sind sie sich dieser Einstellung aber nicht bewusst. Besser wahrnehmen können das Partner_innen, die dann darüber klagen: „Mein Mann hängt noch wie ein Kind an seiner Mutter.“ „Die Schwieger-Eltern greifen in unser Familien-Leben ein.“ „Meine Frau grenzt sich nicht von ihren Eltern ab.“ …  Die Botschaft wird jedoch meist abgewertet. „Sie sagt das ja nur, weil sie meine Eltern nicht mag.“

Die gefährliche Nebenwirkung von unpassender Erlaubnis ist mangelnde Selbstverantwortung und falsche Prioritäten.  Mangelnde Selbstverantwortung heißt, ich übernehme für die Entscheidungen und deren Konsequenzen keine Verantwortung. „Ich musste es ja tun.“ Falsche Prioritäten  heißt z. B. ich gebe meinen Eltern bzw. meiner Ursprungs-Familie Vorrang vor meiner Gegenwarts-Familie (Partner_in und Kinder).4  5  Das erlebe ich z. B. in vielen Familien-Unternehmen, wenn Jung_Unternehmerinnen das Geschäft übernehmen werden oder übernommen haben und die (Gegenwarts-)Familie vernachlässigen.

Viele unerwünschte Nebenwirkungen sind die Folge, z. B.:

  • Ich habe den falschen Beruf, ich wollte eigentlich ganz etwas anderes tun, aber ich wollte es den Eltern recht machen.
  • Ich habe das Unternehmen übernommen, weil das von mir erwartet wurde. Aber es passt nicht für mich.
  • Ich habe das Unternehmen mit unpassenden Bedingungen übernommen, ich habe dabei in der Rolle als Sohn oder Tochter gehandelt und nicht als Unternehmer_in.
  • Die Ehe / Partnerschaft ging in Brüche, z. B.
    • weil meine berufliche Tätigkeit an der Spitze meiner Prioritäten-Liste gestanden ist
    • weil ich eine Führungsposition übernommen hatte, und keine Zeit mehr für meine Familie hatte,
    • weil meine Eltern sich in mein Familien-Leben eingemischt und ich keine Grenzen gesetzt habe.
  • Ich habe mich von meinen Kindern entfremdet, weil ich in ihrer frühen Kindheit mich voll beruflich oder geschäftlich engagiert hatte.

Das sind keine Aussagen aus der Phantasie sondern solche, die ich in ähnlichen Formuierungen in Coaching- und Beratungs-Prozessen schon oft gehört habe.

… den lieben Gott befragen

Erst als er den lieben Gott fragt, bekommt er die richtige Antwort.

Wie kann ich den lieben Gott befragen? Der Pfarrer, so lernen wir in diesem Gedicht  ist dafür nur eine beschränkte Autorität.6

Was heißt also, „den lieben Gott befragen“? Da fällt mir der Spruch ein: „Der liebe Gott wohnt in uns, in unserem Herzen.“, den es in vielen Formulierungen gibt. Einer der schönsten stammt von Rumi, einen persischen Dichter und Sufi-Gelehrten des Mittelalters

„Ich versuchte, ihn zu finden am Kreuz der Christen, aber er war nicht dort.
Ich ging zu den Tempeln der Hindus und zu den alten Pagoden,
aber ich konnte nirgendwo eine Spur von ihm finden.
Ich suchte ihn in den Bergen und Tälern,
aber weder in der Höhe noch in der Tiefe sah ich mich imstande, ihn zu finden.
Ich ging zur Kaaba in Mekka, aber dort war er auch nicht.
Ich befragte die Gelehrten und Philosophen, aber er war jenseits ihres Verstehens.
Ich prüfte mein Herz, und dort verweilte er,
als ich ihn sah. Er ist nirgends sonst zu finden.“

 Mevlana Rumi (1207 – 1273)7

 

Der Spruch bringt uns der Erkenntnis näher. Es gilt, unser Herz zu befragen, uns selbst zu befragen. Die Antwort steckt in mir. Es gilt sie, in mir zu finden und dafür auch Verantwortung zu übernehmen. Viktor Frankl, der Begründer der Logotherapie nennt die Instanz in uns, die dafür zuständig ist, das Gewissen:

„Das Gewissen lässt sich definieren als die intuitive Fähigkeit,
den einmaligen und einzigartigen Sinn, der in jeder Situation verborgen ist, aufzuspüren.
Mit einem Wort, das Gewissen ist ein Sinn-Organ.“8

Reflexion, Meditation, Gespräche mit vertrauten Menschen, auch die Analyse von Träumen und intuitive Analysemethoden sind geeignet, dieser Instanz in uns näher zu können.

Zusammenfassend: Für meine Lebensentscheidungen ist es wichtig, mein Herz befragen und mich nicht von äußeren Autoritäten verwirren lassen. Selbst-Verantwortung und Selbst-Steuerung sind entscheidend für ein gelingendes Leben.

Selbstreflexion: Wen befrage ich?

  • In welchem Ausmaß bin ich derzeit Steuer-Mann / Steuer-Frau meines Lebens?
  • Von wo / wem hole ich mir die Erlaubnis für meine (Lebens-)Entscheidungen?
  • Wie viel Selbst-Steuerung, Autonomie und Freiheit erlebe ich in meinem Leben?
  • In welchen Situationen und Lebens-Bereichen akzeptiere ich Fremd-Steuerung?
  • Wo wünsche ich mehr Selbst-Steuerung, mehr Autonomie? Wie kann ich mir diese verschaffen?

Ergänzend ist auch eine reflexive Rückschau sinnvoll:

  • Was waren meine bisherigen (großen) Lebensentscheidungen? Wie sind diese Entscheidungen gefallen? Wer hat sie (direkt oder indirekt) beeinflusst?
  1.   Quelle: „Därf ih’s Diandl liabn?“ vgl. auch Projekt Gutenberg: Unartige Musenkinder  
  2.   Ich entschuldige mich für alle Fehler, ich komme auch nicht aus der schönen Steiermark.
  3.   Dazu passt der bekannte Spruch: „Das Gegenteil von gut ist gut gemeint.“
  4.   Aus der systemischen Familen-Forschung weiß man, dass die Priorisierung der Ursprungs- vor der Gegenwarts-Familie zahlreiche Probleme schafft. Vgl. z. B. Bertold Ulsamer: Das Handwerk des Familien-Stellens, Wolfgang Hantel-Quitmann: Basiswissen Familienpsychologie: Familien verstehen und helfen, Peter Kaiser: Der Einfluss der Herkunftsfamilien auf die Partnerschaft, Wolfgang Hantel-Quitmann: Klinische Familienpsychologie: Familien verstehen und helfen   
  5.   Als Beispiel für falsche Prioritäten vgl. den Erlebnis-Bericht von Mischa: Die wichtigste Entscheidung meines Lebens – und welchen Preis ich dafür zahlen musste 
  6.   Obwohl es natürlich in allen Kirchen hervorragende Seelsorger und Coaches / Mentoren gibt, die uns helfen können, die für uns richtigen Entscheidungen zu treffen. Aber sie können uns die Entscheidungen nicht abnehmen, und wenn sie gut sind, tun sie das auch normalerweise nicht.
  7. zitiert aus aphorismen: Rumi
  8.   Quelle: Viktor Viktor Frankl, Über den Menschen, zitiert aus aphorismen: Gewissen  
 

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